Schrift:
Ansicht Home:
Wirtschaft

Abgang von August Oetker

Pizza, Pudding, Beef

Es ist eine Zäsur für Dr. Oetker: Nach fast 40 Jahren im Konzern muss sich August Oetker offiziell zurückziehen. Der Clan ist zerstritten - am Ende könnte eine Aufspaltung der Traditionsfirma stehen.

DPA
Von
Samstag, 16.03.2019   14:41 Uhr

"Dieses Jahr kriegen wir alles gebacken!", verkündete Dr. Oetker zum Jahresauftakt auf seiner Facebook-Seite. Für Pizza und Kuchenmischungen mag das stimmen, doch ob die Losung auch für die Eigentümerfamilie gilt, ist offen. Sie bräuchte dringend ein Rezept für einen friedlichen Generationswechsel.

Seit fast 40 Jahren bestimmt vor allem August Oetker, einer der acht Urenkel des Gründers, die Geschicke des Konzerns. Doch an diesem Sonntag wird er 75 Jahre alt und muss gemäß den familieninternen Altersregeln Ende März seinen Posten als Beiratsvorsitzender der Oetker-Gruppe abgeben.

August Oetker reizt seinen Abgang bis ganz zum Schluss aus. Ein Zeichen dafür, wie heikel der Wechsel ist. Denn von einem friedlichen Übergang kann keine Rede sein. Er wird begleitet von einem juristischen Streit.

SPIEGEL ONLINE

Die Ausgangslage ist kompliziert. Als junger Mann übernahm Rudolf-August Oetker, der Enkel des Gründers, zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Firma. Er machte die Marke Dr. Oetker in der Zeit des Wirtschaftswunders zum festen Bestandteil der deutschen Konsumwelt. Rudolf-August Oetker war ein klassischer Patriarch, der das Unternehmen straff führte. Als er 2007 starb, hinterließ er aus insgesamt drei Ehen acht Kinder als Gesellschafter der Firma - und den Wunsch nach "Harmonie und Eintracht".

Dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung.

Grob lässt sich der Konflikt so skizzieren: August Oetker, der nun scheidende Clan-Führer, stammt aus der zweiten Ehe. Die insgesamt vier Kinder aus dieser Beziehung verstehen sich gut mit ihrer älteren Halbschwester aus der ersten Ehe. Ihnen gegenüber stehen die drei jüngsten Kinder aus der dritten Ehe (siehe Grafik).

SPIEGEL ONLINE

Beobachter des Familienstreits sagen: Eigentlich sei es ein Kampf August gegen Alfred, der jeweils ältesten Söhne aus Ehe zwei und drei. Die Halbbrüder sehen sich und ihrem Vater verblüffend ähnlich. Der verstorbene Patriarch Rudolf-August Oetker soll den Wunsch hinterlassen haben, August (Jahrgang 1944) möge seinen jüngeren Halbbruder Alfred (Jahrgang 1967) als künftigen Oetker-Chef einarbeiten. Doch diese Einarbeitung dauert nun bereits gut ein Jahrzehnt, und immer wenn der Chefposten zu vergeben war, ging Alfred leer aus.

Als August Oetker 2010 nach 28 Jahren die operative Unternehmensführung abgab, hievte er seinen jüngeren Bruder Richard auf den Chefposten. Die Wut aufeinander war im Clan so groß, dass Hochzeiten ohne die Halbgeschwister gefeiert wurden.

Als Richard Oetker 2017 aus Altersgründen aufhören musste, wurde wieder nicht Alfred Oetker Chef. Stattdessen führt seitdem erstmals eine externe Manager-Riege das Unternehmen. "Es muss in erster Linie die richtige Person sein. Wenn wir diese Person in dem Moment, in dem sie gebraucht wird, nicht in der Familie haben, dann klappt es halt nicht", begründete August Oetker damals die Entscheidung. Eine öffentliche Ohrfeige für seinen jüngeren Halbbruder.

