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Wirtschaft

Digitale Gründer

Europa, verheize deine Talente nicht!

Ein Start-up gründen und es schnell für Millionen in die USA verkaufen - das sind die digitalen Erfolgsgeschichten hierzulande. Sie sind zwar lohnend für die Gründer, aber schlecht für Europa.

Getty Images

Campus Party in Berlin (Archiv)

Ein Gastbeitrag von Andreas Barthelmess
Samstag, 25.11.2017   15:13 Uhr

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Gründen gehört heute zum guten Ton. Singen, Modeln und Gründen sind die Disziplinen der Casting-Shows. Start-up-Sendungen wie die "Höhle der Löwen" predigen Ehrfurcht vor den digitalen Erfolgsgeschichten aus dem Silicon Valley. Ein bisschen mehr Musk oder Zuckerberg täte uns gut, denken wir.

Kommunen schaffen digitale Gründerzentren. Länder, Bund und Brüssel legen Förderprogramme auf. "Hubs" werden herbeigeredet. Denn "Hub", "Lab" und "Accelerator" klingen cool und kalifornisch.

Deutsche CEOs und Berater fahren ins Silicon Valley. Dort bestaunen sie, wie auf der Großwild-Safari in Afrika, die "Big Five" - die digitalen Big Four Google, Apple, Facebook und Amazon und das reiche Ökosystem, in dem sie gedeihen. Zurück in Deutschland, gründen sie einen "Inkubator". Doch was als digitales Großwild-Habitat nach kalifornischem Vorbild geplant wird, endet als digitaler Streichelzoo.

Disruptive Unternehmen entstehen gerade da, wo die alte Industrie kulturell und habituell am weitesten weg ist. Tesla wurde nicht in Stuttgart, Detroit oder Wolfsburg erfunden, sondern in Palo Alto: aufgebaut von einem Autoindustrie-Outsider, der zuvor Paypal gegründet hatte.

Das Ökosystem Silicon Valley lässt sich nicht kopieren und verpflanzen. Unangefochten steht es heute am oberen Ende der globalen ökonomischen Nahrungskette. Dafür gibt es drei Gründe.

Doch es gibt ein Problem. Ausgerechnet die Nitsche-Brüder, die gerade mit Anfang zwanzig durch den Verkauf ihrer Math42-App Millionäre geworden sind, haben das demonstriert. Sicher, die Gründerszene bejubelt solche Erfolge, und ein neues Denken setzt sich durch: Wir brauchen mehr junge Digitalunternehmen in Deutschland.

Aber gerade der Jubel über Millionen-Exits deutscher Start-ups an US-Unternehmen verstellt den Blick auf das Problem. Math42 und viele andere erfolgreiche Digital-Applikationen aus Europa werden schon früh in die USA verkauft.

Darin liegt der Unterschied zwischen primär und sekundär digitalen Produkten, also digitalisierter Hardware: Streetscooter wurde von der Deutschen Post übernommen, Lilium hat internationales Risikokapital nach München geholt. Doch für rein digitale moon-shot-Projekte wie globale Softwarestandards, Netzwerke und Marktplätze gibt es in Europa weder Kapital noch Exit-Kanäle, wie sie Amerika bietet. Rein digitale Produkte müssen aber schnell kritische Masse gewinnen. Sie sind kapitalintensiv, weil sie erst in marktbeherrschender Position Geld verdienen. Sie gedeihen nur in einem von Anfang an großen Markt mit starken Netzwerkeffekten, wie ihn die USA bieten.

DPA

Teilnehmer der DLD(Digital-Life-Design)-Konferenz in Berlin

Wollen wir unsere digitalen Talente nicht verheizen, unsere digitale Wertschöpfung nicht komplett an die USA verlieren, dann stehen wir Europäer vor der Wahl. Entweder wir konzentrieren uns auf sekundär digitale Produkte, wo wir auch heute wettbewerbsfähig sind.

