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Wirtschaft

Armut

Mehr als fünf Millionen Deutsche leben in zu kleinen Wohnungen

Sieben Prozent der Bundesbürger leben laut Statistischem Bundesamt in sehr beengten Verhältnissen. Im EU-weiten Vergleich schneidet Deutschland aber recht gut ab.

DPA

Plattenbau in Plauen

Montag, 14.01.2019   12:39 Uhr

Drei Kinder müssen sich ein Zimmer teilen, oder die Eltern schlafen im Wohnzimmer: Laut Statistischem Bundesamt lebten im Jahr 2017 sieben Prozent der deutschen Bevölkerung in einer Wohnung mit zu wenig Platz. Das sind mehr als fünf Millionen Menschen.

Als überbelegt gelten Wohnungen laut der Statistikbehörde unter anderem, wenn sich drei Kinder ein Zimmer teilen oder die Eltern das Wohnzimmer auch als Schlafzimmer nutzen müssen.

Besonders betroffen sind in Deutschland armutsgefährdete Personen sowie Alleinerziehende und ihre Kinder, jeweils 19 Prozent von ihnen wohnen in einer überbelegten Wohnung. Der Wohnraummangel ist zudem unter der Bevölkerung in den Städten rund dreimal so hoch wie in ländlichen Gebieten.

In den meisten anderen EU-Ländern ist der Mangel allerdings deutlich größer als in Deutschland: Im EU-Durchschnitt war die sogenannte Überbelegungsquote demnach mit 16 Prozent mehr als doppelt so hoch. In Polen lebten im Jahr 2017 den Angaben zufolge 41 Prozent der Bevölkerung in einer überbelegten Wohnung.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) zeigte sich angesichts der Zahlen in Deutschland besorgt. "In einer Wohnung zu leben, die den eigenen Bedürfnissen entspricht und zugleich bezahlbar ist, wird für immer mehr Bürgerinnen und Bürger zu einem kaum realisierbaren Traum", sagt der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler.

Die Organisation forderte drei Sofortmaßnahmen - "ein höheres Wohngeld, eine wirksamere Mietpreisbremse und einen verstärkten sozialen Wohnungsbau". Zudem müssten Energie- und Wasserpreise sozial ausgestaltet sowie Wohngeld und die Kosten für Unterkunft und Heizung regelmäßig an die Lebensrealität angepasst werden.

Bezahlbare Seniorenwohnungen werden Mangelware

Wie schwierig es ist, passende Wohnungen zu finden, zeigt eine andere Untersuchung. Rentner nämlich leben laut einer neuen Studie des Pestel-Instituts selten in solch beengten Wohnungen. Ein Senior wohnt heute im Durchschnitt auf 59 Quadratmetern, ein durchschnittlicher Bundesbürger auf 46 Quadratmetern. Dabei wird es für viele Rentner schwer, steigende Mieten zu zahlen. Die Zahl der Senioren wird aber von heute knapp 18 Millionen bis zum Jahr 2040 auf etwa 24 Millionen steigen - und von deutlich weniger Rente leben müssen, wie die Studie vorrechnet.

Eine einfache Lösung wäre der Umzug in eine kleinere Wohnung, so entstünde Platz für andere, die den Wohnraum so dringend brauchen. Viele Rentner leben aber weiter in der vertrauten Wohnung, auch wenn die Kinder ausgezogen sind und der Partner verstorben ist.

Oft "scheitert der Umzug an den Mietkosten. In der Regel finden sie keine kleinere Wohnung für eine niedrigere Miete", sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut . "Und wer sich seine bisherige Mietwohnung nicht mehr leisten kann, wird gerade in den teuren Städten häufig gezwungen sein, nicht nur die Wohnung zu wechseln, sondern mit der Wohnung auch den Wohnort."

Wohngemeinschaften wären demnach eine Lösung, um sich die Kosten zu teilen. Eine Möglichkeit, sagte Günther. "Aber viele scheuen sich, fremde Menschen in der Wohnung aufzunehmen."

