Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Übernahme durch Lufthansa

Was jetzt aus Air Berlin wird

Air Berlin geht zu großen Teilen an Lufthansa. Darauf haben sich die Unternehmen geeinigt. Was bedeutet das für Mitarbeiter und Fluggäste - und welche Fragen sind noch offen? Der Überblick.

DPA

Schalter von Air Berlin und Lufthansa

Von
Donnerstag, 12.10.2017   18:59 Uhr

Die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin hat sich mit Lufthansa über den Verkauf großer Unternehmensteile geeinigt: Die Übernahme beinhaltet den österreichischen Ableger Niki mit rund 30 Flugzeugen, die Regionaltochter LG Walter sowie 20 weitere Maschinen von Air Berlin Chart zeigen. Laut Air Berlin will Lufthansa 210 Millionen Euro zahlen. Der Preis könne sich aber noch ändern. Die Folgen für Air Berlin im Überblick:

Was heißt die Übernahme für Air Berlin?

Mit der Zerschlagung der Air-Berlin-Gruppe verschwindet schon bald die Marke Air Berlin. Der letzte Flug mit Flugnummer AB 6210 soll am Abend des 27. Oktober von München nach Berlin gehen. Was mit den weiteren Unternehmesteilen passiert, ist derweil offen: Mit dem Interessenten Easyjet verhandelt Air Berlin weiter. Die britische Fluglinie hatte für Dutzende weitere Maschinen vor allem mit Standort Berlin geboten, um ihr Geschäft auf dem innerdeutschen Markt auszubauen. Condor könnte ebenfalls noch Interesse haben, Teile von Air Berlin zu übernehmen. Auch die Zukunft der Technik- und der Luftfrachtsparte soll sich erst kommende Woche entscheiden, dann läuft die Bieterfrist für diese Unternehmensteile ab.

Was wird aus den Mitarbeitern?

Von den rund 8000 Mitarbeitern hätten 80 Prozent die Chance auf einen neuen Job, hatte Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann behauptet. Vor allem die 2500 bis 3000 Mitarbeiter im Flugbetrieb haben laut dem Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt gute Chancen, übernommen zu werden - die Flugzeuge müssten ja geflogen werden. Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte von 3000 Mitarbeitern gesprochen, die sein Unternehmen einstellen wolle. Die Beschäftigten der nicht insolventen Teilgesellschaften werden laut Konzernkreisen direkt übernommen. Erste Piloten für die Lufthansa-Tochter Eurowings wurden zudem bereits abgeworben. Laut dem Sprecher der Piloten-Gewerkschaft Cockpit, Markus Wahl, drohen dort Lohneinbußen von 30 bis 40 Prozent. "Das hat mit sozialer Verantwortung nichts zu tun", sagte er.

Für das Bodenpersonal sieht es laut Großbongardt besonders schlecht aus: "Die Zahl der Mitarbeiter, die man da braucht, wächst nicht proportional mit der Größe der Flotte", sagt er. Er schätzt, dass allein dort 1500 bis 2000 Mitarbeiter ihren Job verlieren könnten. Die Arbeitsmarktlage sei in der Branche aber grundsätzlich gut.

Welche Probleme gibt es?

Der Übernahme müssen Kartellbehörden und Gläubiger noch zustimmen. "Die kartellrechtliche Prüfung steht noch aus. Die Europäische Kommission wird sich das sehr genau ansehen", sagte der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, dem SPIEGEL. "Wir werden das dortige Verfahren begleiten", kündigte er an. Brüssel ist zuständig, weil der Jahresumsatz der Beteiligten fünf Milliarden Euro übersteigt - allein bei der Lufthansa waren es 2016 knapp 32 Milliarden Euro. Spohr plant, auf bestimmten Strecken eine interne Konkurrenz mit Eurowings zu organisieren. Ob das funktioniert ist fraglich.

