14.04.2011
Vulkan-Planspiel der EU
Das Grauen heißt Grimsvötn
Von David Böcking
Vulkanausbruch am Eyjafjallajökull-Gletscher: "Das Chaos würde wieder genauso passieren"
Hamburg - Die Gefahr verbirgt sich mal wieder hinter einem putzigen Namen. Grimsvötn heißt der Vulkan, der am Mittwoch auf Island ausgebrochen ist - ein Jahr nachdem eine Eruption am isländischen Gletscher Eyjafjallajökull weite Teile des europäischen Flugverkehrs lahmlegte.
Bislang spuckt der Grimsvötn aber nur virtuelles Feuer. Sein Ausbruch ist Teil einer Simulation, mit der die EU testet, ob sich ein Chaos wie 2010 wiederholten könnte. Die Tests laufen noch bis Donnerstagabend, ihre Ergebnisse werden sogar erst im Juni präsentiert. Doch eines lässt sich jetzt schon sagen: Gebannt ist die Gefahr keineswegs.
Zwar wurden nach dem Eyjafjallajökull-Ausbruch allerlei Arbeitsgruppen gebildet und Krisenpläne aufgestellt. Die EU sei nun wesentlich besser vorbereitet als vor einem Jahr, sagt Verkehrskommissar Siim Kallas. Aber die Kommission muss auch einräumen, dass sie in der entscheidenden Frage bislang kaum weitergekommen ist. "Die Arbeit an einem einheitlichen Grenzwert für ein Flugverbot erweist sich als äußerst anspruchsvoll."
Gerade die Frage der Grenzwerte hatte 2010 für große Verwirrung und massiven Streit gesorgt. Denn vor einem Jahr gab es keinerlei Vorgaben, bis zu welcher Aschekonzentration Flugzeuge starten durften. Erst kurz nach dem Ausbruch wurde ein Grenzwert von zwei Milligramm pro Kubikmeter festgelegt. Zuvor hatte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) bereits wiederholt Flugverbote verhängt, die von den Fluggesellschaften heftig kritisiert wurden.
Mittlerweile zeigt sich: Der Protest der Airlines war offenbar berechtigt. Laut einer Anfang der Woche veröffentlichten Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wurde der Grenzwert an keinem Tag überschritten. Fünf Tage nach dem Ausbruch lag er bei gerade einmal 0,2 Milligramm - also einem Zehntel des zulässigen Wertes.
"Viele Ankündigungen, wenig geschehen"
Bei der Lufthansa
will man den Streit mit dem Verkehrsministerium zwar nicht wieder aufwärmen. Dafür ist die Kritik an den bisherigen Reaktionen der EU aber deutlich. "Es gab viele Ankündigungen, geschehen ist wenig", sagt ein Sprecher. Das entscheidende Problem vor einem Jahr sei das Fehlen verbindlicher Messdaten gewesen. "Das sehen wir bis heute nicht gelöst."
Deutlich undiplomatischer äußert sich die Vereinigung der Europäischen Fluggesellschaften (AEA). "Das Chaos würde wieder genauso passieren", sagt ein Sprecher. Die europäische Flugsicherheitsbehörde Eurocontrol sei nicht mehr als "eine bürokratische Quasselbude auf überstaatlicher Ebene".
Tatsächlich liest sich die bisherige Bilanz der EU-Verantwortlichen nicht gerade berauschend. Zwar gibt es inzwischen verbesserte Messsysteme und eine Einteilung in drei Risikozonen. Ob und ab wann aber der Luftraum gesperrt wird, bleibt weiter eine Entscheidung der jeweiligen Länder.
Eine einheitliche Koordinierung könnte erst der seit langem geplante einheitliche europäischen Luftraum bringen, der sogenannte Single European Sky. Doch das Projekt kommt seit Jahren nur schleppend voran. So müssen in einem ersten Schritt die 27 Lufträume der EU zu neun Blöcken zusammengefasst werden. Bislang gibt es jedoch nur drei Einheiten - eine davon bildet Deutschland gemeinsam mit Frankreich, der Schweiz und den Benelux-Ländern. Die übrigen Blöcke sollen laut Kommission bis Ende 2012 gebildet sein.
Ob auch die bisherigen EU-Regeln bereits für eine bessere Reaktion auf einen Vulkanausbruch sorgen, soll nun im direkten Vergleich das Planspiel zeigen. Am Mittwoch setzten die Beteiligten, zu denen neben EU-Kommission, Eurocontrol und nationalen Aufsichtsbehörden auch 70 Fluggesellschaften gehören, zunächst die Vorschriften der einzelnen Länder um. Am zweiten Tag erproben sie dann einen sogenannten "harmonisierten europäischer Ansatz".
Parallele zu E10
Selbst eine verbesserte Flugaufsicht reicht aus Sicht der Airlines aber noch nicht aus. Ähnlich wie Autofahrer, die von Herstellern derzeit Unbedenklichkeitsnachweise zum neuen Bio-Kraftstoff E10 fordern, wollen die Fluglinien von Triebwerksherstellern die Zusage, dass unter dem Messwert von zwei Milligramm tatsächlich kein Schaden für ihre Maschinen droht. Auch die Frage der Schadensersatzansprüche von Passagieren müsse geklärt werden, heißt es bei der Lufthansa. "Irgendwo muss eine Linie gezogen werden, bis wo die Airlines verantwortlich sind."
Viel Zeit für Planspiele könnte den Verantwortlichen ohnehin nicht bleiben. Der Grimsvötn zeigt Anzeichen erhöhter Aktivität. Laut dem Würzburger Geophysiker Bernd Zimanowski ist ein realer Ausbruch des Grimsvötn "überfällig". Schon im Spätsommer oder Herbst könnte der Vulkan Asche spucken. "Wenn der Wind ungünstig steht", warnt der Forscher "gibt es denselben Zirkus wieder."
Mit Material von dpa und dapd
