19.06.2012
ZEW-Index
Konjunkturerwartungen sinken wie seit 14 Jahren nicht mehr
Baustelle in Frankfurt am Main: Zuversicht für die deutsche Konjunktur trübt sich ein
Mannheim - Mit der Zuspitzung der Euro-Krise in Spanien und Griechenland verlieren deutsche Börsianer ihren Optimismus: Die Zuversicht deutscher Finanzexperten hat sich im Juni stark eingetrübt. Der ZEW-Index, der ihre Konjunkturerwartungen für die kommenden sechs Monate wiedergibt, sank um 27,7 Punkte auf minus 16,9 Zähler, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag mitteilte.
Laut einer Befragung der Nachrichtenagentur dpa hatten Volkswirte mit einer viel moderateren Eintrübung auf 2,4 Punkte gerechnet. Die Beurteilung der aktuellen Lage gab ebenfalls deutlich nach. Sie sank um 10,9 Punkte auf 33,2 Zähler. Mit dem jüngsten Einbruch sinkt der Erwartungsindex auf den tiefsten Stand seit Jahresbeginn, noch im April hatten sich Börsenprofis überaus optimistisch gegeben.
Die Gründe für den Einbruch - es ist der stärkste Rückschlag seit Oktober 1998 - sehen Experten in der Eskalation der Euro-Krise: "Zum deutlichen Rückgang des Indikators dürfte die Zuspitzung der Lage des spanischen Bankensektors beigetragen haben," teilte das ZEW mit. Außerdem hat vermutlich die Unsicherheit der Situation in Griechenland die Konjunkturerwartungen beeinflusst: Im Zeitraum der Umfrage sei noch nicht bekannt gewesen, wie die griechische Parlamentswahl ausgehen würde.
"Deutschland dürfte nicht zurück in die Rezession fallen"
"Das Barometer ist noch stärker gefallen als wir erwartet hatten," sagte Peter Meister von der BHF-Bank. Der Index der Investoren sei stark am Marktgeschehen orientiert: "Am Aktienmarkt und bei den Anleihen-Spreads der Krisenländer der Euro-Zone mehrten sich zuletzt die negativen Nachrichten." Insgesamt deuteten die ZEW-Zahlen darauf hin, dass auch Deutschland nicht immun gegen die Krise sei.
"Deutschland dürfte nicht zurück in die Rezession fallen," sagte hingegen Jürgen Michels von der Citigroup. Dazu sei die Binnennachfrage zu robust. Experten rechnen dieses Jahr einhellig mit nur einem moderaten Wachstum. Meister bezifferte die Prognose dafür auf 0,7 Prozent.
ZEW-Präsident Wolfgang Franz interpretierte den Rückgang des Indikators als Warnung, die deutschen Konjunkturperspektiven "allzu optimistisch" einzuschätzen. Die Risiken einer markanten Konjunkturabschwächung in wichtigen Handelspartnerländern seien unübersehbar. Hinzu komme die nach wie vor brenzlige Lage im Euro-Raum. "Das Votum der griechischen Wähler verschafft uns eine kurze Atempause - nicht mehr und nicht weniger."
Für die Euro-Zone ergibt sich ein ähnliches Bild wie für Deutschland: Sowohl Konjunkturerwartungen als auch Lagebeurteilung gaben deutlich nach. Die Erwartungen sanken um 17,7 Punkte auf minus 20,1 Zähler. Die Lageeinschätzung fiel um 13,0 Punkte auf minus 73,2 Zähler.
bos/dpa/Reuters
