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Wirtschaft

Fußball und Öl

Was der Neymar-Wahn mit der Autokrise zu tun hat

Dass im Fußball immer höhere Summen gezahlt werden, liegt zu einem gewichtigen Teil am Reichtum der Ölscheichs. Jeder von uns hat die Möglichkeit, den Irrsinn zu stoppen.

AFP

Neymar (r.) und Gerard Pique (l.) mit Qatar-Airways-Chef Akbar Al Baker

Eine Kolumne von
Freitag, 11.08.2017   18:03 Uhr

Was hat der dreistellig-millionenschwere Transfer von Fußball-Püppi Neymar mit der Antriebstechnik deutscher Autos zu tun? Nicht viel, werden Sie sagen. Außer, dass beides gerade in den Schlagzeilen war, klar. Wirklich? Es könnte sich lohnen, noch einmal näher hinzusehen.

Wenn für hoch gehypte Fußballer wie Neymar immer astronomischere Summen gezahlt werden, könnte das zu einem nennenswerten Teil mit dem ebenso astronomischen Anstieg der Einnahmen von Öl- und Gasmilliardären wie dem Besitzer des neuen Neymar-Klubs in den vergangenen zehn Jahren zu tun haben - also Leuten, die wir bei jedem Tanken bezahlen. Und von denen wir wirtschaftlich ganz schön abhängig sind. Womit wir bei der schnöden Antriebstechnik wären. Und einer möglichen Lösung für alle Probleme.

Verscheichung von Europas Fußball

Absurd, aber wahr: Fast eine Viertelmilliarde Euro hat der Chef von Paris Saint-Germain, Vertreter des Herrscherhauses von Katar, für den Einkauf Neymars in der vergangenen Woche überwiesen - an dessen bisherigen Verein FC Barcelona, der den Brasilianer wiederum selbst auch dank Geld vom eigenen Hauptsponsor aus - klar, Katar - erworben hatte.

Die Katalanen, über Jahre mit dem Öl- und Gasgeld gefördert, spielen im spanischen Supercup am Sonntag gegen die Erzrivalen-Truppe aus Madrid, die auf der Brust seit Jahren für die Fluglinie der ölsprudelnden Emirate wirbt. In der Champions League spielt man gegen Vereine wie Manchester City, die vom Scheich aus Abu Dhabi gekauft wurden. Oder gegen Hobbyklubs von Magnaten aus Russland, die mit Öl reich geworden sind. Und in Spielstätten mit dem hübschen Namen "Emirates Stadium". Die Spieler von Atletico Madrid mussten jahrelang Werbung für den Ölstaat Aserbaidschan machen.

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Katar: Zwergstaat, ganz groß

Von den 25 teuersten Spielertransfers der vergangenen zehn Jahre wurden neun von Vereinen getätigt, die mehr oder weniger komplett Öl- und Gas-Chefs gehören - und zahlreiche weitere von Teams wie Barcelona und Madrid, die ebenfalls stark von Öl- und Gas-Millionen profitieren. Das wäre im Sinn des Fußballs vertretbar, wenn sich in den vergangenen zehn Jahren urplötzlich herausgestellt hätte, dass eben die weltweit größte Kompetenz in Sachen Viererketten und Gegen-den-Ball-spielen auf der arabischen Halbinsel und in ähnlichen, nur zufälliger Weise halt auch ölreichen Ländern gedeiht.

Nicht wirklich plausibel. Sonst hätte ja zumindest eins der Endspiele um die WM, sagen wir, Oman gegen Brasilien oder Katar gegen uns lauten müssen. Gemessen am Geldeinsatz bleibt auch der sportliche Erfolg von Ölklubs wie ManCity bisher bescheiden.

Der Grund für die Verscheichung von Europas Fußball muss woanders liegen - womöglich in der schnöden Entwicklung der Weltölpreise. Zufall oder nicht. Die zunehmend astronomischen Kaufpreise von Spielern fallen zeitlich augenfällig mit der Explosion der Öl- und Gaspreise zwischen Anfang der Nullerjahre und Mitte des laufenden Jahrzehnts zusammen - von einst weniger als 20 US-Dollar je Fass Rohöl (159 Liter) auf zwischenzeitlich deutlich mehr als 100 Dollar. Was auf Ölverkäufer bei tendenziell eher fallenden Förderkosten so gewirkt hat wie eine tägliche Jackpot-Millionen-Ausschüttung im Lotto.

