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Wirtschaft

Solarworld-Insolvenz

Der tiefe Sturz des Sonnenkönigs

Frank Asbeck baute mit Solarworld Deutschlands ersten Solar-Giganten auf, jetzt muss er Insolvenz anmelden. Für die Branche ist dies das Ende einer Ära - und die Chance für einen Neuanfang.

DPA

Frank Asbeck (Archivbild)

Von
Donnerstag, 11.05.2017   18:25 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Er hat gekämpft wie ein Löwe, doch am Ende hat es alles nichts genützt. Am Montagabend um 18.12 Uhr, nach fast sechs Jahren der Mühsal, sein Lebenswerk irgendwie zu retten, lässt Frank Asbeck eine Ad-hoc-Mitteilung verschicken. Seine Firma Solarworld werde schnellstmöglich Insolvenz anmelden, heißt es darin. "Dies ist ein bitterer Schritt", schreibt Asbeck in einem begleitenden Statement. "Für Solarworld, die Belegschaft und die Solarindustrie in Deutschland."

Vor ein paar Jahren war alles noch ganz anders. Damals strotzte Asbeck nur so vor Kraft. Politiker und Medien feierten ihn als ihren Vorzeigeunternehmer, als "Sonnenkönig", als Wegbereiter der Energiewende. Als Opel die Pleite drohte, wollte Asbeck das Unternehmen zwischenzeitlich kaufen. Selbst im Vatikan ließ Asbeck seine Solarmodule installieren, Papst Benedikt XVI schüttelte ihm dafür die Hand.

Nun ist der Sonnenkönig entzaubert. Er muss hoffen, dass ein Investor seine defizitäre Firma kauft, damit zumindest ein Teil der rund 3300 Mitarbeiter den Job behält. Asbeck, der Multimillionär und Hobbyjäger, der gewohnheitsmäßige Sieger, muss die schwerste Niederlage seines Berufslebens verkraften.

Die Insolvenz von Solarworld zeigt, wie fundamental sich die deutsche Solarbranche seit ihrer Blüte im Jahr 2012 verändert hat. Nun steht auch Deutschlands letzter großer Solarzellen-Hersteller vor der Pleite, nachdem einstige Branchengrößen wie Conergy, Q-Cells oder Solon teils schon vor Jahren aufgegeben haben, ebenso wie Dutzende kleinere Anbieter. Nachdem aus dem sogenannten Solar Valley - einer Region in Sachsen-Anhalt, in der sich einst besonders viele aus der Branche tummelten - ein Tal der Tränen geworden ist.

Wie konnte es so weit kommen?

Der Preis der Sturheit

Der Niedergang Solarworlds hat im Kern drei Gründe. Der erste und wohl wichtigste ist struktureller Natur. Er betrifft nicht nur Solarworld, sondern alle deutschen Solarhersteller. Es handelt sich um nicht weniger als das Kernproblem der ganzen Branche.

2009 bis 2012, in den Boomzeiten der deutschen Solarindustrie, führte die Regierung der Branche über eine Umlage auf den Strompreis viele Milliarden Euro zu. Die Zuschüsse waren so absurd hoch, dass die Nachfrage nach Solarmodulen ins Unermessliche stieg. Allein 2012 gingen Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von gut 7600 Megawatt ans Netz - was rund der Hälfte des globalen Zubaus entsprach. Solarworld & Co verdienten sich dumm und dämlich.

Der Nachfrageboom weckte bald auch im Ausland Begehrlichkeiten. Chinesische Hersteller bauten, gefördert mit den Milliarden staatlicher Banken, eine eigene Industrie auf und überschwemmten den deutschen Markt mit billigen Modulen. Der Weltmarktpreis stürzte immer weiter ab, bis heute. 2016 fiel er um rund ein Fünftel.

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Solarworld: Aufstieg und Fall des Frank Asbeck

Viele deutsche Hersteller konnten dem Preiskampf nicht standhalten, selbst dann nicht, als die EU Schutzzölle gegen Dumping-Angebote aus China erhob. Als die Regierung auch noch die Förderung zusammenstrich, gaben sie nach und nach auf. Die Firma Solarworld überlebte zunächst, nicht zuletzt wegen ihrer schieren Größe.

