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Wirtschaft

"Mein Name ist Furt. Frank Furt"

So plump wirbt Frankfurt um Brexit-Banker

Frankfurt am Main gilt eigentlich als möglicher Profiteur des Brexits. Etwas verzweifelt wirken die Avancen von Hessen um Londoner Banker allerdings schon.

YouTube/Frankfurt Main Finance e.V.

Frank Furt kämpft mit Vorurteilen

Von manager-magazin.de-Redakteur
Mittwoch, 10.10.2018   15:02 Uhr

Frankfurt muss man sich als gut gebauten, mitteljungen Mann vorstellen. Glatt rasiert, akkurat gescheitelt, in adrettem weißen Hemd. So jedenfalls stellt uns die Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance die hessische Stadt auf ihrem YouTube-Kanal vor, als Cartoonfigur mit James-Bond-Anleihen: "My name is Furt. Frank Furt."

Have you ever met Frank Furt?

Das Filmchen handelt vom Flirt einer Frau in einer Bar mit "Frank Furt" (nicht zu verwechseln mit dem wilden Verführer Frank'n'Furter aus der "Rocky Horror Picture Show"). Die international gesinnte Kostümträgerin zeigt zunächst Interesse, erschrickt aber bei der Nennung des Namens: Von Frank Furt hat sie schon gehört, aber nicht viel Gutes.

Der Mann müht sich redlich, die Vorurteile zu widerlegen ("Sehe ich aus wie ein Bauer?") und seine Vorzüge zu preisen: moderne Architektur (Banktürme), schöne Ausflugsziele (Rheintal), durchaus gutes Essen ... Plötzlich hat die Figur die Identität der Stadt Frankfurt am Main, wenn auch großzügig um weite Landstriche eingemeindet, um mit sechs Millionen Einwohnern zu prahlen, die man keineswegs provinziell nennen dürfe.

Geschätzt könnten etwa 5000 Jobs abwandern

Offenbar zielt der Verein, dem neben der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen auch mehrere ortsansässige Banken angehören, auf Banker, die nach dem Brexit von London auf den Kontinent ziehen. Selbst der britische Minister John Glen sagte am Mittwoch im Parlament, er rechne mit der Abwanderung von 5000 Jobs bis zum Austritt des Königreichs aus der EU im kommenden März.

Besonders in der angelsächsischen Finanzpresse werden immer wieder Vorbehalte gegenüber der deutschen Stadt laut, die sich selbst im natürlichen Vorteil als künftig führender Finanzplatz der EU sieht. Als Hindernis vor dem Umzug an den Main nannte beispielsweise die "Financial Times" die Sorge der Ehefrauen der (meist männlichen) Topbanker, in ein Provinznest abgeschoben zu werden - ob berechtigt oder nicht. Manche Großkonzerne wie JPMorgan Chase, HSBC oder Bank of America zogen tatsächlich lieber in eine echte Weltstadt wie Paris.

Das plumpe Prahlen von "Frank Furt" sorgt erstaunlicherweise für ein Happy End - wenn auch nur im Flirtvideo von Frankfurt Main Finance.

