09.07.2012
Angebliche Zinsmanipulationen
Wie Metzler die Deutsche Bank drankriegen will
Von Stefan Kaiser und Christian Rickens
Bankier Friedrich von Metzler: Klage gegen Großbanken wegen Zinssatz-Manipulation
Hamburg - Eigentlich mag es Friedrich von Metzler lieber ruhig und diskret. Der Chef der ältesten deutschen Privatbank in Familienhand führt das Institut seit mehr als 40 Jahren ohne größere Turbulenzen. Doch plötzlich steht das kleine Frankfurter Institut im Blickpunkt der Öffentlichkeit: Der Grund ist eine 107-Seiten- Klage, die eine Tochter des Bankhauses, die Metzler Investment GmbH, zusammen mit anderen Investoren bei einem New Yorker Gericht eingereicht hat.
Darin nehmen die kleinen Kapitalgesellschaften die ganz Großen der Finanzbranche ins Visier: 15 internationale Banken - von den US-Schwergewichten JP Morgan Chase, Citigroup
und Bank of America
über die britischen Institute Barclays
, HSBC
, Lloyds
und Royal Bank of Scotland
bis zu den Schweizer Großbanken UBS
und Crédit Suisse ist fast alles dabei, was in der Finanzwelt Rang und Namen hat. Da darf natürlich auch das größte deutsche Geldhaus nicht fehlen: die Deutsche Bank
. Sie und die Düsseldorfer WestLB stehen ebenfalls auf der Liste der Beklagten.
Äußern will die Deutsche Bank sich nicht zu dem Fall. Sie verweist auf den jüngsten Geschäftsbericht, in dem im Zusammenhang mit den Libor-Untersuchungen von mehreren zivilrechtlichen Klagen in den USA die Rede ist. Die Verfahren befänden sich in einem frühen Stadium.
Anlass für die Klagen waren die weltweiten Untersuchungen von Aufsichtsbehörden gegen insgesamt 20 Banken, die über Jahre hinweg den wichtigen Zinssatz Libor manipuliert haben sollen. Laut Angaben aus Finanzkreisen sollen mehrere Banken wegen der Untersuchungen bereits im vergangenen Jahr einzelne Händler suspendiert haben. Auch bei der Deutschen Bank mussten zwei Mitarbeiter gehen.
In der vergangenen Woche gab mit der britischen Bank Barclays erstmals eines der großen Institute zu, dass seine Händler systematisch falsche Zinssätze an den britischen Bankenverband BBA gemeldet haben, der den Libor täglich festlegt. Barclays-Chef Bob Diamond musste zurücktreten. Seitdem wackelt nicht nur die britische Bankenwelt.
Sollte sich herausstellen, dass außer Barclays noch mehr Banken manipuliert haben, könnten auf die beteiligten Institute Milliardenforderungen zukommen. "Wir sind per Gesetz verpflichtet zu handeln, wenn die Gefahr besteht, dass treuhändisches Vermögen gefährdet ist", begründete ein Metzler-Sprecher die eingereichte Klage. Im Klartext: Metzler-Kunden könnten geschädigt worden sein - und ihrerseits Ansprüche gegen die Privatbank geltend machen.
Ist die Klage erfolgreich, dürften auch größere Vermögensverwalter aufspringen. "Wenn es in den USA zu einem Gerichtsurteil zugunsten der Geschädigten kommen sollte, werden wir unsere Ansprüche geltend machen", heißt es etwa bei der deutschen Fondsgesellschaft Union Investment. Und auch der Sparkassen-Fondsdienstleister Deka teilte mit: "Wir prüfen derzeit, ob und inwieweit Ansprüche bestehen und wie diese eventuell durchgesetzt werden können."
"Milliarden Dollar ungerechtfertigter Gewinne"
Der Libor ("London Interbank Offered Rate") ist einer der wichtigsten Zinssätze in der internationalen Bankenwelt. Er zeigt an, zu welchem Preis sich die Banken am Finanzplatz London untereinander Geld leihen. In Zeiten von Finanzkrisen, wenn das Vertrauen zwischen den Banken gestört ist, steigt der Libor normalerweise an. Die Banken verlangen dann höhere Zinsen für die Kredite an andere Institute, weil sie damit rechnen müssen, das Geld eventuell nicht mehr zurückgezahlt zu bekommen.
