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Wirtschaft

Revolution auf dem Energiemarkt

Das Geheimnis der alten Mühle

In Niemandsland zwischen Hamburg und Bremen steht eine alte Mühle. Seit Anfang Juni ist sie Teil eines Masterplans für eine komplett neue Stromversorgung.

Foto: SPIEGEL ONLINE
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Freitag, 22.06.2018   07:57 Uhr

Am Südufer des Flüsschens Wümme, zwischen sattgrünen Rinderweiden, am Rande der Ortschaft Scheeßel, einem verschlafenen Nest in Niedersachsen, das man vor allem wegen eines alljährlichen Rockfestivals kennt, öffnet Jan Müller-Scheeßel gerade die Schleusen seiner alten Mühle.

Der schlanke 50-Jährige mit den grauen Locken und der runden Brille balanciert vorsichtig über eine Brücke, dann wuchtet er mit einem langen Stock ein hölzernes Gatter empor. Gischtgekröntes Wasser bricht aus einem Staudamm hervor, das Glucksen des Flusses schwillt zu einem Dröhnen an. Das alte Mühlrad dreht sich im Wasser.

Doch in der alten Anlage wird kein Mehl gemahlen. Die Mühle hat seit Neuestem einen anderen Zweck. Sie soll die deutsche Energiewende auf die nächste Stufe heben.

Im Keller von Müller-Scheeßels Mühle befinden sich zwei betagte Generatoren. Immer wenn der Fluss das Mühlenrad dreht, drehen sie sich über zwei Riemen mit. Im Jahr erzeugt die Mühle so rund 100.000 Kilowattstunden Strom, genug für 25 Vierpersonenhaushalte. Seit Anfang Juni verkauft Müller-Scheeßel diesen Strom über ein Internetportal, das sich selbst als "AirBnB für Strom" bezeichnet.

Die Firma hinter diesem Portal heißt Enyway, sie ist ein Spin-Off des Hamburger Ökostromriesen Lichtblick, und sie hat ein recht freches Geschäftsmodell entwickelt: Statt weiter Strom bei Großkonzernen wie RWE oder Uniper zu kaufen, sollen Verbraucher sich ihren Versorger künftig selbst aussuchen.

Sie sollen ihren Strom lieber von Müller-Scheeßels Mühle beziehen, vom Solardach einer Schule in der Nähe von Bonn oder von drei Windrädern in den Obstplantagen südlich von Hamburg, deren Besitzer einen Teil ihrer Einnahmen an ein regionales Kinderprojekt spenden.

Auf dem Portal von Enyway werden solch kleine Stromverkäufer zeitgemäß in Szene gesetzt - mit Drohnenvideos, knalligen Grafiken und instagramtauglichen Beauty-Shots. Das unsichtbare Allerweltsprodukt Strom wird emotional aufgeladen, ähnlich wie das Bio-Ei vom Bauern nebenan.

SPIEGEL ONLINE/enyway

Müller-Scheeßels Profil bei Enyway

Das Angebot von Enyway kommt zur rechten Zeit. Denn die Besitzer von Millionen kleinen Ökostromanlagen in Deutschland stehen gerade vor einem entscheidenden Wendepunkt.

Bislang konnten sie ihren Strom einfach ins Netz speisen und bekamen von den Betreibern der Stromnetze dafür einen Festpreis gezahlt. Der Staat hatte diese sogenannte feste Einspeisevergütung einst eingeführt, um die Energiewende in Gang zu bringen. Nun aber, da Deutschland schon mitten im Ökoboom steckt, läuft die Einspeisevergütung allmählich aus.

Nach Angaben des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE) werden allein bis 2025 Wind-, Solar- und Biogasanlagen mit einer Leistung von knapp 18 Gigawatt für ihren Strom keine feste Vergütung mehr bekommen. Hunderttausende kleine Ökostromproduzenten müssen ihre Elektrizität dann anders verkaufen. Müller-Scheeßel ist einer davon.