insgesamt 41 Beiträge
nickleby 10.10.2018
1. Ein lustiger Pun
Natürlich muss Frankfurt sich um die abwandernden Banker kümmern. Dabei ist es doch recht geschmackvoll, sich so humorig vorzustellen. Dass die Engländer leiden, haben sie sich selbst zuzuschreiben. Sie hätten ja gegen den [...]
Natürlich muss Frankfurt sich um die abwandernden Banker kümmern. Dabei ist es doch recht geschmackvoll, sich so humorig vorzustellen. Dass die Engländer leiden, haben sie sich selbst zuzuschreiben. Sie hätten ja gegen den Brexit stimmen können. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. So, what ??
dasbeau 10.10.2018
2. Provinznest
Provinznest trifft es ziemlich genau. Musste selbst einmal knapp 2 Jahre beruflich in Frankfurt wohnen und war heilfroh, dort wieder weg zu sein. Bin jetzt in Stuttgart. Das ist zwar auch ein Provinznest, aber hier steht man [...]
Provinznest trifft es ziemlich genau. Musste selbst einmal knapp 2 Jahre beruflich in Frankfurt wohnen und war heilfroh, dort wieder weg zu sein. Bin jetzt in Stuttgart. Das ist zwar auch ein Provinznest, aber hier steht man wenigstens dazu. Frankfurt hält sich für eine Stadt von internationalem Rang, dass es darüber seine eigene Provinzialität leider völlig übersieht.
cecile10 10.10.2018
3.
Da Banker in der Regel ökonomisch denkende Menschen sind, werden sie spätestens beim Blick auf die Rechnung in einem der zahlreichen wirklich guten Restaurants die Entscheidung für Frankfurt nicht bereuen. Vor zwei Monaten war [...]
Da Banker in der Regel ökonomisch denkende Menschen sind, werden sie spätestens beim Blick auf die Rechnung in einem der zahlreichen wirklich guten Restaurants die Entscheidung für Frankfurt nicht bereuen. Vor zwei Monaten war ich in einem angesagten Restaurant in London. Beim Bestellen wurde mir deutlich gesagt, das wir nun noch 75 Minuten Zeit hätten, auf das Essen zu warten, das Essen zu genießen und nach dem Zahlen wieder artig zu verschwinden. Auch wird der Anglo-Banker beim Blick auf den Kontoauszug nach dem ersten Monat in Frankfurt in Verzückung geraten, wenn er oder sie sieht, was trotz der hohen direkten Steuern noch alles übrig bleibt. Vielleicht hätte "Furt" diese sehr tangiblen Vorzüge auch ins Spotlight stellen sollen.
kuac 10.10.2018
4.
Was hatte Ihnen in Frankfurt gefehlt? Wenig Kulturangebot? Keine gute Restaurants? Zu viel oder zu wenig Verkehr? Zu teuer? Zu billig?
Zitat von dasbeauProvinznest trifft es ziemlich genau. Musste selbst einmal knapp 2 Jahre beruflich in Frankfurt wohnen und war heilfroh, dort wieder weg zu sein. Bin jetzt in Stuttgart. Das ist zwar auch ein Provinznest, aber hier steht man wenigstens dazu. Frankfurt hält sich für eine Stadt von internationalem Rang, dass es darüber seine eigene Provinzialität leider völlig übersieht.
Was hatte Ihnen in Frankfurt gefehlt? Wenig Kulturangebot? Keine gute Restaurants? Zu viel oder zu wenig Verkehr? Zu teuer? Zu billig?
mariomeyer 10.10.2018
5. Yo!
Alles eine Frage der Perspektive. Wenn man als Banker von internationalem Format das Leben in London, New York, Hongkong, Tokio oder - mit Abstrichen - Paris gewohnt ist, vor allem mit reichlich frei verfügbarem Einkommen, dann [...]
Alles eine Frage der Perspektive. Wenn man als Banker von internationalem Format das Leben in London, New York, Hongkong, Tokio oder - mit Abstrichen - Paris gewohnt ist, vor allem mit reichlich frei verfügbarem Einkommen, dann ist ein Umzug nach Frankfurt wahrscheinlich ein Rückschritt. Vielleicht sollten die Frankfurter sich auf alleinstehende männliche Banker konzentrieren - und nicht auf die verheirateten. Für Männer ohne Anhang hat Frankfurt dann doch wieder Vorzüge, über die die anderen von mir genannten Städte nicht verfügen, soweit ich weiß (außer Tokio vielleicht). Letztlich aber eine widerliche Diskussion - ist Frankfurt für Banker attraktiv genug oder lebt es sich als Banker anderswo nicht viel besser? Ich wünschte, dieser Gedanke stünde immer und bei allen Berufsgruppen im Vordergrund. Was können wir machen, damit die Bürger unserer Stadt noch besser leben können? Aber lieber wirft sich Frankfurt den Londoner Bankern an den Hals, was für mich schon arg nach Verzweiflung aussieht.

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