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Wirtschaft

Air Berlin

Wie die Zeit verfliegt

Bei Air Berlin steigt die Nervosität: Die Gespräche mit den Bietern gehen gerade erst richtig los, die Piloten der Pleite-Airline bangen um ihre Jobs. Und das Geld für den Übergang dürfte bald weg sein.

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Eine Air-Berlin- und Lufthansa-Maschine am Flughafen Tegel (Archivbild)

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Dienstag, 26.09.2017   09:51 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ihr letzter Einsatz für Air Berlin führt die A330-Maschinen nach Lourdes. Die Riesenjets heben am Montagmorgen ab von Düsseldorf und Berlin-Tegel und nehmen Kurs auf Südfrankreich: zu einem der größten Flugzeug-Parkplätze Europas. Es ist ein Abschied für immer. Die drei A330-Jets kommen nicht mehr zurück zu Air Berlin.

Die Pleitelinie braucht ihre größten Maschinen nicht mehr. Sie macht ihre Langstreckenverbindungen sukzessive dicht. Am Montag hat der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus angekündigt: Air Berlin wird die letzten Überseerouten wie New York oder Chicago nach dem 15. Oktober einstellen.

All dies dient einem Ziel: nicht mehr ganz so viel Geld zu verbrennen - und die Einstellung des gesamten Flugbetriebs zu verhindern.

Drei Millionen Euro Miese macht Air Berlin momentan laut Insidern - Tag für Tag. Die Zeit läuft ab für die Linie, ihre Mitarbeiter, Passagiere und Gläubiger. Bald werden die 150 Millionen Euro Überbrückungskredit des Staates aufgezehrt sein. Dann müssten alle Maschinen am Boden bleiben - mangels Geld für Sprit.

"Die große Frage ist: Wie lange geht der Betrieb weiter?", sagt Markus Wahl, von der Pilotengewerkschaft Cockpit. Und die Verhandlungen mit den Bietern für die Überreste gehen gerade erst richtig los.

"Entschieden worden ist jetzt, mit zwei privilegierten potenziellen Investoren weiter zu verhandeln: Lufthansa/Eurowings und Easyjet", verkündete Kebekus.

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Chronik in Bildern: Aufstieg, Sinkflug und Absturz von Air Berlin

Rund 80 Prozent der mehr als 8000 Mitarbeiter hätten eine Chance auf einen neuen Job, behauptete Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann. Bislang allerdings ist noch nichts unterschrieben. Kebekus will versuchen, die Gespräche mit beiden Interessenten bis zum 12. Oktober abzuschließen. Selbst wenn das klappt, wird sich die tatsächliche Übernahme Monate hinziehen.

"Wir gehen davon aus, dass beide Bewerber entsprechende Genehmigungen bei der EU-Kommission im Hinblick auf kartellrechtliche Fragen einholen müssen", sagte Kebekus. Laut einem vertraulichen Schreiben des Generalbevollmächtigten, aus dem das Portal airliners.de zitierte, dürfte das zwischen fünf Arbeitswochen und sechs Monaten dauern. In dieser Zeit darf Air Berlin keine neuen Kooperationen eingehen.

"Selbst wenn Mitte Oktober der Sack zugemacht wird, könnte es bis Jahresende dauern, bis das alles abgewickelt ist", prognostiziert der Luftfahrtexperte Heinrich Großbonghardt. Angeblich fordern die Gläubigervertreter, dass Lufthansa und Easyjet den Flugbetrieb von Air Berlin im November und Dezember finanzieren.

Klagen erwartet

Noch weiter verzögern könnte sich der Prozess, wenn Mitbewerber klagen. Insgesamt sind 16 Angebote eingegangen. Und einige Unterlegene tun ihren Unmut kund. "Es ist unglaublich, in welcher Art und Weise die deutsche Politik die Übernahme der Air Berlin durch die Lufthansa unterstützt hat", zitiert das "Handelsblatt" Niki Lauda. Hans Rudolf Wöhrl beklagt, "dass hier von langer Hand eine einseitige Strategie zugunsten der Lufthansa entwickelt wurde". Und ein Sprecher von Utz Claassen kündigt an: "Wenn das gefingert war, wird es eine gewaschene Kartellklage geben."

Nahrung kriegen die Vorwürfe durch die Aussagen von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD). Beide hatten sich dafür ausgesprochen, dass die Lufthansa-Gruppe große Teile von Air Berlin übernimmt. Obwohl dies auf manchen Routen zu Monopolen und womöglich Preiserhöhungen führen würde.

