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12.12.2012
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Kostenexplosion bei Stuttgart 21

Bahnhofsgegner wittern ihre Chance

Von
DPA

Nordeingang des Hauptbahnhofs Stuttgart: Deutschlands teuerste Baugrube

Bei Stuttgart 21 steigen die Kosten auf 6,8 Milliarden Euro, die Bahn will einen Teil der Summe auf die Politik abwälzen. Allen voran die Grünen verweigern jedoch jeden finanziellen Nachschlag - und hoffen, dass der Konzern das Projekt beerdigt.

Berlin - Stress war Volker Kefer nicht anzumerken, als er sich den Hauptstadt-Journalisten stellte. Das ist umso bemerkenswerter, als der Bahn-Vorstand einige Stunden zuvor das wohl wichtigste Referat seiner Karriere gehalten haben dürfte. Haarklein setzte er dem Aufsichtsrat auseinander, warum die Kosten für das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 noch einmal spürbar höher ausfallen werden, als erwartet. Jetzt kann er nur hoffen, dass das Gremium die Mehrkosten abnickt.

Das Votum wird den Aufsehern der Bahn nicht leichtfallen. Denn seit der ersten Projektskizze sind die Kosten für Stuttgart 21 in die Höhe geschnellt. Ende der neunziger Jahre bezifferte die Bahn sie noch auf rund 2,5 Milliarden Euro, dann galten drei Milliarden als Zielgröße. Schließlich einigte man sich im Jahr 2009 auf einen Kostendeckel in Höhe von 4,525 Milliarden Euro.

Eine neue Kalkulation von einer Gutachtergruppe unter Führung des Beratungsunternehmens McKinsey pulverisierte jetzt auch diesen Wert. Danach dürfte Stuttgart 21 kaum unter 6,8 Milliarden Euro zu bekommen sein. Darin eingerechnet sind auch Kosten in Höhe von 1,2 Milliarden, die Kefer als externe Faktoren bezeichnete. Diese seien zum Teil durch die politischen Querelen um das Großprojekt entstanden und zu anderen Teilen neue technischen Vorschriften geschuldet, die das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart zu verantworten hätten. Um möglichst unkompliziert und schnell eine Einigung herbeizuführen, wolle die Bahn 1,1 Milliarden Euro der Mehrkosten selbst aufbringen, sagte Kefer.

Land und Bund wollen nicht mehr zahlen

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. "Wir erwarten nicht mehr und nicht weniger, als dass die Deutsche Bahn AG die Mehrkosten übernimmt, immerhin handelt es sich um Planungsfehler der Bahn", sagte der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Mittwoch in Stuttgart. Es sei für die Landesregierung eine Selbstverständlichkeit, dass der Verursacher auch die Mehrkosten trage.

Kretschmann betonte, die Regierung erwarte von der Bahn die "rechtzeitige Zusendung von aussagekräftigen und belastbaren Unterlagen", um die Zahlen zu bewerten. Für das Land gelte weiterhin der Kostendeckel von 4,5 Milliarden Euro. Das betreffe ausdrücklich auch etwaige Mehrkosten, die sich aus Schlichtung oder Stresstest ergäben - aus dem also, was Kefer als externe Faktoren bezeichnet.

Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) erklärte, für ihn stelle sich die Frage nach einer Beteiligung der Stadt an Mehrkosten gar nicht. "Wir haben als Stadt keine Möglichkeit, auf die Kostenentwicklung Einfluss zu nehmen. Deshalb werden wir auch nicht mehr zahlen", erklärte Schuster.

Auch dessen gewählter Nachfolger Fritz Kuhn (Grüne), der im Januar die Amtsgeschäfte im Stuttgarter Rathaus übernehmen wird, hatte es in der Vergangenheit wiederholt abgelehnt, mehr als die von der Stadt zugesagten 300 Millionen Euro zu zahlen. Absage würde zwei Milliarden kosten

Auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer gab sich zugeknöpft, was weitere Mittel betrifft. Es bleibe dabei, dass sich der Bund mit einem Festbetrag von 563,8 Millionen Euro beteilige, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums am Mittwoch in Berlin. Er wies aber darauf hin, dass keiner der Projektbeteiligten bislang seinen Ausstieg angekündigt habe.

Ihre harte Haltung werden die Grünen in Baden-Württemberg mit Genuss verteidigen. Zwar fühlen sie sich verpflichtet, dem Votum der Volksabstimmung zu folgen, bei dem sich im November 2011 eine klare Mehrheit für Stuttgart 21 ausgesprochen hatte. Doch der Kostenschub setzt jetzt allein die Bahn in Zugzwang. Wenn diese das Projekt abbläst, können die Grünen schließlich nichts dafür.

