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Wirtschaft

Job-Kahlschlag in Ostdeutschland

Siemens versteht die Energiewelt nicht mehr

Siemens baut Tausende Arbeitsplätze ab und schließt zwei Werke in Sachsen - auch, um einen westdeutschen Standort zu retten. Der Schritt zeigt, wie orientierungslos eine ganze Branche derzeit agiert.

AP

Produktion im Siemens-Werk Görlitz

Von manager-magazin.de-Redakteur
Montag, 20.11.2017   21:23 Uhr

Über der Lausitz braut sich derzeit ein perfekter Sturm zusammen. Die Braunkohle steht früher oder später vor dem Aus. Das traditionsreiche Bombardier-Waggonwerk in Görlitz wackelt. Und nun will Siemens-Chef Joe Kaeser auch die dortige Dampfturbinenfabrik dichtmachen. Dem Landstrich ganz im Osten Deutschlands, wo schon jetzt Wut und Rechtpopulismus dominieren, droht der industrielle Absturz.

Am Beispiel Siemens zeigt sich besonders drastisch: Das Wohl einer Region hängt mitunter extrem von weltweiten Wirtschaftsumbrüchen, aber auch strategischen (Fehl-) Entscheidungen in den Konzernzentralen ab. Da mögen die Mitarbeiter noch so gut entwickeln, montieren oder verkaufen. Am Ende geht die Rechnung nicht mehr auf, zumindest nicht mehr gut genug für die Aktionäre. Dann ist Schluss.

Für die 720 Siemensianer in Görlitz kommen mehrere Dinge auf einmal zusammen. Da ist zunächst der beinharte Preiskampf um das Kernprodukt des örtlichen Werks: kleine bis mittelgroße Industrie-Dampfturbinen. Diese Maschinen made in Sachsen erzeugen Prozessdampf, beispielsweise in Zucker-, Chemie- und Papierfabriken. Mangelnde Nachfrage nach diesen Geräten ist nicht das Problem - die brummt angesichts einer boomenden Konjunktur sogar.

Hohe Nachfrage nach Industrie-Dampfturbinen - doch diese sind (zu) teuer

Doch die Billig-Konkurrenz aus Osteuropa und China ist im Kommen, um ein Drittel günstiger soll sie produzieren. Und so sieht Siemens keine andere Möglichkeit, als die Jobs nach Mülheim an der Ruhr zu verlegen. Der Konzern will das dortige Werk besser auslasten und so insgesamt die Rendite steigern. Pech für Görlitz, Glück im Unglück für Mülheim.

Dort ist Siemens' eigentliches, deutlich größeres Problem zu besichtigen. Der wichtige Standort in Nordrhein-Westfalen leidet unter der extremen Flaute im Geschäft mit großen Dampfturbinen für Kraftwerke. Auch an der Ruhr fallen deshalb 640 Stellen weg.

Kaum jemand baut noch Großkraftwerke

Weltweit werden weit weniger Großkraftwerke gebaut als noch vor wenigen Jahren angenommen: In Europa lassen Energieversorger angesichts niedriger Börsenstrompreise lieber alte Meiler weiterlaufen. In den USA hat Präsident Donald Trumps Pro-Kohle-Politik die Lage noch verworrener gemacht, als sie es ohnehin schon war. In China und Indien werfen Regierungen ihre ehemals bombastischen Neubaupläne für Großkraftwerke auch angesichts massiver Umweltprobleme über den Haufen.

So unterschiedlich und schwer vorhersehbar die Entwicklung auf all diesen Märkten jedoch auch sein mag - einen verbindenden Faktor gibt es, und diesen hat auch Siemens massiv unterschätzt: In den vergangenen Jahren sind die Kosten für erneuerbare Energien extrem gesunken, vor allem für die Solarenergie.