So argumentiert die EU-Digitalkommissarin Mariya Gabriel, wenn sie Nanorobotik und Sicherheitschips als Stärken nennt. Dann aber müssten wir, genau genommen, unsere Tech-Talente sogar von rein digitalen Innovationen fernhalten, statt sie in Inkubatoren und digitalen Gründerzentren zu pampern. Tun wir das, halten wir unsere europäischen Talente nicht nur unter der wachstumsbegrenzenden gläsernen Decke, sondern geben sie in unseren gut gemeinten digitalen Terrarien auch noch den US-Unternehmen zum Ausverkauf preis.

Schaffung eines homogenen europäischen Marktes

Oder aber wir erkennen endlich die monopolistische Selbstverstärkung des Digitalen, die Macht der Größe, die den digitalen Markt im Innersten zusammenhält und trauen uns an politische Reformen. Dann schaffen wir einen homogenen europäischen Markt, brechen durch scharfe Regulierung die Monopole von Google, Facebook und Co und besteuern sie endlich so wie andere europäische Unternehmen. China hat, unter anderen politischen Vorzeichen, gezeigt, wie das geht. Ein westlich-demokratisches Land wie Südkorea hat mit Naver eine eigene führende Suchmaschine.

Diese beiden Länder haben verstanden, was Europa übersieht. Digitale Betriebssysteme und Netzwerke kommen zuerst, die digitalisierte Hardware folgt und ordnet sich unter.

Haushaltsgeräte werden künftig über Android bedient, autonom fahrende Autos über globale Vermittler wie Uber gesteuert. Europa darf niemals den Anspruch aufgeben, industrieprägende digitale Produkte zu entwickeln. Wir müssen heraus aus unserer selbstverschuldeten digitalen Ohnmacht.

Die Zukunft ist digital, aber sie ist offen. Europa muss jetzt die Voraussetzungen schaffen, die digitale Welt mitzubestimmen.

