17.08.2011
Arznei-Überdosis
Supermedizin treibt Gesundheitskosten in die Höhe
Von Stefan SchultzHamburg - Sie haben futuristische Namen wie Humira oder Avastin. Darin klingt ein Versprechen mit: Es gibt Hoffnung. Deine Krankheit kann behandelt werden. Auch wenn sie noch so schwer oder selten ist. Auch dann noch, wenn konventionelle Arzneien versagen.
Avastin oder Humira gehören zu den sogenannten Spezialpräparaten. Diese biotechnologisch hergestellten Medikamente setzen dort an, wo die chemischen Arzneien ihre Grenzen erreichen. Während herkömmliche Pillen etwa bei Autoimmunerkrankungen nur die Symptome behandeln, bekämpfen sie die Ursachen. Wo es keine Pillen für Patienten mit besonders seltenen Krankheiten gibt, sollen sie Linderung schaffen.
Das klingt wie ein Segen. Doch viele Experten begreifen es als Fluch. Denn die Spezialpräparate erhöhen die Kosten im Gesundheitssystem massiv. Bereits jetzt - obwohl ihre Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Medikamenten noch gar nicht bewiesen ist.
Die Kosten steigen, doch der Nutzen ist fraglich - das ist ein durchaus zweifelhafter Zustand. Die Pharmaindustrie bricht in eine neue Ära auf, ohne dass die Politik wirklich darauf reagiert. Noch drückt sich die Regierung um eine klare Antwort, wie damit umzugehen ist.
Für die Pharmaindustrie jedenfalls sind Spezialpräparate ein lukratives Geschäft. Die Behandlung mit ihnen ist teils hundertmal so teuer wie mit chemischen Präparaten. Die Behandlung mit manchen Spezialpräparaten kostet mehr als hunderttausend Euro pro Jahr.
Bei den gesetzlichen Krankenversicherungen schnellen die Arzneimittelkosten bereits deutlich in die Höhe. Im Jahr 2009 schlugen die Ausgaben für Spezialpräparate bereits mit rund neun Milliarden Euro zu Buche. Das entsprach 27 Prozent der Gesamtausgaben für Arzneien - für nicht einmal drei Prozent der Verordnungen. Und die Kosten steigen weiter.
Dabei gibt es an der neuen Arznei zahlreiche Zweifel:
- Nicht nachprüfbare Kosten: Die Pharmaindustrie errechnet für die Erforschung eines Spezialpräparats nicht selten Kosten von einer Milliarde Dollar und mehr. Unabhängige amerikanische Studien beziffern die Ausgaben dagegen nur auf einige hundert Millionen Dollar. "Die Industrie erbringt keinen Nachweis, dass die hohen Preise für ihre Spezialpräparate gerechtfertigt sind", sagt der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske.
- Zweifelhafte Wirkung: Das Krebsmedikament Avastin brachte dem Schweizer Pharmariesen Roche 2009 weltweit 4,2 Milliarden Euro Umsatz ein. Inzwischen gibt es mehrere Studien, die das Mittel als weitgehend wirkungslos bei Brustkrebs darstellen. "Der Beweis, dass ein teures Medikament etwas taugt, wird immer erst im Nachhinein in der realen Versorgung erbracht", moniert Glaeske. "Bis dahin können Pharmakonzerne mit fragwürdigen Präparaten ohne klaren Patientennutzen abkassieren."
- Hohe Risiken: Der Forscher Thijs Giezen untersuchte mit seinen Kollegen 174 Spezialpräparate auf ihre Risiken - und stellte bei rund einem Viertel teils erhebliche Nebenwirkungen fest. Unter anderem besteht das Risiko, dass Patienten, die mit dem Anti-Arthritis-Mittel Infliximab behandelt worden waren, häufiger an Tuberkulose erkrankten. Das Medikament schwächt das Immunsystem.
Gesundheitsökonom Glaeske erwartet schon bald eine Debatte über die neuen Superpillen. "Die moralische Schonfrist läuft ab", sagt er. "Wir können es uns nicht mehr lange leisten, nicht über ihre gesellschaftlichen Folgen zu diskutieren - weder finanziell noch gesundheitlich."
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde als Beispiel für Spezialpräparate, deren Nutzen umstritten ist, unter anderem Glivec genannt. Glivec war allerdings herkömmlichen Therapien überlegen. Wir haben daher ein anderes Beispiel gewählt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