Die Wurzeln der Energierevolution

SPIEGEL ONLINE

Müller-Scheeßel in seiner Mühle

In der Mühle an der Wümme ist es dunkel und kühl, es riecht nach Mehl, altem Holz und oft auch nach Baustelle. Denn vieles hier hat Jan Müller-Scheeßel selbst gebaut, repariert oder restauriert.

Es gibt zum Beispiel eine hölzerne Maschine, die ordnungsgemäß das Korn siebt, die Körner dann aber an den Auffangsäcken vorbei auf den Boden rieseln lässt. Ein Problem, dem sich Müller-Scheeßel an diesem Nachmittag widmen will. Sein Traum ist es, die Mühle voll funktionsfähig zu machen, eigenes Mehl an lokale Bäcker zu verkaufen. Tatsächlich kämpft er vor allem gegen den Verfall.

Als Müller-Scheeßel seinen Strom zum Fixpreis ins Stromnetz speiste, verdiente er rund 7600 Euro pro Jahr. Durch den Verkauf über Enyway erhofft er sich bis zu 2000 Euro mehr. Das zusätzliche Geld will er in die Mühle stecken. Und das aus gutem Grund.

SPIEGEL ONLINE

Stammbaum von Jan Müller-Scheeßel

In einem Haus auf Müller-Scheeßels Hof gibt es eine Lehmwand, auf die ein Künstler den Stammbaum seiner Familie gezeichnet hat. Seine Vorfahren arbeiteten demnach schon 1517 in der Gegend als Müller. Ihre Mühlen waren lange die größten Kraftwerke weit und breit, und so siedelten sich um sie herum noch weitere Betriebe an: eine Ziegelei, eine Brennerei, mehrere Bauerhöfe - die Keimzellen des heutigen Scheeßel.

Das erklärt, warum Jan Müller-Scheeßel sowohl seinen Beruf als auch seinen Wohnort im Nachnamen trägt. Und es erklärt, warum er sich seit Monaten mit intelligenten Stromzählern, komplizierten Lieferantenverträgen und den Kinderkrankheiten von Enyway herumärgert. Warum er im staubigen Keller seiner Mühle für die Energierevolution kämpft.

"Im Grunde meines Herzens", sagt Müller-Scheeßel, "bin ich ein konservativer Mensch." Doch auch das Konservative habe eine sehr innovative Seite, wenn es um den Erhalt von etwas Wertvollem gehe.

Privat

Ehepaar Klinghardt: Strom aus Müller-Scheeßels Mühle

Moritz Klinghardt, 32, findet so viel Engagement unterstützenswert. Und so bezieht der studierte Biologe seinen Strom inzwischen von Müller-Scheeßel. "Ich finde es charmant, wie dieser Mann sich mit Herzblut um seine Mühle kümmert", sagt Klinghardt. Er freue sich, dass sein Geld zu Müller-Scheeßel fließe und nicht länger an einen dieser großen Energiekonzerne, "die sich zuletzt ja nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben". Dafür nimmt er auch in Kauf, dass er für seinen Strom nun monatlich rund dreieinhalb Euro mehr zahlt.

Würden mehr Menschen wie Klinghardt ticken, gäbe es im Energiesektor bald wohl eine Revolution. Gewaltige Geldströme würden umgelenkt, weg von ein paar Großfirmen, hin zu Millionen von Menschen mit je ein paar Solarzellen auf dem Dach oder mit ein paar Windrädern auf dem Acker. Die Konzerne würden die Kontrolle verlieren, die Bürger die Macht übernehmen.

Im Moment jedoch ist diese schöne neue Stromwelt noch eine kühne Vision.

Der Klassenkämpfer

Stephan Ziehl/Lichtblick

Heiko von Tschischwitz

In Hamburg, rund 55 Kilometer Luftlinie von Müller-Scheeßels Mühle entfernt, sitzt Enyway-Chef Heiko von Tschischwitz, 50, in einem bunten, luftigen Büro und sinniert über die Gleichgewichtsprobleme seines Start-ups.

Das Angebot sei nicht das Problem, sagt Tschischwitz. Mögliche Stromverkäufer würden seiner Firma regelrecht die Bude einrennen. Nur habe man die meisten Verkäufer bislang nicht freigeschaltet. Bislang gibt es dafür nicht genug Käufer.

