03.07.2012
Formel-1-Affäre
Mr. Ecclestone ist nicht zu fassen
Von Michael Kröger
Formel-1-Impresario Ecclestone: Gewiefter Taktiker
Berlin - Götterdämmerung in der Formel 1: Bislang zog Bernie Ecclestone die Fäden in der weltumspannenden Rennserie fast nach Belieben. Revolten erstickte er jedesmal im Keim und belohnte Loyalität mit viel Geld. Doch nach der Aussage von Ex-BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky steht plötzlich der Vorwurf der Korruption gegen Ecclestone im Raum. Jetzt geht es nicht nur für den Briten um alles. Auch Rennställe, Fahrer, Mechaniker und Streckenbetreiber schauen nervös in die Zukunft. Doch welche Folgen hätte ein Strafverfahren gegen Mister Formel 1? Antworten auf die wichtigsten Fragen:
Was genau wirft die Staatsanwaltschaft Ecclestone vor?
In seinem Plädoyer gegen Gribkowsky ließ Oberstaatsanwalt Christoph Rodler keinen Zweifel daran, wen er für den wahren Übeltäter hält: Bernie Ecclestone. Der Brite habe 2005 ernsthaft mit dem Verlust seiner Macht über die Formel 1 rechnen müssen und um sein Lebenswerk gefürchtet, erklärte Rodler. Auf der einen Seite hätten die Autokonzerne mit einer eigenen Rennserie gedroht, weil sie mit der Aufteilung der Erlöse unzufrieden gewesen seien, auf der anderen hätten die Banken als größte Anteilseigner an der Formel-1-Holding Mitspracherechte geltend gemacht, und sogar über die Entlassung Ecclestones gesprochen.
Der habe daher, so sieht es der Ankläger, Gribkowsky gekauft. Den Mann also, der maßgeblichen Einfluss auf den Verkauf des Holding-Anteile an einen Investor nehmen konnte, der Ecclestone besser in den Kram passte. Im Anschluss an die erfolgreiche Transaktion habe Ecclestone 44 Millionen Euro an Gribkowsky überwiesen.
Damit dürfte der Tatbestand der Bestechung aus Sicht der Staatsanwälte erfüllt sein. Gleichwohl ist noch unklar, ob die Behörde tatsächlich Anklage erhebt. Möglicherweise liegt die Anklageschrift ja bereits fertig in den Schubladen und wird hervorgezogen, wenn der 81-Jährige nach Deutschland reist, um etwa den Grand Prix in Hockenheim zu besuchen. Dann nämlich könnte man ihn dort verhaften. Andernfalls müsste man ein kompliziertes und langwieriges Auslieferungsverfahren in Großbritannien anstrengen.
Würde Großbritannien Ecclestone an Deutschland ausliefern?
Grundsätzlich reagieren Staaten extrem zurückhaltend, wenn es um die Auslieferung eigener Bürger geht. Entscheidend ist, dass es sich um ein Vergehen handelt, dass auch im eigenen Lande strafbar wäre und dass ein entsprechendes Auslieferungsabkommen besteht. Beides ist im Fall Ecclestone gegeben.
Der Brite dürfte jedoch alle erdenklichen Register ziehen, um sich dem Zugriff der deutschen Behörden zu entziehen. Er hat unermesslich viel Geld, kann sich also die besten Anwälte leisten.
Wie lautet Ecclestones Version?
Glaubt man Ecclestone, dann ist er ein bedauernswertes Opfer, erpresst von einem geld- und machtgierigen Bankmanager, der skrupellose Lügen über ihn verbreiten wollte. Nur aus Angst habe er eingewilligt, Gribkowsky als Berater zu engagieren und ihm Geld zu versprechen.
Aus Sicht von Staatsanwalt Rodler ist diese Version allerdings unglaubwürdig. Und tatsächlich ist es schwer zu glauben, dass ein gewiefter Verhandler und Strippenzieher vom Schlage eines Bernie Ecclestone derart unter die Fuchtel eines blassen Bankmanagers à la Gribkowsky geraten könnte.
Kann Ecclestone Formel-1-Chef bleiben?
Die Frage stellt sich natürlich nicht erst, seit Ecclestone wegen der undurchsichtigen Millionenüberweisung an Gribkowsky der Bestechung verdächtigt wird. Schließlich hat der Mann 81 Jahre auf dem Buckel - ein Alter, in dem die meisten Menschen über ganz andere Dinge nachdenken als über die Führung eines Unternehmens mit Milliardenumsätzen.
Das Problem ist nur: Ganz egal, ob man Ecclestone wegen seines Alters oder wegen seiner mutmaßlichen Missetaten ablöst - wer soll ihn ersetzen? Ohne Ecclestone riskieren die Anteilseigner der Rennserie, dass die Formel 1 implodiert. Denn das Geschäft, so wie der Alte es aufgezogen hat, basiert auf vertraulichen Absprachen und Klüngelrunden in Hinterzimmern. Allen Beteiligten gemeinsam ist der Wunsch, aus dem Rennzirkus so viel Geld wie möglich herauszupressen. Das System funktioniert aber nur so lange, wie jeder Beteiligte das Gefühl hat, seinen gerechten Anteil zu bekommen. Die stille Übereinkunft wäre wohl schnell dahin, wenn bekannt würde, welche Zugeständnisse Ecclestone dem einen hier und dem anderen da gemacht hat.
Steigen die an den Rennställen beteiligten Autokonzerne aus?
Der Verhältnis der Autokonzerne zu Ecclestone war noch nie frei von Spannungen. Es ging immer um Geld, Macht und Einfluss. Der Unmut reichte vor einigen Jahren so weit, dass einige Hersteller sogar eine eigene Rennserie gründen wollten. Doch keiner beherrscht die Kunst des "Teile und herrsche!" so gut wie Ecclestone. Mit geheimen Absprachen und Zugeständnissen in Millionenhöhe brachte der gewiefte Taktiker die Rennställe wieder auf Linie.
Eine Anklage wegen Bestechung aber dürfte ihm das Leben wirklich schwer machen. Schon fordern Organisationen wie Transparency International Sponsoren und Hersteller öffentlich dazu auf, ihr Formel-1-Engagement zu überdenken. Schließlich verträgt es sich kaum mit den inzwischen weit verbreiteten Regeln der Corporate Governance. Bei Daimler sieht man derzeit zwar noch keinen Anlass für Konsequenzen, wie eine Sprecherin sagte. Doch seit einigen Jahren wendet sich Daimler konsequent von Geschäftspartnern ab, die sich Korruptionsvergehen schuldig gemacht haben.
Eine Anklage gegen Ecclestone würde zum Lackmustest für diese Geschäftspraxis.
