15.06.2012
Finanzkrise in Europa
Kontinent der wankenden Banken
Von Stefan Kaiser
Der Finanzdistrikt in London: Warten auf das Bankenbeben
Das Problem ist nicht allein auf Spanien beschränkt. Auch Griechenland und Irland haben bereits Milliardenhilfen erhalten, um ihre heimischen Banken zu stützen. Je schlechter die Lage der Staaten, desto brenzliger wird es auch für die Banken. Das wissen auch die Rating-Agenturen. Eine Verschlechterung der Erwartungen für die Euro-Zone, warnt Standard & Poor's, "könnte uns dazu bewegen, auch unsere Kreditprofile der europäischen Banken zu senken".
Die Verknüpfung ist in der Krise noch enger geworden. Einerseits helfen die Banken der angeschlagenen Länder ihren Regierungen mit dem Aufkauf heimischer Staatsanleihen. Andererseits springen die Staaten ein, wenn es für ihre eigenen Banken kritisch wird. So ist eine wechselseitige Abhängigkeit entstanden, die im Ernstfall in die Katastrophe führen kann. "Ich halte jedes Bankensystem für gefährdet, in dem massiv eigene Staatsanleihen gekauft wurden", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenexperte an der Universität Hohenheim.
Ein Austritt der Krisenländer würde die Banken 360 Milliarden Euro kosten
Die Notenbanken der Welt bereiten sich offenbar bereits auf ein Beben an den Finanzmärkten vor. Auslöser könnte die Parlamentswahl in Griechenland am kommenden Sonntag sein. Sollten die reformfeindlichen Parteien gewinnen, würde dies womöglich das Ende der Hilfszahlungen und damit auch den Austritt des Landes aus dem Euro bedeuten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters wollen die großen Notenbanken der Welt in einem solchen Fall die Finanzmärkte mit Geld fluten, um ein Einfrieren der Kreditmärkte zu verhindern. "Das Euro-System wird zahlungsfähigen Banken weiter Liquidität bereitstellen, wenn das benötigt wird", sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Freitag.
Nicht nur die Banken in den Krisenländern der Euro-Zone müssen eine Verschärfung der Krise fürchten. Auch die Schweizer Notenbank SNB sorgt sich um ihre beiden heimischen Großbanken Credit Suisse und UBS. "Das Risiko des Zusammenbruchs einer großen Bank bleibt substantiell", schreibt die SNB in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Bericht zur Finanzstabilität.
Die Analysten der Rating-Agenturen sind ebenfalls besorgt. Standard & Poor's zweifelt in einer aktuellen Studie an der Solvenz und Kapitalausstattung vieler Institute. Von den 50 größten europäischen Banken hat die Rating-Agentur deshalb 27 mit einem negativen Ausblick versehen oder auf die Beobachtungsliste gesetzt. Die Kollegen von Moody's stufen seit Wochen immer wieder europäische Bankwerte herab. Am Freitag traf es fünf niederländische Institute.
Wie schlimm es im Ernstfall kommen kann, haben die Experten der Credit Suisse
ausgerechnet. Das Ergebnis ist erschreckend: Sollte sich die Euro-Zone aufspalten und die Krisenländer Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien aus der Währungsunion austreten, lägen die Verluste für die großen europäischen Banken bei 360 Milliarden Euro. Das entspricht 58 Prozent ihres aktuellen Börsenwerts. Einige Institute würden einen solchen Schock nicht überleben.
In Deutschland wäre in einem solchen Negativszenario die Deutsche Bank
mit Verlusten von mehr als 28 Milliarden Euro betroffen, bei der Commerzbank
wären es knapp 17 Milliarden Euro. Verluste in dieser Dimension wären ohne staatliche Hilfe wohl kaum zu stemmen.
So schlimm muss es freilich nicht kommen. Und kleinere Schocks wie einen Austritt Griechenlands aus der Währungsunion dürften die deutschen Institute nach Einschätzung der meisten Experten auch noch verkraften. Das hiesige Bankensystem sei insgesamt "vergleichsweise robust", hatte die Chefin der Bankenaufsicht BaFin Anfang Juni gesagt - wenngleich viele Experten immer die knappe Kapitaldecke der Institute bemängeln.
Andere Länder dürften weitaus größere Probleme bekommen, wenn sich die Krise weiter verschärft. Das gilt vor allem für Krisenstaaten wie Spanien, Griechenland oder auch Portugal - doch nicht nur für sie. Wo stecken die Risiken in Europas Bankensystemen? Welche Länder müssen besonders aufpassen?
