15.06.2012
Notfallpläne für Griechenland-Wahl
Die Stunden der Retter
Von Stefan KaiserHamburg - Wenn am Sonntagabend um 19 Uhr Ortszeit die Wahllokale in Griechenland schließen, schlägt die Stunde der Krisenmanager. Regierungschefs, Finanzminister und Notenbanker aus der ganzen Welt schauen nach Athen. Es ist der Tag, den sie gefürchtet haben. Sollte Griechenland den falschen Mann zum Ministerpräsidenten wählen, drohen ganz Europa heftige Verwerfungen.
Der falsche Mann wäre aus Sicht der Krisenmanager Alexis Tsipras von der linkspopulistischen Partei Syriza. Er verspricht den griechischen Wählern Hilfe ohne Leiden. Das Geld der Euro-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) will er nehmen, die daran geknüpften Bedingungen dagegen aufkündigen. Schwer vorstellbar, dass sich die Krisenmanager darauf einlassen.
Deshalb müssen sie vorbereitet sein. Um 2 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit öffnet am Montagmorgen die Börse in Tokio. Ein Wahlsieg von Tsipras würde an den Finanzmärkten wohl mit einem Austritt Griechenlands aus dem Euro gleichgesetzt. Von leichten Turbulenzen bis schwerer Panik ist in einem solchen Fall alles möglich. "Im besten Fall werden wir am Montag eine extrem ernste Situation haben", sagte der schwedische Finanzminister Anders Borg am Freitag.
Einige europäische Politiker fürchten, dass auch die griechischen Bürger am Montag in Panik verfallen und zu den Bankautomaten rennen, um ihr Geld abzuheben. Bereits in den vergangenen Tagen haben sie hohe Summen von ihren Konten abgeräumt. Falls sich die Situation verschärfen sollte, könnten Notfallpläne aktiviert werden, die die EU-Kommission bereits geprüft hat. So ließen sich zum Beispiel die Abhebesummen an griechischen Geldautomaten beschränken. Auch Grenz- und Kapitalverkehrskontrollen wären möglich, um zu verhindern, dass die griechischen Bürger ihr Geld außer Landes schaffen.
Die Bundeskanzlerin hat ihren Flug auf Mitternacht verschoben
Nach der Wahl am Sonntag dürfte in Deutschland wohl Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) als Erster zum Telefonhörer greifen. Sein Sprecher dementierte am Freitag zwar Meldungen, wonach für Sonntagabend eine Telefonkonferenz der europäischen Finanzminister angesetzt sei. In der Vergangenheit habe man bei Abstimmungsbedarf allerdings immer schnell kommunizieren können.
Auch die Bundeskanzlerin steht bereit. Angela Merkel hat ihren Flug zum G20-Treffen in Mexiko extra auf Mitternacht verlegt. Bis dahin bleibt noch Zeit, um sich mit den europäischen Regierungschefs auszutauschen. Die wichtigsten davon wird sie ohnehin nach ihrer Ankunft am Montag in Mexiko wiedertreffen. Der Gipfel in Los Cabos könnte so zum großen Krisengipfel für die Euro-Zone werden. Auch die wichtigsten Finanzminister, EU-Präsident Herman van Rompuy und Kommissionschef José Manuel Barroso werden vor Ort sein.
Zusätzlich stehen die Notenbanken in Daueralarmbereitschaft. Am Montag wird Bundesbank-Präsident Jens Weidmann voraussichtlich mit seinen Kollegen aus dem Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) telefonieren. Je nachdem, wie die Finanzmärkte auf den Wahlausgang in Griechenland reagieren, könnten sie weitere Geldspritzen für die Banken beschließen. Um einer Panik vorzubeugen, versicherte EZB-Chef Mario Draghi den Investoren und Banken am Freitag schon mal, man sei bereit, noch mehr Liquidität ins Finanzsystem zu pumpen, falls dies nötig werde.
Die Notenbanken stehen für eine konzertierte Aktion bereit
Auch die übrigen großen Notenbanken der Welt sind in das Krisenmanagement eingebunden. Sollte es an den Börsen oder bei den Banken zu Panik kommen, könnten sie in einer konzertierten Aktion die Finanzmärkte mit Geld fluten. So etwas gab es bereits im vergangenen Herbst, als der Handel zwischen den Banken einzufrieren drohte. Auch Anfang Oktober 2008, kurz nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, hatten sich die Notenbanken zu einer gemeinsamen Aktion zusammengeschlossen.
Der japanische Zentralbankchef Masaaki Shirakawa betonte am Freitag, die Notenbanken stünden in engem Kontakt und beobachteten die Lage genau. Möglich ist auch, dass sie per Videokonferenz zum Gipfel in Los Cabos zugeschaltet werden.
Die meisten Geschäftsbanken haben sich bereits auf die Wahl in Griechenland vorbereitet und ihr Engagement in dem Land drastisch zurückgefahren. Dennoch sind auch sie in Alarmbereitschaft - schließlich könnte ein Finanzbeben auch die Institute treffen, die keine Geschäfte in Griechenland machen.
Was die konkreten Krisenpläne angeht, halten sich die deutschen Finanzinstitute bedeckt. Lediglich der Chef der HypoVereinsbank, Theodor Weimer, hatte zu Beginn der Woche angekündigt, der Vorstand werde sich am Sonntag treffen - "für den Fall der Fälle". So ähnlich dürfte es auch bei anderen Banken aussehen. Je nach Wahlausgang werden die Chefs zum Telefonhörer greifen.
Deutsche-Bank-Finanzvorstand Stefan Krause hatte am Donnerstag gesagt, man rechne zwar nicht mit einem Euro-Austritt Griechenlands, habe aber intern mögliche Konsequenzen erörtert. Die Risiken seien hoch. "Wir wissen nicht, wie dann die Domino-Steine fallen werden."
Mit Material von Reuters
