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11.01.2013
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Boeings Ärger mit dem Dreamliner

Warum neue Flugzeuge nie perfekt funktionieren

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Fast täglich werden neue Pannen bei Boeings Prestigeflugzeug bekannt. Der Dreamliner hat reichlich Kinderkrankheiten. Das ruft nun die US-Luftfahrtbehörde auf den Plan. Dabei sind solche Probleme für einen neuen Flugzeugtyp eher die Regel als die Ausnahme.

Hamburg - Boeings Prestigeprojekt macht wieder Ärger: Gerade mal etwas länger als ein Jahr ist der Dreamliner auf dem Markt, da bescheren technische Pannen dem US-Hersteller erneut Negativschlagzeilen. Fast täglich wurden in dieser Woche Zwischenfälle gemeldet: ein Ölleck im Triebwerk, Probleme mit den Bremsen, ein Riss in einem Cockpit-Fenster und sogar ein Brand an Bord einer leeren Maschine.

Die Pannen haben nun die US-Luftfahrtbehörde auf den Plan gerufen. Die FAA will eine gründliche Untersuchung einleiten. Dabei gehe es sowohl um die Elektronik als auch um die Fertigungsprozesse des Flugzeugs, teilte das Verkehrsministerium in Washington mit. Grundsätzlich halte man die 787 aber für sicher.

Boeing selbst bemüht sich, die Vorfälle herunterzuspielen. Ein Sprecher sagte zu dem Riss im Cockpit-Fenster, so etwas komme auch in anderen Flugzeugen immer mal wieder vor. Auch Chefingenieur Mike Sinnett verteidigte das gut 200 Millionen Dollar teure Vorzeigemodell des Konzerns. Das Flugzeug sei absolut sicher.

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Dreamliner und Co.: Die Startprobleme der Luxusflieger
Auch Experten aus der Luftfahrtbranche sehen die Pannenserie des Dreamliners gelassen. "Das sind normale Kinderkrankheiten", lautet der einhellige Kommentar. Die Argumentation lautet: Bei einem so komplexen Flugzeug mit allen möglichen technischen Neuheiten seien Probleme unmittelbar nach der Markteinführung kaum zu vermeiden. Die Experten rattern Modelle herunter, bei denen es in der Vergangenheit ebenfalls solche "Kinderkrankheiten" gegeben habe - Airbus A380 und A319 oder auch Boeings 747 (siehe Fotostrecke).

Elektrik anfälliger als gedacht

"Der Dreamliner ist weitestgehend auf dem Reißbrett entstanden", sagt Gerd Pontius von der Luftfahrtberatungsfirma Prologis. "Es gab nur wenig Vergleichbares, an dem sich die Ingenieure orientieren konnten." Das Flugzeug sei in vielen Komponenten eine technische Neuheit, nicht nur, weil es zum Großteil aus Kohlefaserverbundstoffen gebaut und damit deutlich leichter ist. Boeing setzt im Dreamliner außerdem auf eine neue Batterie-Technologie statt auf traditionelle Hydraulik-Systeme, um etwa die Steuerung oder die Heizung zu bedienen. Auch dadurch wird das Gewicht des Flugzeugs reduziert.

Diese Elektrik ist aber offenbar anfälliger als bislang gedacht. Schon im Testbetrieb gab es damit Probleme. Umso erstaunlicher, dass diese auch nach der Auslieferung noch auftauchen. Luftfahrtexperte Jürgen Thorbeck von der Technischen Universität Berlin hält jedoch auch das für normal. "Die Hersteller testen bis ins kleinste Detail, aber sie können nicht jeden Fehler finden, bevor die Flugzeuge in Betrieb genommen werden."

Thorbeck erinnert sich an einen Vorfall aus seiner Zeit bei Lufthansa. Damals habe sein Arbeitgeber Airbus-Maschinen des Typs A340-200 gekauft. Bei diesen seien am Anfang immer wieder die Vakuumtoiletten ausgefallen. "Bei Airbus haben die das nicht ernst genommen, aber für uns war das ein großes Problem", erzählt Thorbeck. Verständlich: Immerhin mussten sich auf manchen Flügen 300 Passagiere eine Toilette teilen. Die Lösung des Problems war dann ein simples Blech, das vor den Sensoren im Abwassertank angebracht wurde. Denn diese hatten immer wieder fälschlich gemeldet, dass der Tank voll sei - und so die Abschaltung der Toiletten ausgelöst.

Rabatte für die ersten Käufer

Was Thorbeck damit sagen will: Ein kleiner Defekt kann bei einer hochkomplexen Maschine eine große Wirkung haben. Laut dem Luftfahrtexperten und Ex-Boeing-Sprecher Heinrich Großbongardt kalkulieren die Hersteller solche Kinderkrankheiten inzwischen sogar ein. "Bei den ersten Bestellungen bekommen die Airlines einen Rabatt auf den Listenpreis von bis zu 50 Prozent." Später sei dann auch bei größeren Aufträgen nur noch ein Abschlag von bis zu 30 Prozent drin. Das heißt: Leichte technische Mängel, die die Fluglinien Geld kosten, sind beim Kauf bereits eingepreist. Dazu kommt laut Großbongardt technische Unterstützung durch den Hersteller in den ersten Monaten des Flugbetriebs.

