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24.04.2011
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Energiewende

Netzagentur-Chef warnt vor Blackout-Panik

Strommasten: Hysterische Debatte um Netzausbau
DPA

Strommasten: Hysterische Debatte um Netzausbau

Neun Atomkraftwerke sind abgeschaltet, jetzt schüren Energielobbyisten Ängste vor dem großen Netzzusammenbruch - für Matthias Kurth eine Phantomdebatte. Im Interview warnt der Chef der Bundesnetzagentur vor Panikmache und erklärt, wie Deutschland die Energiewende schafft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kurth, derzeit fragen sich viele Menschen, ob unsere Stromversorgung durch das Atommoratorium der Bundesregierung bedroht ist. Wie finden Sie die Blackout-Debatte?

Kurth: Oft oberflächlich und interessengeleitet.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Angst vor dem großen Blackout nur ein Hirngespinst?

Kurth: Sie hat durchaus einen berechtigten Hintergrund. Aber die Art, wie über das Thema Versorgungssicherheit diskutiert wird, ist oft nicht hilfreich. Wir haben gerade einmal erste Daten gesammelt, welche Effekte der gleichzeitige Stillstand von acht Atomkraftwerken auf die Stromversorgung hat.

SPIEGEL ONLINE: So viel Unsicherheit trägt sicher nicht dazu bei, die Menschen zu beruhigen.

Kurth: Es wäre auch fatal, sich jetzt einfach zurückzulehnen und zu sagen: "Das wird schon alles." Meines Wissens wurde in Deutschland noch nie so viel zuverlässig abrufbarer Strom so schnell vom Netz abgeklemmt. Unsere Energieversorgung beruht zumindest für absehbare Zeit auf weniger Erzeugung. Jetzt aber in Panik zu verfallen, bringt nichts. Netz- und Kraftwerksbetreiber müssen analytisch und konsequent auf die neue Lage reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Droht nun ein Blackout in Deutschland oder nicht?

Kurth: Nein. Nach allem, was unsere Erhebungen ergeben haben, sind die Effekte des Moratoriums auf die Netze beherrschbar. Verantwortungsvolles und umsichtiges Handeln ist allerdings mehr denn je gefragt.

FOTOSTRECKE

Grafiken: Wie das Moratorium die Stromnetze belastet
SPIEGEL ONLINE: E.on-Chef Johannes Teyssen und RWE-Boss Jürgen Großmann warnen vor dem Netzkollaps. Ist das verantwortungsvoll?

Kurth: Die Angst vor dem Blackout zu nutzen, halte ich für wenig zielführend. Sowohl technisch als auch rechtlich gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Kraftwerke anzuweisen und zu steuern, um einen Netzausfall zu verhindern.

SPIEGEL ONLINE: Diese Möglichkeiten zu benennen, ist auch Ihr Job, Herr Kurth. Was ist das größte Problem, das durch die Ausknips-Aktion der Regierung entsteht?

Kurth: Zum Beispiel muss die sogenannte Blindleistung im gesamten deutschen Netz erhalten bleiben. Das heißt: Es muss immer und überall eine ortsnahe Erzeugungskapazität gesichert sein, damit Strom ungehindert fließen kann.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist dieser Zustand bedroht?

Kurth: Atomkraftwerke sind für die Blindleistung gut geeignet. Nun wurden vor allem im Süden Meiler vom Netz genommen. Kohle- und Gaskraftwerke müssen einspringen. Doch gerade im Süden stehen sie kurzfristig nicht so zahlreich als adäquater Ersatz bereit.

SPIEGEL ONLINE: Für die Betreiber von Kohlekraftwerken ist es obendrein ein Alptraum, dass sie jetzt die Netze stabilisieren müssen. Sie verkaufen durch den schwankenden Betrieb oft weniger Strom, verdienen also weniger Geld.

