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Wirtschaft

Währungskrise

Wer für den Absturz der türkischen Lira verantwortlich ist

Der Wertverfall der türkischen Währung erreicht dramatische Ausmaße. Ist daran die Dollar-Stärke schuld, eine schwächelnde Wirtschaft - oder verprellt die Politik die Investoren? Die Antwort dürfte Präsident Erdogan nicht gefallen.

REUTERS

Türkischer Präsident Erdogan

Von
Mittwoch, 16.05.2018   20:36 Uhr

Die türkische Lira hat seit dem versuchten Putsch im Juni 2016 drastisch an Wert verloren. Vor zwei Jahren war ein Euro nur etwa 3,30 Lira wert, inzwischen liegt der Kurs allerdings bei fast 5,30 Lira pro Euro. Das ist für die Führung in Ankara auch deshalb brisant, weil sich Recep Tayyip Erdogan Ende Juni bei vorgezogenen Neuwahlen im Präsidentenamt bestätigen lassen will.

Wirtschaftswissenschaftler haben nun im Auftrag der Nachrichtenagentur Bloomberg die Ursachen für den Währungsverfall untersucht. Ihre Ergebnisse dürften Erdogan nicht gefallen: Die Experten kommen zu dem Schluss, dass es der Staatschef selbst ist, der die Investoren mit seinem Kurs verschreckt.

Wie ist Bloomberg vorgegangen?

Ziad Daoud, Bloomberg-Chefökonom für den Nahen Osten, beschreibt die Methodik so: Die Lira habe seit Beginn dieses Jahres etwa zwölf Prozent ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren. Sein Team habe sich deshalb daran gemacht, inwieweit sich dieser Absturz auf einen der folgenden Faktoren zurückführen lasse:

Das Bloomberg-Team hat dafür jeden Handelstag an den Devisenbörsen in 30-Minuten-Intervalle unterteilt - und zugleich untersucht, wie sich dazu Vergleichsmärkte entwickelt hatten, beispielsweise der türkische Aktienmarkt und die globalen Börsen. Entscheidend ist dabei die (etwas) vereinfachende Annahme, dass in diesen Zeitfenstern nur ein relevantes Ereignis fällt, dass einen der oben genannten Faktoren beeinflusst.

Zu welchem Ergebnis kommt die Untersuchung?

Waren Verluste des Lira-Kurses begleitet von Verlusten am türkischen Aktien- und Anleihemarkt, gehen die Forscher von einem "heimischen Wachstums-Schock" aus. Das heißt: Nachrichten über eine verschlechterte Wirtschaftslage in der Türkei hatten nicht nur auf die Währung Einfluss, sondern auch auf andere Bereiche der Wirtschaft.

Eine fallende Lira bei gleichzeitigen Zugewinnen auf dem Aktien- und Anleihenmarkt deutet das Bloomberg-Team hingegen als Indikator für einen "monetären Schock" durch die Geldpolitik der Zentralbank.

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Türkei: Erdogans Bilanz in 10 Grafiken

Bloomberg-Chefökonom Daoud kommt allerdings zu dem Schluss, dass Geldpolitik und Wachstum nur einen sehr kleinen Teil der Kursbewegungen der Lira erklären können. Die boomende türkische Wirtschaft hätte demnach sogar eigentlich zu einer Aufwertung der Lira um 2,6 Prozent führen müssen. Das starke Wachstum in den USA und im Rest der Welt wiederum habe in der Tendenz den Lira-Kurs um 2,9 Prozent gedrückt. Den Effekt der lockeren Geldpolitik wiederum beziffert der Bloomberg-Experte auf gerade einmal minus 0,1 Prozent.

Erdogan spricht, Lirakurs fällt

Den größten Einfluss auf den Lira-Verfall hat demnach die Politik. Sie habe zur Verschlechterung der Stimmung bei den Investoren beigetragen - und diese wiederum habe den Kurs der Lira seit Jahresbeginn um 11,5 Prozent gedrückt. Wenn die türkische Politik die Lira stabilisieren wolle, müsse sie eine Art "Charmeoffensive" starten, so die Bloomberg-Analyse.

Darauf deutet wenig hin. Am Montag nahm Erdogan die hohen Inflationsraten in der Türkei zum Anlass für eine barsche Attacke auf die Zentralbank. Diese sei mit hohen Leitzinsen verantwortlich für die hohe Teuerungsrate. Zur Not werde er die Geldpolitik nach der Präsidentschaftswahl im Juni selbst in die Hand nehmen.

Die Investoren verstanden diese Worte so, wie sie gemeint waren: Als Bedrohung der politischen Unabhängigkeit der Zentralbank. Der Kurs der Lira stürzte auf das nächste Rekordtief.

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