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Wirtschaft

Neuer Daimler-Großaktionär Li Shufu

Da geht's lang, Herr Zetsche

Li Shufu, Chef des chinesischen Autoherstellers Geely, steigt als Großaktionär bei Daimler ein. Feindliche Übernahme? Tatsächlich könnte der Konzern aus Stuttgart mit ihm schneller auf Elektromobilität getrimmt werden.

AFP

Geely-Chef Li Shufu

Von
Samstag, 24.02.2018   13:24 Uhr

Schon seit Wochen hat es sich angebahnt, nun ist es offiziell. Li Shufu, Chef des chinesischen Autoherstellers Geely, ist mit 9,69 Prozent der größte Einzelaktionär bei Daimler. Bisher war der Staatsfonds von Kuwait mit 6,8 Prozent größter Anteilseigner, einen richtigen Ankeraktionär hat der Konzern nicht.

Lis seit Monaten anhaltendes Buhlen um das deutsche Traditionsunternehmen hat am Ende zum Erfolg geführt. Auch, wenn er zwischendurch abgewiesen wurde: Ein erstes Angebot von Li an die Daimler-Führung über den Kauf eines Aktienpakets lehnten die Stuttgarter ab. Sie empfahlen dem Verehrer kühl, er möge sich bitte am freien Markt eindecken.

Sie hätten wissen können, dass sich Li nicht so leicht von seinen Vorhaben abbringen lässt. Der chinesische Manager, so heißt es, träumt von einem weltumspannenden Auto-Imperium mit etlichen Marken, vertreten auf allen Märkten. Ein Riesenreich, wie Ferdinand Piech es mit Volkswagen geschaffen hat. Mit dem Unterschied, dass Piech und Volkswagen bislang eher für die gusseiserne Auslegung automobilen Erfolgs standen, Li aber nach einem Vorsprung durch Digitalisierung und Elektrifizierung strebt.

Er ist angetrieben von der Überzeugung, dass bisherige Kernkompetenzen in der Fahrzeugfertigung, der Bau von Verbrennungsmotoren und Getrieben also, durch die Elektromobilität wertlos werden. Gegen die Angriffe neuer Gegenspieler wie Google und Co., die sich mithilfe von Zulieferern auf das Schnellste ein Auto zusammenbauen können, hilft seiner Meinung nach nur eine Vernetzung unter den etablierten Herstellern. Bei mehreren europäischen Marken, Volvo und Daimler, Lotus und London Taxi hat er nun seine Finger im Spiel.

Keine unproblematische Liaison

Jetzt stellt sich die Frage: Was hat Li mit Daimler vor? Und welchen Platz nimmt Volvo künftig ein? Der Blick hinüber zur schwedischen Konkurrenz dürfte Daimler-Chef Dieter Zetsche beruhigen, droht mit dem Journalisten gegenüber zuweilen ruppig auftretendem Li zumindest keine feindliche Übernahme mit anschließender Entkernung des Traditionsunternehmens. Artig begrüßt das Stuttgarter Unternehmen die neue Macht am Tisch in einer Pressemitteilung mit freundlichen Worten: "Daimler freut sich, mit Li Shufu einen weiteren langfristig orientierten Investor gewonnen zu haben, der von der Innovationsstärke, der Strategie und dem Zukunftspotenzial von Daimler überzeugt ist. Daimler kennt und schätzt Li Shufu als chinesischen Unternehmer mit besonderer Kompetenz und Zukunftsorientierung, mit dem man den industriellen Wandel konstruktiv diskutieren kann."

Pikant dürfte für Daimler allerdings die Tatsache werden, dass man in China bereits zwei andere Partnerschaften intensiv pflegt, auch um die dort ab 2019 geltenden Quoten für Elektroautos zu erfüllen: In Peking betreibt Daimler ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Staatsbetrieb BAIC. Im Süden des Landes gibt es eine Kooperation mit dem Privatunternehmen und Elektroautospezialisten BYD, mit dem Daimler gemeinsam das Elektroauto Denza herstellt. Beide Kooperationspartner dürften über den Einstieg des Konkurrenten Geely wenig erbaut sein.

