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Wirtschaft

Ominöse Andeutungen gegen Großinvestor

Brisanter Brief kostet Ex-Siemens-Chef den Posten

Der Abgang des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld beim US-Konzern Arconic wird zur Schlammschlacht. Es geht um den Vorwurf der Erpressung und angebliche Partyexzesse eines schillernden Großinvestors während der WM 2006.

Getty Images
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Donnerstag, 20.04.2017   13:05 Uhr

Es war eine rätselhafte Formulierung, mit der ein Milliardenunternehmen den Abgang seines Chefs begründete: Klaus Kleinfeld, so steht es in der Mitteilung des US-Metallkonzerns Arconic von diesem Montag, habe nicht etwa wegen schlechter Leistung oder einer falschen Strategie gehen müssen. Sondern wegen eines Briefs, den er ohne Rücksprache mit dem Verwaltungsrat an einen nicht genannten Top-Manager des Hedgefonds Elliott geschickt habe. Elliott hält mehr als zehn Prozent der Anteile an Arconic und forderte seit Wochen aggressiv den Rücktritt des Deutschen von der Konzernspitze.

Das Rätseln über Inhalt und Adressat des ominösen Briefs ist nun zu Ende, Elliott hat ihn selbst im Internet veröffentlicht (hier als PDF) - doch erledigt dürfte die Angelegenheit damit noch lange nicht sein, im Gegenteil. Denn so kurz das Schreiben auch ist, so unmissverständlich ist sein Inhalt: Kleinfeld schreibt dem Gründer und Chef des Hedgefonds, Paul Singer, persönlich - und versucht unverblümt, ihn mit angeblichen privaten Eskapaden in Deutschland unter Druck zu setzen. Elliotts Anwalt spricht gar von versuchter Erpressung.

Mit bemerkenswertem Sarkasmus stellt Kleinfeld zu Beginn fest, dass er und der 72-jährige Singer sich bislang noch nie persönlich begegnet seien - und dass er sich bereits mehrfach gefragt habe, welch "außergewöhnliche Persönlichkeit" Singer wohl sei. Zu seinem großen Vergnügen habe er kürzlich von Kontaktleuten aus Berlin erfahren, welch "phänomenaler Fußballenthusiast" Singer sei. Die hätten Singer nämlich während der Fußball-WM 2006 in Deutschland bei zahlreichen Stadionbesuchen begleitet - vor allem aber auch danach. Offenbar meint Kleinfeld damit ausschweifende Partys.

"Singing in the rain" im Springbrunnen

Denn über diese Erlebnisse "nach den vielen Spielen" macht Kleinfeld in dem Brief zahlreiche Andeutungen. Die damaligen Begleiter Singers hätten immer noch "farbenfrohe Erinnerungen" an diese "offenkundig bemerkenswerte Zeit", die das "große Potenzial" habe, zur "dauerhaften Legende" zu werden. Aus Wertschätzung für diese "vollständig andere Seite" Singers erlaube er, Kleinfeld, sich, dem Hedgefonds-Gründer einen originalen Spielball der WM 2006 mit dem Namen "Teamgeist" als Souvenir zu schicken. Tatsächlich bestätigt ein Elliott-Anwalt, dass mit dem Brief auch ein Fußball an Singer geschickt wurde.

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Klaus Kleinfeld und Paul Singer: Ein ominöser Brief und "farbenfrohe Erinnerungen"

Im kurzen Postskriptum deutet Kleinfeld dann möglicherweise pikante Details an: Wenn es ihm gelänge, einen Indianer-Federkopfschmuck aufzutreiben, würde er diesen ebenfalls an Singer schicken, als "zusätzlichen essenziellen Bestandteil der Erinnerungen". Und nebenbei sei "Singing in the Rain" tatsächlich ein wunderbarer Songklassiker - allerdings habe er, Kleinfeld, noch nie versucht, ihn in einem Springbrunnen zu singen.

Elliott bezeichnet die Vorwürfe in einer Stellungnahme als "komplett falsche Anschuldigungen", mit denen Singer eingeschüchtert oder erpresst werden sollte.

Dabei ist Singer selbst alles andere als zart besaitet. Die Methoden, mit denen er Elliott zu einem Hedgefonds mit 33 Milliarden Dollar Anlagevolumen gemacht hat, sind ausgesprochen rau. So ist Elliott bekannt dafür, Schulden billig aufzukaufen und sie entweder mit Gewinn weiterzuverkaufen - oder sie unerbittlich in voller Höhe einzutreiben.

