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Wirtschaft

Russischer Discounter Mere

Billig-Attacke aus Sibirien

Der russische Supermarkt Mere verkauft in Leipzig Markenbutter für 92 Cent - Aldi verlangt mehr als zwei Euro. Wie ist das möglich?

DPA
Aus Leipzig und Moskau berichten Andrea Lischtschuk und
Sonntag, 24.02.2019   21:02 Uhr

Die Schlange vor den zwei Kassen zieht sich fast durch den ganzen Markt, auch einen Monat nach der Eröffnung ist der Andrang beim "Russen-Aldi" ungebrochen. Bis zu 20 Minuten stehen Kunden in der Leipziger Filiale des Discounters Mere an. Manche geben entnervt auf. Ein Pärchen verlässt den Markt mit leeren Händen: "Zu viel los."

Als ersten Filialstandort hat sich das russische Unternehmen ausgerechnet eine Halle ausgesucht, in der früher einmal der große Konkurrent Aldi war. Das schlichte Inventar erinnert an deutsche Billigheimer vor zwei Jahrzehnten: Das Mobiliar im Verkaufsraum beschränkt sich auf Paletten, einzig an den Wänden stehen Regale und hinten im Laden die Kühltruhen. Die Einkaufswagen setzen Rost an. "Das ist da drin wie beim Werksverkauf", sagt ein Kunde beim Rausgehen.

"Jeden Tag nur Tiefstpreise", versprechen die Werbeplakate. Die Preise von Aldi und Lidl will Mere um 20 Prozent unterbieten. Und tatsächlich: Auf den Paletten finden sich neben Lebensmitteln aus Polen und Tschechien auch Markenartikel - Buttermilch von Milram zum Beispiel, oder Kerrygold-Butter mit Meersalz. Die Butter kostet verblüffende 92 Cent, die Konkurrenz von Lidl und Aldi verlangt mit über zwei Euro mehr als das Doppelte. Wie ist das möglich?

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Vorbild Aldi

Hinter Torgservis - der russischen Muttergesellschaft von Mere - steckt eine Unternehmerfamilie aus Krasnojarsk in Sibirien. Ihr Nachname lautet Schneider - oder Schnajder in der Transkription aus dem Kyrillischen - und deutet auf deutsche Wurzeln hin. Als Vorbild zitieren die sibirischen Schneiders auf ihrer russischen Website den Erfolg der deutschen Discounter-Dynastie Albrecht: "Die ersten Niedrigpreisgeschäfte tauchten in Deutschland Mitte der Fünfzigerjahre auf und erlangten innerhalb kurzer Zeit große Popularität in Westeuropa und den USA."

Binnen kurzer Frist hat auch die Billigkette der Schneiders weite Teile Russlands erschlossen. Inzwischen betreibt die Familie dort mehr als 900 Läden unter dem Label "Swetofor -Ampel". Zuletzt rangierte die Gruppe laut einer Schätzung der russischen Ausgabe des Wirtschaftsmagazins "Forbes" auf Platz 147 in der Rangliste der 200 größten nichtstaatlichen Firmen im Land. Der Umsatz lag 2018 nach Berechnungen der russischen Marktforschungsagentur Infoline-Analytika bei knapp einer Milliarde Euro.

Geholfen hat dem Unternehmen in den vergangenen Jahren auch die wirtschaftliche Lage in Russland: Die Realeinkommen der Menschen sind deutlich gesunken. Es gibt deshalb einen gesteigerten Bedarf nach extrem günstigen Discountern. Insbesondere Rentner, aber auch Familien mit geringeren Einkommen müssen mehr denn je auf jeden Rubel achten.

So abgeschottet wie die Albrechts

Bekannt ist wenig über die Familie Schneider. Sie schottet ihr Privatleben ab, auch darin eifern sie den deutschen Albrechts nach. Weder in Deutschland noch in Russland gibt es eine Pressestelle. Anrufer werden abgewimmelt. Auskünfte würden "aus Prinzip" nicht gegeben, erzählt ein Firmenmanager.

