06.12.2012
Krise bei ThyssenKrupp
Crommes kalter Coup
Von Maria Marquart und Christian RickensAls der VIP-Airbus der Bundesluftwaffe am 6. Juni 2012 in Richtung Riad startet, steht Olaf Berlien im Zenit seiner Macht. Der hochgewachsene, braungebrannte ThyssenKrupp-Vorstand führt eine Wirtschaftschaftsdelegation an, die zusammen mit Vizekanzler Philipp Rösler nach Saudi-Arabien fliegt - und einen Tag später mit vollen Auftragsbüchern zurückkehrt. Während der Reise weicht Berlien nur selten von Röslers Seite, und im Wirtschaftsministerium lässt man keinen Zweifel daran, wer den Minister zur Saudi-Visite überredete: Berlien, im Ehrenamt Vorsitzender der einflussreichen Nordafrika- und Nahost-Initiative der deutschen Wirtschaft.
Ein halbes Jahr später reicht ein einziger Satz, um das vorläufige Karriereende von Berlien zu verkünden: "Der Personalausschuss des Aufsichtsrats der ThyssenKrupp AG hat heute in enger Abstimmung mit Dr. Heinrich Hiesinger, dem Vorstandsvorsitzenden der ThyssenKrupp AG, entschieden, dem Aufsichtsrat in seiner Sitzung am 10. Dezember 2012 vorzuschlagen, die Bestellung der Vorstandsmitglieder Dr. Olaf Berlien (50) und Edwin Eichler (54) sowie Dr. Jürgen Claassen (54) mit Wirkung zum 31. Dezember 2012 aufzuheben."
Kein Dank für die Verdienste, keine guten Wünsche für den weiteren Lebensweg. Für die gedämpfte Sphäre der Dax-Vorstandsetagen, in der sonst selbst achtkantige Rausschmisse mit dem angeblichen "Wunsch nach neuen Herausforderungen" verbrämt werden, kommt dieser Abschied einer beruflichen Hinrichtung gleich.
Gehen müssen immer die anderen
Berlien und seine beiden Vorstandskollegen reihen sich ein in die lange Liste von Bauernopfern, die den Karriereweg jenes Mannes pflastern, der bei ThyssenKrupp das Sagen hat: Gerhard Cromme, der wohl größte Überlebenskünstler unter Deutschlands Topmanagern. In gleich zwei Dax-Konzernen, die in den vergangenen Jahren von Korruptionsskandalen und Missmanagement geplagt wurden, führt Cromme seit vielen Jahren den Aufsichtsrat: Bei ThyssenKrupp (seit 2001) und bei Siemens (seit 2007). Doch egal, was unter Crommes Aufsicht schiefläuft - gehen müssen immer die anderen.
Manche Cromme-Kenner führen sein atemberaubendes Überlebensgeschick auf die Tatsache zurück, dass der Jurist seinen Berufsweg 1971 beim französischen Glaskonzern Saint Gobain begann und dort innerhalb von 15 Jahren zum Deutschland-Chef aufstieg. Französische Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik haben seit Kardinal Richelieus Zeiten die Kunst der gepflegten Palastintrige zu einer weltweit unerreichten Perfektion geführt - und auch Cromme beherrscht diese Disziplin vortrefflich.
Cromme persönlich soll Berlien und seinen Kollegen Eichler und Claassen den Rauswurf mitgeteilt haben. Damit wird die alte Garde der ThyssenKrupp-Manager mit einem Handstreich aus dem sechsköpfigen Vorstand gefegt. Mit dem Abgang von Berlien, Eichler und Claassen wolle ThyssenKrupp "die notwendigen Veränderungen des Führungssystems und der Führungskultur im Konzern" durchsetzen, verkündete der Konzern.
Wenn im kommenden Jahr dann der IG-Metall-Gewerkschafter Oliver Burkhard den bisherigen Personalvorstand Ralph Labonte ersetzt, hat Cromme den Vorstand einmal komplett durchgetauscht. Konzernchef Heinrich Hiesinger übernahm erst im Januar 2011 die Führung. Drei Monate später stieß Finanzvorstand Guido Kerkhoff neu hinzu.
Doch im Aufsichtsrat ist von frischem Wind nichts zu spüren. An dessen Spitze steht mit Cromme ein Manager, der die alteingesessene Garde des Ruhrpott-Konzerns repräsentiert. Er stieß bereits 1986 von Saint Gobain zum Stahlproduzenten Krupp und arbeitete sich innerhalb weniger Jahre zum unangefochtenen Konzernlenker hoch. Sein größter Coup war 1999 der Zusammenschluss mit dem viel größeren Konkurrenten Thyssen zur ThyssenKrupp AG.Cromme will sich nun bei ThyssenKrupp als Aufräumer präsentieren. Mit Claassen opferte der Aufsichtsratschef sogar einen seiner engsten Vertrauten. Auf die drei geschassten Manager soll alles abgewälzt werden, was bei ThyssenKrupp in den vergangenen Jahren schieflief. Und das war einiges:
- Der Bau von Stahlwerken in Brasilien und den USA entwickelte sich für den Konzern zum finanziellen Desaster. Zwölf Milliarden Euro steckte ThyssenKrupp in die Anlagen, die 2010 in Betrieb gingen. Doch sie arbeiteten nie rentabel. Hiesinger zog die Notbremse und will die Werke verkaufen. Dabei stellt sich der Konzern aber auf einen Milliardenverlust ein. Für die Stahlsparte war Eichler zuständig.
