Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Studie zu Klinikpersonal

Wie viel Pflege braucht der Patient?

In deutschen Krankenhäusern kümmert sich ein Pfleger im Schnitt um 13 Patienten - ein schlechtes Verhältnis im internationalen Vergleich. Die Gewerkschaft Ver.di will den Mangel zum Wahlkampfthema machen.

DPA

Pflegekraft umsorgt ein Frühchen

Von
Mittwoch, 08.02.2017   18:19 Uhr

Alles sah nach einem Sieg in einem jahrelangen Kampf aus. Ab Anfang des Jahres sollte sich deutschlandweit je eine Pflegekraft um ein therapiepflichtiges Frühchen unter 1500 Gramm Geburtsgewicht kümmern - nicht wie so oft um mehrere der anfälligen Säuglinge. Zumindest auf den Intensivstationen für Neugeborene hatten die Verfechter fester Personalschlüssel in der Pflege einmal gewonnen.

Ihre Freude allerdings währte kurz. Der für die Regel zuständige Gemeinsame Bundesausschuss kippte seine Vorgabe Mitte Dezember kurzerhand wieder. Kliniken haben nun bis 2019 Zeit, das nötige Personal bereitzustellen. Sie hatten darüber geklagt, nicht genügend Pflegekräfte zu finden.

So läuft es oft. Seit Jahren kämpfen Mediziner, Patientenvertreter und die Gewerkschaft Ver.di dafür, dass deutsche Kliniken ihre Kräfte in der Pflege deutlich aufstocken. Da sich die Kliniken kaum bewegen, fordern die Befürworter feste Personalschlüssel als politische Vorgabe. Bislang scheitern ihre Versuche.

Nun, im Wahljahr, hofft Ver.di auf eine neue Chance und bereitet sich für einen weiteren Vorstoß vor. So wird die Mindestbesetzung in deutschen Kliniken am 16. Februar in der Expertenkommission beim Bundesgesundheitsministerium diskutiert. Bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung regte Ver.di eine Analyse an, wie andere Länder weltweit das Thema angehen. Die von der Stiftung finanzierte Studie, deren Ergebnisse SPIEGEL ONLINE vorab vorliegen, gibt den Verfechtern klarer Personalvorgaben Vorschub: Der US-Bundesstaat Kalifornien und Australien demonstrieren, wie Pflegeschlüssel funktionieren können.

Die Regulierung in anderen Ländern zeige, wie sich eine angemessene Personalausstattung in deutschen Krankenhäusern sicherstellen ließe, argumentieren die Studienautoren. Ver.di hat das Ergebnis hochgerechnet: Würde Deutschland die Vorgaben Australiens für die Mindestzahl an Pflegekräften in Kliniken zumindest für die oft besonders knapp besetzten Nachtschichten übernehmen, fehlten 19.500 Pflegekräfte - sie kosteten im Jahr rund eine Milliarde Euro.

Nachts ist die Lage besonders prekär

Deutschland liegt gegenüber vielen Ländern weit zurück bei der Personalausstattung in der Krankenhauspflege. Ein Pfleger kümmert sich hier im Schnitt um 13 Patienten, in den USA sind es 5,3, in der Schweiz und Schweden knapp acht. Insgesamt 70.000 Pflegekräfte fehlen laut Ver.di-Analysen hierzulande in Krankenhäusern.

Um sie einzustellen, würden jährliche Kosten von knapp vier Milliarden Euro anfallen. Leistbar wäre es dennoch: Genauso viel Geld fehlt Krankenhäusern in der Kasse, das eigentlich die Bundesländer zur Finanzierung der Klinikinvestitionen bereitstellen müssten. Doch die Länder drücken sich vor ihrer gesetzlich verankerten Pflicht und zahlen nur etwa halb so viel, wie sie es müssten.

