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Wirtschaft

Das Scheitern von Air Berlin

Einfach eine Nummer zu groß

Mit dem "Mallorca-Shuttle" brachte Joachim Hunold seine Fluggesellschaft einst groß raus. Doch schon bald wurde Air Berlin zum Paradebeispiel dafür, wie man ein Unternehmen abwirtschaftet. Was bleibt?

Foto: DPA
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Dienstag, 15.08.2017   16:55 Uhr

Wer bei der Air-Berlin-Hotline in der Warteschleife hängt, bekommt einen alten Werbesong der Fluglinie vorgespielt. "From Kilimanjaro to Lady Liberty / from the Amazon Forest to the Islands of Greece" schallt es durch den Telefonhörer. So lange, bis jemand abhebt. Sofern denn überhaupt jemand abhebt.

Das Warteschleifenlied ist ein Relikt aus den guten Jahren. Ostafrika fliegen Air-Berlin-Maschinen längst nicht mehr an, ebenso wenig Südamerika. Und wer weiß, wie lange es noch nach New York oder auf die griechischen Inseln geht, jetzt, da das Unternehmen Insolvenz angemeldet hat?

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Air-Berlin-Insolvenz: Chronik eines Sinkflugs

Doch der Song erinnert daran, welche Ambitionen Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft und ihre Macher einst hatten. Allen voran der Mann, der hauptverantwortlich ist für Aufstieg und Fall von Air Berlin: Joachim Hunold.

"Der Achim", wie sich der heute 67-jährige Patriarch von seinen Mitarbeitern nennen ließ, hat Air Berlin groß gemacht: zu groß. Gegründet hat die Linie 1978 der US-Amerikaner Kim Lundgren, zunächst als reinen Charterflieger, der anfangs mit nur zwei Maschinen von West-Berlin aus Sonnenziele ansteuert. 1991 steigt Hunold dann als Mehrheitseigner ein: mit Geld aus seiner eigenen Abfindung, denn kurz zuvor hat er seinen Posten als Marketing-Chef bei der LTU räumen müssen.

Hunold und der "Mallorca-Shuttle"

Bei Air Berlin setzt Hunold auf die Expansion: mit Strategien, die später manche Billigflieger kopieren werden. Er senkt Kosten und die Macht der Arbeitnehmer, indem er das Kabinenpersonal nicht bei Air Berlin anstellt, sondern über externe Dienstleister beschäftigt. Er lässt oft von Regionalflughäfen aus fliegen, die Betrieb brauchen und den Airlines Sonderkonditionen gewähren. Er setzt früher als viele etablierte Carrier auf Internetverkauf. Und er erschafft den "Mallorca-Shuttle", zeitweise fliegt Air Berlin die Urlaubsinsel mehr als 300 Mal pro Woche an.

Nebenbei macht Hunold Schlagzeilen im Bunten: mit Sparideen wie der, Zitronenscheiben zum Mineralwasser nur noch auf Verlangen rauszurücken. Vor allem aber mit Sprüchen über Gewerkschaften ("das größte Verbrechen an der Wirtschaft"), Asien ("wo Frauen die Demut noch in die Wiege gelegt wird") oder die Flugzeuge der Konkurrenz ("alte Möhren"). 2006 bringt der Patriarch die Gesellschaft an die Börse, heuert Johannes B. Kerner als Werbeträger an, der den Satz "ich bin ein Air Berliner" aufsagt. Mit dem Erlös will Hunold einen neuen Branchenriesen aufbauen. "Er hatte den Größenwahn, der Lufthansa Konkurrenz machen zu wollen", sagt Gerald Wissel, Chef des Beratungshauses Airborne Consulting. Dabei verzettelt sich Hunold total.

Erst kauft Air Berlin den Wettbewerber DBA auf, der vor allem innerdeutsch fliegt und bei Geschäftsreisenden beliebt ist. Und dann übernimmt Hunolds Unternehmen völlig überraschend die LTU mit ihren Langstreckenrouten. Jetzt ist der Gefeuerte der große Boss bei seinem Ex-Arbeitgeber. Aber sein zusammengekauftes Gebilde ist irre komplex geworden. Plötzlich bedient Air Berlin Kurz-, Mittel- und Langstrecke, Städteziele und Ferienorte, Geschäftsreisende und Urlauber, zeitweise mit sieben verschiedenen Jet-Typen von Boeing und Airbus.

Der "Hybrid-Carrier", wie Hunold sein Luft-Konglomerat nennt, kommt in Schwierigkeiten. Überall spielt Air Berlin mit, aber fast überall nur ein bisschen. In der Weltfinanzkrise schreibt das Unternehmen tiefrote Zahlen. Die Schulden wachsen. Um die Kassenlage kurzfristig zu verbessern, verkauft Hunold Jets und least sie wieder zurück. 2011 wirft er auf Druck der Aktionäre als CEO hin.

