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Wirtschaft

Bis zu 600 Euro pro Kilo

Warum Vanille teurer als Silber ist

Vanille ist so teuer wie nie zuvor - ein Kilo schwarzer Schoten kostet derzeit 600 Euro. Die Bauern im Hauptanbauland Madagaskar profitieren davon wenig. Was steckt also hinter der Preissteigerung?

Symrise
Von
Samstag, 23.09.2017   15:43 Uhr

Jeden Morgen um sechs Uhr geht Rafidison Jean Claude zu seinen Feldern, immer in Sorge, dass Diebe zugeschlagen haben könnten. Der 63-Jährige züchtet Vanille auf einer Insel im Osten Afrikas, Madagaskar, und derzeit zahlen Händler für ein Kilo schwarzer Schoten bis zu 600 Euro. Vanille ist damit teurer als Silber, und nach Safran, das wertvollste Gewürz der Welt.

Bis vor drei Jahren kostete ein Kilo Vanille auf dem Weltmarkt nur rund 30 Euro. Seit 2014 stiegen die Preise rasant an. Wie kam es dazu?

Ein entscheidender Faktor ist die Lust auf echte Vanille, die in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Lange verwendeten Hersteller günstigere Imitate - künstliche Vanille entsteht massenweise aus den Nebenprodukten bei der Herstellung von Papier. Inzwischen gibt es laut Vanillehändlern einen Trend hin zu authentischen, natürlichen Inhaltsstoffen. Lebensmittelhersteller verarbeiten das Gewürz stärker als zuvor in Eis, Kuchen, Keksen, Joghurt oder Bonbons. Auch ihre Parfums, Körperlotionen, Badezusätze, Seifen oder Raumdüfte verfeinern Produzenten zunehmend damit.

Ein Sturm zerstört die Felder

Madagaskar deckt rund 60 Prozent des weltweiten Vanille-Bedarfs ab und gibt damit die Preise vor. Als Anfang des Jahres ein Zyklon über die Insel fegte, zerstörte er große Teile der Anbauflächen. Sofort stiegen die Preise.

Doch der aktuelle Kostenschub hat noch eine andere Ursache, die deutlich länger zurückliegt. Um die Jahrtausendwende kostete ein Kilo Vanille nach starken Stürmen auf Madagaskar schon einmal rund 500 Euro. Viele Bauern erweiterten damals ihre Anbauflächen - in der Hoffnung, möglichst viel vom Boom abzubekommen. Doch das Gegenteil war der Fall: Nach einigen Jahren war zu viel Vanille auf den Weltmärkten vorhanden. Die Schwemme drückte den Preis auf knappe 25 Euro das Kilo. Die Folge: "Die Farmer vernachlässigten ihre Plantagen und stiegen auf andere Produkte um, weil sich das Geschäft nicht mehr lohnte", sagt Birger Schmidt-Wiking vom Vanillehandelshaus Aust und Hachmann. Als die Nachfrage nach natürlicher Vanille zuletzt langsam wieder stieg, war das Angebot gering.

Die hohen Preise locken Diebe an

Für die vom Vanilleanbau abhängigen Bauern ist der aktuelle Boom nicht nur Grund zur Freude. Die teuren Schoten locken Diebe an, die nachts die Ernte rauben. Deswegen sind viele Bauern dazu übergegangen, ihre Felder zu früh zu ernten, ehe die Aromastoffe voll entwickelt sind.

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Vanille: Der Rohstoff, der die Welt verfeinert

Vanille ist oft die einzige Einnahmequelle der Madagassen. Einen Großteil des Geldes bekommen sie an einem einzigen Tag ausgezahlt, wenn sie auf einem Markt in der Küstenstadt Sambava ihre Schoten anbieten. Der Tag ist von der Regierung festgelegt. Brauchen die Farmer schon vorher Geld, dann verkaufen sie die Bohnen unreif und deutlich günstiger an Zwischenhändler.

Jean Claude veräußert seine grünen Bohnen an den deutschen Aromahersteller Symrise. Dieses Jahr bekommt er eigenen Angaben zufolge 45 Euro pro Kilo. Aus sieben Kilo grüner Vanillekapseln, kann ein Kilo schwarzer Schoten gewonnen werden.

Er steht damit besser da als andere: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung bekommen die Produzenten im Schnitt weniger als fünf Prozent des internationalen Marktpreises. Oft wissen die Bauern nicht einmal, was der Rohstoff wert ist - ein Großteil des Geldes geht an die Zwischenhändler.