"Ich erwarte, dass der eine oder andere unterlegene Bewerber klagen wird", sagt Gerald Wissel, Chef des Beratungshauses Airborne Consulting. "Wer überbrückt dann die Zeit? Air Berlin muss weiter fliegen, bis die Deals durch sind. Sonst besteht die Gefahr, dass die Start- und Landerechte verlorengehen." Und gerade auf die kommt es den Bietern an.

"Klagen könnten den Prozess in die Länge ziehen", sagt Pilotenvertreter Wahl. "Da besteht Potenzial für großes Chaos." Aber auch mit den Air-Berlin-Mitarbeitern selbst müssen die neuen Bieter noch verhandeln. Die Gewerkschaften fordern, dass die Airlines sich auf ein Rahmenabkommen einlassen, in dem sie sich verpflichten, eine große Zahl von Piloten, Kabinen- oder Bodenmitarbeitern zu festgelegten Konditionen einzustellen. Die Bieter wollen sich lieber die Kandidaten einzeln herauspicken - und schlechter zahlen: laut Cockpit bei Piloten etwa 30 Prozent weniger.

Umso nervöser ist die Belegschaft. "Die Uhr tickt, und gerade bei den Langstrecken-Kollegen herrscht Angst", erzählt ein Air-Berlin-Pilot. Die erfahrenen A-330-Piloten gelten als teuer und unbequem, und kein Bieter will das Langstreckengeschäft von Air Berlin fortführen. "Die Frage ist", sagt der Pilot, "wie lange die Kollegen ruhig bleiben."

Gebetsmühlenartig beschwört sie das Management, nicht wieder wild zu streiken. Ein Ausstand wie vorvergangene Woche, als massenhafte spontane Krankmeldungen weite Teile des Air Berlin-Flugbetriebs lahmlegten, könne die Verhandlungen scheitern lassen, sagte Kebekus. Seit der Pilotenrevolte raten Geschäftsreisebüros Kunden ab, Air Berlin zu fliegen. Denn niemand weiß, wann die nächsten Chaostage kommen.

Zusammengefasst: Im Rennen um den Kauf der Reste von Air Berlin sind nur noch zwei Bieter: die Lufthansa-Gruppe und Easyjet. Bis zum 12. Oktober will der Generalbevollmächtigte die Verhandlungen mit den Interessenten abschließen; eine große Anzahl von Jobs soll gerettet werden. Aber die tatsächliche Übernahme dürfte sich danach noch monatelang hinziehen - das Geld könnte knapp werden.