Asbeck kämpfte weiter gegen die Dumpingkonkurrenz aus China. Er hielt dabei stets an den alten - manche sagen: veralteten - strategischen Leitlinien fest. Er ließ alle Teile selbst produzieren und setzte auf Premiumprodukte, er glaubte fest daran, dass genug Kunden für hohe Wirkungsgrade und lange Haltbarkeit einen Aufpreis zahlen.

Das aber war der zweite Grund seines Scheiterns. Denn die meisten Investoren steckten ihr Geld in Großprojekte in den USA, China oder Japan, bei denen es primär auf günstige Lösungen ankam. So geriet Solarworld gegenüber Modulherstellern, die Komponenten für ihre Anlagen günstig zukauften, ins Hintertreffen.

2014 schrammte Solarworld zum ersten Mal an der Pleite vorbei. Seinerzeit konnte Asbeck sein Unternehmen retten. Er schaffte es, Gläubiger und Anleger zu irrwitzigen Zugeständnissen zu bewegen, die Schulden zu drücken und konnte vorerst weitermachen. An seiner alten Strategie hielt er weiterhin fest. Schon bald schmolz das Kapital seiner Firma erneut bedenklich dahin.

Dazu bekam Asbeck auch noch juristischen Ärger. Der US-Silizium-Lieferant Hemlock verklagte eine Solarworld-Tochter auf Zahlung von 800 Millionen Dollar, weil sie Silizium anders als vereinbart nicht abgenommen hatte. Im Sommer 2016 gewannen die Amerikaner in erster Instanz. Solarworld ging in Berufung, doch die Unsicherheit blieb: Es gab keine Rückstellungen, um die Forderung im Zweifel zu begleichen. Nun, da Solarworld insolvent ist, dürfte Hemlock einen Großteil seines Geldes nie bekommen.

Beginn einer neuen Ära

Asbeck hat sein Lebenswerk lange verteidigen können. Letztlich aber konnte auch er sich nicht mehr gegen die Macht des Wandels stemmen. Sein Insolvenzantrag markiert eine Zäsur - aber mitnichten das Ende der Branche. Asbecks Schritt zeigt lediglich: Es gibt am Markt keinen Platz mehr für die Geschäftsmodelle aus der Zeit des Förderbooms - sehr wohl aber für findige Unternehmen, die die neuen Marktbedingungen besser für sich zu nutzen wissen.

Für Firmen wie Heckert Solar aus Chemnitz zum Beispiel, einen Spezialisten für die Solarmärkte in Thailand, Jordanien und Iran. Für Unternehmen wie Calyxo, einen Hersteller besonders günstiger Dünnschichtmodule. Für Unternehmen wie SMA, einen Spezialisten für die sogenannten Wechselrichter von Solaranlagen. Gute Chancen werden auch Firmen für Systemtechnik attestiert, die das Zusammenspiel von Solaranlagen, Batteriespeichern und Energieverbrauch automatisch regulieren.

Im neuen deutschen Solarmarkt gibt es viel Platz für innovative und hochspezialisierte Unternehmen. Und für diese stehen die Wachstumschancen so gut wie lange nicht. Denn dank des Preisverfalls bei den Modulen zieht die Nachfrage nach Photovoltaik-Anlagen gerade spürbar an, allein im ersten Quartal 2017 stieg sie um ganze 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Der Sonnenkönig hat abgedankt. Die deutsche Solarbranche aber lebt weiter. Das Ende der Asbeck-Ära ist eine große Chance für den Neuanfang.

Zusammengefasst: Die Solarworld-Insolvenz ist bitter für Firmengründer Frank Asbeck, sie ist aber zum Teil selbstverschuldet und zeigt die Probleme der ganzen Branche. Erstens wuchsen die deutschen Solarfirmen dank Milliardenförderung viel zu schnell - und riefen Konkurrenz aus China auf den Plan. Zweitens hielt "Sonnenkönig" Asbeck viel zu lange an der Produktion in Deutschland fest und drittens verstrickte sich Solarworld in einen teuren Rechtsstreit. Die Branche hat sich so schnell gewandelt, dass mit Solarworld auch der letzte alte Gigant untergegangen ist - die jungen innovativen deutschen Unternehmen haben dagegen exzellente Chancen.

