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Wirtschaft

Neue Konzernzentralen

Amerikaner lehnen sich gegen Amazon auf

Amazon baut neue Zentralen in New York und bei Washington - und stößt bei Anwohnern auf Widerstand: Sie fürchten Zehntausende zusätzliche Pendler und explodierende Mieten. Die Wut ist riesig.

Justin Lane/ EPA-EFE/ REX

Long Island City, New York

Von , New York
Mittwoch, 14.11.2018   10:44 Uhr

Die U-Bahnstation Court Square in Queens ist ein klaustrophobisches Gewirr aus Gängen, Treppen und Passagen. Vier Linien aus drei Stadtteilen kreuzen sich hier. Ringsum wachsen immer neue Wohntürme für Pendler empor, was das Gedränge nur noch schlimmer macht, nicht nur während der Rushhour.

Bald wird es noch voller. Long Island City - das Viertel im Südwesten von Queens, in dem die Station liegt - ist einer von zwei Standorten, die Amazon als neue Zentralen auserkoren hat. Bis zu 40.000 Tech-Jobs will der Onlineriese hier schaffen, die Hälfte der jetzigen Einwohnerzahl.

Queens bekommt, sozusagen, einen neuen King. Und das Chaos, das dieser verursacht, ist absehbar.

Die Stadt New York hat dem Konzern aus Seattle für den Gang zur Ostküste zudem Steuernachlässe und Subventionen von fast drei Milliarden Dollar zugesichert. Was es im Gegenzug gibt, vor allem für die, die nicht bei Amazon Chart zeigen arbeiten, bleibt hingegen diffus. Auch deshalb stoßen Amazons Pläne vielen sauer auf.

"Unser Telefon läuft Sturm", berichtet die Aktivistin Alexandria Ocasio-Cortez, die Queens ab Januar im US-Kongress vertreten wird. "Die Antwort der Anwohner? Entrüstung."

"Dies ist unakzeptabel, und wir werden kämpfen"

Der Widerstand gegen Amazon reflektiert eine breitere Wut auf allmächtige Tech-Konzerne. Es murren nicht nur die 236 Städte, die sich umsonst als Sitz für das neue Amazon-Hauptquartier bewarben, sondern ironischerweise auch die Sieger: Neben Queens fiel die Wahl auf Crystal City, eine triste Trabantenstadt vor den Toren Washingtons. Auch dort gibt es neben Jubel auch Zweifel.

Die Debatte zeigt, wie leicht sich Großkonzerne über politische, soziale und kommunale Bedenken hinwegsetzen können - gerade wenn es um die teuersten US-Infrastrukturprojekte seit Langem geht. Amazons "HQ2"-Castingshow war ein einjähriger PR-Stunt, wurde an den Bürgern vorbei eingefädelt, eben auch am New Yorker Stadtrat - und scheint nun beschlossene Sache zu sein. Trotz aller Kritik.

Manche wollen sich das nicht bieten lassen.

"Wir werden mobilisieren und protestieren", kündigte Queens-Stadtrat Jimmy Van Bramer in der "New York Times" an. "Dies ist unakzeptabel, und wir werden kämpfen."

400.000 Quadratmeter Bürofläche

Bürgermeister Bill de Blasio und Gouverneur Andrew Cuomo traten dagegen am Dienstag stolz vor die Presse. De Blasio, der sich progressiv nennt, aber wirtschaftsnah regiert, nannte Amazons Zusagen "ohnegleichen". Cuomo beteuerte: "Kostet uns nichts, nada, niente."

Auf dem Papier geht diese Rechnung auf. Mehr als fünf Milliarden Dollar will Amazon in die Zweitzentralen stecken und verspricht pro Standort mindestens 25.000 Arbeitsplätze, später sogar vielleicht noch mal je 15.000 mehr.

Dafür, so das Argument, lohnten sich die Subventionen, die dem Konzern versprochen worden sind - allein 1,28 Milliarden Dollar an Steuergutschriften von New York City, plus 1,2 Milliarden Dollar Steuernachlässe und bis zu 505 Millionen Dollar weitere Subventionen vom Staat New York.

In Wahrheit aber hat New York viel dringlichere Probleme, als den Bau neuer Konzernhauptquartiere: Obdachlosigkeit, Armut, ein Nahverkehrssystem, das täglich zusammenbricht. "Wir müssen uns auf Gesundheitsversorgung, Gehälter, bezahlbare Renten konzentrieren", warnt Ocasio-Cortez. "Konzerne, die nichts davon bieten, sollten wir skeptisch sehen."

Amazons Plan für Queens nährt diese Skepsis. Der Konzern visiert hier fast 400.000 Quadratmeter Bürofläche an - davon die ersten 100.000 Quadratmeter direkt über dem Court Square, in einem 50-stöckigen Hochhaus von 1990. Hauptmieter Citigroup zieht aus, Amazon zieht ein - ein symbolischer Wechsel.

Hubschrauberlandeplatz für Bezos

Symbolisch auch dies: Der Tower, der den Wandel Long Island Citys zum Hightech-Zentrum markieren soll, begründete einst den Wandel der Industriezone zum Geschäfts- und Wohngebiet. Zehntausende neue Wohnungen entstanden in den letzten Jahrzehnten, in Glastürmen am East River und im Schatten der Queensboro Bridge, hinter der das größte Sozialbauviertel der USA liegt.

Amazon kippt diese Balance nun vollends. Die Suchanfragen für Long Island City auf der Immobilien-Website "StreatEasy" explodierten ums Dreifache, seit Amazons Pläne durchsickerten. Amazon, prophezeite "StreetEasy"-Ökonom Grant Long, werde Queens "umgestalten" - und damit die Preise und Mieten. "Es ist ein Geschenk der Götter", sagte der Makler Patrick Smith dem "Wall Street Journal". Manche Interessenten würden bereits unbesehen Immobilien kaufen, via SMS.

Zwar sagt Amazon zu, in seinem Campus Platz für Start-ups, Künstler und eine Schule zur Verfügung zu stellen und in "Infrastruktur und Grünfächen" zu investieren. Doch vorher besteht der Konzern auf eine andere Investition: Um Amazon-Chef Jeff Bezos und seinen Topmanagern schnellen Zugang zu der Baustelle zu garantieren, wird zuerst einmal ein Hubschrauberlandeplatz gebaut.

Den Pendlern am Court Square wird das wenig helfen.

