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Wirtschaft

Währungskrise in der Türkei

Erdogan lehnt IWF-Unterstützung ab

Die Türkei erlebt eine massive Währungskrise, der Internationale Währungsfonds könnte helfen. Doch Präsident Recep Tayyip Erdogan lehnt das ab: Es bedeute, "die politische Unabhängigkeit" aufzugeben.

AFP
Sonntag, 12.08.2018   18:20 Uhr

Es ist eine wirtschaftlich und auch politisch brisante Entwicklung: Die Türkische Lira hat massiv an Wert verloren, die hohe Inflation macht das Leben für Verbraucher in der Türkei immer teurer. Beobachter bringen bereits eine Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF) ins Spiel. Doch Präsident Recep Tayyip Erdogan lehnt das ab.

"Wir wissen sehr gut, dass die, die uns ein Geschäft mit dem IWF vorschlagen, uns eigentlich vorschlagen, die politische Unabhängigkeit unsere Landes aufzugeben", sagte er in der Stadt Trabzon. Beobachter bringen auch deshalb eine Unterstützung des IWF ins Spiel, da dieser für Hilfen wirtschaftspolitische Reformen verlangt. Diese wiederum könnten das Vertrauen von Investoren in die türkische Wirtschaft stärken.

Erdogan betonte erneut, dass es keine Wirtschaftskrise gebe. Dennoch forderte er die Türken zum wiederholten Male auf, Dollar und Euro in Lira umzutauschen. Es sei närrisch zu denken, ein Land wie die Türkei könne durch ein Problem mit Wechselkursen aufgehalten werden. Außerdem forderte er die Türken auf, ihre Gastfreundschaft gegenüber Touristen weiter zu verbessern. Denn diese brächten Dollar.

Zugleich griff Erdogan die USA wieder heftig an. "Ihr versucht, 81 Millionen Türken für einen Pastor zu opfern", sagte er - ohne die USA direkt zu erwähnen. "Aber wir haben euren Plot durchschaut und wir fordern euch heraus." Was die USA mit Provokation nicht erreicht hätten, versuchten sie nun mit Geldpolitik zu erreichen, sagte Erdogan. Es sei "ganz klar ein Wirtschaftskrieg".

"Wieder sehen wir uns einer politischen und heimtückischen Verschwörung gegenüber, aber so Gott will, werden wir auch diese überwinden", sagte Erdogan.

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Hintergrund der aktuellen Eskalation zwischen Washington und Ankara ist der Streit über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Er steht wegen des Verdachts auf Spionage und Terrorvorwürfen in der Türkei unter Hausarrest. Die USA fordern seine Freilassung. Türkische Ermittler werfen dem US-Pastor Verbindungen zum Prediger Fethullah Gülen vor. Dieser steht nach Darstellung Erdogans hinter dem Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren.

Um den Druck auf die türkische Regierung zu erhöhen, hatte US-Präsident Donald Trump am Freitag eine Verdoppelung der Sonderzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei angeordnet. Die Regelung gilt von diesem Montag an. Damit hat Trump die Wirtschaftskrise in der Türkei massiv angeheizt.

Die türkische Landeswährung Lira brach unter anderem daraufhin ein. Insgesamt hat die Währung seit Jahresbeginn zum Dollar mehr als 70 Prozent an Wert verloren, zum Euro rund 61 Prozent.

Vide oanalyse zu Rekordtief: "Anzeichen für eine existenzielle Krise"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Währungskrise spiegelt auch das Misstrauen von Investoren in die Stabilität der türkischen Wirtschaft wider. Experten sind sich einig, dass die türkische Zentralbank die Zinsen heben müsste, um die Lira zu stabilisieren. Erdogan hat sich dagegen jedoch bislang gewehrt, da er Wachstumszahlen präsentieren möchte. Eine Zinsanhebung würde etwa Kredite verteuern.

