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Wirtschaft

US-Gericht

Monsanto soll 290 Millionen Dollar an Krebskranken zahlen

Das Unkrautmittel sei für die Krebserkrankung des Klägers mitverantwortlich: Ein US-Gericht hat den Agrarkonzern Monsanto zu einer hohen Entschädigungszahlung verurteilt. Das könnte Signalwirkung haben.

REUTERS

Unkrautvernichter Roundup

Samstag, 11.08.2018   09:04 Uhr

Aus Sicht der US-Jury hat es der Agrarkonzern Monsanto versäumt, vor dem Krebsrisiko zu warnen: Ein Gericht in San Francisco hat das Unternehmen deshalb zur Zahlung von fast 290 Millionen Dollar (254 Millionen Euro) Schmerzensgeld verurteilt. Das Geld wurde dem ehemaligen Hausmeister Dewayne Johnson zugesprochen, der unheilbar an Lymphdrüsenkrebs erkrankt ist und die Herbizide von Monsanto dafür verantwortlich macht.

Die Mittel hätten "wesentlich" zur Krebserkrankung des Klägers beigetragen, befand das Geschworenengericht am Freitag in San Francisco. Die fehlende Risikowarnung stuften sie als "Heimtücke" ein. Der 46-jährige Kläger hatte die Herbizide als Hausmeister mehrerer Schulen über Jahre hinweg in großen Mengen angewendet.

Monsanto kündigte umgehend an, Berufung gegen das Urteil einzulegen. Die Produkte hätten "eine 40-jährige Geschichte der sicheren Anwendung" und seien weiterhin ein "wichtiges, wirksames und sicheres Mittel" für die Nutzer, hieß es in einer Erklärung.

Auch der Chemiekonzern Bayer zeigte sich nach dem Urteil gegen die neue Tochter Monsanto in den USA irritiert. "Das Urteil steht im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach kein Zusammenhang besteht zwischen dem Einsatz von Glyphosat und dem Non-Hodgkin-Lymphom", sagte ein Bayer-Sprecher. Der Konzern sei überzeugt, dass Glyphosat "sicher und nicht krebserregend ist". Der Dax-Riese Bayer hatte Monsanto erst vor Kurzem für rund 63 Milliarden Dollar übernommen.

Krebsgefahr ist umstritten

Im Zentrum des Verfahrens stand die Frage, ob die in den Unkrautvernichtungsmitteln Roundup und RangerPro enthaltene Chemikalie Glyphosat möglicherweise eine krebsauslösende Wirkung hat. Unter Experten ist hochumstritten, ob Glyphosat tatsächlich Krebs verursachen kann. Die US-Umweltbehörde EPA und auch die Aufsichtsbehörden in der EU und Deutschland gelangten zu dem Schluss, dass keine Krebsgefahr von dem Herbizid ausgeht.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

Krebserregend oder nicht krebserregend?
Behörden weltweit haben die Risiken von Glyphosat für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung geprüft. Zu einem Ergebnis, dass der Stoff nicht krebserregend sei, kommen unter anderem:
  • das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)
  • die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)
  • die US-amerikanische Umweltbehörde EPA
  • die kanadische Bewertungsbehörde Pest Management Regulatory Agency (PMRA)
  • die australische Bewertungsbehörde Australian Pesticides and Veterinary Medicines Authority (APVMA)
  • die japanische Food Safety Commission
  • die neuseeländische Umweltbehörde EPA
  • das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
  • die Europäische Chemikalienagentur (ECHA)
Die Krebsagentur IARC der WHO kam 2015 dagegen zu dem Schluss, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend" sei. Die Institution untersucht allerdings nur, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, wie groß diese Gefahr ist und ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf und den Konsum heißer Getränke als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".
Manipulationsvorwürfe auf allen Seiten
Glyphosat-Befürworter und -Gegner versuchen in der Debatte, ihre Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen und die Gegenseite zu schwächen. Der Überblick:

- Glyphosat-Hersteller Monsanto hat offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.

- Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus dem Zulassungsantrag von Monsanto kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Kapitel wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Ausschnitte aus dem Antrag wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.

- An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenskonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.

- In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.
Glyphosat und Insekten
Im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Forscher hatten im Oktober 2017 eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten in Deutschland veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand.

Dass die konventionelle Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe. Das Problem auf Glyphosat allein zu reduzieren, greift allerdings zu kurz.

Im September 2018 haben Forscher in einer Studie gezeigt, dass Glyphosat die Darmflora von Bienen verändern kann. In einer Untersuchung von 2015, in der die Wirkung von 42 verbreiteten Pestiziden auf Honigbienen untersucht wurde, listeten Wissenschaftler Glyphosat dagegen auf Platz 42 als im Vergleich am wenigsten toxisch.
Glyphosat = Monsanto?
Im Zusammenhang mit Glyphosat wird meist Monsanto als Hersteller genannt. Die Firma hat den Stoff in den Siebzigerjahren erstmals auf den Markt gebracht. Das Patent ist allerdings im Jahr 2000 abgelaufen. Monsanto, das inzwischen von Bayer aufgekauft wurde, ist bis heute mit einem Anteil von ungefähr 40 Prozent Marktführer. Neben dem Unternehmen bieten aber auch mehrere Dutzend weitere Firmen weltweit glyphosathaltige Herbizide an.

