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03.01.2013
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Kritik von Gewerkschaften

Billigmalocher im Spaßparadies

Von Tobias Lill
dapd

Ob Legoland oder Gruselkabinett - die Mitarbeiter von Deutschlands Freizeitattraktionen verdienen so mies wie in kaum einer anderen Branche. Und das trotz saftiger Eintrittspreise.

München - Endzeitstimmung in der Hamburger Speicherstadt: Folterknechte, Pestopfer und Zombies hatten sich zu einer Protestkundgebung versammelt - unweit einer der beliebtesten Touristenattraktionen der Hansestadt, dem Hamburg Dungeon. Während die Türen des Gruselkabinetts verrammelt blieben, streikten draußen zahlreiche Schauspieler für höhere Löhne. "Das Gruseligste im Hamburg Dungeon ist der Stundenlohn", stand auf einem der Transparente, die da im Oktober gezeigt wurden. Denn laut der Gewerkschaft Ver.di liegen die Einstiegsgehälter der Mitarbeiter der Horror-Show seit sieben Jahren zwischen 7,50 Euro und 8,75 Euro. "Das ist unterhalb der Armutsgrenze", kritisiert Ver.di-Sekretär Peter Bremme. Einen Tarifvertrag gibt es bislang nicht.

Auch Felix Stankiewitz* streikte deshalb. Etwas mehr als neun Euro brutto verdiene er in der Stunde: "Und das, obwohl ich schon seit vielen Jahren dabei bin und wie die meisten hier über eine richtige Schauspielerausbildung verfüge", sagt der Mann, der gerne einmal den Inquisitor im Dungeon mimt. Von einem solchen Gehalt könne man im teuren Hamburg kaum leben. Ein Jahr lang habe er nicht einmal genug Geld übrig gehabt, um einen längst überfälligen Eingriff beim Zahnarzt zu bezahlen. Er habe Angst, "zum Sozialfall zu werden".

Dabei verdient Stankiewitz im Vergleich zu anderen Kollegen noch gut. Auf 1000 bis 1100 Euro netto im Monat komme der durchschnittliche Mitarbeiter im Dungeon bei einer 35-Stunden-Woche, rechnet Gewerkschafter Bremme vor: "Die meisten haben einen Zweit- oder Drittjob, um irgendwie über die Runden zu kommen." Auch Stankiewitz sagt, er könne nur dank mehrerer Auftraggeber und einer 50-Stunden-Woche seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Auf Anfrage wollte sich die Dungeon-Geschäftsführung zur Kritik von Ver.di und Teilen der Belegschaft nicht äußern. Wie es aus dem Unternehmensumfeld heißt, will die Firma jedoch offenbar noch im Januar die Gehälter der Belegschaft um gut ein Prozent erhöhen. Die Einstiegslöhne sollen dem Vernehmen nach je nach Tätigkeit sogar um 50 Cent bis ein Euro brutto in der Stunde steigen.

Das Hamburg Dungeon ist kein besonders gruseliger Einzelfall. In vielen deutschen Themen- und Freizeitparks werden Niedriglöhne bezahlt. "In der Branche schuften die Mitarbeiter in der Regel für Hungerlöhne", sagt Bremme, der bei Ver.di bundesweit den Bereich der Spaßattraktionen koordiniert. Tarifverträge gebe es in fast keiner der Einrichtungen. Zudem sei "Mitbestimmung oftmals ein Fremdwort".

Großer Teil der Belegschaft besteht aus Saisonkräften

Auch eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE bei einer Vielzahl von deutschen Themen-, Freizeitparks sowie Indoor-Attraktionen ergab, dass eine Tarifbindung in der Branche offenbar die Ausnahme ist. Stundenlöhne von 7,50 Euro brutto und weniger sind weit verbreitet. Und das, obwohl eine Reihe von Parks ihre Besucherzahlen jüngst deutlich steigern konnte und die Eintrittspreise in den vergangenen Jahren vielerorts spürbar erhöht wurden. Doch auf Gehaltsabrechnungen der Mitarbeiter wirkt sich das bislang nicht oder nur spärlich aus. Denn den zuständigen Gewerkschaften Ver.di und NGG fehlt es vielerorts schlicht an streikbereiten Mitgliedern. Hauptgrund: Der hohe Anteil von Saisonkräften - in manchen Parks machen diese mehr als vier Fünftel der Belegschaft aus.

Auch im Legoland Deutschland arbeiten etwa 900 der in der Hochsaison bis zu 1100 Mitarbeiter nicht das ganze Jahr über. Dennoch gelang es der NGG Ende Oktober erstmals in der zehnjährigen Geschichte des Günzburger Freizeitparks, einen Warnstreik zu organisieren. Etwa 70 Mitarbeiter protestierten gegen die aus ihrer Sicht zu geringen Gehälter. Legoland sei ein Niedriglohnland, so der Vorwurf.

Bislang zahlte das schwäbische Kinderparadies neuen Saisonkräften ein Einstiegsgehalt von sieben Euro brutto in der Stunde, geringfügig Beschäftigten 6,50 Euro. Für jeden gearbeiteten Sommer kamen noch einmal 25 Cent Stundenlohn hinzu. "Im teuren Bayern kann man davon natürlich kaum leben", klagt Schwabens NGG-Chef Tim Lubecki.

Undurchsichtiges Prämiensystem

Eine Legoland-Sprecherin erklärt auf Anfrage, der Park werde bereits ab März seine Einstiegsgehälter erhöhen: "Ungelernte Kräfte erhalten für einfachste Tätigkeiten ab dieser Saison acht Euro in der Stunde." Hinzu kommen schon heute Bonuszahlungen. So erhalten etwa Angestellte, die nur wenig fehlen, mehr Geld. Gewerkschafter kritisieren, dass Mitarbeiter bei solchen Regelungen bisweilen auch krank zur Arbeit erscheinen, um ihren Bonus nicht zu gefährden.

Als "völlig undurchsichtig", bezeichnet NGG-Landeschef Lubecki das Prämiensystem. Die NGG fordert das Unternehmen auf, endlich einen Tarifvertrag einzuführen. "Wir erwarten, dass die Geschäftsleitung sich mit uns zusammensetzt und verhandelt", sagt Lubecki. Legoland verweist dagegen darauf, dass Saisonkräfte bereits heute auf einen Stundenlohn von bis zu 14,50 Euro kommen könnten - je nach Aufgabe und Verantwortung. Man lege Wert auf eine "faire Bezahlung".

Legoland Deutschland erwirtschaftete 2011 einen Überschuss von 2,9 Millionen Euro. Kein Wunder: Eine Familientageskarte kostet zwischen 99 und 197,50 Euro und der Park zählt mit geschätzt etwa 1,3 Millionen Gästen jährlich zu Deutschlands größten Freizeitparks. Er gehört wie das Dungeon in Hamburg zur britischen Merlin Entertainments Group, dem größten Anbieter von Freizeitattraktionen in Europa. Ebenfalls im Besitz des Konzerns ist der größte Freizeitpark Norddeutschlands: Der Heide Park bei Soltau lockte 2011 1,6 Millionen Besucher an. Etwa 900 Mitarbeiter arbeiten in der Hochsaison im Heide Park. Die Anlage bietet laut Eigenwerbung "Unterhaltung und Spaß für jeden Abenteuertyp". Eine mitreißende Piratenshow zaubere "kleinen wie großen Besuchern ein Lächeln ins Gesicht". Pro Erwachsenem kostet dieses Lächeln mindestens 32 Euro für die Tageskarte, Kinder ab vier Jahren zahlen mindestens 24 Euro.

Kein Haustarifvertrag, kein Betriebsrat

Auch der Heide Park ist nicht tarifgebunden. Laut Hans-Henning Tech von Ver.di Niedersachsen verdienen in dem Vergnügungspark Hunderte Saisonkräfte "deutlich weniger als 7,50 Euro brutto die Stunde". Der Heide Park bestätigt zwar, dass viele Saisonkräfte bislang nicht auf 7,50 Euro brutto die Stunde kommen würden. Man wolle die Gehälter jedoch in diesem Jahr erhöhen.

Anders als im Heide Park gibt es im niedersächsischen Serengeti-Park dagegen bislang nicht einmal einen Betriebsrat. 2011 sollen Angestellte, die eine Arbeitnehmervertretung gründen wollten, laut Ver.di-Mann Tech "massiv behindert" worden sein. "Die betreffenden Mitarbeiter sagten uns, sie wurden von Kollegen auf der Straße verfolgt, telefonisch unter Druck gesetzt und von den Bereichsleitungen mit Kündigungen bedroht", so der Gewerkschafter. Eine Sprecherin des Parks weist dagegen sämtliche Vorwürfe Techs auf Anfrage "entschieden zurück". Die Löhne im Serengeti-Park liegen laut Ver.di "größtenteils weit unter 7,50 Euro brutto". Das Unternehmen teilt dagegen mit, die Mitarbeiter würden "branchenüblich entlohnt".

Beim Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen (VDFU) nimmt man den Vorwurf der Gewerkschaften ernst, man sei ein Niedriglohnsektor. "Sicher gibt es auch Freizeiteinrichtungen, die ihren Mitarbeitern niedrigere Stundenlöhne zahlen", sagt Ulrich Müller-Oltay, Geschäftsführer des VDFU. Aber wer auf dem Markt dauerhaft bestehen wolle, müsse seine Mitarbeiter anständig entlohnen. "Nur zufriedene Mitarbeiter machen die Besucher glücklich." Er verweist als positives Beispiel auf den Hansa-Park in Schleswig Holstein, der einen Haustarifvertrag sowie eine tarifvertragliche Vereinbarung mit der NGG hat.

