13.05.2012
"Titanic"-Werft Harland and Wolff
Windräder statt Ozeanriesen
Aus Belfast berichtet Carsten VolkerySamson und Goliath heißen die gelben Riesenkräne, die die Skyline von Belfast dominieren. Vierzig Jahre, nachdem sie von Krupp gebaut wurden, sind sie immer noch in Betrieb. "Deutsche Wertarbeit", grinst David McVeigh, Verkaufsmanager bei Harland and Wolff.
Die beiden Kräne mit den weithin sichtbaren Initialen H&W sind das Markenzeichen der einst größten Werft der Welt. Im 20. Jahrhundert baute Harland and Wolff Supertanker, Flugzeugträger und die "Titanic". Doch heute heben Samson und Goliath nur noch selten Schiffsrümpfe. Stattdessen hieven sie Windräder auf Transportschiffe.
Dank der Energiewende herrscht zum ersten Mal seit vielen Jahren so etwas wie Aufbruchstimmung auf dem Hafengelände in East Belfast. In den alten Produktionshallen von Harland and Wolff schweißen Arbeiter an einem Umspannwerk, das auf der Irischen See eingesetzt werden soll. Nebenan liegen große Stahlröhren. Sie sind Teile einer Erfindung, mit der das Unternehmen den boomenden Markt für Offshore-Windparks aufrollen will.
"Saug-Anker" nennt McVeigh die tonnenschweren Türme, die das Fundament für Windräder im Ozean bilden. Die neue Saug-Technologie senke die Kosten gegenüber herkömmlichen Fundamenten um bis zu 40 Prozent, sagt der Ingenieur. Die 50 Meter langen Röhren werden nicht in den Meeresboden gehämmert, sondern saugen sich mit Hilfe eines Vakuums fest. Das spare Geld und sei obendrein umweltfreundlicher.
Entwickelt wurde der Saug-Anker von Fred Olsen, dem norwegischen Mutterkonzern von Harland and Wolff, die Fertigung läuft in Belfast. Die ersten drei Türme werden diesen Sommer auf einer Untiefe namens Doggerbank vor der nordenglischen Küste installiert. Danach hofft McVeigh auf Abnehmer in Europa, Nordamerika und Japan. Hundert Stück pro Jahr will er produzieren.
Windenergie hat die Werft gerettet
Das Geschäft mit den erneuerbaren Energien hat die 150 Jahre alte Traditionsfirma vor dem Ruin gerettet. Die Werft, die in ihren besten Zeiten ein Schiff pro Woche baute und rund 40.000 Menschen beschäftigte, war bis 2003 auf 90 Mitarbeiter geschrumpft und stand kurz vor dem Bankrott. Den entscheidenden Schlag hatte Harland and Wolff zur Jahrtausendwende einstecken müssen, als man die Ausschreibung für das Luxuskreuzfahrtschiff Queen Mary 2 verlor. Der Auftrag ging stattdessen nach Frankreich.
"Die Queen Mary 2 war eine riesige Enttäuschung", sagt McVeigh, der einst als Lehrling in der Firma anfing und das Auf und Ab aus nächster Nähe miterlebt hat. "Aber so waren wir gezwungen, über unser Geschäftsmodell nachzudenken". Inzwischen hat Harland and Wolff wieder 200 festangestellte Mitarbeiter - sowie 650 Zeitarbeiter. Der Umsatz liegt bei 30 Millionen Pfund im Jahr. Drei Viertel davon werden mit Anlagen zur erneuerbaren Energiegewinnung erzielt, der Rest mit Ölplattformen und Schiffsreparaturen. "Wir könnten auch immer noch Schiffe bauen, das Knowhow ist da", sagt McVeigh. Doch das vorerst letzte Schiff wurde 2003 ausgeliefert: Die Fähre Anvil Point war Rumpf Nummer 1742 in der Unternehmensgeschichte.
Mit der Offshore-Windenergie hat sich eine lukrative Alternative aufgetan. Der britische Markt ist der größte in Europa - und Harland and Wolff nicht die einzige Firma, die auf diese Zukunftsbranche setzt. Die Hafenverwaltung von Belfast will gleich einen ganzen Offshore-Cluster in den alten Docklands errichten. Die dänische Staatsfirma Dong Energy baut hier für 50 Millionen Pfund einen neuen "Offshore-Wind-Terminal".
Das Image der einstigen Unruheprovinz Nordirland wandelt sich nur langsam
Nordirland braucht die neue Industrie dringend. Die Provinz ist eine der strukturschwachen Regionen Großbritanniens, pro Jahr wird sie mit sieben Milliarden Pfund aus der Staatskasse subventioniert. Zwei Drittel der Wirtschaftsleistung wird vom öffentlichen Sektor erzielt. "Wir wollen diese Abhängigkeit reduzieren", sagt Jeremy Fitch von der regionalen Wirtschaftsförderung Invest Northern Ireland. Doch das Image der einstigen Unruheprovinz wandelt sich nur langsam, auch 14 Jahre nach dem Friedensabkommen halten sich vor allem internationale Investoren noch zurück.
Die Regierung hat bislang vor allem versucht, Unternehmen aus dem Finanz- und High-Tech-Sektor anzuziehen. Doch Belfast drängt sich aufgrund seiner bereits vorhandenen Infrastruktur als Standort für die Offshore-Branche geradezu auf.
Auch Harland and Wolff kann mit alten Pfunden wuchern: Die beiden Krupp-Kräne, die je 900 Tonnen heben können, stemmen auch die schwersten Anlagen. Das 556 Meter lange Trockendock ist noch immer eines der größten auf der Welt. Die Vormontage eines Offshore-Windparks benötigt zudem viel Platz, und den gibt es auf dem 36 Hektar großen Werftgelände reichlich.
Es scheint, als habe die Firma einen Weg gefunden, um mit der neuen Realität umzugehen. Das Zeitalter der Ozeanriesen hat Harland and Wolff wohl endgültig hinter sich gelassen.