Mehdorn scheitert als Sanierer

Sein Nachfolger trägt einen großen Namen: Hartmut Mehdorn. Und der Ex-Bahn-Chef tritt entsprechend großspurig auf. Er verordnet Air Berlin ein Sparprogramm - sowie die Neuausrichtung rund um das Drehkreuz am geplanten Hauptstadtflughafen Berlin.

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Hartmut Mehdorn (links) mit Etihad-Chef James Hogan

Doch Air Berlin ist schon damals klamm. Ein Partner muss her: Etihad aus Abu Dhabi leiht Air Berlin Geld und wird mit gut 29 Prozent der größte Einzelaktionär. Doch bald wird klar, dass der BER noch lange nicht fertig wird. Zudem verkracht sich Mehdorn mit Etihad-Chef James Hogan. Er verlässt die Fluglinie Anfang 2013 - und wird BER-Chef.

Ansagen aus Abu Dhabi

Auf Mehdorn folgt Wolfgang Prock-Schauer. Anders als seine Vorgänger ist der Österreicher kein Alphatier, er setzt viele Kommandos aus Abu Dhabi einfach um. Etihad muss die neue Tochter mit Finanzspritzen über Wasser halten. Im Gegenzug fordern die Araber, dass Air Berlin nun im großen Stil Passagiere von Deutschland zum Drehkreuz Abu Dhabi befördert. "Das hat alles noch komplexer gemacht", sagt der Berater und langjährige Luftfahrtmanager Wissel. "Air Berlin musste nicht nur ein bisschen Lufthansa spielen und ein bisschen Tourismus machen, sondern auch noch ein bisschen Zubringer für die Araber sein." Die Verluste türmen sich auf. Anfang 2015 muss auch Prock-Schauer gehen.

Der Nächste ist Stefan Pichler. Der ehemalige Langstreckenläufer will die Rolle rückwärts probieren: weg vom Hybrid-Modell; zurück zur Touristik. Doch damit läuft er bei Etihad auf . 2016, als die Araber selbst im Schlamassel stecken, verordnen sie der Tochter die Aufspaltung. Unter anderem verleast Air Berlin 38 seinerseits geleaste Maschinen samt Besatzung an die Lufthansa-Gruppe weiter. Pichler kündigt im Winter 2016 seinen Abschied an. Er hinterlässt einen Rekordverlust von 782 Millionen Euro.

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Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann

Fünfter Air-Berlin-Boss in sechs Jahren wird Thomas Winkelmann, langjähriger Chef der Lufthansa-Tochter Germanwings und enger Vertrauter von Lufthansa-Lenker Carsten Spohr. Aber auch unter ihm geht es weiter bergab, es häufen sich Verspätungen und ausfallende Flüge, Im Mai weist der Flugdaten-Anbieter Flightstats Air Berlin als unzuverlässigsten Carrier Europas aus: mit 547 ausgefallenen Flügen und 5587 Verspätungen in einem Monat. Viele Mitarbeiter sind demotiviert; für sie ist Winkelmann ein Lufthanseat. Und: "Die Lufthansa hat alles getan, um Air Berlin in den jetzigen Zustand zu bekommen", sagt Berater Wissel.

Wird die Lufthansa der Gewinner?

Nicht nur wegen der Personalie Winkelmann ist die Komplettübernahme durch den heimischen Branchenführer Dauerthema bei Air Berlin. Bisher ist der Deal allerdings nicht zustande gekommen: Vor allem wegen Air Berlins Schulden von zuletzt rund 1,2 Milliarden Euro, die die Lufthansa nicht übernehmen will. Nun öffnet die Insolvenz den Weg, diese Schulden loszuwerden. Und tatsächlich hat Lufthansa bereits angekündigt, Teile des Unternehmens übernehmen und auch Mitarbeiter einstellen zu wollen. "Dieses Szenario ist für die Lufthansa ideal", sagt der langjährige Luftfahrtmanager Wissel. "Das Hindernis Schulden ist weg."

Umfrage

Und Etihad? Ohne immer neue Kapitalspritzen des Großaktionärs hätte Air Berlin schon viel früher Insolvenz anmelden müssen. Noch im Juni hatten die Araber zugesichert, Air Berlin mindestens bis Oktober 2018 finanziell zu stützen. Nun ist offenbar alles anders. Ende vergangener Woche stoppte Etihad plötzlich seine Zahlungen. Die Geschäfte von Air Berlin hätten sich zuletzt rapide verschlechtert, erklärte die Airline aus Abu Dhabi am Dienstag nach dem Insolvenzantrag. Man könne kein weiteres Geld bereitstellen.