Zumal Li an der Stoßrichtung seines Engagements keinen Zweifel ließ: Er freue sich, "Daimler auf dem Weg zu einem der weltweit führenden Anbieter von Elektromobilität zu begleiten", erklärte Geely-Chef Li Shufu am Samstag in einer Mitteilung. "Die Wettbewerber, die uns im 21. Jahrhundert technologisch herausfordern, kommen nicht aus der Automobilindustrie", betonte Li. Man brauche Freunde und Partner, um diesen "Eindringlingen von außen" mit vereinten Kräften zu begegnen. "Es ist Zeit für ein neues Denken. Mein Engagement bei Daimler reflektiert diese Vision."

Für Daimler könnte sich Li tatsächlich als Glücksbringer erweisen. Und das nicht nur, weil "Geely" übersetzt "glückweisend" heißt. Vor dem Hintergrund von Abgasskandal und drohenden Diesel-Fahrverboten könnte Unterstützung aus China dringend benötigte Impulse setzen: Immerhin hat Li Volvo schon eine strikte Sprit-Diät verordnet und 2017 den schrittweisen Abschied vom Verbrennungsmotor bei Volvo verkündet.

In China ein Star

Li, gerade einmal 54 Jahre alt, gilt in China als Star. Auf Messen wird er von anderen chinesischen Managern, auch von Konkurrenzunternehmen, um Autogramme gebeten. Im Alter von 21 Jahren übernahm er die Leitung einer staatlichen Kühlschrankfabrik in Hangzhou. Schon das war ein steiler Aufstieg für den in eine Bauernfamilie als drittes von vier Kindern hineingeborenen Li. Aber für ihn noch lange nicht genug.

Schon nach zwei Jahren orientierte er sich um, sammelte bei Verwandten und Freunden Kapital und gründete seine eigene Firma. Die baute ebenfalls Kühlschränke, ähnlich denen aus Lis erster Arbeitsstätte. Eigentlich war die Fertigung von derlei Produkten damals nur staatlichen Firmen vorbehalten, die Behörden schlossen deswegen seinen Betrieb. Li hatte es trotzdem schon in kurzer Zeit zum Millionär gebracht.

Der unerlaubte Erfolg hatte ihn aber nur weiter angestachelt. In seiner nun "Geely" getauften Firma stellte er Dekomaterial her, dann Motorräder, ab 1992 baute "Geely Motors" Autos. Eine lizenzierte Kopie eines Daihatsu, in der ersten Zeit der Produktion lieferten die Japaner noch den Motor. Erst sechs Jahre später erhielt er von der Regierung eine Lizenz für die Automobilfertigung.

Vorbild Volvo?

2017 liefen in den Fabriken von Geely rund 1,6 Millionen Autos vom Band, der Hersteller ist das einzige chinesische Automobilunternehmen ohne staatliche Beteiligung. Selbst europäische Tester bescheinigen den noch vor wenigen Jahren nach hiesigen Maßstäben erschreckend schlicht produzierten Fahrzeugen inzwischen eine hohe Güte.

Zu verdanken ist das wohl auch einem der geschicktesten Manöver in der Geschichte chinesischer Expansionen nach Europa: 2010 kauft sich Li beim schwedischen Hersteller Volvo ein. Der hatte seit 1999 zum amerikanische Hersteller Ford gehört, den Amerikanern war es allerdings nie gelungen, die kantigen Kisten aus den roten Zahlen zu fahren. Zudem waren sie frustriert ob des halsstarrigen Managements in Schweden.

Auch zwischen Li und Volvo war es eine keine Liebe auf den ersten Blick. Der Chinese konnte mit der kühlen Schlichtheit der Autos wenig anfangen, er sorgte sich, ob die Marke in China angesichts des reduzierten Designs überhaupt als Luxusgut gesehen würde. Trotzdem ließ er der Zentrale in Göteborg und dem deutschen Entwicklungschef Peter Mertens sowie Chefdesigner Thomas Ingenlath weitgehend freie Hand.

