28.03.2012
Schlecker-Rettung
Das bessere Konzept
Ein Kommentar von Christian Rickens
Schlecker-Filiale: Raum für Unternehmertum?
Lehrstunden der Marktwirtschaft: In zwei Sitzungssälen in zwei deutschen Städten wurden heute zwei Fälle verhandelt, in denen es um die große Crux mit dem Kapitalismus geht.
Im Landtag von Baden-Württemberg berät der Wirtschafts- und Finanzausschuss des Parlaments über eine Transfergesellschaft, die 11.000 Beschäftigte der Drogeriemarktkette Schlecker zumindest einige Monate vor der Arbeitslosigkeit retten und bei der Suche nach einem neuen Job unterstützen soll.
Die Schlecker-Mitarbeiterinnen - Männer arbeiten hier eher wenige - verdienen Mitgefühl. An der Pleite tragen sie keine Schuld, und sie werden es nicht leicht haben auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Ginge es um 11.000 Investmentbanker, wären deren Jobs wohl längst mit Staatshilfe gerettet worden - weil ihre Arbeitgeber als systemrelevant gelten.
Ist die Transfergesellschaft für Schlecker also alternativlos?
Es lohnt der Blick in den anderen Sitzungssaal: In Rüsselsheim tritt heute der Aufsichtsrat des Autobauers Opel zusammen, um über Werkschließungen und Zugeständnisse der Arbeitnehmer zu beraten. Erinnert sich noch jemand an die Opel-Rettungsarie des Jahres 2009? Damals hat die Politik geholfen, mehr noch: hat sich in nächtlichen Runden im Kanzleramt mit viel Geld und guten Worten als Beschützer deutscher Arbeitsplätze inszeniert. Gebracht hat es nichts. Opel steht an einem ähnlichen Punkt wie 2009, wieder droht dem Werk in Bochum das Aus.
Wer mit Staatsgeld Arbeitsplätze erhalten will, löst keine Probleme, sondern kauft nur Zeit. Die Schlecker-Mitarbeiterinnen hätten einige Monate länger ein Gehalt. Sie wären Arbeitslose erster Klasse und könnten in dieser Zeit in ihrer Transfergesellschaft irgendeine Qualifikation erfahren. Die sie allerdings auch während ihrer Arbeitslosigkeit durchlaufen könnten, dann aber finanziert von der Bundesagentur für Arbeit. Dass sie anschließend leichter einen Arbeitsplatz finden, ist nicht mehr als ein Hoffnungswert. Ebenso wie 2009 die Erwartung, dass Opel-Autos plötzlich Käufer finden würden, die es vorher nicht gab.
Warum startet die KfW nicht stattdessen ein Programm mit günstigem Startkapital für all jene Schlecker-Filialleiterinnen (und natürlich auch für die wenigen Leiter), die ihre vom Aus bedrohten Filialen in Eigenregie weiterbetreiben möchten? Eines der zentralen Argumente für den Schlecker-Erhalt lautet, dass die Drogeriemärkte in vielen Orten inzwischen die einzige Einkaufsmöglichkeit sind, die sich ohne Auto erreichen lässt.
In Gesprächen mit Schlecker-Filialleiterinnen und Betriebsräten haben Redakteure von SPIEGEL ONLINE immer wieder den einen Satz gehört: "Wenn wir nur so könnten wie wir wollten!" Wir vor Ort, hieß das, wissen doch viel besser als die Zentrale im fernen Ehingen, welches Sortiment zu welchem Preis die Kunden bei uns erwarten. Doch das zentralistische Schlecker-Modell ließ diese Flexibilität nicht zu. Gleichzeitig könnte die Schlecker-Dachgesellschaft weiterhin den Wareneinkauf erledigen. Das Genossenschaftsmodell von Edeka funktioniert nach genau diesem Muster.
Viele Tante-Emma-Läden in kleinen Orten sind einst durch Ketten wie Schlecker zerstört worden. Auch wenn Schlecker verschwindet - der Bedarf fürs kleine Shopping zwischendurch bleibt bestehen. Zumal sich jeder Kunde dann überlegen kann, ob er mit seinem Einkauf lieber die nette Frau Müller unterstützt, die man aus dem Sportverein kennt - oder lieber einige Kilometer mit dem Auto fährt und die Stiftung von dm-Gründer Götz Werner noch ein bisschen reicher macht. Und wenn die KfW ihr Geld für die Förderung des Kleinunternehmertums vergibt, könnte eigentlich noch nicht einmal die FDP etwas gegen solch eine urliberale Idee einwenden.
Sicher, viele Schlecker-Mitarbeiterinnen werden kein Interesse daran haben, vom Angestellten zum Unternehmer zu werden. Denen muss man dann allerdings auch sagen: Einen Rechtsanspruch auf einen sicheren Arbeitsplatz auf Lebenszeit gibt es in Deutschland nicht. Viele Filialen, gerade in den teuren Zentren der Großstädte werden sich für solch ein Konzept nicht eignen. Doch in Großstädten lässt sich auch einfacher ein neuer Arbeitsplatz finden.
Von denen, die den Sprung in die Selbständigkeit wagen, werden viele scheitern, andere werden deutlich weniger Geld verdienen als zuvor. Doch die Schlecker-Mitarbeiterinnen, die es tatsächlich schaffen, sich eine neue Existenz aufzubauen, hätten etwas Wertvolles geschafft: Sie wären von Opfern zu Akteuren geworden. Sie würden nicht mehr Mitleid ernten, sondern Bewunderung.