Was wird nun aus Air Berlin? Zwischen 2008 und 2016 hat das Unternehmen acht von neun Jahren mit Verlust abgeschlossen, Substanz ist kaum noch da. Kein einziges Flugzeug kann die Airline laut einem Medienbericht mehr ihr Eigen nennen. Der Aktienkurs ist vom Ausgabepreis von 12 Euro auf zuletzt 0,44 Euro abgerutscht; viele Manager sind seither gekommen und gegangen.

Nur der Vater des unglückseligen Hybrid-Modells ist immer noch da: Joachim Hunold hat einen Posten im Verwaltungsrat; bis zuletzt hielt er 2,3 Millionen Aktien. Der Gang in die Insolvenz ist die größte Niederlage seines Berufslebens. Es ist endgültig aus mit den Träumen von Amazonas bis Kilimandscharo.

Was sind Ihre Erlebnisse mit Air Berlin?

Gestartet war die Berliner Fluglinie 1978 als Charter-Fluglinie und versuchte sich später als Billigflieger - jetzt ist die Zukunft von Air Berlin ungewiss. Haben Sie Lustiges auf Flügen mit der Airline erlebt? Hat sie Ihnen vielleicht Ihren ersten günstigen Flug ermöglicht? Waren Sie vom Kofferchaos betroffen? Schicken Sie Ihre Erfahrungen an spon_reise@spiegel.de, vielleicht auch mit Foto.

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insgesamt 115 Beiträge
soisses007 15.08.2017
1. Crash mit Ansage
Warum muss der Staat jetzt noch Geld verbrennen? Damit der Bonn - Berlin Shuttle bis nach der Wahl noch funktioniert? Wenn keiner die Airline kaufen will, dann ist es eben so. Macht den Billigflügen ein Ende!
Warum muss der Staat jetzt noch Geld verbrennen? Damit der Bonn - Berlin Shuttle bis nach der Wahl noch funktioniert? Wenn keiner die Airline kaufen will, dann ist es eben so. Macht den Billigflügen ein Ende!
Jens Mueller 15.08.2017
2.
Lasst doch die Manager einfach machen, wozu sie Lust haben. Wenn es nur ums Scheitern geht, dann kann man diverse Comedians genauso gut begutachten. Viele scheitern, einige haben Erfolg. Es gibt keine Kultur des Scheiterns, es [...]
Lasst doch die Manager einfach machen, wozu sie Lust haben. Wenn es nur ums Scheitern geht, dann kann man diverse Comedians genauso gut begutachten. Viele scheitern, einige haben Erfolg. Es gibt keine Kultur des Scheiterns, es gibt keine Kultur des Erfolges. Etwas versucht zu haben ist kein Stigma. Jeder von uns hat mal versucht auf zwei Beinen zu stehen, jeder von uns ist daran gescheitert. Was soll's?
alsterherr 15.08.2017
3.
Spiegel, fokussiert Euch doch bitte bei dem Artikel über die Geschichte der air berlin nicht allen auf air berlin, sondern eben auch auf LTU, die vor dem merger mit air berlin wichtiger Teil der deutschen Charter- und [...]
Spiegel, fokussiert Euch doch bitte bei dem Artikel über die Geschichte der air berlin nicht allen auf air berlin, sondern eben auch auf LTU, die vor dem merger mit air berlin wichtiger Teil der deutschen Charter- und Ferienfliegerei war.
think-twice! 15.08.2017
4. Mehdorn war der Grösste
nachdem Mehdorn schon die Bahn in die Katastrophe geführt hatte, durfte er auch bei AirBerlin seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ind nachdem er erneut einen Scherbenhaufen hinterlassen hatte, widmete er sich dem BER. Drei [...]
nachdem Mehdorn schon die Bahn in die Katastrophe geführt hatte, durfte er auch bei AirBerlin seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ind nachdem er erneut einen Scherbenhaufen hinterlassen hatte, widmete er sich dem BER. Drei Voll- Flops von Herrn Mehdorn. Und warum? Mehdorn ist ein Freund von SPD Schroeter und CDU Mitglied nahe an Merkel.
Kurt Hoelzli 15.08.2017
5. Wer
für 316,- € NonStop nach JFK fliegt, muss einfach den anderen irgendwann einmal das Feld überlassen. Bundesregierung und 150 Millionen Kredit? TRopfen auf den heißen Stein, hält mal grade bis zum 24. September. Lachhafte [...]
für 316,- € NonStop nach JFK fliegt, muss einfach den anderen irgendwann einmal das Feld überlassen. Bundesregierung und 150 Millionen Kredit? TRopfen auf den heißen Stein, hält mal grade bis zum 24. September. Lachhafte Nummer, der Insolvenzantrag lag genau so seit Wochen fertig in der Schublade.

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