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Wirtschaft

Kampf gegen Inflation

Erdogan wird Gemüsehändler

Die Lebensmittelpreise in der Türkei explodieren. Nun will die Regierung gegensteuern - mit eigenen Verkaufsstellen für Gemüse. Auch an anderer Stelle weitet der Staat seinen Einfluss auf die Wirtschaft aus.

REUTERS

Wartende vor staatlicher Verkaufsstelle für Gemüse in Istanbul

Montag, 11.02.2019   19:38 Uhr

Im Kampf gegen die Inflation verkauft die türkische Regierung verbilligtes Gemüse künftig direkt an die Bürger. Im Fernsehen waren am Montag lange Schlangen vor Zelten in den Innenstädten zu sehen. Dem Fernsehsender CNN Türk zufolge soll es in der Hauptstadt Ankara 30 Verkaufsstellen geben, in Istanbul sogar 50. Wie viele Verkaufsstellen insgesamt eingerichtet wurden, blieb zunächst unklar.

Die hohen Lebensmittelpreise sind ein Politikum, die Jahresteuerung lag jüngst bei 20,35 Prozent. Der staatliche Gemüsehandel dürfte aber eher Wahlkampf-Strategie sein als eine Erleichterung für das Portemonnaie der 82 Millionen Türken. Am 31. März sind in der Türkei Kommunalwahlen.

Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte während einer Rede in Ankara: So, wie man Terroristen bekämpfe, wolle man jetzt auch jene bekämpfen, die "Lebensmittel-Terror" verbreiteten. Erdogan macht für die Preisanstiege nicht die von seiner Regierung mitverursachte schlechte wirtschaftliche Lage, sondern gierige Händler und "Kräfte aus dem Ausland" verantwortlich.

Lira-Verfall, Inflation und Co.

Besonders teuer sind Lebensmittel und nicht-alkoholische Getränke geworden. Im Januar 2019 kosteten Produkte aus dieser Kategorie im Durchschnitt 30,97 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Bei Paprika waren es dem türkischen Statistik-Institut TÜIK zufolge sogar rund 88 Prozent mehr, bei Auberginen rund 81 Prozent.

Nach den Worten Erdogans soll es ähnliche Initiativen bald auch bei Putzmitteln geben. "Somit werden meine Bürger, meine Schwestern Ayse und Fatma, mein Ahmet und mein Mehmet auf idealste Weise von diesem Rabatt profitieren."

Oppositionspartei CHP soll Isbank-Anteile verlieren

Ausweiten will Erdogan den staatlichen Einfluss auch im Bankensektor. Er kündigte an, eine Beteiligung der Oppositionspartei CHP an der Isbank möglichst rasch auf das Finanzministerium zu übertragen. Dies solle eher früher als später geschehen.

Vor gut einer Woche hatte Erdogan bereits angekündigt, dass das Ministerium den 28-prozentigen Anteil der sozialdemokratischen CHP übernehmen soll. Politische Parteien hätten weder das Recht noch die Befugnis, sich an Bankgeschäften zu beteiligen.

Die Isbank ist das größte börsennotierte Institut der Türkei. Die CHP bekam ihren Anteil seinerzeit vom Staatsgründer der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. Eine Dividende erhält die größte türkische Oppositionspartei nicht. Die Mitglieder der CHP haben aber vier Sitze im Aufsichtsrat. 31,4 Prozent der Isbank sind im Streubesitz, 40,5 Prozent sind im Besitz des Isbank-Pensionsfonds, der Rest liegt bei der CHP.