Behutsam wurde das Design hin zu mehr Glanz entwickelt, ohne protzig zu wirken. Unter den finanziellen Fittichen von Li entwickelte sich das Problemkind Volvo zur anerkannten Premiummarke, die längst fette Gewinne abwirft. Doch statt die abzuschöpfen, stattete Li das Unternehmen weiter mit frischem Kapital aus.

Herr Li ist auf Shoppingtour

Li verfolgt eine langfristige Strategie, in der Volvo nur ein Baustein ist, wenngleich ein wichtiger. Die von den Schweden entwickelten Plattformen und Motoren sollen zur Basis werden für fast alles, was im Geely-Konzern von den Bändern rollt: Allem voran natürlich die Volvos selbst, die künftig aber zu einem guten Teil preisgünstiger in China gefertigt werden sollen, wie die Limousine Volvo S90, die in China für den weltweiten Markt gebaut wird. Aber auch die Elektroautos der neu gegründeten Firma Polestar, die Fahrzeuge der Marke Lynk&Co, die Premiumfahrzeuge zum Preis von Volumenmodellen anbieten will und natürlich die Fahrzeuge von Geely selbst.

Neben der Pkw-Sparte hat sich Li inzwischen auch in der Lkw-Sparte des schwedischen Herstellers eingekauft - genau wie in der London Taxi Company sowie dem malaysischen Hersteller Proton, zu dem inzwischen auch díe britische Sportwagenschmiede Lotus gehört. Kern seiner Strategie aber ist Volvo und Vorstandschef Hakan Samuelsson zumindest hat keinen Zweifel daran, dass sie aufgehen wird. "Geely kann den europäischen Markt mit günstigen Fahrzeugen erobern und sagen, dass sie Volvo-Technik verwenden", sagt Samuelsson.

Das war erst im Dezember 2017.

Anmerkung der Redaktion:
In einer früheren Version stand, Geely sei bei zwei europäischen Autobauern engagiert: Volvo und Daimler. Tatsächlich sind es mindestens vier: Neben den Genannten nämlich Lotus und London Taxi. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Material von DPA

