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24.04.2012
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AKW Lubmin

Energiefirma plant Billig-Entsorgung für Kernkraftwerk

Von Stefan Schultz
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dapd

Im stillgelegten Atomkraftwerk Lubmin bei Greifswald werden die Kosten gedrückt. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen sollen die Gebäude 50 Jahre stehenbleiben - bis die Radioaktivität von selbst abklingt. Das Umweltministerium sieht die Methode als mögliches Vorbild für andere Reaktoren.

Hamburg - Im AKW Lubmin ist der Atomausstieg schon Realität. Viele Schritte, die den anderen deutschen Atomkraftwerken in den kommenden Jahren bevorstehen, sind hier schon passiert. Der Rückbau des Kraftwerks nahe der Stadt Greifswald wird in der Branche genau verfolgt. Denn der derzeitige Eigentümer des AKW, die bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN), hat eine beachtliche Kreativität beim Kostendrücken entwickelt - auf Kosten der Umwelt, wie die Grünen befürchten.

Die Pläne der EWN sorgen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE derzeit für Streit in der Strahlenschutzkommission (SSK) und der Entsorgungskommission (ESK), zwei wichtigen Beratergremien des Bundesumweltministeriums. Es geht um die Frage, was eigentlich mit Atomkraftwerken nach der Stilllegung passieren soll. Für den Rückbau haben die Energiewerke Nord eine Strategie entwickelt, die in Deutschland noch nie angewandt wurde. SSK und ESK prüfen diese Methode derzeit in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe.

Die Strategie ist schnell erklärt: Die Gebäude des Atomkraftwerks Lubmin sollen rund 50 Jahre stehen bleiben - so lange, bis die Radioaktivität in Mauern und Böden weitgehend von selbst abgeklungen ist. Danach sollen die AKW-Anlagen wie herkömmliche Häuser abgerissen werden.

Der Kopf hinter der Strategie ist der frühere EWN-Chef Dieter Rittscher. Nachzulesen ist sie in einem 90-Seiten-Gutachten, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Das Gutachten wurde von der Brenck Systemplanung erstellt, einer Firma, die Landes- und Bundesministerien oft in Gesetzesverfahren für Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Anlagen berät. Mitautor der Studie ist Brenck-Gesellschafter Stefan Thierfeldt. Rittscher sitzt selbst in der Entsorgungskommission, Thierfeldt in der Strahlenschutzkommission. Der gemeinsamen Arbeitsgruppe, die über die neue Strategie entscheidet, gehören sie jedoch nicht an.

Mögliche Ersparnisse von mehr als hundert Millionen Euro

Bislang werden in Deutschland nur zwei Rückbaustrategien angewandt - beide sind aufwendig und teuer. Erstens der sogenannte sichere Einschluss, bei dem die komplette Anlage abgesperrt und für einige Jahrzehnte stehengelassen wird. Die Radioaktivität klingt in dieser Zeit deutlich ab. Das Konzept ist umstritten. Denn für den Eigentümer fallen durchgehend Betriebskosten an, und die mit der Anlage vertraute Belegschaft ist später nicht mehr verfügbar, was den Rückbau erschwert.

Das zweite Strategie ist der sogenannte sofortige Rückbau: Techniker säubern die Maschinen von Radioaktivität und zerlegen sie. Dann untersuchen sie Wände und Böden mit Strahlenmessgeräten. Bereiche, die radioaktiv belastet sind, fräsen sie ab; der anfallende Schutt kommt ins Atomzwischenlager; danach wiederholen sie das Prozedere, bis die Strahlung unter dem zulässigen Höchstwert liegt. Schließlich wird das Gebäude abgerissen.

Im AKW Lubmin wollen die EWN nun sicheren Einschluss und sofortigen Rückbau kombinieren. Alle Maschinen und Geräte, für deren Entsorgung man Fachpersonal braucht, werden sofort von radioaktiver Strahlung befreit und zerlegt. Die Gebäude selbst dagegen sollen in der Landschaft stehen bleiben, bis man sie konventionell abreißen kann.