Im Video: Wohnungsnot in Deutschland - Modernes Wohnen

Foto: SPIEGEL TV

hej/Reuters/dpa-AFX

insgesamt 109 Beiträge
dasfred 14.01.2019
1. Vieles wird seit Jahrzehnten diskutiert
Ein paar wenige Großvermieter bieten sogar schon lange die Möglichkeit, dass Senioren ihre zu großen Wohnungen mit Familien tauschen, ohne einen Aufschlag für Neuvermietung zu zahlen. Ansonsten gibt es reichlich gut [...]
Ein paar wenige Großvermieter bieten sogar schon lange die Möglichkeit, dass Senioren ihre zu großen Wohnungen mit Familien tauschen, ohne einen Aufschlag für Neuvermietung zu zahlen. Ansonsten gibt es reichlich gut verdienende Singles, die heute Altbauwohnungen besetzen, in denen früher sechs Personen bequem leben konnten. Ich lebe in Hamburg in einem Haus von 1949. Bei Fertigstellung wohnten überall Familien. Heute überwiegend Singles, wenige Paare und nur noch zwei Kinder. Die durchschnittliche qm Zahl pro Person ist in Hamburg in dreißig Jahren um über vier qm gestiegen. So steigt auch der Wohnraummangel für alle im Ballungsraum.
Grünspahn 14.01.2019
2.
Die Mietpreisbremse wird nur nichts an dem Mangel an entsprechendem Wohnraum ändern. Sie führt nur dazu, dass sich gut verdienen Paare eher eine 4-Zimmer-Wohnung als eine 3-Zimmer-Wohnung leisten können. Die privaten Vermieter [...]
Die Mietpreisbremse wird nur nichts an dem Mangel an entsprechendem Wohnraum ändern. Sie führt nur dazu, dass sich gut verdienen Paare eher eine 4-Zimmer-Wohnung als eine 3-Zimmer-Wohnung leisten können. Die privaten Vermieter sind nicht dazu da staatliche Aufgaben zu erfüllen!
interessierter Laie 14.01.2019
3. Klare Folge von übertriebenem Mieterschutz...
Wenn eine Rentnerin / ein Rentner Teile ihres Wohnraums vermietet, wird sie oder er nämlich genau so behandelt, wie Vonovia und Co. Und gerade Mieter in schwierigen sozialen Verhältnissen bekommen dann im Zweifel gar nichts [...]
Wenn eine Rentnerin / ein Rentner Teile ihres Wohnraums vermietet, wird sie oder er nämlich genau so behandelt, wie Vonovia und Co. Und gerade Mieter in schwierigen sozialen Verhältnissen bekommen dann im Zweifel gar nichts angeboten, weil Ansprüche auf Schadenersatz oder Mietnachforderungen ins Leere laufen. Für den Vermieter ist das im Zweifel dann auch ein wirtschaftlicher Totalschaden. Das Risiko geht natürlich niemand ein.
strixaluco 14.01.2019
4. Ein Kern des Problems
Ein Kern des Problems ist im zweiten Teil des Artikels beschrieben, nämlich, dass die Wohnfläche pro Person eigentlich extrem hoch ist und weiter steigt, gerade bei Älteren. Natürlich kann man niemanden zwingen wollen, [...]
Ein Kern des Problems ist im zweiten Teil des Artikels beschrieben, nämlich, dass die Wohnfläche pro Person eigentlich extrem hoch ist und weiter steigt, gerade bei Älteren. Natürlich kann man niemanden zwingen wollen, umzuziehen, aber es wäre sehr sinnvoll, Hilfen zur Bildung von Wohngemeinschaften und zum Vermieten zu fördern. Mit Bauen ist nichts mehr zu holen, da wo es Probleme gibt, ist kein Platz mehr da, und eine weitere Bebauung macht ihn noch knapper und treibt die Preise weiter ins Astronomische. Ein weiteres Problem ist Landflucht, es wäre dringend, Kultur, Bildung und Versorgung im ländlichen Raum, und Toleranz gegenüber "Intellektuellen"!!!, zu fördern. Älteren ist für ihren Platzverbrauch kein Vorwurf zu machen, es hat sich im Leben eben ergeben und etwas zu tun ist Arbeit. Aber ein Appell muss doch sein: Bitte denkt mal an Eure eigenen Kinder und Enkel, die Platz zum Bewegen brauchen! Wir haben mehr Leute als Zimmer in der Wohnung, denn solche mit viel Platz sind hier unbezahlbar, auch mit einem ordentlichen Gehalt. Wir haben mit Kindern etwa die Hälfte der Durchschnittfläche pro Nase an Wohnraum. Das geht schon, aber wir sind hier wirklich vollgestopft, Ordnung, naja...
bauigel 14.01.2019
5. Und...
Und was sind zu kleine Wohnungen? Außerdem eine bemerkenswerte Feststellung, dass überwiegend arme Leute in zu kleinen Wohnungen wohnen. Hauptsache die Überschrift ist reißerisch genug....
Und was sind zu kleine Wohnungen? Außerdem eine bemerkenswerte Feststellung, dass überwiegend arme Leute in zu kleinen Wohnungen wohnen. Hauptsache die Überschrift ist reißerisch genug....

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