insgesamt 73 Beiträge
Ökofred 20.11.2017
1. Unvollständig
Es passt nicht ganz iins Bild, dass Siemens (und GE) selber Marktführer in der Windenergiesparte sind. Das hätte man noch etwas ausarbeiten können....
Es passt nicht ganz iins Bild, dass Siemens (und GE) selber Marktführer in der Windenergiesparte sind. Das hätte man noch etwas ausarbeiten können....
danduin 20.11.2017
2. Manager Fehlentscheidung
Manager sollten vorausschauend agieren und die Konsequenzen neuer Denkmuster nachvollziehen können. Können aber die meisten nicht, sondern führen nur das fort was Sie kennen und Ihnen vertraut ist. Jedenfalls vielen deutschen [...]
Manager sollten vorausschauend agieren und die Konsequenzen neuer Denkmuster nachvollziehen können. Können aber die meisten nicht, sondern führen nur das fort was Sie kennen und Ihnen vertraut ist. Jedenfalls vielen deutschen Großunternehmen.
Mehrleser 20.11.2017
3.
Was soll das Wachstum bei Wind und Solar einer Turbinenfabrik nützen? Es mag ein Fehler sein, daß Siemens nicht in Solarzellen und Windkraft eingestiegen ist, aber die Arbeitsplätze der Turbinenbauer wären dann auch [...]
Was soll das Wachstum bei Wind und Solar einer Turbinenfabrik nützen? Es mag ein Fehler sein, daß Siemens nicht in Solarzellen und Windkraft eingestiegen ist, aber die Arbeitsplätze der Turbinenbauer wären dann auch überflüssig geworden.
Cephalotus 20.11.2017
4. Standortwahl
wenn ich mich als international tätiger Konzern für einen Standort entscheiden muss spielen natürlich mehrere Faktoren eine Rolle. Das tiefbraune Wahlverhalten in der Region und offen gelebter Ausländerhass sind da nicht [...]
wenn ich mich als international tätiger Konzern für einen Standort entscheiden muss spielen natürlich mehrere Faktoren eine Rolle. Das tiefbraune Wahlverhalten in der Region und offen gelebter Ausländerhass sind da nicht gerade Pluspunkte. Ob das jetzt entscheidend war weiß ich nicht,, man sollte das aber keineswegs unterschätzen, schon dreimal nicht wenn man sich Hoffnungen auf Ansiedlungen neuer Unternehmen macht.
paula_f 20.11.2017
5. den Siemens Ingenieuren hört keiner zu - wg Quartalszahlen
das Thema Energie ist in wenigen Worten unwiderlegbar klar darzulegen. Strom ist billig und ohne Betriebsstoff nur mit Photovoltaik und Windkraft zu generieren, Wärme erzeugt man günstig mit Solarthermie (auch ohne [...]
das Thema Energie ist in wenigen Worten unwiderlegbar klar darzulegen. Strom ist billig und ohne Betriebsstoff nur mit Photovoltaik und Windkraft zu generieren, Wärme erzeugt man günstig mit Solarthermie (auch ohne Betriebsstoff) und Wärmepumpenunterstützung. Überschüssiger Strom lässt sich in Hausbatterien schon jetzt sinnvoll speichern, Industrielle Lösungen für große Speicher gibt es, beispielsweise mit Power to Gas oder noch besser mit chemischen Speichern. ein System für Kraftwerksstandorte nach der 100 Jahre alten Methode der Natronlok (Auf- und Abkonzentrierung) wurde bei uns entwickelt, der deutsche Entwickler findet nur in China Partner zur Umsetzungen als großer und preiswerter Stromspeicher ohne jeglich Selbstentladung direkt an Stromknotenpunkten. Jede andere Methode zur Strom- oder Wärmeerzeugung funktioniert mit der Verbrennung von Gas, Öl, Kohle oder Kernkraft. Kohleverbrennung bedeutet neben CO2 und Feinstaub auch noch das Nervengift Quecksilber weil es bei uns aus Kostengründen nicht ausgefiltert wird. Bei Gas Öl und Kernkraft sind neben CO2 die weiteren Schadstoffe und Probleme hinlänglich bekannt. Mehr Windräder, mehr Fotovoltaik, mehr Solarthermie und mehr Wärmepumpen sind weltweit sich schnell amortisierende Investitionen, Das führt zu viel Beschäftigung, einer besseren Infrastruktur, besserer Luft und zufriedenen Menschen mit mehr Eigeninitiative und mehr Eigentum. In der Presse und vor allem im Fernsehen werden unselige Diskussionen von technischen Laien geführt die kaum erträglich sind und wie eine Art Gehirnwäsche wirken um die EONs und Vattenfalls zu unterstützen. Die uns noch dazu dann noch Verklagen auf entgangenen Gewinn (Vattenfall). Einen weltweiten Bedarf an Gaskraftwerken mit Siemens Turbinen gibt es weil diese optimal geeignet sind um Strombedarfsspitzen schnell ausfüllen zu können.

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