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Wirtschaft

Air-Berlin-Zerschlagung

Lufthansa-Billigtochter wirbt erste Piloten ab

Eurowings rüstet sich für die Übernahme Dutzender Air-Berlin-Flugzeuge: Die Billigtochter der Lufthansa hat bereits Piloten der insolventen Konkurrentin eingestellt - die Gewerkschaft ist sauer.

DPA

Flugzeuge von Air Berlin und Eurowings in Stuttgart

Freitag, 29.09.2017   18:58 Uhr

Bereits seit mehr als einem Monat wirbt die Lufthansa-Billigtochter Eurowings mit Stellenausschreibungen um Crews der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin - mit Erfolg. Inzwischen hat Eurowings die ersten Piloten eingestellt, wie viele es genau sind, teilte das Unternehmen aber nicht mit. Als Größenordnung für die erste Phase von Abwerbungen waren nach SPIEGEL-Informationen zunächst 200 Piloten und 400 Flugbegleiter geplant.

Offenbar haben aber weit mehr Crewmitglieder von Air Berlin Interesse an einem raschen Wechsel. Bislang habe man annähernd 2000 Bewerbungen von Piloten und Flugbegleitern erhalten, sagte Eurowings-Geschäftsführer Michael Knitter. "Die Resonanz auf diese erste Ausschreibungswelle übertrifft all unsere Erwartungen." Ein Air-Berlin-Pilot hatte während des wilden Pilotenstreiks vor zwei Wochen bereits davon gesprochen, dass Eurowings viele Bewerber durchfallen lasse.

Eurowings will im Bieterverfahren bis zu 81 zusätzliche Flugzeuge der Air Berlin übernehmen. Das wäre ein gewaltiges Wachstum für die Fluggesellschaft. 31 Airbus-Maschinen sind bereits samt Besatzungen von Air Berlin an die Eurowings vermietet.

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Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) kritisierte die Abwerbungen und die Arbeitsbedingungen beim neuen Arbeitgeber. Die neuen Piloten sollen Arbeitsverträge bei der österreichischen Gesellschaft Eurowings Europe erhalten, werden aber an deutschen Flughäfen stationiert - zuerst in München. Die Tarifbedingungen entsprächen denen der deutschen Eurowings GmbH, versicherte ein Unternehmenssprecher.

Eigentlich hatten VC und andere Gewerkschaften geregelte Betriebsübergänge für das Personal der Air Berlin gefordert. Hintergrund ist eine ungekündigte Tarifvereinbarung mit VC, wonach die Düsseldorfer Eurowings-Tochter nur 23 Mittelstreckenjets zu den aktuellen Bedingungen betreiben darf. In Verhandlungen habe man sich nicht auf neue Konditionen einigen können, teilte die VC mit.

Die Gehaltstarife der Eurowings Europe in Wien liegen laut VC-Sprecher Markus Wahl zehn bis 20 Prozent unter denen der deutschen Teilgesellschaft. Es werde nun deutlich, dass der Lufthansa-Konzern die Leute nur "maximal billig" anstellen wolle. Das könne auch der Bundesregierung nicht egal sein, die mit ihrem Überbrückungskredit von 150 Millionen Euro nicht zuletzt deutsche Arbeitsplätze habe sichern wollen. "Was jetzt kommt, ist nicht das, was sich die Bundesregierung und wir uns vorgestellt haben", sagte Wahl.

Wie aus dem nun auf der Investoren-Website veröffentlichtem Quartalsbericht hervorgeht, hat Air Berlin von April bis Juni dieses Jahres noch einmal höhere Verluste gemacht als im Vorjahr. Das Minus lag bei 140,5 Millionen Euro, im vergangenen Jahr waren es noch 89,1 Millionen Euro gewesen. Der Umsatz sank von 970,6 Millionen Euro auf 880,7 Millionen Euro. Zuvor hatte Air Berlin die Vorlage der Quartalszahlen mehrfach verschoben.

Die Lufthansa ersetzt de facto gestrichene Air-Berlin-Verbindungen: Die größte deutsche Fluggesellschaft teilte mit, ab sofort mehr Flüge zwischen München und Hamburg sowie München und dem Flughafen Köln/Bonn anzubieten. Als Grund wurde die hohe Nachfrage genannt. Zuvor hatte Air Berlin mitgeteilt, von diesem Freitag an die Verbindungen auf diesen beiden Strecken zu streichen.

fdi/dpa

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