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02.12.2012
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VW-Erfolg in Russland

Folkswagen für Putin

Von , Moskau
AFP

Russland lockt Autobauer mit traumhaften Wachstumsraten, auch Volkswagen investiert kräftig im Osten und verkauft dort Zehntausende "Russkij Folkswagen". Doch der Erfolg hat seinen Preis, die Regierung Putin verlangt Gegenleistungen von den Herstellern.

Samstags treibt das Heimweh die Fremden aus Wolfsburg hinaus in die russische Kälte. Dann schlüpfen die Männer von Volkswagen in Mütze und Mantel und stapfen zum "Oberschwein", einer Kneipe im Zentrum von Kaluga. In der Provinzstadt, 180 Kilometer südwestlich von Moskau, hat Volkswagen ein Werk für 600 Millionen Euro gebaut. Das ansässige Lokal lockt die Gastarbeiter mit "demokratischer Einrichtung". So nennen Russen gemütliches Ambiente. Die rustikale Bierstube ist ein Stück deutsche Heimat.

Volkswagen hat Ingenieure aus Deutschland, Polen und Tschechien nach Kaluga geschickt. Sie sollen helfen, Russlands lukrativen Automarkt zu erobern. Der boomt so sehr, dass Experten nicht mehr daran zweifeln, dass Russland Deutschland als größten Automarkt Europas überholen wird. Nur der Zeitpunkt ist fraglich, in zwei, drei oder vier Jahren könnte es soweit sein. In diesem Jahr dürften die Autoverkäufe in Russland die Drei-Millionen-Marke überschreiten.

Für Volkswagen ist Russland Teil der großen Verheißung BRIC - das Kürzel steht für Brasilien, Russland, Indien und China. Dort erwartet die Autoindustrie das große Wachstum, während in Europa und Amerika kaum noch Steigerungen möglich sind.

Putin macht die Autobranche zur Chefsache

Mit einem Investitionsprogramm von 50 Milliarden Euro will VW-Chef Martin Winterkorn sein Ziel erreichen, Toyota als weltgrößten Autoproduzenten abzulösen. Russland ist ein wichtiger Baustein im Konzept des Wolfsburger Konzernchefs. Winterkorn peilt bald 500.000 zwischen Kaliningrad und Wladiwostok verkaufte VW, Skodas und Audi an.

Bislang liegt der Konzern voll im Plan. In den vergangenen drei Jahren hat VW den Absatz fast verdreifacht. Von Januar bis Oktober dieses Jahres zogen die Verkäufe um 46 Prozent an. 300.000 verkaufte Fahrzeuge sollen es bis Ende des Jahres sein. Schon jetzt sind die Wolfsburger umsatzstärkster Autokonzern in Russland - und das, obwohl Platzhirsch Awtowas mit dem Partner Renault-Nissan dreimal so viele Autos verkauft.

Das liegt auch an Wladimir Putin. Formal fällt die Branche zwar in die Zuständigkeit der Ministerien für Industrie und Wirtschaft, de facto hatte während Putins vierjähriger Amtszeit als Premierminister in Automobilfragen aber sein Stab das letzte Wort. Im Frühjahr dieses Jahres - Putins Ämtertausch mit dem damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedew stand kurz bevor - erkundigten sich ausländische Autobosse bei Russlands starkem Mann, an wen sie sich in Zukunft wenden sollten. Putin antwortete, natürlich werde er weiterhin persönlich die Entwicklung der Branche verfolgen.

Der Ort des Treffens hatte Symbolkraft: Die Vertreter in- und ausländischer Autobauer trafen Putin in der Toljatti. Die Stadt an der Wolga ist eine Art russisches Wolfsburg, nur viel größer. Auf 600 Hektar Fläche residiert hier der staatliche Lada-Hersteller Awtowas. Die Keynote-Speach aber hielt im Beisein Putins kein Lada-Mann sondern der Deutsche Marcus Osegowitsch, Generaldirektor der Volkswagen Group Rus.

Lange hatte der Kreml gehofft, aus ehemals sowjetischen Herstellern wie dem riesigen Lada-Konglomerat international konkurrenzfähige Global Player zu formen. Weil sich diese Hoffnungen aber zerschlugen, ließ Putin eine neue "Automobil-Strategie 2020" entwerfen. Experten der Boston Consulting Group schrieben daran mit. Das Dokument habe "Hand und Fuß", sagt VW-Russland-Mann Osegowitsch.

Putins Autostrategie kombiniert internationales Know-how mit knallharter Industriepolitik. Innerhalb von gerade einmal zehn Jahren brachte der Kreml internationale Autokonzerne dazu, ein Werk nach dem anderen im Riesenreich zu bauen. Russland lockte mit Investitionsvergünstigungen und hohen Wachstumsraten. Und Russland schottete sich gegen Importfahrzeuge ab, mit hohen Strafzöllen. Wer dort Autos verkaufen will, der soll in Russland auch Arbeitsplätze schaffen, lautete das Kalkül.

Auf mindestens 350.000 Neuwagen muss VW in den kommenden Jahren die Fertigungskapazitäten ausbauen. Dazu musste sich der Konzern wie andere ausländische Hersteller gegenüber dem Kreml verpflichten. Von Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO profitieren die Autobauer dagegen kaum: Moskau muss zwar die Importzölle für Neuwagen senken, hat im Gegenzug aber eine Zwangsabgabe in gleicher Höhe eingeführt. Angeblich sollen so zukünftige Recyclingkosten gedeckt werden.