Seit 2010 leitet August Oetker den Beirat der Oetker-Gruppe, das wichtigste Beratungs- und Kontrollgremium. Erst mit Hilfe eines Schiedsgerichtes schaffte es der Clan, sich darauf zu einigen, dass auch Alfred Oetker in dieses Gremium einziehen konnte. Diesem gehören drei Familienmitglieder (aus jedem Familienstamm ein Vertreter) und vier externe Mitglieder an (siehe Grafik). 2015 wurde Alfred Oetker dann stellvertretender Vorsitzender des Beirats. Von einer Art Burgfrieden war damals die Rede. Beide Seiten hofften wohl, dass die jeweils andere ihre Ambitionen zurückschrauben wird.

SPIEGEL ONLINE

Doch der Kampf um die Macht geht weiter. Auch jetzt, wo August Oetker als Beiratsvorsitzender abtreten muss, will er diesen Posten nicht seinem jüngeren Halbbruder Alfred überlassen. Stattdessen soll ihr gemeinsamer Neffe, Rudolf Louis Schweizer, wohl zum Beiratschef gewählt werden. Er sitzt bereits als Sohn der Tochter aus Rudolf-August Oetkers erster Ehe in dem Gremium. Ob die in den kommenden Tagen anstehende Wahl wirklich zugunsten Schweizers ausgehen wird, mag aber niemand mit Sicherheit einzuschätzen.

Als Alternative ist noch Beiratsmitglied Andreas Jacobs im Gespräch. Er entstammt der gleichnamigen Kaffeeröster-Dynastie und scheint eine Art Allzweckwaffe in zerstrittenen Familienunternehmen zu sein. So wollte bereits der Hamburger Kaffeebaron Albert Darboven Jacobs adoptieren und in seinem Unternehmen installieren, um seinen leiblichen Sohn zu umgehen.

So weit ist es bei den Oetkers dann doch noch nicht. Als relativ sicher gilt, dass August Oetker seine Gesellschafteranteile an seinen Sohn Philip abtreten und dieser für ihn in den Beirat nachrücken wird.

Doch um die Besetzung des Beirats tobt noch an anderer Stelle Streit. August Oetker hat als einzige Frau Anna Maria Braun, die 39 Jahre alte künftige Chefin des Medizintechnikherstellers B. Braun Melsungen, in das Gremium gelotst. Das Ergebnis der Abstimmung darüber fechten die drei jüngeren Oetker-Geschwister an - per Feststellungsklage beim Landgericht Bielefeld. Immerhin konnte man sich darauf einigen, die Klage derzeit ruhen zu lassen.

Streit über die NS-Vergangenheit

Woher die Konflikte rühren, können wohl nicht einmal die Betroffenen selbst so recht erklären. In einer Dokumentation für das ZDF berichtete August Oetker, dass er nach der Scheidung seiner Eltern sogar mit den jüngeren Halbgeschwistern in einer Art Patchworkfamilie lebte. Er erzählte zugleich von Konflikten mit seinem Vater und dass er als junger Mann auch deshalb nach New York gegangen sei. Die jüngeren Halbgeschwister erlebten demnach einen milderen Patriarchen.

Die Oetker-Kinder aus zweiter Ehe betonen gerne ihre ostwestfälischen Wurzeln und geben sich bodenständig. Ihre Stiefmutter - Rudolf-August Oetkers dritte und 18 Jahre jüngere Frau Maja - legt einen eher aristokratischen Stil an den Tag. Folgerichtig haben zwei der jüngsten Oetker-Kinder adelige Partner geheiratet.

Auch die von August Oetker angestoßene wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Unternehmens sorgte für Ärger. Laut der Studie hat die Unternehmerfamilie Oetker kräftig vom Nationalsozialismus profitiert. Die Oetker-Gruppe, damals vor allem von Rudolf-Augusts Stiefvater Richard Kaselowsky geführt, habe zu den Stützen des NS-Staats gehört. "Mein Vater war ein Nationalsozialist", fasste August Oetker 2013 die Ergebnisse recht schonungslos zusammen.

