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Wirtschaft

Trumps Handelspolitik

Amerikas Bauern proben den Aufstand

Die Verlierer von Donald Trumps Handelskrieg machen mobil: US-Farmer fürchten, dass sie auf ihrer Ernte sitzen bleiben - dabei hatten sie Trump einst gewählt.

Getty Images/Blend Images

Landwirt (Symbolbild)

Von , Washington
Donnerstag, 21.06.2018   14:02 Uhr

Mary Buchzeiger war zum letzten Mal in Washington, als sie 13 war. Auf einem Schulausflug besuchte die damalige Achtklässlerin das politische Zentrum der USA. Dreißig Jahre später ist sie jetzt wieder in die Hauptstadt gereist. Diesmal als erfolgreiche Unternehmerin, Trump-Wählerin - und Widerstandskämpferin gegen die Handelspolitik des Präsidenten.

Die Stahlzölle bedrohten ihre Firma, und genauso gehe es vielen anderen in den USA, warnte die 43-Jährige bei einem emotionalen Auftritt im Handelsministerium. "Ich kämpfe um das Überleben meines Unternehmens und für die Existenzgrundlage meiner Arbeiter. Und ich kämpfe darum, eine komplexe Auto-Lieferkette zu schützen, die Hunderttausende Jobs in den USA schafft."

Buchzeigers Lucerne International liefert die Türscharniere für den Jeep Wrangler, "polierte Juwelen", wie sie sagt. Die Firma sitzt im Bundesstaat Michigan, fertigt aber fast alle Teile in China. Der 25-prozentige Strafzoll auf Stahl treffe 90 Prozent ihres Geschäfts, sagt sie. Eine derartige Kostenexplosion könne ihr Betrieb nicht verkraften.

Viele Unternehmen in Amerika stellen derzeit fest, dass sie auf der Verliererseite von Trumps Handelskrieg gegen den Rest der Welt stehen. In der ersten Runde hat es diejenigen getroffen, die Stahl oder Aluminium aus dem Ausland beziehen: Bierbrauer, die in Dosen abfüllen, genauso wie die Autozulieferer im Mittleren Westen, die unter hohem Wettbewerbsdruck stehen. Firmen wie der Stahlrohrhersteller Borusan Mannesmann Pipe haben ihre Investitionspläne vorläufig gestoppt, weil sie noch auf eine Ausnahmegenehmigung des Handelsministeriums hoffen. Der schwedische Haushaltsgerätehersteller Electrolux hat eine Erweiterung seines Werks in Tennessee vorerst abgesagt.

Andere richten sich auf das Schlimmste ein. Es gebe weltweit nur vier Lieferanten für den speziellen Rohstahl, den man benötige, sagte Dave Campbell, Betriebsleiter des Sägenherstellers Simonds International in Big Rapids, Michigan, dem Sender NPR. "Zwei davon in Europa und zwei in China." Der Präzisionsteilehersteller Pioneer Service in Addison, Illinois, bekam zu spüren, was denen passiert, die die Mehrkosten auf ihre Käufer abwälzen wollen: Ein langjähriger Kunde habe sofort zwei Aufträge im Umfang von 60.000 Dollar storniert, berichtete Eigner Aneesa Muthana dem "Wall Street Journal".

Gegenmaßnahmen treffen vor allem die Bauern

Getty Images/iStockphoto

Noch lauter aber ist der Aufschrei ausgerechnet in dem Berufsstand, den Trump fest hinter sich glaubt: Amerikas Bauern. Sie treffen die von China, Kanada und Mexiko verhängten Gegenmaßnahmen unmittelbar. 2017 war China mit fast 20 Milliarden Dollar der zweitgrößte Markt für landwirtschaftliche Produkte aus den USA. Die 2000 Anbauer von Pekannüssen in den USA beispielsweise exportieren rund ein Drittel ihrer Ernte nach China.