Ford im Westen, Mazda im Osten

Diese Modernisierung nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche entspricht nicht den Glaubenssätzen der Theoretiker des liberalen Handels. Sie hat aber den Vorzug, dass sie funktioniert: Russland, in den neunziger Jahren als Autonation abgehängt, baut in Windeseile eigene Fertigungskapazitäten. In Sankt Petersburg im Westen lassen Ford und Toyota Autos bauen, in Kaliningrad montiert der Autozulieferer Magna mit russischen Partnern BMW-Modelle, in Wladiwostok im Osten will Mazda eine Fabrik bauen - und auch Mercedes lässt in Russland seinen Kleintransporter Sprinter bauen. 1,7 Millionen Fahrzeuge liefen so schon im vergangenen Jahr in Russland vom Band.

Die Fortschritte in der Autoindustrie sind der größte industriepolitische Erfolg im neuen Russland. Noch immer sind es vor allem Öl und Gas, die das Wirtschaftswachstum antreiben. In vielen Branchen lähmen Ineffizienz, Misswirtschaft und Filz die Innovationskräfte des Landes. Doch die ausländischen Autobauer hatten nicht nur technisches Know-how im Gepäck, sie brachten auch effizientere Strukturen mit. Das zahlt sich aus: Während Toyota, Ford, Hyundai und andere zweistellige Wachstumsraten verzeichnen waren die Lada-Verkäufe zuletzt sogar rückläufig.

Der Erfolg der Autobauer entfaltet eine Sogwirkung. Ausländische Zulieferer haben sich rund um die Fabriken in Kaluga oder Sankt Petersburg angesiedelt. Das liegt freilich daran, dass Qualität und Zuverlässigkeit russischer Zulieferer noch zu wünschen lassen. "Es gibt da ein anderes Verständnis für Lieferketten", sagt VW-Mann Osegowitsch. "Manche Bauteile sind nicht da, wenn man sie braucht. Was "Just-in-Time-Fertigung für uns bedeutet, ist vielen noch nicht klar."

Polo und Skoda Octavia gehören zu den am meisten verkauften Modellen. Mit einem Preis von umgerechnet rund 10.000 Euro ist ein "Russkij Folkswagen", wie die Russen sie nennen, auch für die wachsende Mittelschicht erschwinglich. Mit rund 6500 Mitarbeitern ist VW sogar laut dem Wirtschaftsmagazin "Expert" unter die Top-40 der größten Konzerne im Land vorgestoßen.

Die Deutschen sponsern die russische Fußballnationalmannschaft und die Olympischen Winterspiele 2014 in der Schwarzmeerstadt Sotschi. Die ehemals Fremden aus Wolfsburg sind heimisch geworden im Osten.

Forum

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insgesamt 105 Beiträge
1. aber das kennen die deutschen schon
ein-dummer-junge 02.12.2012
Wer sponsert die chinesische Olympiamannschaft? - BMW Wer sponsert die Kampagne das Tibet ein teil Chinas ist? - Mercedes Benz !!! Was müssen sich die deutschen und andere Autobauer gefallen lassen wenn sie in China verkaufen [...]
Wer sponsert die chinesische Olympiamannschaft? - BMW Wer sponsert die Kampagne das Tibet ein teil Chinas ist? - Mercedes Benz !!! Was müssen sich die deutschen und andere Autobauer gefallen lassen wenn sie in China verkaufen wollen? Fast alles Know How preisgeben. Nur Porsche macht es richtig ! Ein Porsche ist noch "Made in Germany"
2. na dann...
steevieb 02.12.2012
... wär ich mal für zölle auf gas und ölimporte nach deutschland
... wär ich mal für zölle auf gas und ölimporte nach deutschland
3. in Scharen
Anton T 02.12.2012
Das Prinzip, mit dem bereits Peter I. Russland technisch modernisiert hat. Seine Flotte hatten holländische Schiffsbauer gebaut, seine neue Stadt St. Petersburg italienische Architekten. Technisches know-how muß sich Russland [...]
Zitat von sysopAFPRussland lockt Autobauer mit traumhaften Wachstumsraten, auch Volkswagen investiert kräftig im Osten und verkauft dort Zehntausende "Russkij Folkswagen". Doch der Erfolg hat seinen Preis, die Regierung Putin verlangt Gegenleistungen von den Herstellern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/volkswagen-ist-in-russland-dank-putin-auf-dem-vormarsch-a-869991.html
Das Prinzip, mit dem bereits Peter I. Russland technisch modernisiert hat. Seine Flotte hatten holländische Schiffsbauer gebaut, seine neue Stadt St. Petersburg italienische Architekten. Technisches know-how muß sich Russland seit 300 Jahren aus dem Westen besorgen. Und wenn das nicht klappt, wird eben spioniert und know-how geklaut. Nur so konnten die Sowjets und kann Putin sein Riesenreich einigermaßen am Laufen halten. Im 21. Jahrhundert wird Russland jedoch eigene Innovationsfähigkeit entfalten müssen, und damit sieht es schlechter aus als je zuvor: die Qualifizierten verlassen nämlich in Scharen das Land, weil sie es in Putinland einfach nicht mehr aushalten.
4. Erfolg hat seinen Preis
finger_weg 02.12.2012
Daran sollten sich Merkel & Co. mal ein Beispiel nehmen.
Daran sollten sich Merkel & Co. mal ein Beispiel nehmen.
5. Erfolg hat seinen Preis
finger_weg 02.12.2012
Daran sollten sich Merkel & Co. mal ein Beispiel nehmen.
Daran sollten sich Merkel & Co. mal ein Beispiel nehmen.

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