Enyway habe bislang noch nicht einmal 10.000 Kunden, sagt Tschischwitz. Das Vertrauen der Verbraucher sei schwer zu gewinnen. Viele haben offenbar diffuse Ängste, weil sie gar nicht genau wissen, wie Energieversorgung funktioniert.

"Neulich hat uns ein Kunde gefragt, was passiert, wenn der Bauer mit dem Windrad, von dem er seinen Strom bezieht, mal krank wird", sagt Tschischwitz. "Er wollte wissen, ob dann bei ihm zu Hause das Licht ausgehe." Es habe gedauert, dem Mann zu erklären, dass man selbst dann noch Strom bekommt, wenn der eigene Lieferant pleitegeht - weil im Zweifel immer ein sogenannter Grundversorger einspringt.

enyway

Büroräume von Enyway

Trotz aller Startschwierigkeiten gibt sich Tschischwitz optimistisch. Man stelle inzwischen vermehrt Vertriebler anderer Onlineportale ein, sagt er. Leute, die bereits in ähnlichen digitalen Märkten das Vertrauen von Kunden gewonnen hätten.

Bis zur großen Stromrevolution ist es trotzdem noch ein weiter Weg. Neben der Angst vor dem Blackout dürften vor allem die vergleichsweise hohen Kosten viele Verbraucher abschrecken. Jan Müller-Scheeßel sagt, er habe bislang erst 25 Kunden gewinnen können, halb so viele, wie er gern hätte. Die allermeisten von ihnen seien Hipster aus der Großstadt. Menschen, die sich Enyways Premiumpreise locker leisten können.

Zudem ist selbst aufgeschlossenen Kunden nur schwer zu vermitteln, warum sie draufzahlen sollen. Ein Bio-Rindersteak vom lokalen Bauern schmeckt unverkennbar besser als die Billigvariante vom Discounter. Die Lampe zu Hause dagegen leuchtet immer gleich hell - egal, ob sie mit Müller-Scheeßels Mühlenstrom oder RWEs Kohlestrom betrieben wird. Oder mit dem - ebenfalls billigeren - Ökostrom eines Großversorgers.

"Man muss schon ganz schön abstrakt denken können, um die Vorteile von Enyway zu verstehen", sagt selbst Müller-Scheeßel. Bei aller Sympathie für das Geschäftsmodell und die gesellschaftliche Mission des Start-ups.

SPIEGEL ONLINE

Müller-Scheeßel im alten Sägewerk seiner Mühle

Im hinteren Teil seiner Mühle war früher ein altes Sägewerk.

Jan Müller-Scheeßel hat begonnen, das Sägewerk zum Café umzubauen. Er hofft auf zusätzliches Geld für seine Mühle. Auch für den Fall, dass die Energierevolution noch etwas auf sich warten lässt.

