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Wirtschaft

Panini-Manie

Warum Leute Klebebildchen sammeln

Hochsaison beim italienischen Klebebildchen-Hersteller Panini. Vor der Fußball-WM in Russland reißen sich wieder Millionen von Sammlern um die kleinen Porträts von Fußballern. Was treibt sie nur an?

DPA

Panini-Bilder

Freitag, 18.05.2018   11:51 Uhr

Bei jeder Fußballweltmeisterschaft feiert Panini Wiederauferstehung. Auch vor der WM in Russland sind viele vom Sammelfieber ergriffen. Der italienische Klebebildchen-Hersteller nennt keine Zahlen. Aber in Buch- und Zeitschriftenläden, an Kiosken und Tankstellen werden allein in Deutschland Abermillionen von Überraschungstütchen mit den Fotos der WM-Spieler für die Sammelalben verkauft.

Forscher fragen sich: Warum sind Menschen bereit, Geld für ein eigentlich viel zu teures Produkt auszugeben? Denn die Fans investieren in ihre Panini-Alben oft ein Vielfaches der Summe, die sie für ein Buch mit viel anspruchsvolleren Fotos von Fußballspielen und ihren Akteuren ausgeben müssten.

Eine Beispielrechnung: Neunzig Cent kostet jede Tüte mit fünf Bildern, in jedes Album passen 682 Aufkleber, das ergibt Mindestkosten von 122 Euro für ein vollständig gefülltes Panini-Album. Tatsächlich sind die Kosten noch ungleich höher, denn häufig erwischt man Bilder, die man schon hat, und die Chancen auf einen "Treffer" werden mit fortschreitender Vervollständigung des Albums immer geringer.

Immer wieder mutmaßen Sammler, dass einzelne Motive besonders rar sind. Eine Millionen Sticker große Stichprobe bestätigte kürzlich sogar, dass in Deutschland sogenannte Glitzis unterrepräsentiert sind. Beim WM-Album 2014 hingegen waren Dutzende Aufkleber deutlich häufiger vertreten.

Täglich sieben bis acht Millionen Tüten

Füllen eine Million Fans ihre Fifa-2018-Alben, brauchen sie dafür 682 Millionen Bilder - entspricht einem Mindestumsatz von mehr als 120 Millionen Euro. In den Boomzeiten produziert Panini in der Firmenzentrale in Modena für den weltweiten Vertrieb täglich sieben bis acht Millionen Tüten. Umsatz und Auflage in Deutschland nennt die Firma nicht.

"Man lernt alle Spieler kennen, und es macht Spaß zu sammeln", erklärt der zwölf Jahre alte Münchner Schüler Felix, der Dank der Aufkleber die Körpergröße prominenter Fußballstars auswendig kann - Cristiano Ronaldo 1,87 Meter, Manuel Neuer 1,93.

Doch sammeln keineswegs nur Minderjährige. Viele Erwachsene bewahren sich das Sammelfieber aus der Kindheit: "Für mich ist der Reiz, in einigen Jahren wieder hineinschauen zu können", sagt Wolfgang Franke, als Controller in einem oberbayerischen Forschungszentrum Fachmann fürs Geld.

Reiner Spieltrieb

Verena Hüttl-Maack, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hohenheim, nennt vier mögliche Gründe, warum die Fans so viel Geld ausgeben. "Ein Faktor könnte die Nostalgie und die Erinnerung an die eigene Kindheit sein. Ein zweiter der sogenannte Ikea-Effekt: Die Leute halten einen Tisch für wertvoller, den sie selbst zusammengebaut haben, als wenn er ihnen fertig zusammengesetzt vor die Nase gesetzt wird", sagt die Wissenschaftlerin. "Die eigene Leistung lässt die Sache wertvoller erscheinen."

Der dritte Effekt sei der reine Spieltrieb, die Neugierde beim Öffnen einer Tüte. "Es ist nachgewiesen, dass die Auflösung der Neugierde positive Emotionen erzeugt, auch wenn das Resultat am Ende gar nicht so großartig ist. Man empfindet eine Art Belohnungseffekt."

Das sieht Felix Klimm ebenso. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Verhaltensökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erklärt das Motiv: "Allein die Erwartung, dass Marco Reus in der Tüte sein könnte, freut jeden Fan ungemein."