dab/dpa/Reuters

insgesamt 11 Beiträge
hausfeen 11.02.2019
1. So kommt der Sozialismus durch die HIntertür.
Na ja, zumindest, dass was Otto Normaldumpfbacke unter Sozialismus versteht. Stalin, Venezuela, China. Aber das sind Staatsdiktauren (gewesen):: Erdogan hat doch keine andere Wahl, als durch staatliche Eingriffe in die [...]
Na ja, zumindest, dass was Otto Normaldumpfbacke unter Sozialismus versteht. Stalin, Venezuela, China. Aber das sind Staatsdiktauren (gewesen):: Erdogan hat doch keine andere Wahl, als durch staatliche Eingriffe in die WIrtschaft eine isolierte Binnenwirtschaft der globalisierten entgegenzusetzen. Im Iran wird es auch so kommen. Na gut. Er hätte freundlicher, entgegenkommender, kompromissbereiter gegen Deutschland, die EU, den Kurden sein können. Dann sehe es in der Tat günstiger in seinem Ländle aus. Zumal die Kurden sehr organisert und kreativ eine starke Wirtschaftsgruppe darstellen könnten. Im Irak beweisen sie das jeden Tag. Er wollte das alles aber nicht. so what?
ziehenimbein 11.02.2019
2. So langsam wird es interessant bzw. eng!
Der nächste Schritt, Lebensmittelbezugsscheine auszugeben, ist wohl nicht mehr weit. Die Gelder, die die AKP verteilt, finanziert aus den Spenden der Profiteure von u.a. Großprojekten, dürften auch langsam weniger werden; das [...]
Der nächste Schritt, Lebensmittelbezugsscheine auszugeben, ist wohl nicht mehr weit. Die Gelder, die die AKP verteilt, finanziert aus den Spenden der Profiteure von u.a. Großprojekten, dürften auch langsam weniger werden; das neues Geld Drucken geht auch nicht ewig weiter. Fehlt nur noch ein extremer Kälteeinbruch und schon bald stehen Panzer an den großen Kreuzungen. Womöglich entscheidet sich schon dieses Jahr, wie es in der Türkei nach Erdogan weitergeht. Ein erfolgreicher Putsch wäre wohl fast die bessere Option gewesen. Die Türken tun mir leid, es ist ein wirklich nettes Volk, so gastfreundlich, fleissig und hilfsbereit!
docker 11.02.2019
3. Da geht er hin.
In wenigen Wochen wird die Nachricht des wirtschaftlichen Desaster in der Türkei auch Erdogans stramme Claqueure in Deutschland erreicht haben. Betretene Gesichter von Neukölln bis Duisburg.
In wenigen Wochen wird die Nachricht des wirtschaftlichen Desaster in der Türkei auch Erdogans stramme Claqueure in Deutschland erreicht haben. Betretene Gesichter von Neukölln bis Duisburg.
albertwilhelm-s 11.02.2019
4.
....das Erdoganparadies wird immer abstruser.Bald ist es wie in Kuba: Touristen zahlen 10x mehr als Einheimische...aber bitte nur mit Dollars.Dann kommen die Zuteilungen,Bezugsmarken.Folge: der Schwarzmarkt blüht,auch schon [...]
....das Erdoganparadies wird immer abstruser.Bald ist es wie in Kuba: Touristen zahlen 10x mehr als Einheimische...aber bitte nur mit Dollars.Dann kommen die Zuteilungen,Bezugsmarken.Folge: der Schwarzmarkt blüht,auch schon dann,wenn es zu staatl. Preisdiktaten käme. Dann gibts nur noch " Bückware...". Alles schon dagewesen. Wers nicht weiss: Studium der VWL ist hilfreich.
raoul2 11.02.2019
5. Der Möchtegern-Sultan
versucht mit solchen Aktionen verzweifelt, von der durch die überbordende Korruption nicht nur seiner Familie anzulenken; aber es wird ihm nichts mehr nützen. Allzuviel haben seine Adlaten aus dem seit seiner unseligen [...]
versucht mit solchen Aktionen verzweifelt, von der durch die überbordende Korruption nicht nur seiner Familie anzulenken; aber es wird ihm nichts mehr nützen. Allzuviel haben seine Adlaten aus dem seit seiner unseligen Herrschaft wirtschaftlich gebeutelten Land herausgepreßt und auf die Seite geschafft. Da helfen die um ein paar Lira verbilligten Lebensmittel nicht im geringsten. Die Menschen (nicht etwa amerikanische Machthaber à la Trump und andere Figuren) sollten sich gegen den Despoten erheben und zur Demokratie zurückkehren.

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