Video: Suche nach neuer Energie - Technik der Zukunft

Foto: SPIEGEL TV
insgesamt 299 Beiträge
unpolit 22.06.2018
1. Großes Potential
Es ist mir unklar, warum hier in Baden Württemberg, gerade unter einer Grün-Schwarzen Landesregierung, Wasserrechte alter Mühlen systematisch außer Kraft gesetzt werden. Enorme Hürden, um alte Anlagen, oft stillgelegt, zu [...]
Es ist mir unklar, warum hier in Baden Württemberg, gerade unter einer Grün-Schwarzen Landesregierung, Wasserrechte alter Mühlen systematisch außer Kraft gesetzt werden. Enorme Hürden, um alte Anlagen, oft stillgelegt, zu modernisieren. Wasserkraft, auch dezentral, ist ein Beitrag zur wichtigen Grundversorgung. Denn die Mühlräder drehen sich immer, egal ob Wind oder Sonne. Hier scheint es immer noch eine enge Verquickung von ehemals staatlichen Versorgern und Politik zu geben.
Circular 22.06.2018
2. Sollte man den Beitrag nicht besser als "Anzeige" kennzeichen?
Die Idee von Enyway ist nicht schlecht, aber die Darstellung ist doch sehr geschönt. Die Kunden der Mühle bekommen von dort nur Strom, wenn die Mühle arbeitet. Und das Ganze funktioniert nur, solange jemand das Netz betreibt [...]
Die Idee von Enyway ist nicht schlecht, aber die Darstellung ist doch sehr geschönt. Die Kunden der Mühle bekommen von dort nur Strom, wenn die Mühle arbeitet. Und das Ganze funktioniert nur, solange jemand das Netz betreibt und dafür bezahlt wird.
thomas_finkbeiner 22.06.2018
3. Wasserkraft...
.... ist KEINE grüne Energie!! Wasserkraft zerstört Lebensräume, macht Fließgewässer unpassierbar, tötet und schreddert Millionen auch höchst gefährdeter Fische (Aale, Lachse, Meerforellen, Maifisch etc.) .. Während [...]
.... ist KEINE grüne Energie!! Wasserkraft zerstört Lebensräume, macht Fließgewässer unpassierbar, tötet und schreddert Millionen auch höchst gefährdeter Fische (Aale, Lachse, Meerforellen, Maifisch etc.) .. Während teilweise gut konzipierte Fischaufstiege noch eine gewisse Wirkung haben, sieht es bei Abstiegen schon ganz anders aus, sofern überhaupt welche vorhanden sind, sind sie fast überall wirkungslos. Gefährdete Lebensräume für Störe, Huchen etc. werden durch Wasserkraft nachhaltig zerstört. In Sachsen soll ein guter Teil (20 - 30 % ) der hier beschriebenen Kleinanlagen sogar illegal (ohne gültige Erlaubnis) betreiben werden - ein Ansatzpunkt für eine Redaktion zum nachhaken. Wasserkraft bringt praktisch mengenmäßig kaum etwas in den Energiemix ein, richtet aber ökologisch Riesenschäden an. Für mich nicht nachvollziehbar, dass hier nicht vorehr umfassend recherchiert wurde und ausgerechnet Lebensraumgefährdende und Tierschreddernde Wasserkraft als ökologisch dargestellt wird.. Hier wird massiv die europäische Wasserrahmenrichtlinie missachtet zum durchgängig machen von Flüssen etc.. Wie so oft in D ist man auf dem grünen Auge blind für die Verwüstungen, welche diese "grüne Energie" anrichtet, sobald nur einer mal den Button" öko" auf so eine absolut schädliche Energieform gedrückt hat. Dass da nicht besser recherchiert wird, macht mich traurig.
Leser161 22.06.2018
4. Schwierig
Einerseits finde ich das cool Probleme innovativ zu lösen zum Beispiel indem so eine alte Mühle wieder anwirft. Anderseits klingt im Artikel an das Strom zum Lifestyleprodukt werden soll. Erstmal nichts gegen [...]
Einerseits finde ich das cool Probleme innovativ zu lösen zum Beispiel indem so eine alte Mühle wieder anwirft. Anderseits klingt im Artikel an das Strom zum Lifestyleprodukt werden soll. Erstmal nichts gegen Lifestyleprodukte, auch ich kaufe welche, aber man wird grundlegende Probleme wie die Versorgung der Massen nicht durch Lifestyleprodukte lösen können. Es gibt ja Gründe warum man aus der Manufakturfertigung aufs Fliessband gegangen ist, grosse Anlagen produzieren ihre Produkte (egal ob Energie oder Schrauben) in Gänze effizienter. Effizienz ist jedoch wichtig bei der Versorgung der Massen.
chinawoman 22.06.2018
5. An sich eine gute Idee
mit vielen kleinen Produzenten Strom ökologischer zu produzieren, aber was ist mit der sündhaft teuren Infrastruktur? Überland-Versorgung, Umspannwerke, Hausanschlüsse? Kann das Enyway auch? Wohl eher nicht. Dafür brauchen [...]
mit vielen kleinen Produzenten Strom ökologischer zu produzieren, aber was ist mit der sündhaft teuren Infrastruktur? Überland-Versorgung, Umspannwerke, Hausanschlüsse? Kann das Enyway auch? Wohl eher nicht. Dafür brauchen wir leider die Großen.
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