Die Bahn kontert allerdings mit einem schlagkräftigen Argument: Würde das Bauvorhaben beerdigt, kämen auf alle Beteiligten Kosten in Höhe von rund zwei Milliarden Euro zu - vom Imageschaden ganz zu schweigen.

Jetzt ist aber zunächst der Aufsichtsrat am Zug. Dort sei die Kostensteigerung und die Begründung auf Verärgerung und Verwunderung getroffen, hieß es aus informierten Kreisen. "Wie es dazu kommen konnte, ist völlig unerklärlich", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters ein Mitglied des Gremiums. "Wir haben noch viele Fragen, bevor wir eine Entscheidung treffen können."

mit Material von Reuters und dapd

Forum

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insgesamt 119 Beiträge
1. Projekt abblasen?
chb_74 12.12.2012
Selbst wenn es wie behauptet stimmen sollte, dass ein Ausstieg 2 Mrd. EUR kosten würde (es gibt schließlich auch andere seriöse Rechnungen, die von 0,8 Mrd. EUR Ausstiegskosten sprechen, daher sollte man mit Aussagen der Bahn, die [...]
Selbst wenn es wie behauptet stimmen sollte, dass ein Ausstieg 2 Mrd. EUR kosten würde (es gibt schließlich auch andere seriöse Rechnungen, die von 0,8 Mrd. EUR Ausstiegskosten sprechen, daher sollte man mit Aussagen der Bahn, die ja offensichtlich nicht unbedingt immer die Realität wiederspiegeln, etwas vorsichtig sein), wäre der Bau von "K21", d.h. umfassende Modernisierung und Renovierung des Kopfbahnhofs, immer noch viel, viel billiger als dieser beginnende finanzielle Alptraum. Die Risiken beim überirdischen Bahnhof sind sehr überschaubar, im Vergleich zu den ganzen hochkomplexen und großenteils ja nicht mal baugenehmigten Tunnelwerken, und da heute praktisch nur noch Wendezüge fahren ist das Zeitersparnisargument aus den frühen 90ern sowieso weitgehend gegenstandslos geworden. Traurig werden nur die Immobilienhaie sein, die dann nicht hochpreisige Wohn- und Büroflächen bauen können - allerdings ist das momentan wirklich das Letzte, was man in Stuttgart braucht: teure Luxuswohnungen und Luxusbüroflächen... ;-)
2. Stuttgarts Altmuehltal
schandmaul1000 12.12.2012
und da schliesst sich der Kreis MAPPUS gleich STRAUSS
und da schliesst sich der Kreis MAPPUS gleich STRAUSS
3. Ward ein groß Gelächter...
Izmi 12.12.2012
"Wie es dazu kommen konnte, ist völlig unerklärlich"... man kann garnicht soviel lachen, wie man möchte!
Zitat von sysopBei Stuttgart 21 steigen die Kosten auf 6,8 Milliarden Euro, die Bahn will einen Teil der Summe auf die Politik abwälzen. Allen voran die Grünen verweigern jedoch jeden finanziellen Nachschlag - und hoffen, dass der Konzern das Projekt beerdigt. Politik will sich an Mehrkosten für Stuttgart 21 nicht beteiligen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/politik-will-sich-an-mehrkosten-fuer-stuttgart-21-nicht-beteiligen-a-872570.html)
"Wie es dazu kommen konnte, ist völlig unerklärlich"... man kann garnicht soviel lachen, wie man möchte!
4. Wie kann man unter diesen Umständen Grubes Vertrag verlängern?
spon-facebook-1049022215 12.12.2012
Da verletzt doch der Aufsichtsrat seine Kontrollpflichten.
Da verletzt doch der Aufsichtsrat seine Kontrollpflichten.
5. Es ist ja nicht sein Geld...
joschitura 12.12.2012
Für Kefer ist es offenbar nur Kleingeld... Der Mann hat sich den Spitznamen "Grinsekefer" redlich verdient. So dermaßen permanent fröhlich kann man doch garnicht sein: Entweder wirft der verbotene Substanzen ein - oder [...]
Für Kefer ist es offenbar nur Kleingeld... Der Mann hat sich den Spitznamen "Grinsekefer" redlich verdient. So dermaßen permanent fröhlich kann man doch garnicht sein: Entweder wirft der verbotene Substanzen ein - oder er geht jedes Wochenende zum "Think Positiv"-Seminar.

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