- ThyssenKrupp war in den vergangenen Jahren immer wieder in Kartell- und Korruptionsverfahren verwickelt. Wegen Absprachen mit anderen Fahrstuhlherstellern musste der Konzern 319 Millionen Euro zahlen. Die Fahrstuhlsparte verantwortete Berlien. Auch an einem Schienenkartell zum Schaden der Bahn war der Konzern beteiligt. Hier drohen ThyssenKrupp mehrere hundert Millionen Euro Bußgelder und Schadensersatz.
- Kürzlich wurden dann auch noch Luxusreisen von Kommunikationsvorstand Claassen bekannt. Er soll Journalisten auf teure Reisen eingeladen haben. Das Pikante: Claassen ist zugleich als Compliance-Vorstand für die Einhaltung interner Regeln zuständig. Er hatte bereits am 1. Dezember darum gebeten, sein Vorstandsmandat ruhen zu lassen.
Für das Finanzdesaster bei den Stahlwerken musste bereits der frühere Vorstandschef Ekkehard Schulz büßen. Die Anlagen wurden unter seiner Verantwortung gebaut. Schulz wurde vor einem Jahr aus dem ThyssenKrupp-Aufsichtsrat gedrängt.
Claassen wurde offenbar die Reise-Affäre zum Verhängnis. Und Berlien wird offenbar in Sippenhaft genommen. Für das Stahlgeschäft war er nicht zuständig, das Aufzugkartell entstand bereits vor seiner Zeit bei ThyssenKrupp. Doch Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre hatte Berlien im Vorstand mit abgesegnet.
Cromme selbst will offenbar keine Konsequenzen aus all den Pannen und Affären ziehen - die unter seiner Aufsicht passierten.
Bereits in der Siemens
-Affäre machte er seinem Ruf als "Teflon-Manager" Ehre. Cromme saß ab 2003 im Aufsichtsrat des Technologiekonzerns. Als die Schmiergeld-Affäre bekannt wurde, gab sich Cromme als Aufklärer. Zahlreiche Manager mussten gehen, darunter Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und Vorstandschef Klaus Kleinfeld. Zurück blieb Cromme, der sich 2007 an die Spitze des Siemens-Aufsichtsrats hievte. Seitdem kontrolliert er zwei der größten deutschen Konzerne.
Cromme plant noch die Krönung seines Lebenswerks
Ob Crommes Teflon-Strategie auch dieses Mal aufgeht, ist ungewiss. Cromme will mit 69 Jahren noch einen entscheidenden Karriereschritt machen. Er gilt als designierter Nachfolger des 99 Jahre alten Berthold Beitz, dem Chef der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Als größter Einzelaktionär von ThyssenKrupp
gibt die Stiftung den Ton bei dem Unternehmen an. Cromme würde so zum Patriarchen des Konzerns aufsteigen.
Voraussetzung ist jedoch, dass ThyssenKrupp die aktuelle Krise übersteht. Das Unternehmen sitzt auf fast sechs Milliarden Euro Schulden und hat zugleich einen teuren Umbau vor sich. Den soll Heinrich Hiesinger stemmen. Der Vorstandschef ist turbulente Aufgaben gewohnt. Er wurde in den Siemens-Vorstand berufen, als die Korruptionsaffäre den Konzern erschütterte. 2010 holte Cromme ihn zu ThyssenKrupp.
Hiesinger gilt als absolut integer, doch eine Hausmacht hatte er bei ThyssenKrupp bisher nicht. Stattdessen setzte ihm Cromme seinen Vertrauten Claassen in den Vorstand, der die wichtige Kommunikationsabteilung unter sich hatte. Der aktuelle Personalwechsel ist für Hiesinger die Chance, sich freizuschwimmen. Er will den Konzern stärker zu einem Technologieunternehmen umbauen und weg vom Stahl. Dass Hiesinger Macht dazugewonnen hat, zeigte sich bereits in der Mitteilung zum Rauswurf seiner drei Vorstandskollegen. Dieser Schritt sei "in enger Abstimmung" mit Hiesinger entschieden worden, hieß es. Das ist bemerkenswert, denn über solche Personalien entscheidet in der Regel der Aufsichtsrat allein.
Cromme braucht dringend die Unterstützung von Hiesinger. Nur wenn er ThyssenKrupp schnell wieder in ruhiges Fahrwasser bringt, hat auch der Aufsichtsratschef die Chance, bei dem Konzern sein Lebenswerk zu krönen - und in Beitz' Fußstapfen zu treten.