Mehrere Anfragen per E-Mail und über das russische Facebook VKontakte, bei dem "Swetofor" intensiv Produkte bewirbt, werden nicht beantwortet. In Krasnojarsk, der Heimatstadt der Schneiders, heißt es im örtlichen Handelsministerium und in der Handelskammer, man habe ebenfalls keine Kontakte zu dem Unternehmen.

Geschäftsangaben sind spärlich. Offiziell hält Walentina Schneider die Aktienmehrheit am Konzern Torgservis und an den inzwischen über hundert in Russlands Regionen registrierten Handelsfirmen der Familie. Sie soll in Rente sein. Die eigentlichen Macher sind ihre Söhne, Andrej und Sergej. Bilder der Familie im Internet gibt es nicht - einzige Ausnahme ist ein kleines Foto von Andrej auf einer Krasnojarsker Website für Meldungen aus der lokalen Geschäftswelt . Es zeigt einen Mann um die 40 Jahre mit rundem Gesicht und kurzen Haaren.

Andrej Schneider wird dort noch als Chef von "Lenkom" aufgeführt. So hieß die Vertriebsgesellschaft für Bier und schwach alkoholisierte Getränke, mit der die Schneiders Anfang der Neunzigerjahre ihr Geschäft begannen. Es war die Zeit des wilden Kapitalismus in Russland, als sich so etwas wie eine Marktwirtschaft entwickelte. Die Familie knüpfte laut "Forbes" Kontakte zu Großbrauereien wie Heineken und Baltika und stieg zu einem der größten Getränkegroßhändler in Sibirien auf.

Erst Pleite, dann Neustart

2004 änderten die Schneiders ihr Geschäftsmodell: Sie gründeten die Einzelhandelskette "Napilnik", verkauften weiter Bier, aber auch Wein, Snacks und Zigaretten. Neue Läden wurden auf Pump finanziert, das ging gut bis zum Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2008. Dann fiel der Rubelkurs, der Umsatz brach ein. Die Kette der Schneiders ging pleite.

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Der russische Discounter Swetofor in Moskau-Nowoiwanowskoje

Doch sie machten weiter - und setzten auf das heutige Billigkonzept. Bei Torgservis werden Kosten gesenkt, wo es nur geht: bei den Ladenflächen, die eher an Lagerhallen erinnern; beim Personal, es gibt nur wenige Mitarbeiter in jeder Filiale. Über die Einkaufsmenge können die Schneiders die Preise diktieren. Durchschnittlich bieten sie nach eigenen Angaben ihre Produkte um bis zu 30 Prozent günstiger an als die Konkurrenz. Aufgekauft werden die Waren bei regionalen Unternehmen. Darunter sind laut Experten auch Sonder- und Restposten, etwa mit geringerer Haltbarkeit.

Wie die Kampfpreise in Leipzig zustande kommen

Nach einem ähnlichen Muster operiert offenbar auch der neue deutsche Zweig von Torgservis. An einer Kerrygold-Butterpalette in der Leipziger Filiale klebt noch der Lieferschein zweier Zwischenhändler, die Restposten kaufen und weiterverkaufen. Die Markenbutter ist laut Aufdruck noch drei Wochen haltbar, Branchenstandard in Deutschland sind anderthalb bis zwei Monate.

Auch DMK, Hersteller der Milram-Buttermilch im Mere-Sortiment, vermutet, dass die Russen bei Zwischenhändlern in Deutschland Rest- und Sonderposten aufkaufen und deshalb die Preise der Konkurrenz so drastisch unterbieten können. Eine direkte Lieferbeziehung zu Mere bestehe jedenfalls nicht, teilt der Milram-Hersteller auf Anfrage mit.

Ein Mere-Lieferant, der anonym bleiben möchte, berichtet, das Management kalkuliere "beeindruckend eng". Soll heißen: Die Gewinnmarge fällt bei einigen Produkten sehr klein aus. Allerdings vertreibt Mere dafür auch sogenannte B-Ware, also Produkte mit kleinen Fehlern. Bei der Fleischverarbeitung ist das etwa Verschnitt, der sonst nicht in den Handel kommt, beispielsweise Wurstscheiben mit einem Loch.

"Die Qualität der Ware bleibt die gleiche", sagt Mario Tresch, Geschäftsführer des Verpackungsunternehmens Tresch & Sohn, das mit bekannten Fleischverarbeitern wie Tönnies zusammenarbeitet und auch Mere beliefert. Das Kilogramm Kochschinken kostet beim russischen Discounter beispielsweise 3,08 Euro, bei Lidl und Aldi Nord hingegen 6 Euro. Doch nur mit B-Ware wird Mere sich kaum auf dem deutschen Markt halten können.

Branchenbeobachter geben Mere kaum eine Chance

Einzelhandelsexperten lässt die Expansionsstrategie von Torgservis daher etwas ratlos zurück. Es sei erstaunlich, dass sich die russische Muttergruppe von Mere ausgerechnet Deutschland für den Markteintritt im Westen ausgesucht habe. Denn der deutsche Lebensmitteleinzelhandel hat sich in den vergangenen Jahren deutlich konsolidiert, der Markt ist aufgeteilt und geprägt von harten Preisschlachten. Die Platzhirsche unter den Discountern wie Aldi, Penny, Netto, Lidl und Norma kommen bundesweit auf mehr als 15.000 Filialen. Der Kampf um günstige Einkaufspreise bei den Markenherstellern wird hart geführt. Das hat vor Jahren schon einmal ein deutlich potenterer ausländischer Konkurrent erfahren müssen: 2006 scheiterte die Deutschland-Expansion von Wal-Mart, alle 85 Filialen des US-Riesen gingen an die Metro-Gruppe.

Er glaube deshalb auch "nicht an einen Erfolg von Mere. Das kann sich wirtschaftlich nicht rechnen", sagt Martin Fassnacht von der Düsseldorfer Wirtschaftshochschule WHU. Der Discounter bräuchte viel mehr als die mit großem Tamtam angekündigten 100 Märkte in Deutschland, um wirklich lukrative Verträge mit den Lieferanten abzuschließen. Erst dann sei es realistisch, Gewinne zu erzielen.

Die Zahl 100 findet sich in Ankündigungen des Schneider-Unternehmens häufiger. 100 Läden wollte Torgservis auch in und um die russische Hauptstadt Moskau eröffnen, hatte die Kette verkündet. Das war im Jahr 2017. Heute unterhält das Unternehmen in der Region gerade einmal zwölf Läden. Der Moskauer Regionaldirektor bestätigt im Gespräch mit dem SPIEGEL, dass weitere Geschäfte geplant seien. Details nennt er nicht. Einige Tage später gibt er an, nicht mehr für Swetofor zu arbeiten, Grund seien Umstrukturierungen. Seine Nachfolgerin erklärt, es habe niemand Zeit, Fragen zu beantworten, und legt den Telefonhörer auf.

Ein Grund für die Nervosität könnte sein: In Russlands großen Städten, wo die Einkommen höher sind, ist Swetofor bisher nicht sonderlich erfolgreich. "Die Kunden interessieren sich dort nicht so sehr für Waren niedriger Qualität, es schmeckt ihnen einfach nicht", sagt Michail Burmistrow, Generaldirektor von Infoline-Analytika und Handelsexperte. Die Großstädter "kommen einmal, dann nicht mehr".

In Deutschland sieht er hingegen eine Marktlücke: "Aldi und Lidl sind längst nicht mehr die billigen Discounter, die sie einmal waren. Das sind moderne Märkte mit Service und einem breiten Angebot." Menschen mit geringen Einkommen, Flüchtlingen und Migranten aus Osteuropa aber sei das zu teuer - für Mere könne das eine Chance sein, glaubt Burmistrow.

In Deutschland ist derzeit im Gespräch, dass in Zwickau eine zweite Mere-Filiale öffnen soll, noch in diesem Jahr. Auf der Website sucht das Unternehmen derzeit einen Marktleiter.

Dann würden nur noch 98 weitere Märkte fehlen.

Mitarbeit: Tatiana Sutkowaja

insgesamt 177 Beiträge
RalfHenrichs 24.02.2019
1. Sehe ich auch so
In Deutschland ist die Armut in den letzten Jahren extrem angestiegen. Da kann ein Billigstsupermarkt mit B-Ware durchaus erfolgreich sein, ähnlich der der 1-€-Läden. Mere muss dann nur hoffen, dass Deutschland nicht mal eine [...]
In Deutschland ist die Armut in den letzten Jahren extrem angestiegen. Da kann ein Billigstsupermarkt mit B-Ware durchaus erfolgreich sein, ähnlich der der 1-€-Läden. Mere muss dann nur hoffen, dass Deutschland nicht mal eine vernünftige Regierung bekommt, die ernsthaft die Armut in Deutschland bekämpft. Das Unternehmensrisiko ist aber sehr gering.
Krixus der Schwergläubige 24.02.2019
2. Russisch??? Und da steckt nicht Putin dahinter und auch nicht
"Putins" Geheimndienst? Oh Wunder! Aber dafür kann man ja an der Idee schon mal kein gutes Haare lassen und erst dann, wenn das Unternehmen allen Unkenrufen zum Trotz doch Erfolg haben sollte, die Putin- und [...]
"Putins" Geheimndienst? Oh Wunder! Aber dafür kann man ja an der Idee schon mal kein gutes Haare lassen und erst dann, wenn das Unternehmen allen Unkenrufen zum Trotz doch Erfolg haben sollte, die Putin- und Geheimdienstkeule hervorholen. Tja, aber was, wenn die Wurzeln der Familie Schnajder gar nicht deutsch sein sollten??!!! Huiiii würde dass dann eine Zungen-Notbremsung geben :-))))). Da kann man sich schon mal richtig darauf freuen.... Oder nicht?
kalsu 24.02.2019
3. Marktwirtschaft!
Ob die sich halten oder nicht, entscheidet letzlich der Markt. Solange der Verkäufer für genug Ware genug Käufer findet, dass ganze so gestaltet, dass er die Kosten damit decken kann und noch was damit verdient, er genug [...]
Ob die sich halten oder nicht, entscheidet letzlich der Markt. Solange der Verkäufer für genug Ware genug Käufer findet, dass ganze so gestaltet, dass er die Kosten damit decken kann und noch was damit verdient, er genug Lieferanten findet und genug Angestellte, die sich für nichts krumm legen - solange wird das funktionieren.
crazy_swayze 24.02.2019
4. Überschrift
Es wird ein Nischenmarkt für Mere bleiben. Nichts scheut der Deutsche mehr als ein kurzes MHD. Flüchtlinge und Osteuropäer, die Geld nach Hause transferieren wollen als Zielklientel machen nicht einmal 3% vom Marktvolumen aus.
Es wird ein Nischenmarkt für Mere bleiben. Nichts scheut der Deutsche mehr als ein kurzes MHD. Flüchtlinge und Osteuropäer, die Geld nach Hause transferieren wollen als Zielklientel machen nicht einmal 3% vom Marktvolumen aus.
richard777 24.02.2019
5. Die Arroganz der Etablierten
ist unbeschreiblich. Seien es die deutschen Discounter, die angeblichen und selbsternannten Handels-Fachleute und vor allem auch die Politik. Alle haben immer noch nicht mitbekommen, das ein großer Teil der Bevölkerung (Rentner, [...]
ist unbeschreiblich. Seien es die deutschen Discounter, die angeblichen und selbsternannten Handels-Fachleute und vor allem auch die Politik. Alle haben immer noch nicht mitbekommen, das ein großer Teil der Bevölkerung (Rentner, Arbeitslose, Hartz IV Empfänger und auch Migranten) am oder unter dem Existenzminimum "rumkrebst" und deshalb ein riesiger Bedarf an günstigeren Einkaufsmöglichkeiten besteht. Hier geht es nicht um Qualität sondern ausschliesslich ums Überleben. Ob die Wurst ein Loch hat oder die Butter "nur" noch 3 Wochen MHD hat, ist völlig unerheblich, wenn man satt werden will. Und zum Thema MHD muss man nun wirklich nichts mehr sagen. Butter ist auch Wochen noch später einwandfrei. Es wäre natürlich besser wenn statt Billigmärkten aus Russland endlich faire Renten und vernünftige Grundeinkommen gesichert wären. Aber das ist bei der Abgehobenheit der Verantwortlichen, die nur ihr eigenen Vorteil im Auge haben, nicht zu erwarten. Schade.

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