Jeder Block des AKW Greifswald habe eine Oberfläche von rund 80.000 Quadratmetern, heißt es in dem Gutachten von Brenck. EWN-Chef Henry Cordes schätzt, dass man "einen kleinen bis mittleren dreistelligen Millionenbetrag spart", wenn man darauf verzichtet, die Gebäude sofort von Radioaktivität zu befreien. Aufwendige Abschleifarbeiten würden vermieden, und es würde insgesamt weniger radioaktiv belasteter Abfall anfallen. Zudem könnte ein größerer Teil der Gebäudesubstanz nach dem Abriss eine sogenannte uneingeschränkte Freigabe erhalten; der Schutt muss dann nicht auf Deponien gelagert werden, sondern kann zum Beispiel im Straßenbau verwendet werden. Zwar entstünden durch das EWN-Konzept auch zusätzliche Ausgaben, zum Beispiel dadurch, dass der Personalaufwand steigt. Doch diese seien bei der Schätzung der Ersparnisse bereits berücksichtigt, sagt Cordes.

Wie riskant ist die Strategie?

Eine solche Strategie wäre auch für den Rückbau vieler anderer Atomkraftwerke attraktiv. Entsorgungskommission und Strahlenschutzkommission sollen in ihren Beratungen auch prüfen, inwieweit die Pläne der EWN in Lubmin als allgemeine Anforderungen für den Rückbau von anderen Kernkraftwerken verwendet werden können, teilte das Bundesumweltministerium mit. Mit anderen Worten: Die Billig-Strategie könnte schon bald Schule machen.

Das ursprüngliche EWN-Konzept ging teils sehr weit. So wurde in dem Brenck-Gutachten empfohlen, die betroffenen Gebäude "mit einem möglichst geringen Aufwand" zu erhalten. Auch wenn es dadurch möglich sei, dass "Luken oder Gebäudeöffnungen undicht werden", dass "Feuchtigkeit eindringen könnte" und dass Radioaktivität austrete. Brenck teilt mit, es handle sich um ein Worst-Case-Szenario, selbst in diesem bliebe Strahlenbelastung auf einem niedrigen Niveau.

Diese Forderung wurde dennoch schon auf Landesebene abgeschmettert. Die Arbeitsgruppe aus ESK und SSK soll nun bestimmen, inwieweit die leer stehenden AKW-Gebäude während der Wartezeit instand gehalten werden müssen. "Es dürfen keine radioaktiven Stoffe in die Umwelt gelangen", teilt das Umweltministerium mit.

"Fachlich zweifelhaftes und verantwortungsloses Vorgehen"

Die Arbeitsgruppe soll zudem festlegen, wie gründlich Strahlung in leer stehenden Gebäuden gemessen werden muss. Brenck hält es für ausreichend, dass die radioaktive Belastung der Gebäude einmalig erfasst wird, bevor sie für Jahrzehnte dichtgemacht werden. Wenn die Kraftwerkshallen später abgerissen werden, müsste die Messung nach Ansicht der Beraterfirma nicht noch einmal wiederholt werden.

Das könnte ein Anlass für weiteren Streit liefern. Als das AKW Lubmin noch im Betrieb war, gab es immer wieder schwere Störfälle : 1974 barsten in Block 1 etliche Brennelemente; mehrfach brannte es auf der Anlage; ins Reaktorgebäude regnete es teilweise hinein, weil die Decke undicht war. Immer wieder wurden Wände und Böden bei solchen und anderen Zwischenfällen radioaktiv belastet.

Umweltschützer sind deswegen alarmiert. "Die Idee, eine Atomanlage jahrzehntelang stehen zu lassen und sie dann ohne Strahlenmessung aus der Überwachung zu entlassen, zeugt von bedenkenloser Schlampigkeit", sagt Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen, "ein fachlich so zweifelhaftes und verantwortungsloses Vorgehen hat im Atombereich nichts zu suchen." Die von den EWN angepeilte Strategie gehe zu Lasten des Umweltschutzes und habe nur den Zweck, den AKW-Rückbau zur Billiglösung zu schrumpfen. Kotting-Uhl: "Das dient den Interessen der Energiekonzerne, denn es würde einen Präzendenzfall schaffen. Teile des Rückbaus werden unnötig in die Zukunft verlagert."

