23.09.2011
Neue HP-Chefin Meg Whitman
Milliardärin auf dem Schleudersitz
Von David Böcking und Yasmin El-SharifHamburg - Es dürfte kaum das Geld sein, das Meg Whitman in den neuen Job gelockt hat. Auf mehr als eine Milliarde Dollar wird das Vermögen der früheren Ebay-Chefin geschätzt. Für die Stiftung eines "Whitman-College" an ihrer früheren Uni Princeton hatte sie 30 Millionen Dollar übrig, für ihre erfolglose Kandidatur als Gouverneurin von Kalifornien sogar knapp 180 Millionen.
Statt sich auf den verbliebenen Millionen auszuruhen, wird Whitman nun Vorstandschefin des US-Technologiekonzerns Hewlett-Packard (HP)
. Sie folgt auf den Deutschen
Léo Apotheker, der nach
gerade einmal elf Monaten gefeuert wurde.
Apothekers Abgang kam alles andere als überraschend, er hatte geradezu darauf hingearbeitet: Mit chaotischen Entscheidungen, einer miserablen Kommunikationspolitik und einem fehlenden Feingefühl für die Unternehmenskultur verlor Apotheker in der kurzen Zeit das Vertrauen von Mitarbeitern, Aktionären und schließlich auch dem Verwaltungsrat. Zuletzt sei Apotheker im Konzern nur noch als der "Verrückte" oder - wegen seiner Kälte gegenüber Mitarbeitern - als "Eisbär" bezeichnet worden, schreibt die "Wirtschaftswoche".
Das war anfangs anders: Als der Ex-Chef des deutschen Software-Konzerns SAP
im November 2010 zu HP kommt, gilt er noch als Hoffnungsträger. Doch Apotheker zeigt schnell, dass er nichts mit dem Firmengeist im kalifornischen Palo Alto anfangen kann - und auch keine echte Zukunftsvision mitbringt. Er trifft Entscheidungen ohne Absprachen, die dazu noch unausgereift sind, außerdem soll er schroff zu Mitarbeitern sein. Mit diesem Führungsstil war er schon bei SAP angeeckt.
Im Frühling kommt es erstmals zum Eklat: Völlig überraschend dampft Apotheker das Geschäft mit Tablet-PC ein. Der iPad-Konkurrent von HP ist da gerade erst sieben Wochen auf dem Markt. Es folgen mehrere PR-Desaster und überteuerte Zukäufe, wie die Akquise des zehn Milliarden Dollar teuren Software-Anbieters Autonomy. Apotheker muss zudem wiederholt die Gewinnprognose korrigieren.
"Völlig die Kontrolle verloren"
Zum endgültigen Bruch kommt es im August: Der Konzernchef verkündet, sich von der PC-Sparte trennen zu wollen, dem Kerngeschäft des Unternehmens. Die HP-Aktie stürzt an einem einzigen Tag um 20 Prozent ab. Das Tech-Blog Business Insider schreibt: "Léo Apotheker hat die Kontrolle über HP völlig verloren."
Als Apotheker die SAP-Spitze Anfang 2010 nach nur neun Monaten verließ, hatte er tiefe Gräben geschaffen - zwischen sich und den Mitarbeitern und zwischen dem Unternehmen und den Kunden. Jetzt scheint sich Geschichte zu wiederholen: Auch bei HP sind die Mitarbeiter beunruhigt, die Aktionäre glauben nicht mehr an den Konzern. Das Unternehmen ist an der Börse nur noch etwa halb so viel wert wie zu Apothekers Amtsantritt und hat keine klare Strategie.
Nun kommt also Meg Whitman, die ihren Auftrag in großen Worten beschreibt: "Dies ist eine Chance, beim Richtungswechsel einer amerikanischen Ikone zu helfen", zitiert die "New York Times" ("NYT") die frühere Ebay-Chefin. "Wir haben alle Hände voll zu tun."
Das ist fast noch eine Untertreibung. Whitman muss verunsicherte Mitarbeiter und Aktionäre beruhigen und die Finanzen des Unternehmens in Ordnung bringen. Vor allem aber muss sie sich rasch zum von Apotheker begonnenen Strategieschwenk positionieren. Bleibt es beim Abschied von der PC-Sparte und der Konzentration auf das Software-Geschäft?
Whitmans erste Äußerungen deuten auf das Gegenteil hin. HP werde auch weiterhin Hardware verkaufen, sagte sie laut "NYT". Ihren Vorgänger charakterisierte sie dagegen als "Software-Manager, der glaubte, dass Software ein schneller wachsendes Geschäft mit höheren Margen sei". Das klingt nach einer klaren Abgrenzung.