Foto: REUTERS

"Konzerne werden aus kartellrechtlicher Sicht als ein Unternehmen angesehen", warnte Rechtsanwalt Martin Gramsch von der Kanzlei Simmons & Simmons. "Es hat bislang in Europa keine Übernahme gegeben, bei der die Kartellbehörden keine Auflagen erteilt hätten", ergänzt Großbongardt. Es könne sein, dass Lufthansa einzelne Start- und Landerechte Konkurrenten überlassen muss. "Die Auflagen werden umso geringer ausfallen, je höher der Anteil von Easyjet wird", sagte er. Ein Monopol - und damit auch höhere Ticketpreise - drohe vor allem auf innerdeutschen Strecken, wo Lufthansa und Air Berlin die einzigen Anbieter sind. Auf internationalen Verbindungen gebe es noch zahlreiche andere Airlines.

Was heißt die Übernahme für die Fluggäste?

Nach aktuellem Stand würden sämtliche Tickets nach dem 28. Oktober verfallen, sagte Felix Methmann vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Mehr als 200.000 Passagiere sind betroffen. Die Kunden hätten zwar Anspruch auf Erstattung oder Schadenersatz, sagte Methmann. Den beim Insolvenzverwalter einzuklagen, sei aber schwierig: "Es gibt noch andere Gläubiger wie Etihad, die mehr als eine Milliarde Euro zurückfordern könnten. Wenn man da als Fluggast ein Ticket für 300 Euro gekauft hat, könnten am Ende nur Centbeträge rausspringen, wenn überhaupt", sagte der Reiserechtsexperte.

Kunden, die direkt bei Air Berlin gebucht haben, könnten laut Methmann ohne Flug und Geld dastehen. Dass Air-Berlin-Tickets von Lufthansa anerkannt würden, sei unwahrscheinlich. Lufthansa wolle in erster Linie Flugzeuge kaufen. Die Insolvenz offenbart laut dem Verbraucherschützer "einen Skandal, der Branche und Politik bekannt ist". Seit Langem werde eine Insolvenzversicherung für Flugbuchungen gefordert. "Wenn man sie flächendeckend und verpflichtend einführt, würde ein Ticket im Schnitt gerade mal fünf oder zehn Euro teurer werden." (Lesen Sie hiermehr über die Folgen für Verbraucher.)

Wie reagieren die Finanzmärkte?

Vor dem Notartermin hatte Lufthansa-Chef Spohr von einem "großen Tag" gesprochen, den er mit der Unterschrift besiegeln wolle - durch den Kauf der Air Berlin-Teile stärkt er seine Tochter Eurowings. An der Börse legten die Werte von Lufthansa und Air Berlin daraufhin deutlich zu. Lufthansa-Aktien kletterten zeitweise um 3,2 Prozent auf 25,34 Euro - auf den höchsten Stand seit Anfang 2001. Die Investmentbanken Bernstein und HSBC prognostizierten einen Kursanstieg auf bis zu 30 Euro. Die Papiere der Air Berlin legten um fast die Hälfte auf 23 Cent zu.

Was passiert mit dem Staatskredit?

Allein von April bis Juni hatte Air Berlin laut Quartalsbericht 140,5 Millionen Euro Verlust gemacht, im gleichen Zeitraum 2016 waren es "nur" 89,1 Millionen Euro. Nur durch einen umstrittenen, von der EU-Kommission aber gebilligten Staatskredit über 150 Millionen Euro konnte der Flugbetrieb bis zum Verkauf aufrechterhalten werden. Mit dem Verkauf sollte Air Berlin in der Lage sein, diese Schulden zu begleichen. Großbongardt geht davon aus, dass das Steuergeld nun privilegiert zurückgezahlt wird: "Die Lufthansa wird von der Summe den Anteil zurückführen, zu dem sie nun auch Anteile übernimmt", sagt er. Den Rettungskredit verteidigt er, da die Kosten einer staatlichen Rückholung gestrandeter Passagiere noch höher seien.

Wir stemmt die Lufthansa die Übernahme?