Kurth: Die Stabilität des Netzes hat absoluten Vorrang. Falls die nötige Kraftwerkleistung vorhanden ist, kann deren Schaltung im Bedarfsfall angeordnet werden. Die Kosten sind dann allerdings auch von den Verbrauchern zu tragen.

SPIEGEL ONLINE: Bislang sind die Netze stabil. Bleibt das so?

Kurth: Bestimmte Belastungssituationen müssen rechtzeitig analysiert werden, um vorbeugende Schritte festzulegen. Zum Beispiel im Sommer im Großraum Hamburg: Die Meiler Krümmel und Brunsbüttel sind wegen Reparaturen vom Netz, das AKW Unterweser wegen des Moratoriums. Jetzt soll auch noch der Meiler Brokdorf vom 11. bis zum 30. Juni in Revision. Die Netzstabilität ist dadurch gefährdet.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Kurth: Man könnte versuchen, Revisionen auf die Zeit nach dem Moratorium zu verschieben oder andere Zu- und Abschaltungen von Kraftwerken erwägen. Es ist wichtig, dass wir derartige Situationen schon jetzt bewerten.

SPIEGEL ONLINE: Versorgungssicherheit gegen Reaktorsicherheit - das ist nicht wirklich ein guter Tausch.

Kurth: Nicht jede verschobene Revision gefährdet die Sicherheit. Den Wechsel von Brennelementen etwa kann man verzögern, indem man Kraftwerke weniger auslastet oder andere Kraftwerke mobilisiert.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem - ist das nicht zu kurz gedacht? Immerhin ist davon auszugehen, dass fünf bis acht AKW nach dem Moratorium komplett stillgelegt werden. Ewig können Sie Revisionen nicht hinausschieben.

FOTOSTRECKE

Grafiken: Deutschlands Energiewirtschaft
Kurth: Nein, aber es kommen auch andere Maßnahmen zur Netzstabilisierung in Betracht. So könnten einige längst eingemottete Kohlekraftwerke wiederbelebt werden, um die Stromnetze zu stabilisieren. Das Wiederanfahren dauert allerdings einige Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Klingt auch nicht besonders toll. Jetzt wollen Sie uralte CO2-Schleudern wiederbeleben, um aus der Kernkraft auszusteigen.

Kurth: Es geht nicht um ideale Lösungen, sondern darum, Schwankungen in den Netzen so lange auszugleichen, bis modernere neue Kraftwerke diese Aufgabe übernehmen. 2011 und 2012 gehen bereits einige ans Netz.

SPIEGEL ONLINE: Aber nur, wenn alles glattläuft. Nach SPIEGEL-Informationen verzögert sich der Bau mehrerer Kohlekraftwerke.

Kurth: Solche Probleme gilt es rasch zu beheben. Der Bau moderner Kraftwerke - vor allem moderner Gaskraftwerke - muss so weit wie möglich beschleunigt werden. Nur so kann der Atomausstieg funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Durch die erhöhten Stromflüsse ist in den Leitungen weniger Platz, um Ökostrom aus dem windreichen Norden in den stark industrialisierten Süden des Landes zu transportieren. Wie begegnet man diesem Problem?

Kurth: Zum einen wird zurzeit mehr Strom über Tschechien und Frankreich nach Deutschland geleitet. Zum anderen müssen Windräder bei Netzengpässen wohl in Zukunft weit öfter vom Netz abgeklemmt werden. Das ist für uns als Stromkunden ärgerlich, denn wir müssen den nichtabgenommenen Ökostrom trotzdem bezahlen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt nach Verschwendung.

Kurth: In der Tat. Um diese zu verhindern, müssen rasch zahlreiche neue Stromleitungen gebaut werden, durch die der zusätzliche Windstrom dann fließen kann.

SPIEGEL ONLINE: Es wird viel darüber diskutiert, dass Deutschlands Stromimporte gestiegen sind (siehe Grafiken oben). Ist durch das Moratorium eine Stromlücke entstanden?