insgesamt 13 Beiträge
ctulhu 25.09.2017
1. Überraschung
...oder auch nicht. ...wird noch ein lustiges Nachspiel geben. So offensichtlich fingiert, wie diese feindliche Übernahme, war schon lange kein Übernahmekampf mehr. Spätestens, als die Lufthansa dank Eurowings-Vertreter [...]
...oder auch nicht. ...wird noch ein lustiges Nachspiel geben. So offensichtlich fingiert, wie diese feindliche Übernahme, war schon lange kein Übernahmekampf mehr. Spätestens, als die Lufthansa dank Eurowings-Vertreter aktiv mit entscheiden durfte, wer denn die Air-Berlin bekommt, sollte allen klar gewesen sein - der ganze Prozess ist eine Farce. ...das ganze wird vermutlich in einer echten Insolvenz der Air-Berlin enden. Die Slots werden anschliessend am freien Markt verteilt und gut ist. Alles besser als das sich abzeichnende Lufthansamonopol über allen 4 deutschsprachigen Ländern (in Belgien ist deutsch ebenso Amtssprache ;) .
brooklyner 25.09.2017
2.
Wäre die Lufthansa nicht so bräsig, wie man sie seit Jahren kennt und man sie deshalb als selbstzahlender Mittelständler nicht meiden müsste, wann immer es möglich ist, dann hätte sie vielleicht die gleiche Idee gehabt, die [...]
Wäre die Lufthansa nicht so bräsig, wie man sie seit Jahren kennt und man sie deshalb als selbstzahlender Mittelständler nicht meiden müsste, wann immer es möglich ist, dann hätte sie vielleicht die gleiche Idee gehabt, die Finnair letzte Woche hatte: Man bot Statuskunden von Airberlin einen Wechsel zu Finnair Plus an. Silber, Gold und Platinum wird automatisch Silber - gültig bis Ende September 2018 und wenn man Gold oder Platinum Status hat, kann man bis Ende März für die Hälfte der normalen Meilen den Gold Status erreichen. Dass Lufthansa derart fahrlässig mit der Möglichkeit umgeht, Businessclass Kunden nicht an sich zu binden, zeugt von typischer Schnarchnasigkeit. Ich werde daher in Zukunft meine USA, Asien und Skandinavienflüge direkt mit Finnair machen und den Rest mit anderen oneworld Partnern, ganz sicher aber nicht mit der Lufthansa. Es sei denn, die kommen doch noch auf den Trichter, dass man etwas anbieten muss, wenn man Kunden halten möchte.
postmaterialist2011 26.09.2017
3. Wieso sollte Lufthansa ?
Der Status bei AirBerlin war viel zu einfach zu erreichen, viele hatten sogar einen Platin-Status ausschliesslich mit beruflichen Kreditkartenzahlungen. Ich bin bei AirBerlin auch Platin (den Grossteil erflogen), aber finde [...]
Zitat von brooklynerWäre die Lufthansa nicht so bräsig, wie man sie seit Jahren kennt und man sie deshalb als selbstzahlender Mittelständler nicht meiden müsste, wann immer es möglich ist, dann hätte sie vielleicht die gleiche Idee gehabt, die Finnair letzte Woche hatte: Man bot Statuskunden von Airberlin einen Wechsel zu Finnair Plus an. Silber, Gold und Platinum wird automatisch Silber - gültig bis Ende September 2018 und wenn man Gold oder Platinum Status hat, kann man bis Ende März für die Hälfte der normalen Meilen den Gold Status erreichen. Dass Lufthansa derart fahrlässig mit der Möglichkeit umgeht, Businessclass Kunden nicht an sich zu binden, zeugt von typischer Schnarchnasigkeit. Ich werde daher in Zukunft meine USA, Asien und Skandinavienflüge direkt mit Finnair machen und den Rest mit anderen oneworld Partnern, ganz sicher aber nicht mit der Lufthansa. Es sei denn, die kommen doch noch auf den Trichter, dass man etwas anbieten muss, wenn man Kunden halten möchte.
Der Status bei AirBerlin war viel zu einfach zu erreichen, viele hatten sogar einen Platin-Status ausschliesslich mit beruflichen Kreditkartenzahlungen. Ich bin bei AirBerlin auch Platin (den Grossteil erflogen), aber finde das Finnairangebot lächerlich. Wer viel fliegt ist bei anderen OneWorld Fluggesellschaften sehr viel schneller ein Saphire oder Emerald. Echte Vielflieger haben zudem meist auch schon den Lufthansa Senatorstatus, oder doch zumindest den StarAlliance Goldstatus.
kalim.karemi 26.09.2017
4. ehrlich?
ich habe AB auch daher gemieden wie die Pest, weil man 60 Flüge brauchte um in eine halbwegs brauchbare Lounge zu kommen, bei LH reichte die Hälfte. Dafür gab es bei AB diese lächerlichen besseren Wartebereiche mit harten [...]
Zitat von postmaterialist2011Der Status bei AirBerlin war viel zu einfach zu erreichen, viele hatten sogar einen Platin-Status ausschliesslich mit beruflichen Kreditkartenzahlungen. Ich bin bei AirBerlin auch Platin (den Grossteil erflogen), aber finde das Finnairangebot lächerlich. Wer viel fliegt ist bei anderen OneWorld Fluggesellschaften sehr viel schneller ein Saphire oder Emerald. Echte Vielflieger haben zudem meist auch schon den Lufthansa Senatorstatus, oder doch zumindest den StarAlliance Goldstatus.
ich habe AB auch daher gemieden wie die Pest, weil man 60 Flüge brauchte um in eine halbwegs brauchbare Lounge zu kommen, bei LH reichte die Hälfte. Dafür gab es bei AB diese lächerlichen besseren Wartebereiche mit harten Sesseln und ekligem Aufbrühkaffee. In Frankfurt jedoch nichtmal das.
leserbriefanspon 26.09.2017
5. Ungereimtheiten
Es wurde berichtet, dass die aufgrund der Insolvenz gedeckelten Spitzengehälter (>6350€) der AirBerlin aus dem 150 Mio - Kredit aufgestockt werden und dies bis zu 10 Mio/Monat ausmacht. Meinem Kind stehen nach EU Verordnung [...]
Es wurde berichtet, dass die aufgrund der Insolvenz gedeckelten Spitzengehälter (>6350€) der AirBerlin aus dem 150 Mio - Kredit aufgestockt werden und dies bis zu 10 Mio/Monat ausmacht. Meinem Kind stehen nach EU Verordnung aufgrund einer Verspätung vor der Insolvenz 400 Euro zu. Es wird wohl nichts erhalten.

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