Wobei ja die meisten Menschen bekanntlich schon mit einer Million fürs Leben stark überfordert sind. Da hat der eine oder andere Scheich halt in Verzweiflung Fußballvereine gekauft. Fehlentwicklung.

Nur um das mal auf den Punkt zu bringen: Wären aus irgendwelchen geopolitischen Gründen in den vergangenen zehn Jahren die Kurse für, sagen wir, Eisbausteine explodiert, würde die Hälfte der Top-Fußballvereine Europas heute von Eskimos geführt und müssten in "Iglu Stadiums" spielen.

Elektroautos könnten den Fußballmarkt ändern

Als hilfreich hat sich in Deutschland erwiesen, dass nach geltender Regelung kein Investor normalerweise die Mehrheit an einem Verein erwerben darf - Scheich hin, Scheich her. Das Problem: Die anderen machen in Europa trotzdem weiter und treiben die Spielerpreise. Zeit zu handeln.

Wenn es stimmt, dass der böse Trend maßgeblich durch die Ölpreisexplosion befördert wurde, müsste im Umkehrschluss gelten, dass wir nur dafür sorgen müssen, dass die Scheichs weniger Geld kriegen. Womit wir bei der aktuellen Diskussion ums Auto wären. Den Preis senkt man am besten dadurch, dass man etwas nicht mehr - oder weniger - kauft, also in diesem Falle weniger tankt und überhaupt weniger Öl und Gas verbraucht. Was als Strategie gar nicht so abwegig ist, wie es erst einmal klingt.

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Katar-Krise: Operation Geldregen

Es gibt etliche Indizien, die darauf schließen lassen, dass die Ölpreise auch deshalb in jüngster Zeit wieder gefallen sind, weil die Wirtschaft heute weniger Energie pro Einheit Produktion braucht. Und Autos schon jetzt weniger Benzin pro Kilometer brauchen. Das hat Potenzial. Wie Schätzungen der Ökonomen von Cambridge Econometrics ergaben, würde eine beschleunigte Umstellung der Wirtschaft auf klimaneutrale Technik dazu führen, dass der Preis für Öl mangels Nachfrage 2050 ein Drittel niedriger läge, als er es sonst täte. Anders ausgedrückt: Je weniger wir noch Benzin tanken und stattdessen, sagen wir, künftig Elektroautos fahren, desto weniger kriegt der Scheich; desto weniger hat er, um damit Spieler zu kaufen und Preise hochzutreiben. Was ihn auf Anhieb noch nicht kratzen wird, weil das Geld aus der Vergangenheit auf Jahre reichen wird. Auf Dauer könnte die Sache aber wirken.

Dann müssten junge Fußballspieler vielleicht auch nicht mehr in sachfremden Emirate-Trikots spielen. Oder von Scheichs für absurde Summen transferiert werden. Wer weiß: als kleiner Nebeneffekt könnte all das auch noch das Klima retten. Auch wichtig fürs Spielen.

