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18.01.2013
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Hauptversammlung in Bochum

ThyssenKrupp-Strippenzieher Cromme räumt Fehler ein

AP

Aufsichtsratschef Cromme (r.) mit Berthold Beitz: Fehler eingeräumt, Rücktritt abgelehnt

Milliardenverluste, Kartellverstöße - die Führung des Krisenkonzerns ThyssenKrupp muss sich auf der Hauptversammlung in Bochum gegen Aktionärskritik verteidigen. Aufsichtsratschef Cromme entschuldigte sich für Fehler, bekam aber Rückendeckung vom Vorstand.

Bochum - Der Auftritt von ThyssenKrupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme kurz vor der Hauptversammlung zeigte: Der Konzern steht hinter ihm. Der 99 Jahre alte Firmenpatriarch Berthold Beitz war überraschend in Bochum erschienen und stellte sich demonstrativ mit Cromme den Kameras.

In seiner Rede räumte Cromme dann allerdings Fehler ein: "Wenn Sie mich fragen, ob wir als Aufsichtsrat in der Vergangenheit etwas hätten besser machen können, dann will ich ehrlich sagen: Ja, wir haben zu lange vertraut, wir hätten früher handeln können", sagte der 69-Jährige. Er fügte allerdings umgehend hinzu: "Aber: Wir haben gehandelt, immer dann, wenn entsprechende Fakten das ermöglicht haben - und wir haben konsequent gehandelt."

Den mittlerweile zum starken Mann im Konzern aufgestiegenen Vorstandschef Heinrich Hiesinger weiß Cromme ebenso hinter sich wie die Konzernlegende Beitz. Der führt die mächtige Krupp-Stiftung, die gut 25 Prozent an dem Unternehmen mit weltweit 150.000 Mitarbeitern hält. "Gemeinsam werden wir - Aufsichtsrat und Vorstand - an einer erfolgreichen Zukunft für das Unternehmen arbeiten", sagte Cromme, der seit 2001 an der Spitze des Kontrollgremiums steht.

Einige Aktionäre hatten Cromme aufgefordert, seinen Posten zu räumen. Sie machen ihn für das Desaster mit den neuen Stahlwerken in den USA und Brasilien mitverantwortlich. Die Kosten für die Werke waren auf zwölf Milliarden Euro in die Höhe geschossen. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, dass ThyssenKrupp im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro eingefahren hat. Erstmals seit der Fusion von Thyssen und Krupp 1999 erhalten die Aktionäre keine Dividende.

Cromme kritisiert Medien für ihre Berichterstattung

Kerzengerade stehend und mit fester Stimme sprach Cromme zu den Aktionären. Er holte auch zu einem Seitenhieb auf die Medien aus: "Da ist viel Kritik geäußert worden, teilweise zu Recht, bisweilen auch unberechtigt. Was in den Medien steht, ist letztlich nicht maßgeblich. Maßgeblich ist, was Sie auf der Hauptversammlung beschließen." Er verwies erneut auf mehrere Gutachten, wonach der Aufsichtsrat keine Pflichtverletzungen begangen habe.

Dennoch sei es nicht gelungen, "die Fehlentwicklung bei den Steel-Americas-Projekten" zu verhindern. "Ich kann Ihnen versichern, dass nicht nur ich persönlich betroffen bin." Dies gelte für den gesamten Aufsichtsrat. "Wir haben deshalb in unserer heutigen Sitzung entschieden, für das Geschäftsjahr 2011/12 auf die Hälfte unserer Vergütung zu verzichten."

Rückendeckung erhielt Cromme von Konzernchef Hiesinger. Der Aufsichtsrat mit Cromme an der Spitze habe den Wandel des Unternehmens eingeleitet, sagte Hiesinger. Er habe für seinen Kurs immer die volle Rückendeckung vom Aufsichtsrat erhalten. "Ich bin überzeugt, dass Vorstand und Aufsichtsrat von ThyssenKrupp das Unternehmen gemeinsam in eine erfolgreiche Zukunft führen können, wenn wir den kritischen, aber vertrauensvollen Dialog fortführen."

Der seit zwei Jahren amtierende Hiesinger hat eine neue Führungskultur bei dem größten deutschen Stahlkonzern angekündigt. "Wir geben offen zu, vieles ist falsch gelaufen, vieles war nicht verhältnismäßig oder nicht mehr zeitgemäß."

nck/Reuters/dpa

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insgesamt 12 Beiträge
1. Zwei Krähen
vrdeutschland 18.01.2013
hacken sich nicht gegenseitig die Augen aus. Ein versagendes "Kontrollgremium" Aufsichtsrat spricht dem Vorstand das Vetrauen aus. Und so auch in Krisenzeiten umgekehrt. Vetternwirtschaft live in Deutschland und so gehen [...]
hacken sich nicht gegenseitig die Augen aus. Ein versagendes "Kontrollgremium" Aufsichtsrat spricht dem Vorstand das Vetrauen aus. Und so auch in Krisenzeiten umgekehrt. Vetternwirtschaft live in Deutschland und so gehen die vielbeachteten - von meiner Seite verachtenswerten - Großkonzerne wie Krupp, Siemens, Daimler, Deutsche Bank, etc. danieder. Ausbaden dürfen es die Angestellten bzw. einfachen Steuerzahler, wenn so ein Konzern mal wieder auf Staatsknete hoffen darf. Freuen darf sich hingegen der Chinese, der bald solche Unternehmen zum Spottpreis kaufen kann. Mir ist es egal, diese Unternehmen interessieren mich einen Dreck.
2. Betroffenheit
abominog 18.01.2013
Ja und ganz genau das ist das Problem dabei: Einer baut Mist und alle müssen dann darunter leiden. Ein wahrhaft tolles Prinzip, ich muss schon sagen!
Ja und ganz genau das ist das Problem dabei: Einer baut Mist und alle müssen dann darunter leiden. Ein wahrhaft tolles Prinzip, ich muss schon sagen!
3. Freuen darf sich der Chinese, der bald solche Unternehmen zum Spottpreis kaufen kann
wibo2 18.01.2013
* Da, wo das Leistungsprinzip missachtet wird, ist alsbald der Niedergang vorgezeichnet. * In der deutschen Großindustrie scheint eine Vettern- und Klüngelwirtschaft ohnegleichen zu herrschen. "Wir kennen uns und [...]
Zitat von vrdeutschlandZwei Krähen hacken sich nicht gegenseitig die Augen aus. Ein versagendes "Kontrollgremium" Aufsichtsrat spricht dem Vorstand das Vetrauen aus. Und so auch in Krisenzeiten umgekehrt. Vetternwirtschaft live in Deutschland .....
* Da, wo das Leistungsprinzip missachtet wird, ist alsbald der Niedergang vorgezeichnet. * In der deutschen Großindustrie scheint eine Vettern- und Klüngelwirtschaft ohnegleichen zu herrschen. "Wir kennen uns und wir helfen uns. " Es heißt, das sei positiv, Kooperation und Netzwerke. Fleiß hin, Talent her ,wichtige Entscheidungen der Wirtschaft werden in Geheimzirkeln getroffen. Die deutsche Wirtschaftselite ist ein Netzwerk der Macht ohnegleichen, die nach dem Leitgedanken "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus" eigennützig, interessengeleitet, alternativlos und systemrelevant verfährt. Zulasten unserer Zukunft. Irrwege dieser selbstgewissen, verbrüderten Elite gefährden unsere wirtschaftliche Zukunft. siehe Service*-*Standpunkte*-*Archiv*-*Die deutsche Wirtschaftselite: ein Netzwerk der Macht*-*ver.di b+b (http://www.verdi-bub.de/index.php?id=2019)
4. Auch die
soznet1 18.01.2013
Großprjekte scheien nicht nur die Politiker zu überfordern, sondern auch die vielgelobten Industrieaufsichtsräte. Aber bei denen sind es nur "Fehler" bei Wowereit und Ramsauer gleich totales Versagen und grundsätzlich : [...]
Großprjekte scheien nicht nur die Politiker zu überfordern, sondern auch die vielgelobten Industrieaufsichtsräte. Aber bei denen sind es nur "Fehler" bei Wowereit und Ramsauer gleich totales Versagen und grundsätzlich : Unfähigkeit. So einfach ist das wohl nicht.
5. Der Schwanz wedelt mit dem Hund
friederrich 18.01.2013
Seit wann braucht ein Aufsichtsrat Rückendeckung von eienm Vorstand? Der Aufsichtsrat bestellt und entlässt die Vorstände. Aber vielleicht gilt das in Deutschland jetzt auch nicht mehr ...
Seit wann braucht ein Aufsichtsrat Rückendeckung von eienm Vorstand? Der Aufsichtsrat bestellt und entlässt die Vorstände. Aber vielleicht gilt das in Deutschland jetzt auch nicht mehr ...

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