In der Klageschrift, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, werfen das Bankhaus Metzler und andere Investoren den 15 Großbanken nun vor, den Libor-Satz während der Finanzkrise 2007 bis 2010 künstlich niedrig gehalten zu haben. Das ist theoretisch möglich, weil der Libor ein Durchschnitt der Zinssätze ist, die eine kleine Gruppe großer Banken täglich dem britischen Bankenverband BBA meldet. Ob die Zahlen, die die Geldhäuser melden, richtig sind, wurde bisher nicht überprüft. Wenn mehrere Banken niedrigere Zinssätze gemeldet haben, als sie tatsächlich am Finanzmarkt zahlen mussten, wäre der Libor also manipuliert.
Der Libor ist so wichtig, weil viele Finanzprodukte und -transaktionen darauf basieren. Insgesamt geht es um ein weltweites Volumen von 360 Billionen Dollar. So vergeben Banken zum Beispiel Kredite an Unternehmen, deren Konditionen sich an der Höhe und der Entwicklung des Libor orientieren, also zum Beispiel Libor plus ein Prozent.
In der aktuellen Klage geht es nun vor allem um sogenannte Eurodollar-Geschäfte. Eurodollar sind Dollar-Guthaben außerhalb der USA, die nicht unter der Kontrolle der US-Notenbank Fed stehen. Mit sogenannten Eurodollar-Futures können Investoren auf die Entwicklung des Libor-Satzes innerhalb der nächsten drei Monate wetten. So können sich Banken und andere Unternehmen zum Beispiel gegen Zinsschwankungen absichern.
Laut der Klageschrift hatten die beklagten Banken zwei Gründe, den Libor künstlich niedrig zu halten:
- Erstens sei es für sie in Zeiten der Finanzkrise von Vorteil, ihren Investoren und Kunden niedrige Finanzierungskosten vorzugaukeln, weil diese als Maß für die Kreditwürdigkeit der jeweiligen Bank gelten. Je niedriger die Zinsen, die ein Institut für geliehenes Geld zahlen muss, desto größer das Vertrauen der anderen Marktteilnehmer und der Bankkunden, die ihr Geld bei dem Institut deponiert haben.
- Zweitens, so der Vorwurf in der Klageschrift, hätten die Banken selbst Finanzprodukte auf Libor-Basis verkauft beziehungsweise damit gehandelt. Dabei geht es unter anderem um die Eurodollar-Futures. Durch illegale Absprachen hätten sie "Hunderte von Millionen, wenn nicht sogar Milliarden Dollar ungerechtfertigte Gewinne" eingestrichen.
Bei ihrer Argumentation stützen sich die Investoren um Metzler unter anderem auf Aussagen von Analysten der betroffenen Banken, die den Libor selbst als zu niedrig bezeichnet hatten. Zudem vergleichen sie die Entwicklung des Libor mit der eines ähnlichen Indikators der amerikanischen Notenbank, der "Federal Reserve Eurodollar Deposit Rate". Zwischen Januar 2000 und August 2007 entwickelten sich beide Indikatoren weitgehend übereinstimmend, danach begann die Abweichung des Libor nach unten. Erst seit dem Oktober 2011, als die EU-Kommission ihre Untersuchungen gegen die Banken begann, laufen beide Indikatoren wieder auf ähnlichem Niveau.
Das alles sind wohl eher Indizien statt Beweise. Ob es den Klägern wirklich gelingt, einen entstandenen Schaden nachzuweisen, bleibt fraglich. Unangenehm dürfte es für die Deutsche Bank und die anderen Beklagten trotzdem werden.
Denn anders als in Deutschland reichen in den USA schon Indizien, damit die Klage angenommen wird. "Die Beweise können während des Prozesses angeführt werden", erklärt Marc Alexander Häger, Prozessrechtsexperte bei der Kanzlei Oppenhoff & Partner in Köln. Und dabei sei die Gegenseite zur Mitwirkung verpflichtet. Für die Deutsche Bank hieße dass, sie müsste interne Dokumente und E-Mails offenlegen und Mitarbeiter als Zeugen aussagen lassen. "Das kann von der Gegenseite nur im Einzelfall zurückgewiesen werden", sagt Häger.
Eine solche Beweiserhebung könne "mit nachteiligen Enthüllungen und erheblichen Anwaltskosten verbunden" und "so unangenehm sein, dass gerade Konzerne gerne über Vergleich nachdenken". Auf diese Weise hat die Deutsche Bank bereits andere Klagen in den USA beigelegt.
Sollte sie das Verfahren tatsächlich bis zum Ende durchziehen, entscheidet in den USA am Ende eine Jury aus juristischen Laien über den Sachverhalt . "Das macht die Ergebnisse schwer berechenbar", sagt Häger.
Wer weiß: Vielleicht könnte das für Metzler sogar einen Vorteil im Kampf gegen den Goliath Deutsche Bank bedeuten.