insgesamt 57 Beiträge
derdudea 11.08.2017
1. Die Wahrheit liegt auf dem Platz
Man kann natürlich jetzt lange über die Kommerzialisierung des Fussballs lamentieren - ein Lied, das man seit den 50ern hört und das sagt eigentlich vieles. Ich schau mir lieber an, was gespielt wird. Und das die [...]
Man kann natürlich jetzt lange über die Kommerzialisierung des Fussballs lamentieren - ein Lied, das man seit den 50ern hört und das sagt eigentlich vieles. Ich schau mir lieber an, was gespielt wird. Und das die "Scheichs" jetzt die europäischen Clubs mit Geld fluten für die Dienste von Fussballern, denen morgen die Achillessehne reisst oder die Freundin wegläuft und die dann nur noch ein paar Euro Ablöse wert sind - könnte es nicht sein, dass das für Europa das beste Geschäft ost, seit wir aufgehört haben, Glasperlen für Goldnuggets einzutauschen?
upalatus 11.08.2017
2.
Diese Art des Fussballbetriebes interessiert mich nicht die Bohne. Jedes nächstgelegene Provinzkickervereinspiel ist für mich um Welten mehr Fussball als das, was pervertierte Strukturen und geschäftstüchtige moneybags [...]
Diese Art des Fussballbetriebes interessiert mich nicht die Bohne. Jedes nächstgelegene Provinzkickervereinspiel ist für mich um Welten mehr Fussball als das, was pervertierte Strukturen und geschäftstüchtige moneybags veranstalten. An meiner Freud an dem Sport verdienen die nullnix.
charlybird 11.08.2017
3. Der Irrsinn könnte noch einfacher gestoppt werden,
indem man einfach die Abos der Pay TV Monster kündigt und obendrein die Stadien meidet. Dann haben die Scheichs oder aber auch betuchte Hörgerätehersteller und andere Milliardäre, die mitunter auf fragwürdigen Wegen zu [...]
indem man einfach die Abos der Pay TV Monster kündigt und obendrein die Stadien meidet. Dann haben die Scheichs oder aber auch betuchte Hörgerätehersteller und andere Milliardäre, die mitunter auf fragwürdigen Wegen zu ihrem Reichtum gelangt sind und ihr ausgefallenes Hobby teilweise ad absurdum betreiben, eines Tages ihre Privatmannschaften im Hinterhof ihrer Domizile und dürfen sich am Anblick ihrer kurzhosigen Goldbeinchen ganz alleine erfreuen. Zumindest für die Dauer des Vertrages. ES ist aber viel verlangt von einem einfachen ''Fandasein'', und wohl auch nur über die irgendwann eintretende Unbezahlbarkeit zu erreichen, aber die nachwachsenden Bewunderer der Ronaldo-KOmparsen werden sicherlich auf geschickte Art an die Preise gewöhnt. Ich allerdings habe einen klaren Schritt schon etwas länger hinter mir und bin zum ''Sporaden''gucker verkommen. Lebt sich prima damit.
der 60er 11.08.2017
4. Weit hergeholt....
Also jetzt die aktuellen Transfersummen mit der Elektromobiltät verknüpfen.... Finde ich weit hergeholt. Abgesehen davon: Der Ölpreis hängt nur zu einem kleinen Teil vom Benzin ab. Z.B. verbrauchen 400 Containerschiffe so [...]
Also jetzt die aktuellen Transfersummen mit der Elektromobiltät verknüpfen.... Finde ich weit hergeholt. Abgesehen davon: Der Ölpreis hängt nur zu einem kleinen Teil vom Benzin ab. Z.B. verbrauchen 400 Containerschiffe so viel Öl wie alle (!) Autos weltweit (zur Zeit 1 Milliarde Autos). Zur Zeit fahren allerdings knapp 10000 Containerschiffe auf den Weltmeeren. https://www.srf.ch/sendungen/einstein/fuenfmalklug/wie-viele-containerschiffe-gibt-es-auf-der-welt
hansdererste 11.08.2017
5. spaß vor Ort
seit 2 Jahren lebe ich ohne BL und CL im TV und erfreue mich ?nur? noch an unserer Mannschaft vor Ort. Leidenschaft und Spaß an der Sache, das war es, warum ich früher selbst gekickt habe und was ich nach wie vor alle 2 Wochen [...]
seit 2 Jahren lebe ich ohne BL und CL im TV und erfreue mich ?nur? noch an unserer Mannschaft vor Ort. Leidenschaft und Spaß an der Sache, das war es, warum ich früher selbst gekickt habe und was ich nach wie vor alle 2 Wochen erleben darf. Die millionenverseuchten Traumwelten waren nie das, was diesen Sport ausmacht. Erst als ich dies selbst erkannt hatte, Sky Abo gekündigt hatte, hab ich gemerkt, dass mir nichts, aber auch gar nichts in meinem Leben fehlt. Überbezahlte brasilianische Straßenkinder, die nix können außer Fußball, mit pay Tv Beiträgen zu subventionieren, die Zeiten sind für mich zum Glück vorbei.
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