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Wirtschaft

Daimler und der Diesel-Rückruf

Der Skandal ist Dieter Zetsche

Hinhalten statt durchgreifen: Mit dieser Strategie will Daimler-Chef Dieter Zetsche die Dieselaffäre persönlich überstehen. Dem Konzern und seiner Branche schadet er damit langfristig.

AFP
Ein Kommentar von
Dienstag, 12.06.2018   16:36 Uhr

Es hätte für den Daimler-Konzern und seine Zehntausende rechtschaffene Mitarbeiter ein Befreiungsschlag werden können. Mit der Ankündigung, eine Dreiviertelmillion sehr wahrscheinlich betrügerischer Dieselfahrzeuge in die Werkstätten zu rufen, hätte Konzernchef Dieter Zetsche am Montag signalisieren können: Wir haben verstanden! Wir machen reinen Tisch und brechen mit einer Vergangenheit, in der Management und Teile der Entwickler vom Pfad des ehrlichen Kaufmanns und Ingenieurs abgekommen waren.

Der Daimler-Boss hätte Schluss machen können mit der Unehrlichkeit, mit der über viele Jahre treuen Kunden des Herstellers manipulierte Autos verkauft wurden. Fahrzeuge, deren Abgasreinigung so konstruiert war, dass sie billiger war und dem Konzern höhere Gewinne bescherte - und zwar auf Kosten der Gesundheit Hunderttausender, die zu hohe Stickoxid-Konzentrationen in den Städten einatmen müssen. Es wäre auch ein Moment des Aufbruchs für die gesamte Branche gewesen: weg von einer kriminellen Vergangenheit, stattdessen in eine nachhaltige Zukunft mit sauberen, bald sogar klimafreundlichen Fortbewegungsmitteln.

Doch dann kommt Zetsche aus dem Bundesverkehrsministerium, in dem er soeben einen Deal mit Minister Andreas Scheuer (CSU) ausgehandelt hat, und macht mit einem Satz alle Chancen auf einen Neuanfang zunichte. "Offene Rechtsfragen werden noch im Widerspruchsverfahren geklärt", sagt der Daimler-Chef.

Diesen Chef hat der Konzern nicht verdient

Zetsche versucht, sich Zeit zu verschaffen. Sein Motto dürfte sein: Die Regierung hält die Software für illegal, wir halten sie für legal. Es wird zwei, drei Jahre dauern, bis der Fall durch die Instanzen ist. Hätte Zetsche eine sofortige rechtliche Klärung gewollt, dann hätte er gegen den sofortigen Vollzug des amtlichen Rückrufs klagen müssen. Innerhalb weniger Wochen hätte er eine Entscheidung bekommen. Die wäre - und das wissen seine Juristen nur zu gut - höchstwahrscheinlich negativ für Daimler ausgefallen. Deshalb will Zetsche diese Klärung zum jetzigen Zeitpunkt auch gar nicht, sondern akzeptiert ein Softwareupdate.

Damit lässt der Manager tief blicken. Er gibt zu erkennen, dass er noch immer nicht den moralisch-rechtlichen Kompass für sich und seine Firma wiederentdeckt hat. Diesen Vorstandsvorsitzenden hat ein Unternehmen mit solch stolzer Tradition nicht verdient.

Der Daimler-Chef bringt auch die deutsche Bundesregierung in die Bredouille. Die steht international wegen der Betrügereien ihrer Vorzeigeindustrie mit dem Rücken zur Wand. US-Präsident Donald Trump hat Daimler im Handelsstreit im Visier und gedroht, er wolle keine Autos von Mercedes auf der Fifth Avenue in New York mehr sehen. Mit Blick auf den Abgasskandal könnte er noch argumentieren, dass die Wagen auch noch die Luft verpesten und die Gesundheit der Amerikaner gefährden.

Was Zetsche, andere Automanager und deren Lobby nicht begriffen haben: Ihre Betrügereien haben sie angreifbar gemacht für Verbraucherklagen und Regressansprüche. Die US-Justiz hat nun Recht und Moral auf ihrer Seite.