Und auch der gesellschaftliche Effekt könnte eine Rolle spielen. "Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, wenn ganz viele Menschen die Bilder sammeln", nennt Hüttl-Maack als weiteren Grund. Letzteren Effekt lernen vor allem Eltern kennen. Die Kinder üben daheim Druck aus, damit Mama und Papa das nötige Kleingeld lockermachen. "Wenn in einer Klasse viele Kinder ein Panini-Album haben, kann der Wunsch nach einem eigenem Album sehr groß werden", meint Klimm.

Florierendes Geschäftsmodell

Beim Sammeln der Panini-Aufkleber spielten sowohl soziale als auch individuelle Aspekte eine Rolle, sagt der Münchner Wirtschaftswissenschaftler. Der Gruppendruck ist nicht die einzige Komponente, auch "das Tauschen von Stickern" zähle dazu. Das Sammeln an sich sei oft eine individuelle Motivation, wie man auch beim Briefmarkensammeln sehe.

"Hinzu kommt die Stückelung des Preises", sagt Klimm. "Der ist auf die einzelnen Tüten aufgeteilt, sodass viele die Gesamtkosten nicht überblicken." Müsste man den Preis für ein komplettes Album auf einmal bezahlen, würden es wenige kaufen - "aber in vielen kleinen Häppchen bezahlen die Leute den relativ hohen Preis dann doch".

Das Geschäftsmodell funktioniert offensichtlich prächtig. "Seit den Werksanfängen in den Siebzigerjahren hat Panini in Modena schätzungsweise 25 Milliarden Tütchen produziert", berichtet ein Sprecher der deutschen Panini-Zentrale. Mittlerweile ist Panini zu einer WM in mehr als 130 Ländern präsent. Größter Einzelmarkt ist das fußballverrückte Brasilien.

Und die Preise steigen von WM zu WM kräftig. 2014 kostete eine Tüte noch 60 Cent. "Sobald der Beutel Sticker über einen Euro kostet, höre ich auf", meint Panini-Sammler Franke.

mik/dpa

insgesamt 3 Beiträge
kopi4 18.05.2018
1.
Ohne Sammeltrieb kriegt man das Album für rund 140 € voll. 2 Kartons mit je 100 Tüten gab es beim online Händler vor Verkaufsstart für diese Summe. Annähernd die Hälfte der 1000 Bilder waren doppelt und wurden für ca 40 € [...]
Ohne Sammeltrieb kriegt man das Album für rund 140 € voll. 2 Kartons mit je 100 Tüten gab es beim online Händler vor Verkaufsstart für diese Summe. Annähernd die Hälfte der 1000 Bilder waren doppelt und wurden für ca 40 € bei eBay verkauft. Die fehlenden - rund 100- dann für diese 40 € direkt bei Panini bzw. ebenfalls bei eBay bestellt.
supergrobi123 18.05.2018
2. Jäger und Sammler
Ein Hauptgrund für den Spaß am Sammeln düfte in unserer DNS zu finden sein, da das Sammeln von Nahrung, Feuerholz u.ä. vor nicht allzu vielen Generationen existenziell wichtig war. Den Sammeltrieb gibt es ja nicht erst seit [...]
Ein Hauptgrund für den Spaß am Sammeln düfte in unserer DNS zu finden sein, da das Sammeln von Nahrung, Feuerholz u.ä. vor nicht allzu vielen Generationen existenziell wichtig war. Den Sammeltrieb gibt es ja nicht erst seit Panini. Man denke an Briefmarken, Münzen etc.
Axeman 18.05.2018
3. Inflation
2010 kostete eine Tüte noch 0,60€. Also 50% Preiserhöhung in 8 Jahren. Die Verbraucherpreise stiegen in diesem Zeitraum aber gerade mal um 10%. Wer ist der Preistreiber? Vermutlich die FIFA die das Tafelsilber [...]
2010 kostete eine Tüte noch 0,60€. Also 50% Preiserhöhung in 8 Jahren. Die Verbraucherpreise stiegen in diesem Zeitraum aber gerade mal um 10%. Wer ist der Preistreiber? Vermutlich die FIFA die das Tafelsilber Übertragungsrechte ja schon bis zur WM 2026 versetzt hat. Mir ist das zu teuer. Wobei ich sowieso noch zwiegespalten bin diese und nie nächste WM zu unterstützen.

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