insgesamt 16 Beiträge
_Mitspieler 25.11.2017
1. Die Talente...
...verheizen sich nicht selbst. Auch Europa verheizt keine Talente. Es sind hiesige Unternehmen mit cash-cow-Milliardengewinnen aus Technologien des 19ten und 20sten Jahrhundert, die nicht in Neues investieren. Und es sind [...]
...verheizen sich nicht selbst. Auch Europa verheizt keine Talente. Es sind hiesige Unternehmen mit cash-cow-Milliardengewinnen aus Technologien des 19ten und 20sten Jahrhundert, die nicht in Neues investieren. Und es sind maßgebliche Politiker, die noch im Jahre 2013 ahnungsbefreit faseln, dass das Internet Neuland sei. Das ließe man doch bestenfalls dem Neandertaler bezüglich einer vergleichbaren Aussage zum Kühlschrank durchgehen.
Nordstadtbewohner 25.11.2017
2. Überall in der Welt zu Hause
"Ein Start-up gründen und es schnell für Millionen in die USA verkaufen - das sind die digitalen Erfolgsgeschichten hierzulande. Sie sind zwar lohnend für die Gründer, aber schlecht für Europa." Ich sehe mich in [...]
"Ein Start-up gründen und es schnell für Millionen in die USA verkaufen - das sind die digitalen Erfolgsgeschichten hierzulande. Sie sind zwar lohnend für die Gründer, aber schlecht für Europa." Ich sehe mich in erster Linie als Mensch, der überall in Welt zu Hause ist. Diese Konzentration auf einen Kontinent wie Europa halte ich für falsch. Wichtig sind für mich Entscheidungen, die mein Leben betreffen. Und die treffe ich selbst. Wenn ich also ein erfolgreiches Start-up gründe, verkaufe ich es an denjenigen, der mich dafür am besten bezahlt.
hasselblad 25.11.2017
3.
Ich habe in den letzten 20 Jahren einige Digital-Unternehmen gegründet, finanziert und beraten und kann jedem Satz nur zustimmen. Meine letzten Beteiligung liegen ausschließlich in den USA - in Europa entsteht im primären [...]
Ich habe in den letzten 20 Jahren einige Digital-Unternehmen gegründet, finanziert und beraten und kann jedem Satz nur zustimmen. Meine letzten Beteiligung liegen ausschließlich in den USA - in Europa entsteht im primären digitalen Umfeld schlicht nichts mit nachhaltigen Zukunftsaussichten, seltene Ausnahmen wie mytaxi bestätigen die Regel. Und solange die Konzerne glauben, es reiche aus, in Berlin einen "Accelerator" in einem angesagten "Coworking Space" aufzusetzen und die Mitarbeiter vom Krawattenzwang zu befreien, aber immer noch erwarten, dass die Innovationsbuden in die Linie reporten und ihnen nach zwei Jahren ohne Deckungsbeitrag wieder den Hahn zudrehen, können sie noch so viele Businesstrips ins Valley unternehmen, verstanden haben sie es trotzdem nicht.
Thomas G. 25.11.2017
4. Der Zug ist vorerst abgefahren
Deutschland ist schon seit langer Zeit einer der technik- und fortschrittsfeindlichste Industrienationen, was die politische und gesellschaftliche Elite angeht. Speziell wenn es um IT geht (aber auch Biotechnologie und [...]
Deutschland ist schon seit langer Zeit einer der technik- und fortschrittsfeindlichste Industrienationen, was die politische und gesellschaftliche Elite angeht. Speziell wenn es um IT geht (aber auch Biotechnologie und Chemieindustrie etc.). Die gesellschaftliche Ablehnung der technischen Intelligenz in Deutschland hat eine lange Tradition von alternativ bis konservativ. Man lese sich nur das Bundestagswahlprogramm der Grünen von 1987 durch was die allgemeine Stimmung damals gut wiederspiegelt. Oder auf konservativer Seite: Die Vorgänge um Post und Schwarz-Schilling bekommen wir bis heute in Form von minderwertigen Internet-Anschlüssen zu spüren. Auch die speziell durch konservative Kreise forcierte Verteufelung der Computer- und Internet affinen Jugendlichen als potentielle Amokläufer bis in die nahe Vergangenheit spiegelt das wieder. Bis Heute wird IT, Chemie und Biotechnologie (von Atomtechnologie ganz zu schweigen) regelrecht in der Öffentlichkeit verteufelt. Die IT-Ferne der Justiz ist auch legendär. Da kann sich hierzulande kein Technologie Startup lange halten. Ich sehe es in meiner beruflichen Umgebung - große Teile der technischen Intelligenz – (Ingenieure, Naturwissenschaftler, Techniker) ziehen sich frustriert aus der politischen Öffentlichkeit zurück. Sie zappen, wie ich weg, wenn die üblichen hysterischen politische Magazine im Fernsehen laufen, kaufe keine der mittlerweile irrelevanten Zeitungen die sich immer noch in ihrer Hybris als 4. Macht verstehen. Denn da wird eh nur die nächste unwichtige Sau durchs Dorf getrieben wird. Ertragen kann man das ganze nur mit Zynismus und Ironie. Ich sehe da kurz- und mittelfristig keine Verbesserung, EU ist da auch keine Hilfe, eher das Gegenteil.
pishtakko 25.11.2017
5. so so...
deswegen kauft Siemens Firmen wie Mentor und Solido und schliesst 3 Turbinenwerke in Deutschland allein. Sehr 19tes Jarhundert. Startups um Kuehlschraenke zu bedienen oder sich davon informieren zu lassen mit android oder ios [...]
Zitat von _Mitspieler...verheizen sich nicht selbst. Auch Europa verheizt keine Talente. Es sind hiesige Unternehmen mit cash-cow-Milliardengewinnen aus Technologien des 19ten und 20sten Jahrhundert, die nicht in Neues investieren. Und es sind maßgebliche Politiker, die noch im Jahre 2013 ahnungsbefreit faseln, dass das Internet Neuland sei. Das ließe man doch bestenfalls dem Neandertaler bezüglich einer vergleichbaren Aussage zum Kühlschrank durchgehen.
deswegen kauft Siemens Firmen wie Mentor und Solido und schliesst 3 Turbinenwerke in Deutschland allein. Sehr 19tes Jarhundert. Startups um Kuehlschraenke zu bedienen oder sich davon informieren zu lassen mit android oder ios (wer bedient schon ein Kuehlschank?? und reingucken kann man nicht mehr?).

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