Wie sich der Lira-Verfall auf Deutschland auswirken könnte, lesen Sie hier.

mmq/dpa

insgesamt 47 Beiträge
quark2@mailinator.com 12.08.2018
1.
Oje, das riecht nach Venezuela, Argentinien, etc. ... Natürlich ist der Einstieg des IWF ein Problem. Das hat schon Jugoslawien erlebt und andere davor auch. Aber ich frage mich, wer die Türkei retten soll. China und Russland [...]
Oje, das riecht nach Venezuela, Argentinien, etc. ... Natürlich ist der Einstieg des IWF ein Problem. Das hat schon Jugoslawien erlebt und andere davor auch. Aber ich frage mich, wer die Türkei retten soll. China und Russland sind selbst unter Druck, die EU natürlich nicht groß motiviert, ... Hmmm. Kann sich noch jemand an die frühen 90er erinnern, als alle von Friedensdividende und weltweitem Frieden träumten ?
Ruhrsteiner 12.08.2018
2. Der türkische Präsident scheint den Bruch mit dem Westen zu wollen.
Hilfe durch den IWF lehnt er ab. Heute scheint bekannt geworden zu sein, dass US-amerikanische Offiziere auf der Luftwaffenbasis Incirlik verhaftet werden sollen (in: Deutsche Wirtschaftsnachrichten / Bonnier Verlag). Die [...]
Hilfe durch den IWF lehnt er ab. Heute scheint bekannt geworden zu sein, dass US-amerikanische Offiziere auf der Luftwaffenbasis Incirlik verhaftet werden sollen (in: Deutsche Wirtschaftsnachrichten / Bonnier Verlag). Die Situation wird weiter sehr wahrscheinlich kritisch eskalieren.
vliege 12.08.2018
3. Der IWF ist nicht nötig
Ich bin mir sicher, Erdogan bekommt finanzielle Unterstützung oder Bürgschaften aus Deutschland. Altmeier ist vor dem mit allen Ehren bevorstehenden Staatsbesuch Erdogans in Deutschland schon mal in die Türkei geflogen um die [...]
Ich bin mir sicher, Erdogan bekommt finanzielle Unterstützung oder Bürgschaften aus Deutschland. Altmeier ist vor dem mit allen Ehren bevorstehenden Staatsbesuch Erdogans in Deutschland schon mal in die Türkei geflogen um die Modalitäten auszuloten. Es geht mMn nur noch darum wie Erdogan es nach außen hin darstellt. Charmanter Bittsteller oder drohender Zampano.
Antalyaner 12.08.2018
4. IWF - wäre nicht das erste Mal
Die Türken haben schon etliche leidvolle Erfahrungen mit dem IWF, dessen Spezialität das Anlegen von wirtschaftlichen Daumenschrauben ist, die zu erheblichen sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen führen. Erdogan weiss [...]
Die Türken haben schon etliche leidvolle Erfahrungen mit dem IWF, dessen Spezialität das Anlegen von wirtschaftlichen Daumenschrauben ist, die zu erheblichen sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen führen. Erdogan weiss deshalb nur zu gut, dass der Gang zu dieser Institution seinen politischen Tod bedeuten würde. Lieber lässt er das Land untergehen, als sich dieser "Schmach" aus zu setzen.
jeby 12.08.2018
5.
Die Türkei hat ja Allah auf ihrer Seite. Also alles kein Problem. Hat Erdogan so gesagt. Ich frage mich auch, ob er einige seiner Milliarden, die er mit Sicherheit in Dollar oder Euro hält, schon selbst in Lira eingewechselt [...]
Die Türkei hat ja Allah auf ihrer Seite. Also alles kein Problem. Hat Erdogan so gesagt. Ich frage mich auch, ob er einige seiner Milliarden, die er mit Sicherheit in Dollar oder Euro hält, schon selbst in Lira eingewechselt hat. Irgendwie bezweifle ich, dass er selber macht, was er von der Bevölkerung fordert. Mittlerweile kann man in der Türkei auch schon keine Lira mehr in Dollar oder Euro wechseln. Sonst gäbe es wohl schon einen Bankensturm.

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