07.05.2012
Rekord-Börsengang
Facebook ködert die Cash-Giganten
Von Marc Pitzke, New YorkDer Empfang für die Facebook-Delegation fiel fürstlich aus. Die Gastgeber von JPMorgan Chase
beflaggten ihre Zentrale an der Park Avenue in New York mit blauen Facebook-Fahnen. Die gläserne Eingangsfront zierte ein Banner mit der Aufschrift: "JPMorgan heißt das Management-Team von Facebook willkommen." Und in der Marmorlobby prangten blaue "Gefällt mir"-Logos.
Als die Facebook-Finanzspitze am Freitag in New York einflog, um die letzten Weichen für den Mega-Börsengang zu stellen, war Diskretion Nebensache. Zumindest für JPMorgan: Die Wall-Street-Bank, die eine Führungsrolle bei dem Milliardenprojekt ergattert hat, empfing den Gast aus dem Silicon Valley mit ganz großem Internetprotokoll.
Mit der Visite an der US-Ostküste startete Facebook den Countdown für die mit Spannung erwartete "Roadshow". Die neuntägige Werbetournee für potentielle Aktionäre beginnt an diesem Montag in New York, führt quer durchs Land und kehrt schließlich nach Manhattan zurück. Dort endet sie Ende kommender Woche mit der Premiere der Facebook-Aktie an der Technologiebörse Nasdaq.
Doch zuvor mussten am Freitag noch ein paar Details geklärt werden. Facebook-Finanzchef David Ebersman reiste dazu erst mal mit kleinem Gefolge nach New York. Sein Ziel: Die Banken, die den Börsengang managen, auf eine Linie bringen. Erst traf er sich mit Konsortialführer Morgan Stanley, dessen Star-Banker Michael Grimes für sein Haus den größten Anteil ergattert hatte. Anschließend war JPMorgan Chase dran und zuletzt dann Goldman Sachs.
An den je rund einstündigen "Teach-Ins" für die Banker, Broker und Vermarkter nahmen auch Hunderte Vertreter der 30 anderen Institute teil, die bei dem Deal eine Nebenrolle spielen dürfen. Die Wall Street stand Schlange.
Schon dieser Ansturm offenbart den Reiz des Börsengangs, der den Marktwert von Facebook auf 100 Milliarden Dollar treiben könnte. Dabei halten sich die Gebühren, die die Wall Street selbst dafür einsteckt, in Grenzen: Angeblich will Facebook nur 1,1 Prozent des IPO-Gewinns für die Banken abzwacken, knapp ein Drittel des Üblichen. Hinzu kommt, dass das Unternehmen Überbrückungskredite in Milliardenhöhe bekommt - zu besonders günstigen Bedingungen. Das heißt, die Banken verdienen entsprechend wenig daran.
Kommt Zuckerberg zu den Präsentationen?
Doch der Wall Street geht es nicht nur ums Geld, sondern vor allem ums Image. Die Facebook-Connection bringt dem Trio Morgan Stanley, JPMorgan und Goldman Sachs viel Prestige - und die Hoffnung auf künftige Geschäfte. Der Wirbel um die "Roadshow"-Ouvertüre am Freitag war nur ein Vorgeschmack darauf, was diese Woche ansteht. Obwohl bis zuletzt nicht mal die Stationen der Tournee bestätigt wurden.
Die Geheimniskrämerei scheint Methode, um den Hype am Leben zu halten. Facebook lässt die Spekulationen weiter blühen. So auch bei der Frage, wer außer Ebersman und Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg die Präsentationen leiten wird. Wird Facebook-Gründer Mark Zuckerberg persönlich an der "Roadshow" teilnehmen? Oder durch Abwesenheit glänzen, wie schon bei früheren Facebook-Terminen an der Wall Street?
"Natürlich wird er kommen", schreibt die Silicon-Valley-Bloggerin Kara Swisher ("All Things Digital") zuversichtlich, unter Berufung auf informierte Kreise. Zuckerberg werde bei allen wichtigen Treffen dabei sein, um "mitzuhelfen, den Konzern zu verkaufen".