Nachts wird es angesichts des knappen Personals besonders prekär, dann muss eine Pflegekraft in Deutschland durchschnittlich 26 Patienten versorgen. In Australien dagegen sind es je nach Klinikgröße acht bis zehn Kranke. Durch die hohe Patientenzahl pro Pfleger oder Schwester verschlechtere sich die Qualität der Behandlungen, warnen Experten. Die Hygiene wird vernachlässigt, weil Pflegekräften zu wenig Zeit zur Desinfektion bleibt, belegen Studien.

"Wenn wir in Deutschland den Pflegeschlüssel Australiens in der Nachtschicht hätten, würde das zugleich die Arbeit in den Tagschichten entspannen", sagt Ver.di-Experte Niko Stumpfögger. "Bedarfsdeckend wäre es allerdings selbst dann noch nicht." Das zeigt, wie gravierend die Notlage in der deutschen Pflege derzeit ist.

Gefahr wachsweicher Formulierungen

Selbst da, wo hierzulande eingelenkt wird, passiert das halbherzig. Das zeigt die Studie der Böckler-Stiftung am Beispiel Nordrhein-Westfalens (NRW): Vor zwei Jahren erließ das Bundesland Vorgaben für die Pflegekräfte auf Intensivstationen. Sie folgten der Empfehlung von Medizinern, eine Kraft maximal zwei Patienten betreuen zu lassen. Realität in deutschen Kliniken sind doppelt so viele Kranke. Doch NRW formulierte die Ansage so weich, dass Experten kaum eine Veränderung in den Krankenhäusern des Landes wahrnehmen.

Mit unverbindlichen Appellen höhlen auch andere Staaten ihre Vorgaben für die Klinikpflege aus, stellen die Macher der Böckler-Studie fest. Da, wo klare Ansagen gemacht werden, komme es wiederum auf die Höhe der vorgegebenen Mindestbesetzung an. So werde etwa in Belgien die vorgegebene Zahl an Pflegekräften "nicht als Untergrenze, sondern als Norm oder sogar Obergrenze gehandhabt", warnen die Studienautoren. Dies sei ein Risiko der Vorgaben.