Bleibt noch der Imageschaden durch die Pannenserie: Die Aktie von Boeing Chart zeigen büßte am Freitag zeitweise zwei Prozent ein. Dennoch halten die Experten auch dieses Problem für überschaubar. "Manche Passagier könnten sich kurzfristig gegen einen Flug mit dem Dreamliner entscheiden", sagt Thorbeck. Für die Airlines spiele dies aber kaum eine Rolle. "Die Unternehmen schauen sich genau an, wie gravierend die Mängel sind. Unter kleinen technischen Problemen wird das Interesse am Dreamliner nicht leiden."

Mit Material von Reuters

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insgesamt 57 Beiträge
1. Warum neue Flugzeuge nie perfekt funktionieren
eulenspiegel_neu 11.01.2013
Die Kreitwirtschaft bewertet neue Flugzeuge im Kreditverh#ältnis schlechter als mindestens ein Jahr durch die Wartungen gelaufene Flugzeuge, weil dann die Fehler größtenteils beseitigt sind. Die Fehlerhäufigkeit bei neuen [...]
Die Kreitwirtschaft bewertet neue Flugzeuge im Kreditverh#ältnis schlechter als mindestens ein Jahr durch die Wartungen gelaufene Flugzeuge, weil dann die Fehler größtenteils beseitigt sind. Die Fehlerhäufigkeit bei neuen Flugtypen war seit Anbeginn der industriellen Produktion vorhanden. Es ist eben wie mit jungen Wein, erst nach einiger Zeit nimmt er geforderte Qualität ein ...
2. Meine Güte, hört das denn nie auf?
hman2 11.01.2013
Wow. Beeindrucken. Ein Jahr auf dem Markt und nun 3, in Worten: drei Problem in nur einer Woche? Ganz im Ernst: NUR drei Probleme. Das als "Pannenserie" zu bezeichnen ist *schamlose* Effektheischerei in bester [...]
Zitat von sysopREUTERSFast täglich werden neue Pannen bei Boeings Prestigeflugzeug bekannt. Der Dreamliner hat reichlich Kinderkrankheiten. Das ruft nun die US-Luftfahrtbehörde auf den Plan. Dabei sind solche Probleme für einen neuen Flugzeugtyp eher die Regel als die Ausnahme. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/pannenserie-beim-dreamliner-boeings-probleme-mit-der-787-a-877083.html
Wow. Beeindrucken. Ein Jahr auf dem Markt und nun 3, in Worten: drei Problem in nur einer Woche? Ganz im Ernst: NUR drei Probleme. Das als "Pannenserie" zu bezeichnen ist *schamlose* Effektheischerei in bester Bildzeitungs-Manier, unwürdig den Namen "Spiegel" zu tragen.
3.
Herp Derp 11.01.2013
Der Absturz des Superjets kann man nicht als Pilotenfehler bezeichnen, denn der zuständige Fluglotse trägt ebenfalls einen Großteil der Verantwortung für den Unfall.
Der Absturz des Superjets kann man nicht als Pilotenfehler bezeichnen, denn der zuständige Fluglotse trägt ebenfalls einen Großteil der Verantwortung für den Unfall.
4. Ist doch normal?
heiliger_bimbam 11.01.2013
Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei den Flugzeugen nichts anderes ist, als ja mittlerweile bei so ziemlich allen Produkten. Extremer Entwicklungsdruck... schnell, schnell, schnell mit wenig Personal. Viel wird schnell mit der [...]
Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei den Flugzeugen nichts anderes ist, als ja mittlerweile bei so ziemlich allen Produkten. Extremer Entwicklungsdruck... schnell, schnell, schnell mit wenig Personal. Viel wird schnell mit der heißen Nadel zusammengestrickt. Dann muss ein schneller Markteintritt erfolgen. Das kombiniert sich super damit, Zeit und sehr hohe Kosten für langwierige Tests und Überarbeitungen zu sparen. Der Kunde wird zum Beta-Tester degradiert. Beschwert er sich, wird er abgewimmelt. So lange sich nicht zu viele Kunden beschweren, der Absatz brutal einbricht oder extreme Rückrufkosten entstehen, ist alles allerfeinst..... Gibt es überhaupt noch Neuentwicklungen, egal was für ein Produkt, die überhaupt einfach nur funktionieren?
5. Globalisierung ohne Sinn und Verstand
dunnhaupt 11.01.2013
Habe nie verstanden, wieso es kostengünstiger sein soll, wenn die zahllosen Teile eines einzelnen Flugzeugs in 200 verschiedenen Fabriken in 20 oder 30 verschiedenen Ländern angefertigt werden. Es wird damit so gut wie [...]
Habe nie verstanden, wieso es kostengünstiger sein soll, wenn die zahllosen Teile eines einzelnen Flugzeugs in 200 verschiedenen Fabriken in 20 oder 30 verschiedenen Ländern angefertigt werden. Es wird damit so gut wie unmöglich, irgendwelche Qualitätskontrolle durchzuführen, von Lieferungsproblemen ganz abgesehen.

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