Kleinfelds Abgang ist noch nicht das Ende

Das gilt selbst für Staaten. So legte sich Singer vor Jahren spektakulär mit Argentinien an. Er hatte anders als die meisten anderen Gläubiger bei dem Schuldenschnitt nach dem Staatsbankrott 2001 nicht mitgemacht und forderte die Kredite in voller Höhe plus Zinsen zurück, insgesamt 1,5 Milliarden Dollar. Weil Argentiniens damalige Regierung sich weigerte zu zahlen, ließ Singer sogar ein argentinisches Marineschiff beschlagnahmen.

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Klaus Kleinfeld: Aufstieg und Fall des deutschen Wonderboys

Derart aggressiv verhält sich Singer auch als Großinvestor bei Arconic. Der US-Metallkonzern, der vergangenes Jahr aus der Aufspaltung des Aluminiumherstellers Alcoa entstand, wirft ihm zu wenig Rendite ab. Das Management habe die Kosten nicht im Griff, so ein zentraler Vorwurf. Bereits seit Wochen drang Elliott massiv auf die Ablösung von Kleinfeld, der von 2005 bis 2007 Siemens-Chef war und 2008 den Chefposten bei Alcoa übernahm.

Mit Kleinfelds Abgang dürfte Singer sich indes kaum zufrieden geben. Elliott fordert nun massiv den Umbau der Führungsspitze bei Arconic, der Fonds hat ein 336 Seiten starkes Strategiepapier vorgelegt. In einigen Wochen kommt es voraussichtlich zum Showdown im Kampf um die Zukunft des Konzerns.

Wie vergiftet die Atmosphäre ist, macht ein Schreiben von Elliotts Anwalt von diesem Montag - dem Tag von Kleinfelds Rücktritt -, deutlich: Darin kritisiert der Anwalt, dass Arconic den Brief in der Stellungnahme zum Rücktritt erwähnte. Das Management habe "nun aus einer privaten schlimmen Situation eine öffentliche schlimme Situation gemacht".

Die Schlammschlacht scheint gerade erst begonnen zu haben.

insgesamt 76 Beiträge
marcus_tullius 20.04.2017
1. Mafia-Warnung
Sehr anspielungsreiches Schreiben. Kleinfeld hätte seinem Opponenten genauso gut auch eine tote Ratte schicken können.
Sehr anspielungsreiches Schreiben. Kleinfeld hätte seinem Opponenten genauso gut auch eine tote Ratte schicken können.
wjr69 20.04.2017
2. Köstlich..
dass es auch in diesen Regionen mitunter zugeht wie im Kindergarten.
dass es auch in diesen Regionen mitunter zugeht wie im Kindergarten.
Silversurfer2000 20.04.2017
3. Im Original...
.. klingt der Brief eher wie ein missglücktes Friedensangebot als ein Erpressungsversuch.
.. klingt der Brief eher wie ein missglücktes Friedensangebot als ein Erpressungsversuch.
tkedm 20.04.2017
4.
Ich liebe solche Geschichten. Zeigen sie doch, wie niveaulos es selbst bei den vermeintlichen Eliten zugeht. Aber das Kleinfeld mal eins auf den Deckel bekommt, war eh schon lange überfällig.
Ich liebe solche Geschichten. Zeigen sie doch, wie niveaulos es selbst bei den vermeintlichen Eliten zugeht. Aber das Kleinfeld mal eins auf den Deckel bekommt, war eh schon lange überfällig.
BorisBombastic 20.04.2017
5. Sehr sympathisch menschlich...
dieser Brief ist doch wunderbar und hingebungsvoll formuliert. Besser hätte Kleinfeld doch seinen (vermeinlichen Chef) nicht seine "besten" Grüße schicken können. Wahrer Teamgeist, hat er sich auch noch die Mühe [...]
dieser Brief ist doch wunderbar und hingebungsvoll formuliert. Besser hätte Kleinfeld doch seinen (vermeinlichen Chef) nicht seine "besten" Grüße schicken können. Wahrer Teamgeist, hat er sich auch noch die Mühe gemacht eine souvenier beiszusteuern, den kann der amüsierte Singer ja jetzt mit beiden Füssen treten. PS die überforderten Anwälte von Elliot haben scheinbar gar nicht verstanden, worum es eigentlich hier geht.

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