Kurth: Nein, alle deutschen Kraftwerke produzieren ohne die acht abgeschalteten Meiler noch immer etwas mehr Strom als Deutschland insgesamt verbraucht. Dass wir teilweise Elektrizität auch importieren, hat wirtschaftliche Gründe: Strom wird dort eingekauft, wo er am günstigsten ist. Das kann auch mal Frankreich oder Tschechien sein.

SPIEGEL ONLINE: Lobbyisten sagen, dass der Strompreis durch den Atomausstieg stark steigt. Aber stimmt das?

Kurth: Die Auswirkungen des Moratoriums auf den Strompreis sind zurzeit nicht dramatisch. Ob sich das ändert, hängt von einer Fülle von Variablen ab, die schwer abschätzbar sind. Seriöse Berechnungen dazu sind derzeit noch nicht möglich.

Das Interview führte Stefan Schultz

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insgesamt 281 Beiträge
1. ot
Gast100100 24.04.2011
Herr Kurth widerspricht sich, wenn er die Blackout-Gefahr herunterspielt: SPIEGEL ONLINE: Diese Möglichkeiten zu benennen, ist auch Ihr Job, Herr Kurth. Was ist das größte Problem, das durch die Ausknips-Aktion der Regierung [...]
Herr Kurth widerspricht sich, wenn er die Blackout-Gefahr herunterspielt: SPIEGEL ONLINE: Diese Möglichkeiten zu benennen, ist auch Ihr Job, Herr Kurth. Was ist das größte Problem, das durch die Ausknips-Aktion der Regierung entsteht? Kurth: Zum Beispiel muss die sogenannte Blindleistung im gesamten deutschen Netz erhalten bleiben. Das heißt: Es muss immer und überall eine ortsnahe Erzeugungskapazität gesichert sein, damit Strom ungehindert fließen kann. SPIEGEL ONLINE: Warum ist dieser Zustand bedroht? Kurth: Atomkraftwerke sind für die Blindleistung gut geeignet. Nun wurden vor allem im Süden Meiler vom Netz genommen. Kohle- und Gaskraftwerke müssen einspringen. Doch gerade im Süden stehen sie kurzfristig nicht so zahlreich als adäquater Ersatz bereit
2. Verschiebebahnhof kaschiert Stromimporte
enlightenment 24.04.2011
Augenwischerei! Der folgende Satz deutet die Wahrheit an: > Kurth: Zum einen wird zur Zeit mehr Strom > über Tschechien und Frankreich nach Deutschland geleitet. Es ist schlicht nicht wahr, dass hier Strom [...]
Zitat von sysopNeun Atomkraftwerke sind abgeschaltet, jetzt schüren Energielobbyisten Ängste vor dem großen Netzzusammenbruch - für Matthias Kurth eine Phantomdebatte.*Im Interview*warnt der Chef der Bundesnetzagentur vor Panikmache und erklärt, wie Deutschland die Energiewende schafft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,758403,00.html
Augenwischerei! Der folgende Satz deutet die Wahrheit an: > Kurth: Zum einen wird zur Zeit mehr Strom > über Tschechien und Frankreich nach Deutschland geleitet. Es ist schlicht nicht wahr, dass hier Strom "geleitet" würde. Vielmehr läuft es physikalisch so: Norddeutschland liefert Strom an Frankreich und Tschechien. Dafür liefern Frankreich und Tschechien ihren Atomstrom nach Süddeutschland. Weil es ein Verschiebebahnhof ist, gilt es dann nicht als Stromimport. Aber klar ist: Ohne die Atomkraftwerke um uns herum gingen bei uns die Lichter aus. Da sollte sich niemand in die Tasche lügen.
3. Panik wurde vorher schon betrieben
Moebius07 24.04.2011
Herr Kurth als SPD-Mitglied sollte nicht vergessen, das es gerade seine Partei, die Grünen und Greenpeace waren, die Panikmache vor einem Super-GAU betrieben haben. Wenn jetzt die Gegenseite vor einem Netzzusammenbruch in Folge [...]