Seine Stiefmutter Maja widersprach öffentlich: "Es stimmt einfach nicht, dass mein Mann ein überzeugter Nazi war. Das lasse ich mir von niemandem einreden." Sie und ihr Mann hätten "an guten Traditionen, die sich über einen sehr langen Zeitraum bewährt haben, und an christlichen Werten" festgehalten. "Braunes Gedankengut - nein. Konservatives Gedankengut haben wir immer richtig gefunden", sagte Maja Oetker 2013.

Fotostrecke

Die Oetkers: Pudding, Pizza und Querelen

Es scheint also in der Familie viele Konfliktlinien zu geben, sei es die Deutungshoheit über das Leben des Patriarchen oder Bodenständigkeit versus Jetset. Interessant ist: Frauen oder Töchter spielen offiziell immer nur Nebenrollen als Stützen ihrer Männer oder Brüder. Rosely Schweizer, die älteste Tochter von Rudolf-August Oetker, wurde 2007 nach dem Tod des Vaters immerhin Beiratsvorsitzende. So lange, bis ihr Halbbruder August übernahm.

Fest steht: Mit dem Abgang des 75-jährigen August Oetker folgt ein Generationswechsel. Der als Beiratschef vorgesehene Schweizer ist Jahrgang 1967 - und damit genauso alt wie sein Onkel Alfred.

Wird den jüngeren Oetkers ein friedlicherer Umgang gelingen? "Ich habe zu meinen Neffen und Nichten, die fast alle zwischen 35 und 50 Jahre alt sind, ein sehr gutes Verhältnis", sagte der jüngste Oetker-Sohn Carl Ferdinand 2017. "Wir werden irgendwann eine gute Lösung finden, da bin ich zuversichtlich." Es gehe nicht "um Egos oder Selbstverwirklichung, sondern um das Unternehmen".

Von diesem Leitsatz war in den vergangenen Jahren oft wenig zu spüren. So torpedierten die jüngeren Oetkers die Bestrebungen von August Oetker, die familieneigene Reederei Hamburg Süd mit Hapag-Llloyd zu fusionieren. Letztlich mussten die Oetkers Hamburg Süd 2017 an den Weltmarktführer Maersk verkaufen. Der Umsatz von Oetker halbierte sich damals auf einen Schlag.

Seitdem kauft Oetker mal in den USA einen Backdeko-Hersteller oder einen ägyptischen Dessert-Hersteller. Doch was dem Unternehmen nach Ansicht von Kritikern fehlt, ist eine Strategie, um gegen globale Riesen wie Nestlé bestehen zu können. Die Milliardärsfamilie Reimann zum Beispiel - reich geworden durch den Wasch- und Reinigungsmittelkonzern Reckitt Benckiser - hat sich inzwischen auf den Kaffeemarkt gestürzt.

Bei Oetker bemüht man sich, der Tradition von Patriarch Rudolf-August Oetker treu zu bleiben: Möglichst viele Geschäfte sammeln, dann läuft es schon. Immerhin: Mit der Übernahme von Freixenet ist Oetker nun Weltmarktführer bei Schaumwein. Kritiker monieren, die Konzentration von Oetker auf Ungesundes wie Pizza, Backwaren und Alkohol könne dem Konzern irgendwann zum Verhängnis werden. In Bielefeld gibt man sich gelassen: 2018 sei das Konzernergebnis recht gut gewesen, man sei stärker als der Markt gewachsen, heißt es. Mit der Tochter Oetker Digital will der Konzern seine Online-Geschäfte voranbringen.