In Deutschland sind laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) derzeit 37 Mittel mit Glyphosat zugelassen, die unter 105 Handelsnamen vertrieben werden.
Anwendung in Deutschland
Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Dagegen hatte die zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) vor drei Jahren konstatiert, dass Glyphosat "wahrscheinlich krebserregend bei Menschen" sei.

Dieser Befund hatte nun auch maßgeblichen Einfluss auf die Urteilsfindung in San Francisco. Klägeranwalt Brent Wisner sagte, das Urteil belege "die überwältigenden Beweise" für die Gesundheitsrisiken durch Glyphosat. Das Urteil sei nur "die Spitze des Eisbergs" - es würden nun noch viele derartige Urteile fallen.

AFP

Kläger Dewayne Johnson

In den USA machen Tausende Krebskranke Monsanto für ihr Leiden verantwortlich. Ein Bundesrichter in San Francisco hatte im vergangenen Monat mehr als 400 weitere Klagen wegen der möglichen krebsauslösenden Wirkung des Unkrautvernichtungsmittels zugelassen. Für diese Verfahren könnte das Urteil vom Freitag Signalcharakter haben.

Kläger Johnson nahm das Urteil mit Tränen und Erleichterung auf. "Hier geht es nicht nur um mich", sagte er. "Diese Sache wird nun hoffentlich die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienst."

Der Umweltanwalt Robert F. Kennedy Jr., der zu Johnsons Team gehört, sagte: "Die Geschworenen haben der Chefetage von Monsanto eine Botschaft gesandt, dass die Geschäfte nun geändert werden müssen." Der Konzern habe lange versucht, die kritischen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu unterdrücken - "doch die Wissenschaft war viel überzeugender", sagte Kennedy.

In Deutschland will Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner den Gebrauch von Glyphosat einschränken.

mho/dpa

insgesamt 133 Beiträge
Ein_denkender_Querulant 11.08.2018
1. Nicht Monsanto, es geht gegen Bayer
Solange Monsanto ein amerianisches Unternehmen war, gab es keine Gerichtsurteile in dieser Höhe. Seit aber Bayer der Eigentümer ist, schlägt die US-Justiz mit voller Härte zu. Mein Mitgefühl hat der Krebskranke, der von [...]
Solange Monsanto ein amerianisches Unternehmen war, gab es keine Gerichtsurteile in dieser Höhe. Seit aber Bayer der Eigentümer ist, schlägt die US-Justiz mit voller Härte zu. Mein Mitgefühl hat der Krebskranke, der von Monsanto vergiftet wurde, meine Verachtung bekommt die US-Justiz.
spiegelleser987 11.08.2018
2.
Das haben sich mal wieder Anwälte ausgedacht, die danach die finanziellen Gewinner sind. 290 Mio. sind mehr als beachtlich. Vor einigen Jahren wurde darüber berichtet, dass der Forscher für die Studie Ratten genommen hat, [...]
Das haben sich mal wieder Anwälte ausgedacht, die danach die finanziellen Gewinner sind. 290 Mio. sind mehr als beachtlich. Vor einigen Jahren wurde darüber berichtet, dass der Forscher für die Studie Ratten genommen hat, die nach ein bis zwei Jahren immer Krebs kriegen. Die hat der dann bis zum Lebensende mit Glyphosat gefüttert und behauptet, dass die Ursache das Glyphosat wäre. Es gab auch mal ein anderes Pflanzenschutzmittel. Das war schon etwas gesundheitsschädigend. Wenn das gleichzeitig mit Glyphosat vermischt wurde, entstand eine andere Chemikalie, die wirklich krebserregend war. Deshalb wurde es vor etwa 10 Jahren verboten. Warum zieht man denn immer über Monsanto her? Die sind seit Ablauf der Patente einer der kleinen Hersteller. 53% von Glyphosat wird von mehreren chinesischen Herstellern produziert. In anderen LÖändern gibt es weltweit noch mehr Hersteller, die haben mit Monsanto nichts zu tun.
blabla55 11.08.2018
3.
Diese Aussage von Scott Partridge ist entlarvend.Roundup als harmlos beurteilten.Könnte demnächst die Lebensmittel Freigabe bekommen!
Diese Aussage von Scott Partridge ist entlarvend.Roundup als harmlos beurteilten.Könnte demnächst die Lebensmittel Freigabe bekommen!
dawuidesiach 11.08.2018
4. hmmmm....
ob bayer das gefällt ?
ob bayer das gefällt ?
ganzeinfach 11.08.2018
5. Glyphosat
braucht kein Mensch noch Tier. Egal ob krebserregend oder nicht. Das "austrocknende" Mittel mit endemischer Funktion hat gerade unter heutigen klimatischen Bedingungen nichts mehr verloren! Weg mit der Chemie! Sog. [...]
braucht kein Mensch noch Tier. Egal ob krebserregend oder nicht. Das "austrocknende" Mittel mit endemischer Funktion hat gerade unter heutigen klimatischen Bedingungen nichts mehr verloren! Weg mit der Chemie! Sog. Unkraut kommt auf Böden, die nicht oder nicht mehr fruchtbar sind. Ein gesunder Boden wird von Nutzpflanzen besiedelt - Unkräuter zurückgedrängt. ganzeinfach

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