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Wirtschaft

Neuer Konzernchef Daniel Zhang

Alibabas verborgener Schatz

Daniel Zhang hat einst als Buchhalter begonnen, künftig führt er Chinas wichtigsten Technologiekonzern Alibaba und beerbt Gründer Jack Ma. Obwohl er viele Innovationen einführte, ist der stille Topmanager eher unbekannt.

REUTERS

Daniel Zhang

Von , Paris
Samstag, 15.09.2018   14:15 Uhr

Wer kennt heute noch den Sony-Chef? Früher war das einmal Akio Morita, der Mann, der im Jahr 1950 Japans erstes Tonbandgerät auf den Markt brachte, später den Walkman erfand und über Jahrzehnte wie kein anderer Japans Aufstieg zur drittgrößten Wirtschaftsmacht der Welt verkörperte. Doch schon sein Nachfolger Norio Oga, der 1994 übernahm, blieb der Nachwelt ein weitgehend Unbekannter. Das gleiche Schicksal droht heute Daniel Zhang, dem angehenden Chef des chinesischen Onlinekonzerns Alibaba.

Wie einst der Elektronikkonzern Sony und sein Gründer Morita verkörpern Alibaba und sein Gründer und Nochvorsitzender Jack Ma sowohl den Aufstieg eines Landes als auch eine industrielle Revolution. Morita wurde im Westen als genialer Erfinder und Manager gefeiert, so wie heute Ma. Sein Ruhm war größer als der jedes anderen japanischen Politikers seiner Zeit.

Ähnliches ist es Ma ergangen, mit gleichwohl drastischeren Konsequenzen als im demokratischen Japan. "Jack stand zu sehr heraus in der Ära von Chinas Partei- und Staatschef Xi Jinping", berichtet der Pekinger Manager Jörg Wuttke, ehemaliger Chef der europäischen Handelskammer in China. "Beim G20-Gipfel in Hangzhou vor zwei Jahren schien er den Hof zu halten und nicht Xi."

Für Wuttke, der beide Manager persönlich kennt, war der Wechsel an der Spitze des Konzerns schon damals absehbar. "Jack musste seine öffentlichen Auftritte zurückfahren. Daniel zieht die Privatsphäre vor, er ähnelt im Stil anderen Managern, die das Understatement betonen. Ohne das geht es dieser Tage nicht."

Gut möglich also, dass die überraschende Ankündigung von Mas Rückzug aus der Chefetage im September 2019 nicht ganz freiwillig war. "Sie sind noch so jung, warum gehen Sie in den Ruhestand?" fragte Russlands Präsident Wladimir Putin, als er den 54-jährigen Ma bei einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok diese Woche traf. Doch Ma wich der Frage aus: Er wolle sich mit Erziehung und Philanthropie beschäftigen, antwortete der Alibaba-Gründer.

Zhang will nicht herausstechen

Fest steht, dass Nachfolger Zhang, 46, nun eine ganz andere Rolle spielen wird. Er ist ein anderer Typ: Ma war immer ein Selfmademan. Zhang begann als Buchhalter in anderen Firmen. Für Alibaba muss das kein Nachteil sein. "Daniel Zhang ist sowohl Architekt wie auch Projektmanager von einigen der größten Erfolge Alibabas in den vergangenen Jahren", sagt Duncan Clark, Vorsitzender der Pekinger Beratungsfirma BDA China und Autor eines Buches über Alibaba.

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Unternehmenschef: Die mächstigen Wirtschaftsfüher Chinas

Tatsächlich hat Zhang etwa die neuen Hema-Supermärkte in China eingeführt - Lebensmittelgeschäfte, in denen man Waren von Tisch und Regal und Online gleichzeitig einkaufen kann. Sämtliche Produktinformationen sind auf dem Handy abrufbar, mit dem auch bezahlt wird. Doch so populär die neuen Supermärkte in China auch sind, niemand bringt sie mit Zhang in Verbindung. "Daniel ist in Wirtschaftskreisen bekannt, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass er je so populär wie Jack sein wird oder danach trachten würde", sagt Clark.

Stattdessen legt Zhang Wert darauf, als Teil eines Kollektivs zu erscheinen. Etwa an einem der für ihn wichtigsten Tage im Jahr, dem sogenannten "Singles' Day" am 11. November, an dem Alibaba jedes Jahr ein Shopping-Festival veranstaltet. Alibaba setzt dann an einem Tag Waren und Dienstleistungen im Wert von bis zu 25 Milliarden Dollar um.

Die Idee für den Megaverkaufstag stammt von Zhang. Um Mitternacht, wenn es los geht, lässt er sich gerne mit Hunderten Angestellten im gleichen roten T-Shirt für die Medien ablichten - einer in der Masse von Alibaba-Leuten.

Management-Kunst im Stillen

"Das erste Jahrzehnt von Alibaba war noch deutlich von den Ideen und dem Charisma Mas geprägt", sagt Scott Kronick, Asien-Chef der globalen Werbeagentur Ogilvy's in Peking. Alibaba wurde 1999 gegründet. "Doch schon seit einigen Jahren führt Zhang ein sehr ausgeglichenes Management-Team an der Spitze des Konzerns."

Kronick, der Alibaba zu seinen regelmäßigen Kunden zählt, erkennt um Zhang herum ein "sehr kooperatives Umfeld", ohne das Alibabas erfolgreiche Ausdehnung über viele neue Geschäfte gar nicht denkbar gewesen wäre. "Sie sind jetzt überall in Asien mit neuen Onlinediensten und neuen Finanzprodukten. Das klappt nur, weil die Management-Entscheidungen in vielen guten Händen liegen."

Kronick kommt der Auffassung des deutschen Buchautors Wolfgang Hirn nahe, der in seinem neuen Buch "Chinas Bosse" die großen chinesischen Technologiekonzerne wie Alibaba als "demokratischer" als viele westliche Großkonzerne beschreibt.

Wenn es aber unter Zhang tatsächlich kooperativ und zu Teilen gar demokratisch zugeht, dann muss das im undemokratischen China natürlich gut versteckt bleiben.

Morita von Sony war einst darin einmalig, dass er die damals dem Westen vorauseilenden japanischen Management-Methoden auspackte, sie pries und transparent machte. Er wollte, dass der Westen davon lernte.

Zhang wird seine Management-Kunst im Stillen weiterentwickeln, ohne Aufsehen, so, wie es Parteichef Xi recht sein wird. Für die westliche Konkurrenz aber ist er viel gefährlicher als bisher der unübersehbare Ma.

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