Zitat von sysopNeun Atomkraftwerke sind abgeschaltet, jetzt schüren Energielobbyisten Ängste vor dem großen Netzzusammenbruch - für Matthias Kurth eine Phantomdebatte.*Im Interview*warnt der Chef der Bundesnetzagentur vor Panikmache und erklärt, wie Deutschland die Energiewende schafft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,758403,00.html
Herr Kurth als SPD-Mitglied sollte nicht vergessen, das es gerade seine Partei, die Grünen und Greenpeace waren, die Panikmache vor einem Super-GAU betrieben haben. Wenn jetzt die Gegenseite vor einem Netzzusammenbruch in Folge von Abschaltungen warnt, ist es das gleiche gute Recht in einer Demokratie. Mir hat bis heute noch niemand plausibel von der Antienergielobbyisten erklärt, wie der schnelle Wegfall der Atomenergie aufgefangen werden soll. Insofern ist die Warnung vor einem Netzzusammenbruch gar nicht so abwägig...
4. Blackout
Zyklotron 24.04.2011
Ein Blackout wird eher auftreten, weil die Netzbetreiber die Infrastruktur ihrer Netze sträflich vernachlässigen, die Wartung verschlampen und sich nicht gegen Katastrophen absichern. Ein Winter hat bereits gezeigt, was er mit [...]
Ein Blackout wird eher auftreten, weil die Netzbetreiber die Infrastruktur ihrer Netze sträflich vernachlässigen, die Wartung verschlampen und sich nicht gegen Katastrophen absichern. Ein Winter hat bereits gezeigt, was er mit Strommasten anstellt. Und auch in Deutschland musste die Feuerwehr schon zu brennenden Atomkraftwerksequipment ausrücken. Ein starker Ausbruch auf der Sonnenoberfläche und die daraus resultierenden EM-Störungen des Erdmagnetfeldes könnte die europäischen Stromnetze lahmlegen. Die Betreiber sichern nicht ab. In den USA ist so etwas bereits geschehen. Nordeuropa hat damit naturgegeben auch schon Erfahrungen.
5. Mainstream
Lobesamen 24.04.2011
Herr Kurth versucht halt reichlich ungeschickt, sich einem naiven Mainstream anzupassen, der da sagt: wer vor Blackout warnt, wenn die Atommeiler abgeschaltet werden, ist ein schlechter Mensch oder noch viel, viel schlimmer, ein [...]
Zitat von Gast100100Herr Kurth widerspricht sich, wenn er die Blackout-Gefahr herunterspielt: SPIEGEL ONLINE: Diese Möglichkeiten zu benennen, ist auch Ihr Job, Herr Kurth. Was ist das größte Problem, das durch die Ausknips-Aktion der Regierung entsteht? Kurth: Zum Beispiel muss die sogenannte Blindleistung im gesamten deutschen Netz erhalten bleiben. Das heißt: Es muss immer und überall eine ortsnahe Erzeugungskapazität gesichert sein, damit Strom ungehindert fließen kann. SPIEGEL ONLINE: Warum ist dieser Zustand bedroht? Kurth: Atomkraftwerke sind für die Blindleistung gut geeignet. Nun wurden vor allem im Süden Meiler vom Netz genommen. Kohle- und Gaskraftwerke müssen einspringen. Doch gerade im Süden stehen sie kurzfristig nicht so zahlreich als adäquater Ersatz bereit
Herr Kurth versucht halt reichlich ungeschickt, sich einem naiven Mainstream anzupassen, der da sagt: wer vor Blackout warnt, wenn die Atommeiler abgeschaltet werden, ist ein schlechter Mensch oder noch viel, viel schlimmer, ein unverbesserlicher, betonköpfiger Atomlobbyist.

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