27.05.2012
Wirtschaftsfaktor Patriotismus
Britische Kaufhäuser hoffen auf Queen-Boom
Von Carsten Volkery, LondonZum Ehrentag der Queen hat sich das Londoner Luxuskaufhaus Harrod's etwas Besonderes einfallen lassen: In allen Schaufenstern an der Brompton Road sind fantasievolle Nachbildungen der Imperial State Crown ausgestellt. Die Kronen sind aus den unterschiedlichsten Materialien hergestellt: Aluminium, Federn, Zuckerperlen oder Schokolade. Entworfen wurden sie von bekannten Designern wie Paul Smith, Chopard oder Alessi.
Mit seiner Ode an die Königin ist Harrod's nicht allein: In den Schaufenstern des Rivalen Selfridge's tummeln sich lebensgroße Porzellan-Corgies unter Nationalflaggen, beim Hoflieferanten Fortnum and Mason wird die eigens kreierte Orangenmarmelade "Majestic Marmelade" angepriesen - und bei Harvey Nichols wird sogar Spitzenunterwäsche mit dem Bild der Queen vermarktet.
Der britische Einzelhandel hofft, von den anstehenden Feiern zum 60. Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. profitieren zu können. Am kommenden Wochenende ist der Höhepunkt des "Diamond Jubilee": Eine Parade mit tausend Booten und dem königlichen Paar wird die Themse hinunterfahren, an den Ufern sollen Tausende zuschauen und winken. Es soll ein noch größeres Spektakel werden als die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton im vergangenen Jahr. Insgesamt vier Tage nimmt die Nation sich frei, um die 86-jährige Monarchin zu ehren.
Vier freie Tage zum Shoppen
Vier freie Tage zum Shoppen - die Marketing-Profis der großen Ketten wittern eine goldene Gelegenheit. Seit Anfang Mai ist die Oxford Street, die Haupteinkaufsstraße der Hauptstadt, mit riesigen Union Jacks geschmückt. Zahlreiche Geschäfte haben ihre Schaufenster in Rot-Weiß-Blau dekoriert und preisen ihre Waren mit dem Slogan "Best of British" an. Pubs servieren "Queen-Burger", und Harrod's spielt jeden Mittag um punkt Zwölf die Nationalhymne "God save the Queen".
Aber bringt das patriotische Farbenfest wirklich die Shopper an die Kasse? "Es ist schwer zu sagen, was die Leute zum Kaufen animiert", sagt Richard Dodd vom britischen Einzelhandelsverband. "Viele Händler setzen darauf, dass die nationale Begeisterung überspringt. Der Feel-Good-Faktor hilft sicherlich."
"Die Schaufenster schaffen einen Hinguck-Effekt", sagt Nicole Parker-Hodds von der Marktforschungsfirma Planet Retail. "Das zieht die Leute ins Geschäft." Die königliche Hochzeit im vergangenen Jahr hat dem Einzelhandel 3,5 Prozent mehr Umsatz beschert. Das lag vor allem daran, dass ein zusätzlicher Feiertag mehr Zeit zum Einkaufen bedeutet.
"Im Spätsommer können die Leute den Union Jack nicht mehr sehen"
Dieses Jahr soll es noch besser laufen: Laut einer Umfrage der Web-Seite moneysupermarket.com wollen die Briten allein für Accessoires zu den Jubiläumsfeiern 823 Millionen Pfund ausgeben - doppelt so viel wie zur Hochzeit von William und Kate. Rot, weiß und blau seien die angesagten Farben des Frühsommers, meldet die Kaufhauskette John Lewis.
Der Einzelhandel kann den Nachfrageschub gebrauchen. Die britische Wirtschaft ist zurück in der Rezession, das Verbrauchervertrauen im Keller. "Die Leute fürchten um ihre Jobs und halten ihr Geld zusammen", sagt Dodd. Der zusätzliche Umsatz sei daher willkommen. Doch werde es nicht mehr als ein Strohfeuer sein. "Das Jubiläum wird nicht der Retter des britischen Einzelhandels sein. Die Kaufkraft sinkt." Solange nicht die realen Einkommen stiegen, sei keine Wende zu erwarten.
Die patriotischen Werbekampagnen werden voraussichtlich auch nach den Queen-Feiern weiterlaufen. Denn in zwei Monaten beginnen die Olympischen Spiele in London - das nächste Großereignis, das den Nationalstolz weckt. Irgendwann droht jedoch die Übersättigung. Marktforscherin Parker-Hodds prophezeit: "Im Spätsommer können die Leute den Union Jack nicht mehr sehen."