insgesamt 50 Beiträge
eckawol 24.02.2018
1. Hauptsache kein HNA,
der die Finanzierung des Beteiligungserwerbs mit komplexen Absicherungsmechanismen begleiten muss, die gegebenenfalls auch Liquiditätsnachschüsse ja nach Marktlage der Börse erfordern und somit Li in Schwierigkeiten bringt.
der die Finanzierung des Beteiligungserwerbs mit komplexen Absicherungsmechanismen begleiten muss, die gegebenenfalls auch Liquiditätsnachschüsse ja nach Marktlage der Börse erfordern und somit Li in Schwierigkeiten bringt.
K.A.S. 24.02.2018
2. Nach den Problemen der Vorjahre,
2016 wollte alleine der chinesische CIC 0,75 Billionen von seinen 3,7B US-$ in deutsches Waren-/Firmengeld eintauschen, wurden aber nur etwa 10% davon los, läuft es auch 2018 mit kläglichen 8,8 Mrd. losgewordenen US-$ auch nicht [...]
2016 wollte alleine der chinesische CIC 0,75 Billionen von seinen 3,7B US-$ in deutsches Waren-/Firmengeld eintauschen, wurden aber nur etwa 10% davon los, läuft es auch 2018 mit kläglichen 8,8 Mrd. losgewordenen US-$ auch nicht besser. Da kann man leicht weiter in der EU darauf verweisen, dass China Billionen von USD/US-Staatanleihen hält. Allerdings lässt das Verhalten auch den Verdacht zu, dass China / BRICS & Co. auf Kaufen und Partnerschaft und nicht wie US/GB auf 911 Kriege, CIA-Beweise und Privat-Gerichte, setzen. Wem wird wohl die Zukunft gehören? Beim Vergleich der Schnellzüge sieht die EU schon zurückgeblieben aus.
Lotus Driver 24.02.2018
3.
“Bei zwei europäischen Marken, Volvo und Daimler, hat er nun seine Finger im Spiel.” Ach SPON: Ich nehme an dass Großbritannien schon noch irgendwie zu Europa gehört: die Sportwagenschmiede LOTUS und LondonTaxi gehören [...]
“Bei zwei europäischen Marken, Volvo und Daimler, hat er nun seine Finger im Spiel.” Ach SPON: Ich nehme an dass Großbritannien schon noch irgendwie zu Europa gehört: die Sportwagenschmiede LOTUS und LondonTaxi gehören auch zu Geely. Zwar klein und fein, aber macht schon 4 Marken. - - - - - Vielen Dank für den Hinweis! Wir haben den Fehler korrigiert. MfG Redaktion Forum - - - - - Man kann aber nur beten, dass Lotus zukünftig nicht in China auf irgend so einem normalen Mercedes Pkw Chassis und einem schrottigen Elektromotor von Volvo gebaut wird. Aber ich traue Geely doch etwas Sachverstand und Markenverständnis zu.
curiosus_ 24.02.2018
4. Schon schön, wenn...
---Zitat von Michail Hengstenberg--- Für Daimler könnte sich Li tatsächlich als Glücksbringer erweisen. Und das nicht nur, weil "Geely" übersetzt "glückweisend" heißt. Vor dem Hintergrund von [...]
---Zitat von Michail Hengstenberg--- Für Daimler könnte sich Li tatsächlich als Glücksbringer erweisen. Und das nicht nur, weil "Geely" übersetzt "glückweisend" heißt. Vor dem Hintergrund von Abgasskandal und drohenden Diesel-Fahrverboten könnte Unterstützung aus China dringend benötigte Impulse setzen: Immerhin hat Li Volvo schon eine strikte Sprit-Diät verordnet und 2017 den schrittweisen Abschied vom Verbrennungsmotor bei Volvo verkündet. ---Zitatende--- ...Journalisten meinen beurteilen zu können, dass Daimler einen chinesischen Investor bräuchte der ihnen sagt wo's lang geht. Weil die ja, trotz intensiver Marktbeobachtung und einem vielköpfigen strategischen Stab mit hochqualifizierten Mitarbeitern zu dämlich sind den besten Weg zu finden. Die sind schon lange, auch ohne Herrn Li, auf dem Weg dahin "wo's lang geht". Stichworte "EVA", "case" und "EQ". Und die Umsetzung der dahinter stehenden Konzepte begann schon bevor ein "Abgasskandal" abzusehen war. Ich gehe eher davon aus, dass Herr Li sich die entsprechende Kompetenz für seinen Konzern sichern will. Und dass insofern eher Herr Li von Daimler profitiert als andersrum. Denn eine nachhaltiger und qualitätsvoller Einstieg in die e-Mobilität (mit allen Risiken) benötigt mindestens 5 Jahre Entwicklungszeit und hat schon lange vor Herrn Lis Invest begonnen.
Sepp1966 24.02.2018
5. Das einzige, was Herrn Shufu interessiert,
ist das Know-How von Daimler. Wie dumm sind unsere heutigen Manager eigentlich, nicht zu verstehen, dass es den chinesischen Investoren nur um unser Know-How geht. Nicht nur Deutschland, sondern Europa sollte begreifen, dass wir [...]
ist das Know-How von Daimler. Wie dumm sind unsere heutigen Manager eigentlich, nicht zu verstehen, dass es den chinesischen Investoren nur um unser Know-How geht. Nicht nur Deutschland, sondern Europa sollte begreifen, dass wir als Markt für China intressant sind, aber nur bei Anwendung europäischen Know-Hows. Es gab einmal eine Zeit, in der England führend in der Entwicklung von Stahlprodukten und Dampfmaschinen war. Da gab es ein europäisches Land, das technisch nichts zu bieten hatte. Also schickte der damalige König/Kaiser Ingenieure nach England, um soviel Know-How wie möglich in Erfahrung zu bringen. Dieses Land hieß? Deutschland!

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