Um die Teile Air Berlins in den eigenen Betrieb zu integrieren, braucht Lufthansa nach eigenen Angaben mindestens ein halbes Jahr. "Wir werden das irgendwie hinbekommen", sagte Konzernchef Spohr. Das werde aber nicht ohne "Ruckeleien" gehen. Man habe Piloten aus dem Urlaub zurückgeholt - und fliege innerhalb Deutschlands auch mit Jumbo-Jets, um alle Passagiere aufnehmen zu können, die durch den Wegfall der Air Berlin nun zu der Fluggesellschaft wechseln. Tausende Mitarbeiter müssten eingestellt werden, die Übertragung der Flugzeuge beim Luftfahrtbundesamt sei aufwendig.

Mit Material von dpa und Reuters

Nachruf auf Air Berlin: Einfach eine Nummer zu groß

insgesamt 20 Beiträge
Hans58 12.10.2017
1.
Aus Air Berlin wird Lufthansa und Air Berlin wird Geschichte werden. Sonst wird aus Air Berlin nichts.
Aus Air Berlin wird Lufthansa und Air Berlin wird Geschichte werden. Sonst wird aus Air Berlin nichts.
oschn 12.10.2017
2. Bahn
Dann wird das Bahnfahren vielleicht mal wieder attraktiver. Paris-Barcelona in 6,5 Stunden. Wie will man das mit dem Flugzeug schaffen? (mit Einsteigezeit und Puffer, Anfahrt zum Flughafen)
Dann wird das Bahnfahren vielleicht mal wieder attraktiver. Paris-Barcelona in 6,5 Stunden. Wie will man das mit dem Flugzeug schaffen? (mit Einsteigezeit und Puffer, Anfahrt zum Flughafen)
jens10777 12.10.2017
3. Schade
Das wird innerdeutsche Flüge extrem verteuern. Dann wird das morgen wohl mein letzter Flug München-Berlin. Denn Lufthansa hat jetzt schon hast 3 Fache Preise aufgerufen. Aber die Bahn fährt ja ab Dezember Berlin-München auch [...]
Das wird innerdeutsche Flüge extrem verteuern. Dann wird das morgen wohl mein letzter Flug München-Berlin. Denn Lufthansa hat jetzt schon hast 3 Fache Preise aufgerufen. Aber die Bahn fährt ja ab Dezember Berlin-München auch in 4 Stunden. Wenigsten eine Alternative.
o.schork 12.10.2017
4. Gefällt mir nicht.
Das Ganze geht ziemlich schnell und offensichtlich wird hier Rosinenpickerei betrieben. Jeder der Käufer sollte auch einen Teil der Lasten tragen müssen. Egal ob Personal, Topbonus oder sonstige Verpflichtungen.
Das Ganze geht ziemlich schnell und offensichtlich wird hier Rosinenpickerei betrieben. Jeder der Käufer sollte auch einen Teil der Lasten tragen müssen. Egal ob Personal, Topbonus oder sonstige Verpflichtungen.
sail118 12.10.2017
5. eben
und weil das so ist, werden die Preise nicht in den Himmel wachsen, weil der Wettbewerb nämlich nicht Air Berlin hieß, sondern Bahn und Flixbus. Jeder Kunde kann ja auswählen was er will. Es gibt kein Menschenrecht [...]
Zitat von jens10777Das wird innerdeutsche Flüge extrem verteuern. Dann wird das morgen wohl mein letzter Flug München-Berlin. Denn Lufthansa hat jetzt schon hast 3 Fache Preise aufgerufen. Aber die Bahn fährt ja ab Dezember Berlin-München auch in 4 Stunden. Wenigsten eine Alternative.
und weil das so ist, werden die Preise nicht in den Himmel wachsen, weil der Wettbewerb nämlich nicht Air Berlin hieß, sondern Bahn und Flixbus. Jeder Kunde kann ja auswählen was er will. Es gibt kein Menschenrecht auf einen nicht kostendeckenden Flugtarif....

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP