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Wirtschaft

Angst vor Rezession

Was die Frühwarnsysteme der Wirtschaft taugen

Viele Indikatoren deuten darauf hin, dass bald ein Wirtschaftsabschwung kommen könnte. Aber wie aussagekräftig sind die Daten der Experten überhaupt?

DPA

Hamburger Hafen

Von manager-magazin.de-Redakteur
Samstag, 12.01.2019   23:52 Uhr

Die schlechten Nachrichten häufen sich. Die deutsche Industrieproduktion ist im November um 1,9 Prozent geschrumpft, zum dritten Mal in Folge. Laut Carsten Brzeski, dem Deutschland-Chefvolkswirt der Bank ING, haben die neuen Daten "das Risiko einer technischen Rezession eindeutig erhöht".

Experten sprechen von einer "technischen Rezession", wenn die Wirtschaft zwei Quartale in Folge schrumpft. Im dritten Quartal 2018 gab die deutsche Wirtschaft schon um 0,2 Prozent nach, im vierten könnte erneut ein Minus stehen - das sei aber "ohne signifikante Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt", wie in der vorigen, kaum beachteten Rezession im Winter 2012/2013.

Dennoch ist die Sorge da - nicht so sehr mit Blick auf das vergangene halbe Jahr, sondern auf das, was noch kommt. Signale des Abschwungs senden neben Deutschland auch die größten Volkswirtschaften USA und China. "Wir müssen uns auf die Wahrscheinlichkeit einer Rezession vorbereiten", sagte US-Ökonom Larry Summers der "Financial Times".

Alles nur Panikmache? In so einer Situation kommt es auf Frühwarnsysteme besonders an. Hier sind die wichtigsten Indikatoren - und was sie uns sagen.

Ifo-Geschäftsklima

Nach eigenen Angaben "der wichtigste Frühindikator für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft" ist der Geschäftsklimaindex des Münchener Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo. Monatlich werden 9000 Unternehmen aus den Sektoren Bau, Industrie, Handel und Dienstleistungen befragt, wie sie ihre aktuelle Geschäftslage beurteilen und wie ihre Aussichten für die kommenden sechs Monate.

Aussagekraft: Stimmungen können sich auch auf Chefetagen schnell ändern. Zudem vertreten die befragten Unternehmen nicht die gesamte Wirtschaft - die Aufnahme des Dienstleistungssektors in den Index im April 2018 behebt diesen Mangel zwar etwas, macht den Gesamtindex aber auch weniger sensibel für die Konjunktur.

Wer früh Bescheid wissen will, schaut sich nur die Erwartungskomponente im besonders zyklischen Verarbeitenden Gewerbe an - und kann dann laut einer Analyse des Leibniz-Informationszentrums Wirtschaft halbwegs zuverlässig etwa drei Monate in die Zukunft blicken. Als es ernst wurde vor der letzten Rezession 2008, wurde zumindest die Richtung korrekt angezeigt, wenn auch nicht das Ausmaß der Krise.

Die aktuellen Signale: Seit Ende 2017 gehen die Geschäftserwartungen fast kontinuierlich zurück, auf einen Indexwert von 97,3 im Dezember (der Wert 100 markiert das Niveau des Jahres 2015) - und damit so niedrig wie zuletzt vor vier Jahren. Die große Krise von 2015 haben Sie vermutlich nicht mitbekommen?

Die vom Ifo-Institut mitgelieferte "Konjunkturampel" steht auf Rot, schaltet aber öfter mal um. Die ebenfalls im Paket enthaltene "Konjunkturuhr" steht noch auf "Boom", aber kurz vor "Abschwung" - und durch diesen Quadranten wandert der Zeiger meist schnell, entweder in die Rezession, oder gleich zurück zum Boom. Man kann den Ifo-Index als bedrohlich deuten, muss man aber nicht.

ZEW-Finanzmarkttest

Der ZEW-Finanzmarkttest hat einen großen Vorteil: Sein Blick reicht sogar acht Monate voraus. Auch das Mannheimer Institut greift wie das Ifo auf eine Expertenumfrage zurück und bildet Salden aus positiven und negativen Antworten. In diesem Fall werden rund 300 Analysten von Banken, Versicherungen und Industriekonzernen zu ihren Konjunkturprognosen befragt.

Aussagekraft: Die Meinung der meisten der 300 Experten dürfte öffentlich auch in Echtzeit bekannt sein. Und die zusammengefasste Stimmung der Finanzmärkte lässt sich auch direkter einfangen - mit einem Blick auf die Börsenkurse. Die wiederum haben nur einen losen Zusammenhang zur Wirtschaftsentwicklung und schwanken wild auf und ab - da wird es schwer, sinnvolle Signale herauszufiltern.

Die aktuellen Signale: Im Jahr 2018 haben sich die Konjunkturerwartungen laut ZEW "markant verschlechtert". Im Dezember ging es leicht aufwärts, aber immer noch auf den negativen Stand von minus 17,5 Punkten (17 Prozent der Befragten erwarteten eine bessere Konjunktur, 34,5 Prozent eine schlechtere) - eine Stimmung, "wie sie kurz vor einer Rezession auftritt". Vom Aktienmarkt lässt sich das nicht behaupten. Der Dax hat mit 18 Prozent Kursminus im vergangenen Jahr nur die im Boom von 2017 entstandenen Gewinne wieder aufgelöst, nicht mehr.

Auftragseingänge im Maschinenbau

Wer sich nicht auf Stimmungen verlassen will, braucht harte Daten. Die gibt es jedoch naturgemäß nur mit Zeitverzug, vor allem in der offiziellen Statistik. Zumindest relativ früh dran sind die vom Branchenverband VDMA veröffentlichten Auftragseingänge der Maschinenbaufirmen.

Aussagekraft: Industriemaschinen sind klassische Investitionsgüter, die typischerweise frühe Signale für den Konjunkturzyklus liefern. Sie werden wenig nachgefragt, wenn die Unternehmen Überkapazitäten fürchten und deshalb Investitionen zurückfahren. Erst danach schrumpft im normalen Ablauf die Produktion, werden Stellen abgebaut und schließlich leidet auch der Konsum. Wer die VDMA-Daten liest, weiß vielleicht vorher Bescheid.

Monatsdaten sind aber oft von Sonderfaktoren verzerrt und schwanken wild hin und her, eine Glättung über mehrere Monate jedoch macht den Vorteil der frühen Warnung wieder zunichte. Die Daten sollten also nicht für sich allein gelesen werden, um ein Gesamtbild abzuleiten.

Die aktuellen Signale: Die am Mittwoch veröffentlichten November-Daten des VDMA zeigen, dass der Auftragseingang der Maschinenbauer aus dem Ausland um zwei Prozent wuchs, aus dem Inland zugleich um drei Prozent schrumpfte - beides noch spürbar über dem Niveau des Umsatzes von 2015. Die Trendkurve zeigt weiterhin nach oben, wird aber flacher. "Es fällt den Unternehmen offenbar zunehmend schwerer, die bereits recht hohen Vorjahreswerte noch zu toppen", sagt VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers. Das klingt nach einem auslaufenden Boom, nicht nach Krise.

Einkaufsmanagerindex

Auftragseingänge und einige andere frühe Signale wie Lagerbestände werden zusammengefasst im Einkaufsmanagerindex, getrennt nach Industrie, Dienstleistungen, Bau und für viele verschiedene Länder veröffentlicht vom globalen Informationsdienstleister IHS Markit. Wiederum werden Experten befragt, rund 400 für die deutsche Industrie.

Aussagekraft: Die Einkaufsmanager sind näher dran am Geschehen als Firmenchefs oder gar Analysten - und sie äußern sich über Fakten, nur als Zusatzinformation auch über Erwartungen. Daher sagt der Index die tatsächliche Entwicklung recht zuverlässig voraus, wenn auch nur mit wenigen Monaten Vorlauf.

Die aktuellen Signale: Der Anfang Januar veröffentlichte Index für die deutsche Industrie im Dezember lag mit 51,5 Punkten auf dem tiefsten Stand seit 33 Monaten (vor einem Jahr hatte es noch ein Rekordhoch gegeben) - aber oberhalb der 50-Punkte-Schwelle, die eine wachsende von einer schrumpfenden Wirtschaft scheidet. Der Teilindex Exportaufträge ging so stark zurück wie seit sechs Jahren nicht mehr.

IHS-Markit-Ökonom Phil Smith spricht von einer "unvermeidlichen Kurskorrektur nach der annähernden Überhitzung 2017", die nun aber überraschend stark "die Branche ein weiteres Stück in Richtung Stagnation rückt".

Zinsstrukturkurve

Auch an den Finanzmärkten lassen sich harte Fakten ablesen, die direkte Folgen für die Konjunktur haben - die Kreditvergabe beispielsweise, diese jedoch mit sehr starkem Zeitverzug. Bei der Bundesbank täglich gibt es hingegen die Zinsen für Anleihen verschiedener Laufzeiten. Wenn kurzfristige Schulden höher verzinst werden als langfristige, spricht man von einer Inversion der Zinsstrukturkurve - ein sehr frühes Rezessionssignal.

Aussagekraft: Treibende Kraft ist auch hier die Stimmung der Investoren - die jedoch über die Kreditkosten Folgen für die Realwirtschaft hat. Wenn die Zinskurve invers ist, fürchten Anleger um ihr Geld in ein oder zwei Jahren mehr als in zehn Jahren (einem Zeitraum, über den niemand etwas weiß, und der deshalb normalerweise mit höherem Risiko behaftet ist).

Das passiert selten. Und wenn es passiert, dann folgt in der Regel eine Rezession - allerdings manchmal um mehrere Jahre verzögert, im Durchschnitt um zehn Monate. Ein absolut zuverlässiges Signal ist die Zinskurve laut einer neuen Analyse der Federal Reserve Bank von St. Louis nicht.

Die aktuellen Signale: Während in den USA die Kurve für manche Laufzeiten schon im November kippte, sind die deutschen Daten noch völlig normal: Während einjährige Bundeswertpapiere am Donnerstag negative Zinsen von -0,63 Prozent abwarfen, wurden zehnjährige mit 0,23 Prozent verzinst. Anleger mögen über das anhaltend niedrige Niveau der Renditen mosern, aus konjunktureller Sicht ist aber alles im grünen Bereich.

GfK-Konsumklima

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wird mehrheitlich für private Konsumausgaben verwendet - aktuell kommt auch das meiste Wachstum daher. Schon wegen des großen Gewichts ist für die künftige Konjunktur auch das Verhalten der Verbraucher interessant.

Die Marktforschungsfirma GfK ermittelt, als Teil einer europaweiten Umfrage im Auftrag der EU-Kommission, monatlich ihren Konsumklimaindex mit rund 2000 Interviews. Die Verbraucher beurteilen ihre Einschätzung zur Konjunktur, die Erwartung ihrer persönlichen Einkommensentwicklung und ihre Stimmung für größere Käufe.

Aussagekraft: Der Konsum ist deutlich stabiler als Investitionen - und in der Regel ein nachlaufender Indikator. Erst wenn Stellen gestrichen oder Kurzarbeit verhängt und Gehälter eingefroren werden, spüren es die Verbraucher. Dann sind wir jedoch längst inmitten der Rezession. In der aktuellen Lage allerdings setzen viele Ökonomen ihre Hoffnung darauf, dass ein solider Arbeitsmarkt und steigende Einkommen das Wachstum weitertragen, auch wenn Export und Investitionen vorübergehend einbrechen.

Die aktuellen Signale: Im Dezember sank das GfK-Konsumklima leicht auf 10,7 Punkte - immer noch nahe am historischen Höchststand. Die Befragten rechnen mit weiter steigenden Einkommen, beginnen jedoch auch die schlechten Nachrichten von der Konjunktur zu erfassen. "Die Konsumneigung bleibt sehr gut", meldet die GfK und sagt 1,5 Prozent Wachstum für dieses Jahr voraus. Die richtige Rezession müsste dann mindestens auf 2020 verschoben werden.

insgesamt 25 Beiträge
awini 13.01.2019
1. Die Kaffeesatz-Leser und Glaskugel-Gucker ...
... geben sich wieder mal hochbezahlt die Ehre. Sind das nicht die gleichen "Wirtschafts Experten" die auch schon die Lehmann Pleite punktgenau vorhergesagt haben?
... geben sich wieder mal hochbezahlt die Ehre. Sind das nicht die gleichen "Wirtschafts Experten" die auch schon die Lehmann Pleite punktgenau vorhergesagt haben?
spon-facebook-10000012354 13.01.2019
2. Warum werden ökonomische Prognosen nicht besser?
Der Artikel liefert eine sorgfältige Zusammenstellung vieler relevanter Indikatoren, die allerdings den Leser eher ratlos zurück lässt. Während Prognosefehler z.B. bei kurzfristigen Wetterprognosen in den vergangenen [...]
Der Artikel liefert eine sorgfältige Zusammenstellung vieler relevanter Indikatoren, die allerdings den Leser eher ratlos zurück lässt. Während Prognosefehler z.B. bei kurzfristigen Wetterprognosen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich reduziert werden konnten, hat sich der durchschnittliche absolute Prognosefehler ökonomischer Prognosen für die jährliche Veränderung des Bruttoinlandsprodukts in den vergangenen 45 Jahren kaum geändert. Holtemöller hat sich die Vorhersagen des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (die fünf Weisen) und die Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute angeschaut, die regelmäßig das Wirtschaftswachstum für Deutschland prognostizieren."Der absolute Prognosefehler für die Veränderungsrate des realen Bruttoinlandsprodukts im jeweils folgenden Jahr lag seit 1967 bei Gemeinschaftsdiagnose und Sachverständigenrat im Schnitt über einem Prozentpunkt", sagt Holtemöller im Gespräch. "Das hat sich in den letzten Jahren auch nicht wesentlich verbessert. Die Experten lagen mal zu hoch daneben oder zu tief ", so die traurige Feststellung. Aber immerhin: "Einen systematischen Fehler machen sie nicht." Holtemöller sucht nach Erklärungen für diesen Tatbestand. So sei das Bruttoinlandsprodukt mit erheblicher Messungenauigkeit behaftet, während sich die Temperatur sehr genau messen lasse. Zweitens bestehe in der Wirtschaftswissenschaft eine große Unsicherheit über tatsächliche Wirkungszusammenhänge. "Experimente sind im makroökonomischen Kontext so gut wie unmöglich." Stimmt schon, man kann die Realwirtschaft nicht ins Labor stecken. Drittens unterscheide sich menschliches Verhalten und damit auch wirtschaftliche Aktivität in einem für Prognosen zentralen Punkt vom Wetter: "Das Wetter reagiert nicht auf Wetterprognosen." Wenn aber Prognostiker zum Schluss kämen, dass sich die wirtschaftliche Lage verändere, dann reagiere die Politik mit wirtschaftspolitischen Eingriffen. "Außerdem beeinflussen Konjunkturprognosen die wirtschaftliche Aktivität von Marktteilnehmern", so der Ökonom. Aktuell dürfte angesichts der Situation im UK (Brexit) und des Wirtschaftskrieges zwischen den USA und China zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Prognose schlicht ein Ding der Unmöglichkeit sein. https://www.iwh-halle.de/fileadmin/user_upload/publications/wirtschaft_im_wandel/2-14-4.pdf https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wirtschaftsprognosen-schlechter-als-der-wetterfrosch-1.1852952-2
soisses1 13.01.2019
3. Und
was sagt uns diese Aufzählung in der Zudammenfassung? Vielleicht soviel: Der sicherste Indikator überhaupt fehlt in der Auflistung des Artikels. Es ist der, wenn deutsche Wirtschaftspolitiker sagen: Robuste Wirtschaftslage, [...]
was sagt uns diese Aufzählung in der Zudammenfassung? Vielleicht soviel: Der sicherste Indikator überhaupt fehlt in der Auflistung des Artikels. Es ist der, wenn deutsche Wirtschaftspolitiker sagen: Robuste Wirtschaftslage, alles deutet darauf hin, dass das Wachstum weitere Jahre nur eine Richtung kennt, nämlich nach oben. So geschehen vor ca. 6 bis 9 Monaten. Einen klareren Indikator für eine konjunkturelle Entwicklung gibt es nicht, heisst: Ab jetzt geht es abwärts.
Shismar 13.01.2019
4. Danke für den Überblick
Man muss den Prognosen nicht folgen, allzu einheitlich sind sie in DE noch nicht, aber die strukturierte Auflistung einflussreicher Indizes fand ich sehr informativ. Persönlich mache ich mir keine Sorgen. Die deutsche [...]
Man muss den Prognosen nicht folgen, allzu einheitlich sind sie in DE noch nicht, aber die strukturierte Auflistung einflussreicher Indizes fand ich sehr informativ. Persönlich mache ich mir keine Sorgen. Die deutsche Wirtschaft sollte einige Reserven aufgebaut haben und auch die Politik verfügt über Spielräume. Allerdings wäre es schade um die zuletzt positive Lohnentwicklung und Beschäftigungssituation wenn sich der Aufschwung nicht noch eine Weile fortsetzen würde. Da gibt es noch einiges nachzuholen.
fredotorpedo 13.01.2019
5. Sehr gute Zusammenstellung
Das ist mal eine sehr gute Zusammenstellung. Daraus kann jeder Anleger für sich selbst die Schlüsse ziehen, wie er seine Analgeprioritäten gewichtet. Oft publizieren Analysten nur die Indikatoren, die ihre eigene Meinung, [...]
Das ist mal eine sehr gute Zusammenstellung. Daraus kann jeder Anleger für sich selbst die Schlüsse ziehen, wie er seine Analgeprioritäten gewichtet. Oft publizieren Analysten nur die Indikatoren, die ihre eigene Meinung, pessismistisch/optimistisch, gerade unterstützen.

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