insgesamt 201 Beiträge
marant 11.05.2017
1. solarworld
hat halt den wettlauf der subventionen verloren und wenn man nur darauf setzt dann ist man verloren ... immerhin es gibt noch sma die sich tapfer schägt.
hat halt den wettlauf der subventionen verloren und wenn man nur darauf setzt dann ist man verloren ... immerhin es gibt noch sma die sich tapfer schägt.
keine Zensur nötig 11.05.2017
2. Bezahlt haden die deutschen Verbraucher -
und hier vorallem die Privatverbraucher. Dank offen sozialismusähnlicher Maßnahmen zu Lasten der Bürger - neudeutsch Protektionismus in Reinkultur konnte sich die deutsche Solarindustrie voll entfalten. Und was stellen [...]
und hier vorallem die Privatverbraucher. Dank offen sozialismusähnlicher Maßnahmen zu Lasten der Bürger - neudeutsch Protektionismus in Reinkultur konnte sich die deutsche Solarindustrie voll entfalten. Und was stellen wir am Ende des Projekts fest? - Ja, die durch Steuergelder aufgebaute Industrie samt der Arbeitsplätze ging den Bach runter, aber das EEG ist geblieben und die Abgaben werden noch weiter erhöht. Und wer hat wieder versagt? - Ja, die Politik von CDUCSUSPDFDPGRÜNE. Insbesondere Letztere haben in schulmeisterlicher Manier immer erklärt, was gut für uns ist, nicht aber dass die Opfer auch noch den Henker bezahlen müssen.
Useless_User 11.05.2017
3. Ausgezeichnet!
Photovoltaikanlagen für wohlhabende Akademiker auf dem Land und in der Vorstadt, gefördert durch den Steuerzahler und Stromkunden - damit ist nun endlich Schluß. Wenn die Photovoltaik so ökonomisch reizvoll für [...]
Photovoltaikanlagen für wohlhabende Akademiker auf dem Land und in der Vorstadt, gefördert durch den Steuerzahler und Stromkunden - damit ist nun endlich Schluß. Wenn die Photovoltaik so ökonomisch reizvoll für Privathaushalte ist, dann wird sie sich sicherlich auch ohne Fördermaßnahmen in Windeseile durchsetzen, nicht wahr?
Useless_User 11.05.2017
4. Ausgezeichnet!
Photovoltaikanlagen für wohlhabende Akademiker auf dem Land und in der Vorstadt, gefördert durch den Steuerzahler und Stromkunden - damit ist nun endlich Schluß. Wenn die Photovoltaik so ökonomisch reizvoll für [...]
Photovoltaikanlagen für wohlhabende Akademiker auf dem Land und in der Vorstadt, gefördert durch den Steuerzahler und Stromkunden - damit ist nun endlich Schluß. Wenn die Photovoltaik so ökonomisch reizvoll für Privathaushalte ist, dann wird sie sich sicherlich auch ohne Fördermaßnahmen in Windeseile durchsetzen, nicht wahr?
Gabor 11.05.2017
5. Das nicht überraschende Ergebnis von Lobbying, EU-Protektionismus und deutscher Gieskannenförderung
Die deutsche Solarindustrie ist nicht trotz des Aufbaues von Handelsbarrieren gegen nicht-europäische Anbieter zugrundegegangen, sondern gerade daran. Statt sich von Anfang an kompetitiv aufzustellen, hat die ehemalige deutsche [...]
Die deutsche Solarindustrie ist nicht trotz des Aufbaues von Handelsbarrieren gegen nicht-europäische Anbieter zugrundegegangen, sondern gerade daran. Statt sich von Anfang an kompetitiv aufzustellen, hat die ehemalige deutsche Solarindurstrie lieber deutsche Politiker vor den Karren gezerrt um ihre "Marjtfähigkeit" durch EU-Handelsbarrieren und ein absurdes, Milliarden teures Fördersystem herzustellen. Damit hat man den asiatischen Anbietern erst das Umfeld geschaffen ihren heutigen - vermutlich nicht einholbaren . Vorsprung aufzubauen.
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