Doch selbst der gut vernetzte Anchorman Charles Gasparino vom Wirtschaftssender Fox Business hatte bis zum späten Sonntagabend nur Widersprüchliches erfahren. Sollte Zuckerberg den "Roadshow"-Auftakt in New York tatsächlich selbst übernehmen, laufe er Gefahr, Fragen nach den Facebook-Finanzen zu "verpatzen" und dem Deal so zu schaden, twitterte er. Lasse er sich jedoch nicht blicken, gelte er als Feigling. Zuckerberg sei mit Anfragen "bombardiert" worden und habe sich noch nicht entschieden.
"Jede App wird irgendwie mit uns verbunden sein"
Es steht viel auf dem Spiel. Die Facebook-Quartalszahlen waren nicht berauschend, und der Boom an Nutzern lässt sich auf Dauer kaum aufrechterhalten. Am Montag meldete auch der Starinvestor Warren Buffett Zweifel an Facebook an. Er vermeide es, in derart umjubelte Unternehmen zu investieren. Der Grund: Es sei schwer zu sagen, was diese wirklich wert sind. Buffett sagte dem Sender CNBC, er könne den Wert und die Zukunft von Facebook nicht einschätzen. Es sei zudem einer der größten Fehler von Investoren, sich von aktuellen Hypes leiten zu lassen.
Zuckerberg und Co. haben also längst nicht alle Anleger überzeugt, dass der historische Börsengang wirklich attraktiv ist. Das steht auch im Mittelpunkt eines aufwendig produzierten, 31-minütigen Web-Videos, mit dem Facebook seine Tour eröffnet. Darin bezeichnet Zuckerberg den Konzern als die Zukunft des Internets: "Wir werden den Punkt erreichen, wo fast jede App, die Sie nutzen, auf irgendeine Weise mit Facebook verbunden sein wird." Dabei sitzt Zuckerberg in der aseptischen Kulisse der Facebook-Zentrale, in Jeans, einem grauen, hautengen T-Shirt und dezent geschminkt.
Das Video zeigt die Geschichte von Facebook: von den Gründertagen, da Nutzer nur ein einziges Profilfoto hochladen konnten, bis heute, da sich 900 Millionen Menschen auf Facebook tummeln und der blaue Facebook-Knopf zahllose Produkt-Websites bis hin zur "New York Times" ziert. Dazu gibt es die übliche Selbstüberhöhung: "Facebooks Mission", sagt Zuckerberg, "ist es, die Welt offener und vernetzter zu machen."
Zugleich offenbart Facebook auch seine wahren Interessen. "Auf Facebook können Vermarkter die Macht dieser Connections für ihr Geschäft auswerten", lockt Sandberg. Als Musterbeispiel offeriert sich der populäre Eiscremekonzern Ben & Jerry's, der Facebook wegen seiner "ganzheitlichen Verbindung zum Konsumenten" liebt: "Mit jedem Dollar, den wir für Facebook ausgeben, machen wir drei Dollar Umsatz."
Doch Facebook räumt auch Risiken ein. "Unvorteilhafte Aufmerksamkeit könnte unseren Ruf negativ beeinflussen", schrieb das Unternehmen schon in seiner IPO-Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC. Als Beispiele nannte es die Sorgen um die Privatsphäre seiner Nutzer oder auch Regulierungskonflikte mit dem Staat.
Für Letzteres hat Facebook aber vorgesorgt. In Washington ist das Unternehmen mittlerweile massiv präsent: Die Ausgaben für Lobbyarbeit stiegen von 351.390 Dollar 2010 auf 1,35 Millionen Dollar im vergangenen Jahr. In den ersten vier Monaten dieses Jahres waren es bereits 650.000 Dollar. Im Hauptstadtbüro sitzen Ex-Regierungsexperten beider Parteien, und auch Sheryl Sandberg, die vor ihrem Wechsel ins Silicon Valley Stabschefin im Finanzministerium war, lässt ihre politischen Kontakte spielen.
Doch erst mal gilt es, Anleger zu überzeugen. Denn am Ende steht nichts Geringeres als eine Art Weltherrschaft: "Jedes Produkterlebnis, das Sie haben, ist sozial", so formuliert Zuckerberg seine Zukunftsvision in dem Werbevideo, "und all das wird von Facebook angetrieben."