insgesamt 39 Beiträge
draco2007 14.11.2018
1.
Ohhhh nein, eine Firma gründet einen Standort und schafft (gut bezahlte) Arbeitsplätze....immer diese Menschen! Aber wenn ein Stahlwerk 5 neue Arbeiter einstellt gibt es einen landesweiten Jubel der Trumpisten. Ja es [...]
Ohhhh nein, eine Firma gründet einen Standort und schafft (gut bezahlte) Arbeitsplätze....immer diese Menschen! Aber wenn ein Stahlwerk 5 neue Arbeiter einstellt gibt es einen landesweiten Jubel der Trumpisten. Ja es stellt die Stadt vor eine Herausforderung, aber das war ihnen auch klar, bevor sie sich für den Standort beworben haben. (Zumindest habe ich es so verstanden, dass sich die Städte bei Amazon gemeldet haben und nicht andersrum) Mit den Steuereinnahmen allein von den Arbeitnehmern in diesen Zentralen sollte sich was machen lassen. Wenn hier gesagt wird "Tech-Jobs", dann reden wir hier von sehr gut bezahlten Menschen.
touri 14.11.2018
2.
Sehe ich ähnlich. Ich weiß jetzt auch nicht, was so verwerflich an einem Hubschrauberlandeplatz sein soll...
Zitat von draco2007Ohhhh nein, eine Firma gründet einen Standort und schafft (gut bezahlte) Arbeitsplätze....immer diese Menschen! Aber wenn ein Stahlwerk 5 neue Arbeiter einstellt gibt es einen landesweiten Jubel der Trumpisten. Ja es stellt die Stadt vor eine Herausforderung, aber das war ihnen auch klar, bevor sie sich für den Standort beworben haben. (Zumindest habe ich es so verstanden, dass sich die Städte bei Amazon gemeldet haben und nicht andersrum) Mit den Steuereinnahmen allein von den Arbeitnehmern in diesen Zentralen sollte sich was machen lassen. Wenn hier gesagt wird "Tech-Jobs", dann reden wir hier von sehr gut bezahlten Menschen.
Sehe ich ähnlich. Ich weiß jetzt auch nicht, was so verwerflich an einem Hubschrauberlandeplatz sein soll...
tinnytim 14.11.2018
3.
John Oliver hat mal gut zusammengefasst, was dort in den USA mit dem Konkurrenzkampf um Konzernstandorte alles schief läuft. Für die Volkswirtschaft geht dort viel Geld verloren. https://youtu.be/8bl19RoR7lc
John Oliver hat mal gut zusammengefasst, was dort in den USA mit dem Konkurrenzkampf um Konzernstandorte alles schief läuft. Für die Volkswirtschaft geht dort viel Geld verloren. https://youtu.be/8bl19RoR7lc
schorsch_69 14.11.2018
4. Och Joh!
Na Ja... "Gut bezahlt" ist immer Ansichtssache! Wenn ein weltweit "selbstherrlich herrschendes" Unternehmen auf Widerstand der lokalen Bevölkerung stösst, so ist dies eher wenig dazu geeignet eben [...]
Zitat von draco2007Ohhhh nein, eine Firma gründet einen Standort und schafft (gut bezahlte) Arbeitsplätze....immer diese Menschen! Aber wenn ein Stahlwerk 5 neue Arbeiter einstellt gibt es einen landesweiten Jubel der Trumpisten. Ja es stellt die Stadt vor eine Herausforderung, aber das war ihnen auch klar, bevor sie sich für den Standort beworben haben. (Zumindest habe ich es so verstanden, dass sich die Städte bei Amazon gemeldet haben und nicht andersrum) Mit den Steuereinnahmen allein von den Arbeitnehmern in diesen Zentralen sollte sich was machen lassen. Wenn hier gesagt wird "Tech-Jobs", dann reden wir hier von sehr gut bezahlten Menschen.
Na Ja... "Gut bezahlt" ist immer Ansichtssache! Wenn ein weltweit "selbstherrlich herrschendes" Unternehmen auf Widerstand der lokalen Bevölkerung stösst, so ist dies eher wenig dazu geeignet eben diese zu verunglimpfen! Ein Unternehmen übrigens, das permanent kleine und kleinste Anbieter auf seiner "Plattform" bestenfalls "nur "Übervorteilt! Die Steuereinnahmen via Arbeitnehmerabgaben sind eher absolut irrelevant, in Anbetracht dessen was dieser Konzern selbst, durch Subvention und und "sonstiger" Steuerzahlungsvermeidung "spart"!
krtoledo77 14.11.2018
5. Subventionen für einer der reichsten Tech-Konzerne
Irgendwie kann ich es nicht nachvollziehen, weshalb Großen Konzerne immer wieder Steuererleichterungen/Subventionen etc. geboten wird. Diese Konzerne leisten doch heute kaum noch etwas für das Allgemeinwohl, ich hoffe irgendwann [...]
Irgendwie kann ich es nicht nachvollziehen, weshalb Großen Konzerne immer wieder Steuererleichterungen/Subventionen etc. geboten wird. Diese Konzerne leisten doch heute kaum noch etwas für das Allgemeinwohl, ich hoffe irgendwann besinnt sich die Politik und die Wirtschaft und es kommt wirklich mal zu einen Wandel in eine Sozial Marktwirtschaft, die sich mehr um das kümmert das es der Gesellschaft insgesamt besser geht, aber wahrscheinlich eh nur eine Utopie

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