Mancher hat in den vergangenen Wochen bereits einen Vorgeschmack auf die Folgen des Zollkriegs bekommen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete Anfang Mai, dass die Chinesen die Einfuhrkontrolle massiv verschärft hätten. Im Hafen des südchinesischen Shenzhen sei alles Frischobst aus den USA für bis zu eine Woche in Quarantäne verbannt worden. Vorsicht oder Schikane?

Schon seit April verlangt China bei 128 US-Produkten einen Zuschlag von 15 oder 25 Prozent. Äpfel, Orangen und Kirschen aus den USA hat das für die Chinesen ebenso verteuert wie Wein, Sekt und Schweineohren. Im Bundesstaat Washington, wo gerade die Kirschernte begonnen hat, fürchten deshalb viele, dass sie diese Saison auf ihrer verderblichen Ware sitzen bleiben. Und der Lobbyverband Wine Institute of California unkt, dass sich die mühsam errungenen Erfolge der amerikanischen Winzer in China nun in "verlorene Marktanteile auf Jahre hinaus" umkehren könnten.

Nicht ohne Grund: Der Verkauf von Schweinefleisch ist bereits gesunken. Die Einbußen der Schweinezüchter im ländlichen Iowa, die rund ein Viertel ihrer Erzeugnisse exportieren, hätten sich innerhalb von nur zwei Monaten schon auf 560 Millionen Dollar summiert, schätzt Dermot Hayes, Professor an der Iowa State University. Gary Asay, Branchenvertreter und Landwirt aus Osco, Illionis, weist auf die Zweitrundeneffekte hin: Wer seine Schweine nicht mehr verkaufe, der brauche auch weniger Mais und Sojabohnen zur Fütterung.

Das Schlimmste steht erst noch bevor

AP/Deng fei - Imaginechina

Hafen von Shenzhen, China

Das Schlimmste aber steht den Farmern erst noch bevor. Trump hat sich mit fast allen Wirtschaftspartnern der USA angelegt, und die Gegenmaßnahmen greifen erst allmählich.

An den Aktienmärkten lösten die Ankündigungen Kursrückgänge aus. Für Amerikas Landwirte sei der Handelskrieg "nicht mehr theoretisch, sondern ausgesprochen furchterregend", klagt Brian Kuehl von Farmers for Free Trade. Die Lobbyorganisation, die sich 2017 aus Angst vor Trumps Handelspolitik gegründet hatte, wehrt sich nun mit Fernsehspots gegen seinen Kurs.

Denn tatsächlich passiert nun, wovor sich die amerikanische Landwirtschaft am meisten gefürchtet hatte: chinesische Zölle auf Sojabohnen. Es geht um ein Viertel der US-Ernte, die in die Volksrepublik verkauft wird. Noch liefert Amerika billiger als der Konkurrent Brasilien, mit dem 25-prozentigen Importzoll ab Juli aber wird sich das umkehren.

Schon im April ließen die Bestellungen aus China plötzlich nach. Beobachter sind uneins, ob das eine normale saisonale Schwankung oder ein gezielter Warnschuss gen Washington war. Auch amerikanische Verkäufer scheuten sich derzeit, ihre Ware zu verladen, berichten Experten - aus Angst, dass der Zoll erhoben wird, wenn der Container Wochen später anlandet.

Mary Buchzeiger, die wütende Unternehmerin aus dem Mittleren Westen, ist dagegen noch mal davongekommen. Bald nach ihrem Auftritt hat ihr die Trump-Administration eine Ausnahmegenehmigung für ihre Importe aus China erteilt. Vielleicht hat die Botschaft gewirkt, die Buchzeiger in Washington hinterlassen hat: "Ausgerechnet die Leute, die Präsident Trump gewählt haben, werden am Ende den Preis für die Zölle zahlen."