Das größte Problem für Oetker dürfte aber der Clinch innerhalb der Familie sein. Pessimistische Beobachter prophezeien, es werde auf eine Teilung des Unternehmens oder eine Auszahlung der jüngeren Geschwister hinauslaufen. Ende 2016 ließ August Oetker die geschwisterlichen Rivalen wissen, das Unternehmen könne nicht mehreren Strategien folgen. Wer unzufrieden sei, könne sich auch verabschieden. "Dann bekommt der Betreffende die finanziellen Mittel zur Verfügung, um seine eigenen Vorstellungen umzusetzen."

Diesen Gefallen haben ihm die jüngeren Oetkers bis heute nicht getan.

insgesamt 15 Beiträge
hileute 16.03.2019
1. Es wird keine Aufspaltung geben
das wäre doch total idiotisch. zerstriitten oder nicht, sie werden kaum ihre hervorragende Marktposition riskieren
das wäre doch total idiotisch. zerstriitten oder nicht, sie werden kaum ihre hervorragende Marktposition riskieren
totalausfall 16.03.2019
2. Schade
Die 3. Ehefrau inklusive deren Nachfahren waren ein echter Griff ins Klo für den legendären Oetker, auch wenn er es selber zu lebzeiten natürlich wohl anders bewertete! Aber die haben sich ja auch erst nach seinem Ableben als [...]
Die 3. Ehefrau inklusive deren Nachfahren waren ein echter Griff ins Klo für den legendären Oetker, auch wenn er es selber zu lebzeiten natürlich wohl anders bewertete! Aber die haben sich ja auch erst nach seinem Ableben als das enttarnt was sie sind. Mit dem Adel soll man sich halt nicht einlassen! Die Nachfahren aus 3. Generation sind mental bei den erbreichen Weitpinklern in Monaco, Monte Carlo und der Regenbogenpresse ganz gut autgehoben, und passen nun mal gar nicht zum Oetker Geist!
Tiberiumdue 16.03.2019
3. Die haben Sorgen....
.......jeder von denen hat soviel Geld das er es in 10 Leben nicht verleben könnte. Sollen das Leben geniessen statt nach immer mehr Macht zu streben. Jeder normale Arbeiter ist froh über jeden Tag am dem er nicht mehr zur [...]
.......jeder von denen hat soviel Geld das er es in 10 Leben nicht verleben könnte. Sollen das Leben geniessen statt nach immer mehr Macht zu streben. Jeder normale Arbeiter ist froh über jeden Tag am dem er nicht mehr zur Maloche muss - und trotzdem sorgenfrei leben könnte.
iasi 16.03.2019
4. Eben noch immer wie im Mittelalter
So modern sich auch alle immer gerne geben, die Strukturen haben noch immer viel Mittelalterliches. Noch immer wird Macht vererbt. Noch immer gibt es den Adel und das Volk. Geld regiert die Welt - dies war schon immer so. [...]
So modern sich auch alle immer gerne geben, die Strukturen haben noch immer viel Mittelalterliches. Noch immer wird Macht vererbt. Noch immer gibt es den Adel und das Volk. Geld regiert die Welt - dies war schon immer so. Scheinbar wird es auch immer so bleiben.
fantin-latour 16.03.2019
5. Statt an Leitung an Qualitätssicherung arbeiten
Leider hat in den letzten Jahren die Qualität gelitten. Dass es in Dr.-Oetker-Backbüchern Rezepte gab, die so nicht funktionierten, wäre früher undenkbar gewesen. Vergleicht man sie dann mit älteren Auflagen, sieht man, dass [...]
Leider hat in den letzten Jahren die Qualität gelitten. Dass es in Dr.-Oetker-Backbüchern Rezepte gab, die so nicht funktionierten, wäre früher undenkbar gewesen. Vergleicht man sie dann mit älteren Auflagen, sieht man, dass einfach z.B. die Buttermenge halbiert wurde, ohne die übrigen Zutaten anzugleichen. Rezepte aus dem Computer statt aus der Backstube. Von den alle halbe Jahr geänderten Pizza-Rezepturen ganz zu schweigen

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP