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10.01.2013
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Not der BER-Pächter

Die Ladenhüter

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Flughafenbaustelle in Schönefeld: Busse im Depot

Imbissküchen verstauben, Shuttle-Busse und Verkaufsinventar stehen herum: Durch die erneuten Verzögerungen beim Airport Schönefeld geraten die Mieter der Läden in arge Bedrängnis. Sie ringen um Schadensbegrenzung - auf Hilfe der Verantwortlichen warten sie vergeblich.

Berlin - Es ist einiges los an diesem nasskalten Januartag auf dem Betriebsgelände des Berliner Busreiseanbieters Haru. In der Werkstatt schraubt ein Mechaniker an einem orange-gestreiften Reisebus, ein anderer fährt gerade frisch geputzt aus der Waschanlage. Etwas abseits, im hinteren Teil des Depots, stehen drei weitere Busse dicht beieinander geparkt. Sie sehen aus wie aus dem Ei gepellt. "Wir pflegen sie, als wären sie im Einsatz", sagt Karsten Schulze, einer der geschäftsführenden Haru-Gesellschafter.

Die drei Fahrzeuge sind für den Liniendienst zwischen dem Rathaus Steglitz und dem neuen Flughafen in Schönefeld vorgesehen. Dessen Eröffnung aber ist nach der Bestandsaufnahme des neuen Technikchefs Horst Amann erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben.

Zweimal hatte sich Schulze vertrösten lassen. Im Juni 2012, als die Bauherren knapp vier Wochen vor dem Start den bis ins Detail geplanten Großumzug und eine opulente Feier platzen ließen und versprachen, noch vor dem Wintereinbruch fertig zu werden. "Dann hieß es, im Frühling 2013", erinnert sich Schulze. "So lange mussten wir durchhalten, obwohl uns jeder Wagen an Steuern, Versicherungen und Instandhaltung jeden Monat rund 7000 Euro kostet - den Wertverlust nicht mitgerechnet."

Geräte stehen nutzlos herum

Seit nun auch der zwischenzeitlich avisierte Eröffnungstermin Ende Oktober Makulatur ist, steht die Entscheidung fest. "Wir werden die Busse wieder verkaufen", sagt der Unternehmer. Der Verlust dürfte sich am Ende auf insgesamt knapp 300.000 Euro summieren.

Den Kaufleuten, die Ladenflächen im Hauptterminal gemietet haben, geht es jedoch ungleich schlechter. Für sie heißt es, entweder durchhalten, oder ganz auf die Zukunft in dem neuen Flughafen verzichten. Die großen Ketten können den Ausfall wahrscheinlich verkraften, doch viele der Imbissbetreiber und der kleinen Händler aus der Region geraten gewaltig unter Druck.

Dazu gehört auch Beatrice Posch, die in den Stadtteilen Berlin-Mitte und Prenzlauer Berg Spielzeug verkauft. Sie wollte ihr Geschäft mit dem Namen "Die kleine Gesellschaft" mit einer dritten Filiale im neuen Flughafen ausbauen und sieht sich jetzt vor den Scherben ihres Investments. Mehrere 10.000 Euro hat sie bereits investiert, seit Anfang Mai 2012 steht alles nutzlos herum. Die monatlichen Zinsen für die Bank werden trotzdem fällig. Auch die Lieferanten waren nicht gerade begeistert, als sie die bestellten Waren zurücknehmen mussten. Die fünf Mitarbeiterinnen, die Posch bereits eingestellt hatte, sind inzwischen wieder arbeitslos gemeldet, nur eine von ihnen hat einen Job in Aussicht.

Oder Gregor Klässig. Der Mittdreißiger verdient sein Geld mit Fisch & Chips. Sein sechstes Restaurant im Flughafen sollte sein größtes werden. 250.000 Euro hat er schon für die Kücheneinrichtung ausgegeben - Geräte, die jetzt unter Folien stehen und langsam altern, ohne auch nur je auf ihre Funktionstüchtigkeit getestet worden zu sein. In wenigen Monaten läuft die Garantie aus. Die Kosten für den Bankkredit muss der gelernte Koch erstmal von seinem Verdienst in den Bahnhöfen bezahlen.

Zu allem Überfluss müssen viele jetzt auch noch Teile ihrer Einrichtung wieder abbauen, um den Bautrupps der Flughafengesellschaft den Zugang zur Decke zu ermöglichen. Dort müssen wahrscheinlich große Teile der Installationen umgebaut werden.

Um das Ladensterben zu verhindern, hatten die Berliner Grünen im September im Abgeordnetenhaus die Einrichtung einer Ombudsstelle angeregt, die die betroffenen Händler berät und notfalls auch finanziell unterstützen sollte. Fünf Millionen Euro hätten dafür bereit stehen sollen. Doch die große Koalition von SPD und CDU bügelten den Vorschlag ab und warf den Grünen vor, öffentliche Gelder verschwenden zu wollen. Schließlich habe die Flughafengesellschaft bereits schnelle und unbürokratische Hilfen versprochen.

Rechtsanwalt Andreas Damm, der einige von den Schönefeld-Mietern vertritt, rät allerdings davon ab, allzu sehr auf die Versprechungen zu bauen. "In Einzelfällen wurde auf die Zahlung von Sicherheiten verzichtet oder eine geringfügig längere Laufzeit des Mietvertrages angeboten", berichtet er. "Doch substantielle Zugeständnisse hat es nicht gegeben." Damm rechnet inzwischen fest damit, dass der Weg vor Gericht unvermeidlich wird. "Die Frage ist für viele deshalb, wie lange die Banken stillhalten."

Gewinnhoffnungen in Tegel

Schwer in Not seien besonders die Händler, die bislang ihr Geschäft in Tegel betrieben hätten. Dort seien jetzt neue Investitionen erforderlich, um den Betrieb aufrechtzuerhalten - während die brachliegenden Filialen in Schönefeld weiter monatliche Kosten verursachten.

Auch aus der Ankündigung von Sybille von Obernitz ist nichts geworden. Nach der Absage der Eröffnung im Juni hatte die damalige Wirtschaftssenatorin die Investitionsbank IBB ins Spiel gebracht, die zins- und tilgungsfreie Darlehen zur Verfügung stellen sollte. Doch laut Satzung darf die IBB das gar nicht.

Einigen wenigen Händlern gelang es dagegen, die Situation zu ihren Gunsten zu nutzen. Als in Tegel ein Modegeschäft seinen Laden räumte, bot sich der Uhrenhersteller Askania sofort als Nachmieter an. Kurze Zeit später zog er von seinem zehn Quadratmeter großen Raum in das viel größere und besser gelegene Ladenlokal um. Der Wechsel lohnt sich für den Unternehmer: Tegel verzeichnet noch immer steigende Passagierzahlen.

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insgesamt 86 Beiträge
1. Unverstaendlich!!
papayu 10.01.2013
Wieso inverstieren Geschaeftsinhaber in eine Baustelle?? Es haette doch gereicht 14 tTage vor offizieller Eroeffnung!
Wieso inverstieren Geschaeftsinhaber in eine Baustelle?? Es haette doch gereicht 14 tTage vor offizieller Eroeffnung!
2. Vorlaufzeit
chb_74 10.01.2013
Sie haben anscheinend keine blasse Ahnung davon, wieviel Vorlaufzeit eine Geschäftseröffnung benötigt, wenn man nicht nur in Kreuzberg in einem alten, besetzten Gammel-Ladenlokal einen Second-Hand-Klamottenladen aufmachen [...]
Zitat von papayuWieso inverstieren Geschaeftsinhaber in eine Baustelle?? Es haette doch gereicht 14 tTage vor offizieller Eroeffnung!
Sie haben anscheinend keine blasse Ahnung davon, wieviel Vorlaufzeit eine Geschäftseröffnung benötigt, wenn man nicht nur in Kreuzberg in einem alten, besetzten Gammel-Ladenlokal einen Second-Hand-Klamottenladen aufmachen will (mal etwas klischeehaft übertrieben). Natürlich versuchte jeder, so früh wie möglich Mietverträge abzuschließen und das benötigte hochwertige Equipment (z.B. Küchen) und die Ware zu ordern, damit am versprochenen Eröffnungstag auch sofort der Ladenbetrieb hätte aufgenommen werden können. Wenn Sie glauben, dass man sowas wie bei Ikea aus dem Katalog bestellt und 3 Tage später wird es frei Haus geliefert, dann fehlt Ihnen da offensichtlich ein bisschen Detailwissen...
3. Vertragsbedingungen?
1 1=2 10.01.2013
Ich frage mich bei den Thema immer wieder, warum den Mieter dieser Läden für die Leistungsstörung durch den Flughafenbetreiber kein Schadenersatz zusteht. Oder ob eine Klausel in deren Verträgen geschickterweise entsprechende [...]
Ich frage mich bei den Thema immer wieder, warum den Mieter dieser Läden für die Leistungsstörung durch den Flughafenbetreiber kein Schadenersatz zusteht. Oder ob eine Klausel in deren Verträgen geschickterweise entsprechende Ansprüche ausschließt?
4. Gut gemacht, BRAVO
ctwalt 10.01.2013
Schlecht geplant, noch schlechter umgesetzt und, typisch Berlin, an angeberischer Protzigkeit kaum zu überbieten. Irgendwie der Hamburger Elbphilharmonie sehr ähnlich, nur noch teurer.
Schlecht geplant, noch schlechter umgesetzt und, typisch Berlin, an angeberischer Protzigkeit kaum zu überbieten. Irgendwie der Hamburger Elbphilharmonie sehr ähnlich, nur noch teurer.
5. optional
steellynx 10.01.2013
Ich kann ja verstehen, daß das einige in ihrer Existenz bedroht. Andererseits... haben die keine Verträge geschlossen? Nicht nur was den Pachtvertrag selbst angeht, aber für die Haftung für Folgekosten, sollte der [...]
Ich kann ja verstehen, daß das einige in ihrer Existenz bedroht. Andererseits... haben die keine Verträge geschlossen? Nicht nur was den Pachtvertrag selbst angeht, aber für die Haftung für Folgekosten, sollte der ursprünglich vereinbarte Termin nicht eingehalten werden. Da kann man doch als selbständiger Unternehmer nicht so blauäugig sein und sein Geld auf gut Glück da rein pulvern. Und dann sollte es für die Anwälte doch ein leichtes sein, den Flughafenbetreibern das letzte Geld aus dem Hemd zu klagen.

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Dezember 1991
Die Berlin Brandenburg Flughafen Holding (BBF) wird gegründet. Gesellschafter sind die Länder Berlin und Brandenburg.
Januar 1992
Die Planungen für den Airport starten unter dem Projektnamen Berlin Brandenburg International, BBI.
Juni 1996
Die Gesellschafter entscheiden sich für den Ausbau des Flughafens Schönefeld und die Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof.
August 2004
Das Genehmigungsverfahren geht zu Ende, im Planfeststellungsbeschluss gibt es grünes Licht für BBI - es kann unter Auflagen gebaut werden. Im Oktober reichen Tausende Gegner beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig Klagen ein.
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Der Termin im Frühjahr 2013 wird ebenfalls gestrichen, weil die Arbeiten mehr Zeit brauchen. Der neue Technikchef Horst Amann hält eine Eröffnung des Flughafens Ende Oktober 2013 für machbar. Außerdem fallen mehr Kosten an: Es gibt eine Finanzlücke von rund 1,2 Milliarden Euro, die Berlin, Brandenburg und der Bund gemeinsam füllen müssen. Das Geld soll für Baumaßnahmen, den Lärmschutz und Mehrkosten durch die Verschiebung ausgegeben werden. Damit sind die Gesamtkosten auf rund 4,3 Milliarden Euro gestiegen.
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