Verkehrsminister Andreas Scheuer und seine Beamten müssen nun notgedrungen weiter prüfen. Modell um Modell, bis sie alle Mercedes-Fahrzeuge identifiziert haben, die manipulierte Abgassysteme haben. In diesem langwierigen Prozess wird sich das Führungsproblem des Daimler-Konzerns hoffentlich lösen.

insgesamt 88 Beiträge
marty_gi 12.06.2018
1. Falsch
Der Skandal ist immer noch Dobrindt. Und das es keine strafrechtlichen Konsequenzen fuer die ueberbezahlten Anzugtraeger gibt.
Der Skandal ist immer noch Dobrindt. Und das es keine strafrechtlichen Konsequenzen fuer die ueberbezahlten Anzugtraeger gibt.
siegwart-kk 12.06.2018
2. Daimler Diesel Dussel Dieter
Untragbar für einen Konzern wie Mercedes. Aber auch für jeden anderen Konzern. Schickt Ihn nach Hause und verklagt den Zetsche. Aber bei den anderen Konzernen wie VW und VW Töchtern ebenfalls. Diese Leute beschädigen Made in [...]
Untragbar für einen Konzern wie Mercedes. Aber auch für jeden anderen Konzern. Schickt Ihn nach Hause und verklagt den Zetsche. Aber bei den anderen Konzernen wie VW und VW Töchtern ebenfalls. Diese Leute beschädigen Made in Germany nachhaltig.
Mathesar 12.06.2018
3. Aha...
...Recht und Gesetz sollen außer Kraft gesetzt werden, weil Spiegel Journalisten das so wollen? Was für ein Demokratieverständnis haben Sie eigentlich?
...Recht und Gesetz sollen außer Kraft gesetzt werden, weil Spiegel Journalisten das so wollen? Was für ein Demokratieverständnis haben Sie eigentlich?
Hyacinth 12.06.2018
4. Will diese Kerle (egal ob Merzedes oder VW etc)
denn nicht mal jemand anzeigen? Es kann doch nicht am einzelnen Autofahrer oder dem jeweiligen Verkehrsminister liegen, ob sich überhaupt was tut. Da vergisst du eine Standheizung im Fahrzeugschein eintragen zu lassen, kommst in [...]
denn nicht mal jemand anzeigen? Es kann doch nicht am einzelnen Autofahrer oder dem jeweiligen Verkehrsminister liegen, ob sich überhaupt was tut. Da vergisst du eine Standheizung im Fahrzeugschein eintragen zu lassen, kommst in eine Verkehrskontrolle - und bist dran. Und die Herren Autobauer betrügen alle und jeden nach Strich und Faden und nichts passiert? Und dafür verdienen sie noch Millionen? Dann geht das doch ewig so weiter und nichts ändert sich. Dass draußen im Land die Wut vor (auch politischem) Unvermögen steigt, verstehe ich langsam. Bloß geht damit auch ein Sinken der Hemmschwelle einher. Wo soll das denn hinführen? Es sollte ganz schnell wieder auf Recht und Gerechtigkeit geachtet werden!
Röntgen 12.06.2018
5. "Wir haben verstanden"
hätte Zetsche signalisieren können. Das stimmt wohl. Aber dann hätten auch alle Fahrzeuge mit Fake-Steuerung benannt werden müssen und dazu gehören praktisch alle modernen Diesel - und das wäre für Herrn Z. sehr teuer [...]
hätte Zetsche signalisieren können. Das stimmt wohl. Aber dann hätten auch alle Fahrzeuge mit Fake-Steuerung benannt werden müssen und dazu gehören praktisch alle modernen Diesel - und das wäre für Herrn Z. sehr teuer geworden. Es ist nämlich nicht einzusehen, warum diese Abschalttricks nur bei einzelnen Fahrzeugtypen verwendet worden sein sollen, wo doch das eigentliche Problem mit den Stickoxiden bei allen, besonders den spritsparenden Dieseln vorhanden ist. Und auch bei allen Herstellern von Dieselfahrzeugen. Es ist schlichtweg nicht vorstellbar, dass manche Hersteller das Problem technisch elegant gelöst haben wollen und die anderen müssen zu solchen vom KBA für illegal gehaltene Tricks greifen. Eher vorstellbar ist, dass das KBA sehr langsam arbeitet und nur deswegen die Dinge tröpfchenweise ans Licht kommen. Also: wir können uns da noch auf einige Enthüllungen gefasst machen.
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