insgesamt 281 Beiträge
kjartan75 21.06.2018
1. Denkfehler Trumps
" Es gebe weltweit nur vier Lieferanten für den speziellen Rohstahl, den man benötige, sagte Dave Campbell, Betriebsleiter des Sägenherstellers Simonds International in Big Rapids, Michigan, dem Sender NPR. " [...]
" Es gebe weltweit nur vier Lieferanten für den speziellen Rohstahl, den man benötige, sagte Dave Campbell, Betriebsleiter des Sägenherstellers Simonds International in Big Rapids, Michigan, dem Sender NPR. " Tatsächlich ist das nämlich genau der Denkfehler von Trump, der glaubt Stahl sei gleich Stahl. Das ist mitnichten der Fall und im Allgemeinen gilt Stahl aus den USA eher als minderwertiger.
mlange8801 21.06.2018
2.
"Ausgerechnet die Leute, die Präsident Trump gewählt haben, werden am Ende den Preis für die Zölle zahlen." Na hoffentlich, mir tun nur die ganzen anderen Menschen leid, die von dem Trump Schwachsinn noch betroffen [...]
"Ausgerechnet die Leute, die Präsident Trump gewählt haben, werden am Ende den Preis für die Zölle zahlen." Na hoffentlich, mir tun nur die ganzen anderen Menschen leid, die von dem Trump Schwachsinn noch betroffen sind und nichts dafür können.
rhywden 21.06.2018
3. Passend für Bauern:
Wer Wind sät, wird den Sturm ernten.
Wer Wind sät, wird den Sturm ernten.
Newspeak 21.06.2018
4. ...
"Ausgerechnet die Leute, die Präsident Trump gewählt haben, werden am Ende den Preis für die Zölle zahlen." Ja. Aber es soll bitte niemand so tun, als haette man das nicht wissen koennen. Trump ist bei weitem [...]
"Ausgerechnet die Leute, die Präsident Trump gewählt haben, werden am Ende den Preis für die Zölle zahlen." Ja. Aber es soll bitte niemand so tun, als haette man das nicht wissen koennen. Trump ist bei weitem nicht so irrational, wie behauptet wird. Er hat diese Dinge in seinem Wahlkampf angekuendigt, und nun setzt er sie um, und zwar genauso wie angekuendigt. Wer ihn damals gewaehlt hat, und nun Nachteile erleidet, haette eben vorher nachdenken und die Konsequenzen bedenken sollen. Nur weil man z.B. Stahl aus dem Ausland teuer macht, foerdert man doch nicht die eigene Stahlindustrie, weil es die es gar nicht mehr gibt. Und ob man sie dadurch wieder aufgebaut bekommt, in dem man die Abnehmer des Stahls schaedigt? Sorry, Ihr Amerikaner seid selbst schuld, es gab genug Leute, die euch gute Ratschlaege geben wollten, es gab genug Leute, die vor Trump gewarnt haben, jetzt loeffelt ruhig die Suppe aus, die ihr angerichtet habt. Ihr koennt ja Trump auch wieder abwaehlen.
Neophyte 21.06.2018
5. Ein Kind spielt Präsident
Das passiert wenn man einen Populisten auf die Realität loslässt. Tatsächlich ist die eng verflochtene globale Wirtschaft viel zu komplex als das Analysten noch alle Zusammenhänge erfassen könnten. Schlimmer ist es wenn [...]
Das passiert wenn man einen Populisten auf die Realität loslässt. Tatsächlich ist die eng verflochtene globale Wirtschaft viel zu komplex als das Analysten noch alle Zusammenhänge erfassen könnten. Schlimmer ist es wenn Populisten in die Weltwirtschaft eingreifen um bestimmte Wählergruppen zu erfreuen, dass kann nur schief gehen. Man kann zur Globalisierung stehen wie man mag, tatsächlich gibt es kein Zurück mehr, sie wird sich letztendlich durchsetzen und ist schon viel zu weit fortgeschritten..

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