insgesamt 42 Beiträge
bardolino12 08.02.2017
1. Es geht ums Geld...
....und sonst gar nichts. In der Schweiz verdient eine Krankenschwester das Dreifache. Der Fachkräftemangel in der Pflege und in den Therapieberufen ist schon jetzt Realität. Die Lage wird sich verschlimmern. Zu wünschen wäre [...]
....und sonst gar nichts. In der Schweiz verdient eine Krankenschwester das Dreifache. Der Fachkräftemangel in der Pflege und in den Therapieberufen ist schon jetzt Realität. Die Lage wird sich verschlimmern. Zu wünschen wäre den Verantwortlichen in der Politik, wenn sie selbst mal betroffen sind, dass sie mal am eigenen Leibe erleben, wie es ist, wenn man auf Hilfe angewiesen ist und keine da ist. Muss es wirklich soweit kommen?
lachina 08.02.2017
2. Weshalb bekommen das.....
mit der Pflege andere Länder der Ersten Welt hin und wir nicht? Was ist mit den Einwanderern/ Neubürgern ? Sie könnten zumindest als Hilfspfleger bei Essensausgaben u.ä. die regulären Kräfte entlasten? So wie es jetzt ist, [...]
mit der Pflege andere Länder der Ersten Welt hin und wir nicht? Was ist mit den Einwanderern/ Neubürgern ? Sie könnten zumindest als Hilfspfleger bei Essensausgaben u.ä. die regulären Kräfte entlasten? So wie es jetzt ist, will die Arbeit keiner machen! Nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch am Rande des Burn- Outs - und mit einem Fuß immer im Gefängnis.
euenos 08.02.2017
3. Wozu hat der Kranke Verwandtschaft ?
Hier im Lande haben die Krankenhäuser in den Einbettenzimmer immer eine Couch stehen, auf der ein(e) Verwandte(r) oder ein(e) Freund(in) schlafen können. Diese Person ist dann für alle einfachen Vorgänge z.B. Hilfe beim Gang [...]
Hier im Lande haben die Krankenhäuser in den Einbettenzimmer immer eine Couch stehen, auf der ein(e) Verwandte(r) oder ein(e) Freund(in) schlafen können. Diese Person ist dann für alle einfachen Vorgänge z.B. Hilfe beim Gang zur Toilette oder das Reichen der entsprechenden Utensilien verantwortlich, was alles eine grosse Erleichterung für das Pflegepersonal darstellt. Hat der Kranke niemanden, so muss er jemand anstellen gegen Bezahlung.
spon_3055608 08.02.2017
4. randständige Analyse
Es ist doch ganz einfach: Wer ordentlich Zahlt bekommt auch gute Leute. Wer aber nur überlange Arbeitszeiten mit familienuntauglicher Wochenend-- und Nachtarbeit und vielen (oft unbezahlten Überstunden) bei kaum vorhandenen [...]
Es ist doch ganz einfach: Wer ordentlich Zahlt bekommt auch gute Leute. Wer aber nur überlange Arbeitszeiten mit familienuntauglicher Wochenend-- und Nachtarbeit und vielen (oft unbezahlten Überstunden) bei kaum vorhandenen Aufstiegsmöglichkeiten bietet und noch dazu sich sogar die Ausbildung zumindest teilweise bezahlen lässt, braucht sich nicht zu wundern wenn wenn immer weniger sich das antun mögen. Krankenpflege ist kein Job und war es noch nie. Ohne persönliches Engagement, Empathie, Takt und Feingefühl wird das nichts; aber dennoch gibt's kaum kaum Pflegekräfte in Deutschland die sich nicht über den Tisch gezogen fühlen. Dazu kommt das das Personal weniger, aber die Patienten immer schwerer werden. Rückenschäden, nach einigen Jahren Berufstätigkeit sind schon fast die Regel. Dazu kommt dass eine jahrelange, komplexe Ausbildung, die die Pflegekräfte eigentlich zu wesentlich anspruchsvolleren Aufgaben befähigen würde, als das Bettpfannen leeren und Betten-machen sind, eigentlich nicht genutzt wird die. Die Pflegekräfte machen vielfach Aufgaben die weit unter ihrer Qualifikation liegen. Das etwas anspruchsvoller wird von den Assistenzeinärzten abgewickelt zB Blutentnahmen iv Spritzen ect. weil die noch billiger arbeiten und für Überstunden noch selten was bekommen. Wenn man die Zeit in Anschlag bring ist zB. die Putzfrau teurer als ein Assistenzarzt. Natürlich ist die Problemanalyse damit nicht erledigt, es nur ein kratzen an der Oberfläche.
Freidenker10 08.02.2017
5. Verdi macht einen schlechten Job!
Warum herrscht denn in der Pflege ein akuter Personalmangel? Weil Verdi in den letzten 30 Jahren so gut wie keine Reallohnerhöhung rausgeholt hat. Der Beruf ist sehr hart und das noch bei der Bezahlung! Auch sollte Verdi nicht [...]
Warum herrscht denn in der Pflege ein akuter Personalmangel? Weil Verdi in den letzten 30 Jahren so gut wie keine Reallohnerhöhung rausgeholt hat. Der Beruf ist sehr hart und das noch bei der Bezahlung! Auch sollte Verdi nicht nur in Unikliniken rumstolzieren sondern sich mal in städtischen Krankenhäusern umsehen! In Altenheimen muss eine Pflegekraft im Nachtdienst 50 Patienten versorgen, nur mal so nebenbei! Wenn man die IG Metall mit Verdi vergleicht, dann könnte man den Eindruck gewinnen das Verdi eher den Staat vertritt und nicht dessen Angestellte! Für mich mach Verdi einen mehr als schlechten Job und von Bsirske hab ich auch schon jahrelang nichts mehr gesehen, der geniesst wohl sein fünfstelliges Gehalt auf Beitragskosten! Laut einer Uni ist der Reallohn in der Pflege inflationsbereinigt in den letzten 30 Jahren um stolze 0,3% gestiegen, ganz toll Verdi! Die Verdi Beiträge kann man sich getrost sparen!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP