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07.12.2012
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Tod von Berthold Albrecht

Das Seelenleben des Aldi-Clans

Von Maria Marquart
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Aldi Nord/DPA

In einer für den Aldi-Clan ungewöhnlich persönlichen Traueranzeige verabschiedet sich die Familie öffentlich von Berthold Albrecht. Der Sohn des Discounter-Mitgründers Theo Albrecht ist im Alter von 58 Jahren gestorben. Die Annonce gibt Einblick in das Gefühlsleben der verschwiegenen Dynastie.

Hamburg - Es ist die Verschwiegenheit der Familie Albrecht, die den Clan für viele Menschen erst recht interessant macht. Umso mehr Aufsehen erregt es, wenn private Dinge der Aldi-Dynastie bekannt werden. Nun hat die Familie mit ihrer sonst so sorgsam gewahrten Diskretion gebrochen und mit sehr persönlichen Worten den Tod von Berthold Albrecht verkündet. Der Sohn von Aldi-Mitbegründer Theo Albrecht wurde 58 Jahre alt.

In mehreren Tageszeitungen erschien eine ganzseitige Traueranzeige der Familie sowie eine große Anzeige von Aldi Nord. Babette Albrecht, die Witwe des Verstorbenen, und die Kinder gewähren darin einen ungewöhnlich offenen Einblick in ihre Gemütsverfassung. So wurde die Traueranzeige in Anlehnung an die Trauerpredigt verfasst. Sogar ein Foto des Verstorbenen ist abgedruckt. Andererseits lassen die Angehörigen - ganz der bisherigen Aldi-Tradition folgend - manche Dinge im Unklaren.

"Berthold war eine Kämpfernatur, so dass er bis zuletzt noch hoffnungsvoll war", schrieb die Familie in der Anzeige. Doch nähere Angaben zur Todesursache machte sie nicht. Die Beerdigung fand bereits im November im engsten Familien- und Freundeskreis statt. Unterzeichnet ist die Traueranzeige von der Witwe Babette Albrecht "mit Kindern und Familienhund".

"Er hatte ein großes Herz"

Befremdlich muten Sätze an wie dieser: "Die Nacht ist vorgedrungen in die Winkel und Ecken meines Lebens, hat sich ausgebreitet über die ganze Welt." Die Anzeige ließ die Familie mit dem Trauspruch des Ehepaars Albrecht überschreiben: "Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer." Berthold Albrecht sei ein "sehr lieber, überaus großzügiger Mensch" gewesen, heißt es in der Anzeige. "Er hatte ein großes Herz, zeichnete sich durch seine feinfühlige Art aus, durch Heiterkeit und Optimismus."

Auch Gesellschafter, Verwaltungsrat und Geschäftsführung von Aldi loben in einer eigenen Traueranzeige die "gewinnende Menschlichkeit" von Berthold Albrecht. Er habe es als Mitglied des Verwaltungsrats von Aldi Nord verstanden, "wichtige Impulse für die Zukunft zu geben".

Im Sommer 2010 war Theo Albrecht gestorben, der über Aldi Nord herrschte. Seine Söhne, der nun verstorbene Berthold und sein Bruder Theo Albrecht junior, zählen zu den reichsten Deutschen.

Berthold Albrecht war Vorsitzender einer der Familienstiftungen. Diese halten die Anteile von Aldi Nord. Als Stiftungschef war Berthold Albrecht auch Mitglied des Verwaltungsrats von Aldi Nord. Diesem Gremium gehört auch sein Bruder Theo junior an. Berthold Albrecht kümmerte sich vor allem um den US-Markt, wo Aldi Nord mit dem Einzelhandelsunternehmen Trader Joe's aktiv ist.

Berthold Albrecht war im Unternehmen aktiv, ebenso ist es sein Bruder Theo junior - allerdings in keiner hervorgehobenen Position. Das Tagesgeschäft regeln externe Manager. So wird Aldi Nord von Marc Heußinger geführt. Bereits nach dem Tod von Theo Albrecht senior versicherte das Unternehmen, dass die Kontinuität gewahrt sei. "Seit einigen Jahren wird die Unternehmensgruppe durch erfahrene Aldi-Manager geführt, die unabhängig von Theo Albrecht und seiner Familie alle operativen Entscheidungen treffen", hieß es 2010.

Die Albrechts führen das Reichen-Ranking an

Berthold Albrecht und Theo Albrecht junior machen eigentlich nur Schlagzeilen, wenn es um Reichen-Statistiken geht. So belegen sie im jüngsten Ranking des manager magazin mit einem Vermögen von 16 Milliarden Euro Platz zwei der reichsten Deutschen. Angeführt wird die Liste von ihrem Onkel Karl Albrecht. Dessen Familie besitzt demnach 17,2 Milliarden Euro.

Den Grundstein für diesen Reichtum legte Theo gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Karl im Jahr 1946, als er den kleinen Lebensmittelladen seiner Mutter übernahm. Ab 1961 wurde daraus Albrechts Discount - kurz Aldi. Binnen eines halben Jahrhunderts wurden sie damit zum unangefochtenen Marktführer. Das Credo der beiden Aldi-Gründer: "Beste Qualität zum günstigsten Preis". Die beiden gelten als Erfinder der sogenannten Discount-Strategie. Die damals revolutionäre Idee war, mit einem schmalen Sortiment und einfachen Betriebsabläufen die Kosten möglichst gering zu halten. Damit konnte Aldi viel niedrigere Preise als die Konkurrenz anbieten. Die erste Aldi-Filiale wurde 1962 eröffnet. Heute ist Aldi in Europa, Nordamerika und Australien in insgesamt 17 Ländern vertreten.

Karl und Theo teilten nicht nur ihr Unternehmen, sondern auch ihr Revier in Deutschland auf - entlang des sogenannten Aldi-Äquators. Theo Albrecht übernahm den Norden, Karl Albrecht den Süden. Die beiden Unternehmen sind jeweils in rund 30 Regionalgesellschaften untergliedert und formaljuristisch unabhängig. Branchenkennern zufolge arbeitet man aber trotzdem eng zusammen, wenn es etwa um die Weiterentwicklung des Angebots und den Einkauf geht. Die Gewinne fließen in zwei Familienstiftungen.

Aldi Nord hat in Deutschland etwa 2500 Filialen, Aldi Süd 1800 Läden. Zusammen machen die Unternehmen einen weltweiten Umsatz von geschätzt etwa 57 Milliarden Euro. Aldi gilt trotz der Konkurrenz durch Nachahmer wie Lidl und Netto als die Nummer eins der Discounter.

Die Entführung des Vaters prägte die Familie

In vielen Dingen blieb Berthold Albrecht der Linie seines Vaters Theo treu. Dieser galt als streng katholisch und war Jahrzehnte mit seiner Frau Cäcille, genannt Cilly, verheiratet. Auch die Traueranzeige für Berthold Albrecht lässt auf eine tiefe Religiosität der Familie schließen.

Auch den Sparsamkeitsspleen hatte der Sohn wohl übernommen. Berthold erwarb vor einigen Jahren das Haus neben dem seiner Eltern. Für den Umbau engagierte er nicht etwa einen Stararchitekten und renommierte Baufirmen, sondern beauftragte einen polnischen Unternehmer, dessen Mitarbeiter kaum der deutschen Sprache mächtig waren. Zugleich unterstützte die Familie aber auch Menschen in Notsituationen und finanzierte Schulen und Bildungsprojekte mit.

Als Grund für die Verschwiegenheit der Familie wird gemeinhin die Entführung Theo Albrechts angegeben, der im Jahr 1971 von einem Düsseldorfer Rechtsanwalt und einem Kleinkriminellen 17 Tage lang gefangen gehalten und erst nach der Zahlung von sieben Millionen Mark freigelassen wurde. Es war damals die höchste Lösegeldsumme, die je in der Bundesrepublik gezahlt wurde. Bis heute fehlt die Hälfte der Summe, die damals von dem Essener Ruhrbischof Franz Kardinal Hengsbach übergeben wurde.

Erst mit seinem Tod ist die Mauer des Schweigens um Berthold Albrecht ein Stück weit aufgebrochen.

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