*Name geändert

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Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 179 Beiträge
1. freier Eintritt ist doch auch was,
sir wilfried 03.01.2013
da sollte Lohn eigentlich kein Thema mehr sein. Wo leben wir denn schließlich?
Zitat von sysopdapdOb Legoland oder Gruselkabinett - Mitarbeiter in Deutschlands Freizeitattraktionen verdienen so mies wie in kaum einer anderen Branche. Und das trotz saftiger Eintrittspreise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/niedrigloehne-in-freizeitparks-empoeren-angestellte-und-gewerkschaften-a-874759.html
da sollte Lohn eigentlich kein Thema mehr sein. Wo leben wir denn schließlich?
2.
laura1987k 03.01.2013
Dass hier einfach die Gewerkschafts-Meinung wiedergegeben wird, ohne sie kritisch zu hinterfragen, finde ich schon bemerkenswert. Ich bin Studentin in Hamburg, habe im Monat etwa 700 Euro zur Verfügung, arbeite deutlich mehr [...]
Dass hier einfach die Gewerkschafts-Meinung wiedergegeben wird, ohne sie kritisch zu hinterfragen, finde ich schon bemerkenswert. Ich bin Studentin in Hamburg, habe im Monat etwa 700 Euro zur Verfügung, arbeite deutlich mehr für mein Studium als eine "35-Stunden-Woche", kann zum Zahnarzt gehen und komme mit meinem Geld gut aus. Mir ist wirklich schleierhaft, wie man mit 1000 Euro im Monat nicht auskommen kann, die weit überwiegende Mehrheit der 2,5 Millionen Studierenden in Deutschland hat weniger Geld zur Verfügung und arbeitet mehr ... Warum also sind "1000 bis 1100 Euro netto im Monat" ein Hungerlohn? Warum kann man als Schauspieler nicht mehr als 35 Stunden pro Woche arbeiten? Kopfschütteln!
3. hab noch nie..
lovearthatecops 03.01.2013
... über 9 euro verdient und das als elektroinstallateur gebaut habe ich immer nur für eine andere gesellschaft wie das alexa in berlin mit 12 stunden am tag aufgebaut grötenteils noch schwarz gearbeitet weils mit legaler [...]
... über 9 euro verdient und das als elektroinstallateur gebaut habe ich immer nur für eine andere gesellschaft wie das alexa in berlin mit 12 stunden am tag aufgebaut grötenteils noch schwarz gearbeitet weils mit legaler arbeitszeit garnicht zu schaffen gewesen wäre. nach der eröffnung war ich nicht einmal wieder da weils einfach unerschwinglich ist für normal arbeitende menschen. dieses land ist für mich nur noch verachtenswert. von minen 29 jahren habe ich 2 einhalb jahre einen wirklich gebrauchten job gehabt alles andere waren nur maßnahmen zivildienst und anderes zeug wo man auch auf mich verzichten hätte können
4. auch Verdi unterschreibt ...
sucher533 03.01.2013
...7,50 €/h - siehe Tarifverträge in der Zeitarbeit. Scheinheilig bis ins Mark - beim Verhandeln zustimmen und auf der Straße Stimmung gegen die eigenen Verhandlungsergebnisse machen.
...7,50 €/h - siehe Tarifverträge in der Zeitarbeit. Scheinheilig bis ins Mark - beim Verhandeln zustimmen und auf der Straße Stimmung gegen die eigenen Verhandlungsergebnisse machen.
5.
aschie 03.01.2013
[QUOTE=laura1987k;11678864]Dass hier einfach die Gewerkschafts-Meinung wiedergegeben wird, ohne sie kritisch zu hinterfragen, finde ich schon bemerkenswert. Ich bin Studentin in Hamburg, habe im Monat etwa 700 Euro zur [...]
Zitat von laura1987kDass hier einfach die Gewerkschafts-Meinung wiedergegeben wird, ohne sie kritisch zu hinterfragen, finde ich schon bemerkenswert. Ich bin Studentin in Hamburg, habe im Monat etwa 700 Euro zur Verfügung, arbeite deutlich mehr für mein Studium als eine "35-Stunden-Woche", kann zum Zahnarzt gehen und komme mit meinem Geld gut aus. Mir ist wirklich schleierhaft, wie man mit 1000 Euro im Monat nicht auskommen kann, die weit überwiegende Mehrheit der 2,5 Millionen Studierenden in Deutschland hat weniger Geld zur Verfügung und arbeitet mehr ... Warum also sind "1000 bis 1100 Euro netto im Monat" ein Hungerlohn? Warum kann man als Schauspieler nicht mehr als 35 Stunden pro Woche arbeiten? Kopfschütteln!
[QUOTE=laura1987k;11678864]Dass hier einfach die Gewerkschafts-Meinung wiedergegeben wird, ohne sie kritisch zu hinterfragen, finde ich schon bemerkenswert. Ich bin Studentin in Hamburg, habe im Monat etwa 700 Euro zur Verfügung, arbeite deutlich mehr für mein Studium als eine "35-Stunden-Woche", kann zum Zahnarzt gehen und komme mit meinem Geld gut aus. Und davon bezahlen Sie Miethe Heizung Strom Telefon Versicherungen Kleidung Lebensmittel Auto usw? Respeckt.

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