07.05.2012
Opel im Überlebenskampf
Rüsselsheim gegen Bochum
Von Michael Kröger
Opel Astra: Aufschrei von überraschten Arbeitern aus Rüsselsheim
Berlin - Massenproteste vor den Opel-Werken, Interventionen von Politikern, täglich Schlagzeilen in der Presse: Der öffentliche Aufschrei angesichts des drohenden Konkurses von Opel vor drei Jahren ist den Konzernoberen von General Motors nur zu gut in Erinnerung. Jetzt geht es um eine erneute Rosskur für den Rüsselsheimer Traditionshersteller - doch diesmal wollen sich die Bosse aus Detroit nicht so viel Ärger einhandeln wie 2009.
Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke und seine Leute setzen deshalb auf eine Alternativstrategie: Sie hetzen die Belegschaft aufeinander, entfachen den Konkurrenzkampf zwischen den Werken und brechen so die Phalanx der Arbeitnehmer auf - Sanierung nach dem Prinzip "teile und herrsche".
Der Opel-Vorstand will nach Abschluss der Beratungen mit den europäischen Arbeitnehmervertretern entscheiden, in welchen Werken ab 2015 die nächste Generation des Astra gebaut wird. Da die Werke dafür umgerüstet werden müssen, ist eine Entscheidung Insidern zufolge noch im Mai nötig.
Seit Monaten kursieren Gerüchte, dass ganze Opel-Werke von der Schließung bedroht seien. Neben der Fabrik in Ellesmere Port galt besonders Bochum als gefährdet. Doch bislang hofften viele Arbeitnehmervertreter noch, die Situation ließe sich durch einen Kurswechsel in Detroit entschärfen. Etwa durch interne Aufträge von der boomenden Konzernschwester Chevrolet. Und außerdem gäbe es ja noch rechtsgültige Verträge, die den Fortbestand der Werke bis 2014 sichern sollten.
Doch auf einmal geht es auch um das Opel-Stammwerk. Die offenbar geplante Verlagerung der Astra-Produktion nach Ellesmere Port und ins polnische Gleiwitz ließe Rüsselsheim nur noch den Mittelklasse-Wagen Insignia, von dem nach Angaben des Unternehmens 2011 knapp 150.000 Einheiten gefertigt wurden.
Astra-Verlagerung bringt Rüsselsheim in Gefahr
Das Astra-Aus wäre für die 3200 Opelaner ein herber Schlag, wie Gesamtbetriebsratschef Wolfgang Schäfer-Klug betont: "Im zweiten Halbjahr 2012 wird jedes zweite in Rüsselsheim produzierte Auto ein Astra sein. Es wäre eine verheerende Fehlentscheidung, wenn nach Auslauf des derzeitigen Modells kein Astra mehr in Deutschland gefertigt werden würde."
Ohne den Astra liefe das Stammwerk noch häufiger im Leelauf, als es ohnehin schon der Fall ist. Schon steigt die Angst bei den Beschäftigten in Rüsselsheim. "Wenn man Fahrzeuge abzieht, ist das Werk hier nicht mehr ausgelastet, und dann werden wieder Mitarbeiter zur Disposition stehen", warnt Betriebsrat Bernd Wieme. Denn Überkapazitäten sind teuer. Und so könnte die Astra-Verlagerung das schleichende Ende des Traditionswerks einläuten.
Massenhersteller ohne Masse
Wahrscheinlicher ist jedoch ein anderes Ziel. Das schon oft angedrohte Aus für den Standort Bochum. Denn die freien Kapazitäten in Rüsselsheim könnten dadurch wieder aufgefüllt werden, dass die nächste Generation des Familien-Vans Zafira statt im Ruhrgebiet in Hessen vom Band rollt. Eine Option, die auch die IG Metall für durchaus plausibel hält. Die dortige Produktion könne "wie auf dem Verschiebebahnhof" nach Rüsselsheim verlagert werden, heißt es.
Noch bemühen sich die Arbeitnehmervertreter, die Reihen geschlossen zu halten: "Der Opel-Vorstand muss wissen, dass wir uns auf keinen Fall erpressen lassen", erklärt IG-Metall-Bezirksleiter und Opel-Aufsichtsrat Armin Schild - auch wenn die IG-Metall bereits Bereitschaft zu weiteren Zugeständnissen signalisiert hat. Gewerkschafter Schild verlangt einen Geschäftsplan, der alle vier deutschen Standorte sichert. Anderenfalls gebe es keine Unterstützung für das Management: "Dann wird Opel wieder monatelang mit schlechten Nachrichten statt mit guten Autos von sich reden machen."
Womöglich kommt es sogar noch schlimmer. Denn das einzige, was Opel wirklich helfen könnte, sind bessere Verkaufszahlen. Und die sind nicht in Sicht. Opel baute im vergangenen Jahr nur knapp 330.000 Astra - und damit nicht annähernd so viel wie Volkswagen vom Konkurrenten Golf, mit dem Astra-Vorgänger Kadett einst um Platz eins der Zulassungsrangliste stritt. "Deshalb kann Opel in Deutschland kein Geld verdienen", sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler.
Der Auto-Analyst sieht schon lange in der Produktion am teuren Standort Deutschland bei zu geringen Stückzahlen einen Hauptgrund für die Malaise bei Opel. Die Fertigung in Deutschland könnten sich nur Premiumhersteller wie Mercedes und BMW oder große Volumenanbieter wie VW leisten: "Aber Opel ist ein Massenhersteller ohne große Masse."