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insgesamt 203 Beiträge
1. ...
Wolffpack 24.04.2012
An sich doch eigentlich keine blöde Idee, wenn der Platz eh nicht gebraucht wird. Natürlich nicht so wie EWN das gerne hätte, sondern mit genügend Wartung das nichts austreten kann.
Zitat von sysopIm stillgelegten Atomkraftwerk Lubmin bei Greifswald werden die Kosten gedrückt. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen sollen die Gebäude 50 Jahre stehenbleiben - bis die Radioaktivität von selbst abklingt. Das Umwelt-ministerium sieht die Methode als mögliches Vorbild für andere Reaktoren. AKW Lubmin: Energiefirma*plant Billig-Entsorgung für Kernkraftwerk - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,827323,00.html)
An sich doch eigentlich keine blöde Idee, wenn der Platz eh nicht gebraucht wird. Natürlich nicht so wie EWN das gerne hätte, sondern mit genügend Wartung das nichts austreten kann.
2.
hienstorfer 24.04.2012
Gut das der Bund beim Abriss des Kraftkwerks sparsamere Ansätze verfolgt. Wenn es wirklcih ohne größeren Umweltschaden möglich ist, 100 Millionen einzusparen - dann hat der Bund mehr Geld für Soziales. Mehr für Bildung, [...]
Gut das der Bund beim Abriss des Kraftkwerks sparsamere Ansätze verfolgt. Wenn es wirklcih ohne größeren Umweltschaden möglich ist, 100 Millionen einzusparen - dann hat der Bund mehr Geld für Soziales. Mehr für Bildung, Kindergartenplätze o.ä.
3.
Velociped 24.04.2012
Die Idee einen Mittelweg zwischen sicherem Einschluss und sofortigem Abriss zu wählen, hört sich ja durchaus vielversprechend an. Allerdings sollten bei diesem Mittelweg nicht nur die Kosten sondern die Sicherheit und die [...]
Die Idee einen Mittelweg zwischen sicherem Einschluss und sofortigem Abriss zu wählen, hört sich ja durchaus vielversprechend an. Allerdings sollten bei diesem Mittelweg nicht nur die Kosten sondern die Sicherheit und die Abfallmenge optimiert werden. Sehr hohe kurzlebige Strahlung kann durchaus erhebliche Strahlungswerte von langlebigen Isotopen überdecken - zumindest dann wenn nur die Strahlungswerte gemessen werden. Eine Messung vor dem endgültigem Abriss ist daher genauso notwendig wie die Instandhaltung des Gebäudes um Leckagen zu vermeiden. Darüber hinaus sollten sogar Rückstellungen dafür getroffen werden, dass auf Grund noch zu hoher Strahlungswerte ein einfacher Abriss eben doch nicht möglich ist. Dann kann dieser "Mittelweg" Sinn machen.
4.
Turin 24.04.2012
Trotzdem sollte mEn die Strahlenbelastung auch vor Abriss noch geprüft werden, um sicherzustellen, dass alles bedenkenlos entsorgt werden kann.
Trotzdem sollte mEn die Strahlenbelastung auch vor Abriss noch geprüft werden, um sicherzustellen, dass alles bedenkenlos entsorgt werden kann.
5.
paulhaupt 24.04.2012
.... von der Theorie gehört, daß man, entgegen der allgemein weitverbreiteten Meinung, Atomkraftwerke durchaus sicher betreiben könnte, nur daß der Aufwand dafür sehr hoch ist und das niemand bezahlen will?
.... von der Theorie gehört, daß man, entgegen der allgemein weitverbreiteten Meinung, Atomkraftwerke durchaus sicher betreiben könnte, nur daß der Aufwand dafür sehr hoch ist und das niemand bezahlen will?

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