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ist auf Madagaskar aktiv und sorgt dafür, dass etwa 10.000 Bauern faire Preise erzielen können - auch Jean Claude profitiert davon. Die GIZ vergibt zudem Kredite und unterrichtet die Bauern darin, zusätzlich andere Produkte anzubauen.

Neue Anbaumethoden

Doch die nächste Gefahr droht den Landwirten schon. Angesichts der derzeit hohen Preise sind bereits weitere Produzenten eingestiegen, darunter eine Firma in den Niederlanden, die im Dezember beginnen wird, Vanille in Gewächshäusern zu züchten. Länder wie Indien, Uganda oder Indonesien produzierten früher ebenfalls Vanille, gaben ihre Farmen jedoch angesichts der niedrigen Preise auf. Inzwischen könnten sie neu gepflanzt haben.

Bevor durch ein steigendes Angebot die Preise fallen werden, wird allerdings noch Zeit vergehen: Nachdem sie die Vanille gepflanzt und gezüchtet haben, müssen die Bauern jede einzelne Blüte per Hand bestäuben, ehe sie die Kapselfrüchte nach sechs Monaten ernten können. Dann tauchen sie die grünen Bohnen in heißes Wasser, um den Reifeprozess zu stoppen und legen sie für zwei Monate in Jutetüchern in die heiße Sonne, bis sie ihre typisch schwarze Farbe bekommen. Aus rund 600 bestäubten Blüten gewinnen die Bauern etwa ein Kilo schwarzer Vanillestangen. Bis dahin dauert es ab der Saat etwa vier Jahre.

Bis andere Produzenten ernten können, bestimmt folglich das madagassische Angebot den Preis.

insgesamt 4 Beiträge
mw210161 23.09.2017
1. Künstlich 'natuerlich' generierte Aromastoffe..
..und die Preistreiberei und Spekulation mit diesem Geschmacks-Stoff hat ein Ende. Den Unterschied schmeckt doch ohnehin kaum jemand. Bourbon gehört ins Glas, und nicht in den Pudding!
..und die Preistreiberei und Spekulation mit diesem Geschmacks-Stoff hat ein Ende. Den Unterschied schmeckt doch ohnehin kaum jemand. Bourbon gehört ins Glas, und nicht in den Pudding!
thequickeningishappening 24.09.2017
2. Weil
Silber zu billig ist !!!
Silber zu billig ist !!!
lug&trug 24.09.2017
3. Jeder schmeckt den Unterschied
zwischen Vanillin und natürlicher Vanille. Ganz ohne Übung. Kaufen/machen uns essen Sie mal Pudding "mit Vanillegeschmack" vs "Vanillepudding". Wer den Unterschied nicht schmeckt, muss einen komplett [...]
zwischen Vanillin und natürlicher Vanille. Ganz ohne Übung. Kaufen/machen uns essen Sie mal Pudding "mit Vanillegeschmack" vs "Vanillepudding". Wer den Unterschied nicht schmeckt, muss einen komplett kaputten Geruchs-und Geschmackssinn haben. Coca-Cola ist in 1980ern nicht ohne Grund ganz schnell von Vanillin zu natürlicher Vanille zurückgekehrt.
bumbu 24.09.2017
4. Irgendetwas an diesem Artikel ist widersprüchlich
Einerseits lesen wir, daß der Vanille-Bauer Jean Claude seine Vanilleschoten grün (also unfermentiert) verkauft und dafür 45 € pro Kilo verdient. Da sieben Kilo grüne Schoten nach Trocknen und Fermentation ein Kilo [...]
Einerseits lesen wir, daß der Vanille-Bauer Jean Claude seine Vanilleschoten grün (also unfermentiert) verkauft und dafür 45 € pro Kilo verdient. Da sieben Kilo grüne Schoten nach Trocknen und Fermentation ein Kilo marktfertige Schoten ergibt, und davon ein Kilo 600 € kostet, so hat er als Produzent des Rohmaterials ohne Verarbeitung mehr als 50 Prozent des Endpreises bekommen. Das ist wirklich nicht schlecht, davon kann jeder Milchbauer nur träumen. Andererseits wird auch behauptet, daß die Bauern selbst fermentieren, also zuerst die Bourbon-typische Heißwasserbehandlung und danach das sich über mehrere Wochen dahinziehende Wechselspiel aus Schwitzen und Trocknen durchführen. Das deckt sich mit dem, was ich anderswo übers Vanillebusiness gelesen habe. Nur daß dann die Bauern keine grünen Schoten verkaufen, sondern schwarze (und selber den Massenverlust von 7 Kilo auf 1 Kilo vor dem Verkauf erleben). Also, was stimmt?

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