Begrenzter Spielraum für die neue Chefin
Aber kann Whitman solche Grundsatzfragen überhaupt schon entscheiden? Die Leistungen der Harvard-Absolventin beim Aufbau von Ebay sind unbestritten. Innerhalb von knapp zehn Jahren machte sie das Online-Auktionshaus von der 30-Mann-Klitsche zum weltweit erfolgreichen Internetkonzern mit fast sechs Milliarden Dollar Umsatz.
Im PC-Geschäft aber hat Whitman keine Vorerfahrung, auch im HP-Verwaltungsrat saß sie nur acht Monate. Zudem bewies sie bei Ebay nicht immer strategisches Geschick: Der Kauf von Skype für 2,6 Mrd. Dollar erwies sich als Fehlinvestition, bis heute hat der Internettelefonie-Anbieter kein tragfähiges Geschäftsmodell gefunden.
In der Außendarstellung dürfte die 55-Jährige zwar besser auftreten als ihr Vorgänger. Doch ähnlich wie Apotheker gilt auch sie im Umgang mit Mitarbeitern als wenig diplomatisch - keine gute Voraussetzung, um neues Vertrauen zu schaffen. Dass sie zunächst nur als Interimschefin gehandelt wurde, dürfte ihre Autorität nicht stärken.
Ohnehin ist offen, wie groß Whitmans Gestaltungsspielraum sein wird. Den von Apotheker beschlossenen Zukauf von Autonomy etwa kann sie wohl nicht mehr rückgängig machen. Zudem hatte der Verwaltungsrat laut verschiedenen Medienberichten nichts gegen Apothekers Pläne - sondern nur gegen die Art der Umsetzung.
Bei der Entscheidung sei es "nicht um die Strategie, sondern um den Typen" gegangen, zitiert die "NYT" einen Insider, der die Diskussionen im Verwaltungsrat verfolgt hatte. Dessen Mitglieder hätten sich angesichts der Neubesetzung kritische Fragen anhören müssen. Ob Whitmans Engagement nicht "hastig und übereilt" sei, wurde Verwaltungsratschef Ray Lane demnach bei einer Telefonkonferenz mit Wall-Street-Analysten gefragt.
Streit um die Strategie gibt es schon lange
Laut "Business Insider" verteidigte sich Lane offensiv gegen die Vorwürfe: "Dieser Verwaltungsrat hat Léo nicht ausgewählt", soll er ebenso gesagt haben wie: "Das ist nicht der Verwaltungsrat, der Mark Hurd gefeuert hat."
Die Entlassung des früheren Vorstandschefs bleibt eine offene Wunde für HP. Zwar war Hurds Sparkurs umstritten. Doch er trimmte das Unternehmen erfolgreich auf Wachstum, unter seiner Führung überholte HP sogar Dell als größten PC-Hersteller.
Zurücktreten musste Hurd wegen einer Affäre um angeblich gefälschte Spesenabrechnungen sowie die Beziehung zu einer Marketing-Beraterin, die ihm sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte. Die Vorwürfe hielten den Software-Konzern Oracle aber nicht davon ab, Hurd schon kurz nach seiner Entlassung bei HP seinerseits zu verpflichten.
Wenige verfügbare Kandidaten hätten wie Whitman Leitungserfahrung in einem komplexen Technologiekonzern, zitiert die Nachrichtenagentur AP einen Beteiligten am Auswahlprozess. Viele Top-Manager dürften am HP-Chefposten spätestens nach Hurds Rausschmiss einfach nicht mehr interessiert sein.
Schon Hurds Vorgängerin Carly Fiorina musste nach Differenzen mit dem Verwaltungsrat überraschend gehen. Sie hatte mit der Übernahme des Computerherstellers Compaq noch voll auf den PC-Markt gesetzt und war damit schon 2001 in Konflikt mit der Gründerfamilie Hewlett geraten, die sich auf das Druckergeschäft konzentrieren wollte.
Besonders tragisch ist Léo Apothekers Laufbahn. Nur wenige Manager schaffen es, innerhalb eines Jahres zwei Chefposten zu verlieren: erst bei SAP, nun bei HP. Trösten kann er sich damit, dass HP nicht erst seit seinem Amtsantritt um die richtige Strategie ringt. Falls das nicht reicht, dürfte Apotheker ein Blick auf die Abfindung helfen: Für elf Monate Arbeit könnte er Schätzungen zufolge bis zu 35 Millionen Dollar bekommen.
Mit Material von Reuters und dpa-AFX



